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Der „grundsätzlich aussehende“ Nafri

wie immer bei komplexen themen, vermischen sich in den debatten um die kölner silvesternacht viel richtiges und viel falsches und das in unterschiedlichen mengenverhältnissen. selbst bei leuten, die sich zum „radikal linken“ spektrum rechnen, gibt es stimmen, die das angewandte „racial profiling“ bei diesem ereignis als ‚lageangemessen‘ einschätzen. (wenn die auch deutlich in der minderheit sind)

aus den mir bisher bekannten artikeln vermag ich nicht zu entnehmen, wie hoch oder ob es überhaupt ein „gefahrenpotential“ gab. aber selbst wenn es „nur“ um reine prävention ging (Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung) dann war die focussierung auf „nordafrikaner“ vor dem hintergrund der silvesternacht vor einem jahr natürlich ‚lageangemessen‘. dies ist aber doch eine recht abstrakte feststellung, die, wenn man sie konsequent zu ende denkt, mehr oder weniger auf einen „generalverdacht“ hinausläuft. obendrein handelt es sich um eine stigmatisierung von menschengruppen durch merkmale, für die niemand etwas kann. in einem kommentar in der ZEIT wird das recht gut formuliert:

„Kollektive Zuschreibungen widersprechen dem Geist eines Rechtsstaats. Sie heben die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Gruppe über seine eigene Persönlichkeit. Sie verneinen die Annahme, dass jeder Mensch ein selbstständiges Wesen ist, das über seine Prägung oder seine Gruppenzugehörigkeit hinauswächst.

Es ist heikel, dass die Kölner Polizei, trotz anderslautender Behauptungen, Herkunft zu einem Kriterium gemacht zu machen scheint. Denn man kann sich zwar entscheiden, ob man sich als AfD- oder BVB-Anhänger zu erkennen gibt, aber nicht, ob man als Nordafrikaner oder als Mitteleuropäer herumlaufen will. Man ist diesem Merkmal sein Leben lang ausgesetzt, zu jeder Stunde, ganz egal, ob man Professor oder Autodieb ist. Ist ein Stigma in der Welt, hat man zunächst keine Möglichkeit, ihm zu entfliehen. Man ist dazu verurteilt, es erst einmal widerlegen zu müssen.“

obendrein scheint mir der begriff „nordafrikaner“ gar keine wirkliche gruppenzuschreibung darzustellen (und ist daduch auch ungeeignet für ein profiling), denn das gebiet ist zwar geographisch definiert,  aber es ist so riesig, dass es wahrscheinlich mehr unterschiedliche ‚menschentypen‘ in ’nordafrika‘ als in ganz europa gibt. der satz eines polizeisprechers, dass man wüsste, wie ein „nordafrikaner grundsätzlich aussieht“ ist daher tatsächlich nichts anderes als Rassismus – und das gepfeffert.

worum es also wirklich ging in der silvesternacht 2016 war vor der weltöffentlichkeit zu demonstrieren, dass man es an diesem tag (und nacht) nicht dulden werde, dass „nordafrikanisch aussehende“ männer und vor allem männergruppen sich auf der Domplatte befinden können. in dieser hinsicht stimme ich einem artikel von der SAV-homepage zu:

„Aber nehmen wir einmal an, ein erheblicher Prozentsatz der kontrollierten jungen Männer wäre tatsächlich mit der Absicht zum Kölner Hauptbahnhof gekommen, Menschen zu bestehlen und Frauen Gewalt anzutun. Dann hätten doch die Verantwortlichen bei der Polizei alles tun müssen, damit diese angeblich potenziellen Täter in dieser Nacht nicht mehr unbeobachtet bleiben. Man hat sie aber vom hell erleuchteten, mit weit über eintausend Polizisten bewachten Bereich um Dom und Hauptbahnhof weggeschickt. Irgendwohin in die Nacht, Hauptsache außerhalb der Kölner Innenstadt. Was sie da dann getan hätten, wenn sie denn gefährlich gewesen wären, interessierte offenbar gar nicht.
Dieses Vorgehen der Polizei macht wenig Sinn, wenn es darum gegangen wäre, Menschen, vor allem Frauen, vor potenziellen Gewalttätern zu schützen. Es macht aber Sinn, wenn man annimmt, dass es vielmehr darum ging, unter den Kameraaugen der Weltöffentlichkeit zu zeigen: hier an Dom und Hauptbahnhof lassen wir erst gar keinen „nordafrikanisch aussehenden“ jungen Mann herumlaufen.“

allerdings scheint sich mir auch eine schwäche in der argumentation zu zeigen, denn einen präventiven schutz vor sexualdelikten gibt es mit rein juristischen mitteln sowieso nicht. mal abgesehen davon, dass vergewaltigungen in der regel „beziehungstaten“+) sind, während der aus dem busch springende mann nachts im park, wenn frau einsam und allein spazieren geht, wohl mehr in das reich der mythen und legenden gehört. aber im falle Köln handelte es sich ja angeblich um „gruppenvergewaltigungen„, also um eine form der ‚politischen demonstration‘ (so pervers das auch klingt), und insofern ist diese dann auch auf eine gewisse medienwirksamkeit angewiesen; und diese medienpräsenz war am 31. Dezember in Köln garantiert.

es ging also nicht in erster linie um einen ‚abstrakten‘ schutz von frauen (denn den gibt es gar nicht – jedenfalls nicht juristisch und mit polizeipräsenz), sondern man wollte unter allen umständen vermeiden, dass sich die ereignisse des letzten jahres wiederholen könnten. und in diesem zusammenhang macht dann auch das ‚racial profiling‘ einen, wenn auch hochproblematischen, sinn. so schreibt Micha Schilwa (Ex-NaO) in einer facebook-notiz:

„Und ja, ich finde es auch richtig, dass verstärkt Gruppen junger Männer augenscheinlich nordafrikanischer Herkunft kontrolliert wurden, denn Sylvester 2015/16 war eben diese Gruppe für die Übergriffe verantwortlich und nicht Norweger oder Chinesen.“ [https://www.facebook.com/michael.schilwa/posts/649804761869074]

so gesprochen ist das natürlich nachvollziehbar, aber dann muss man genau klären, was unter „nordafrikanern“ zu verstehen ist und warum ausgerechnet diese „gruppe“ solche taten begeht. und dann wird die diskussion schon etwas komplexer als eine silvesterparty abzusichern. denn hier spielen augenscheinlich auch die kulturellen hintergründe (sprich z. b. islamische länder aber auch die soziale situation der flüchtlinge im ’neuen‘ land) eine rolle.

solange man aber „dunkelhäutige“ menschen (also in diesem fall nur männer) einem generalverdacht (also unabhängig von konkreten hinweisen und vermutungen, von denen ich nicht weiss, ob sie existierten oder nicht) unterstellt, ist das nichts anderes als institutionalisierter rassismus. und auch für die ‚frauenbewegung‘ ist es kontraproduktiv, wenn sie ihre berechtigten anliegen (schutz vor sexueller gewalt) mit den falschen mitteln ++) vertritt.


+) „Die Täter kommen überwiegend aus dem näheren Umfeld der Frauen, nur knapp 15 Prozent waren Unbekannte. Am häufigsten wurden Ex-Partner als Täter genannt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Vergewaltigung

++) auch wenn sich niemand gegen beifall von der falschen seite wehren kann, aber ich denke, dass das schon für sich spricht:

bachmann

 

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7 Kommentare zu “Der „grundsätzlich aussehende“ Nafri

  1. in dem oben verlinkten SPIEGEL-artikel heisst es:

    „“Dieser Begriff ist frei jeder Wertung“, sagte der Sprecher. Er beschreibe auch nur generell „Menschen eines bestimmten Phänotyps“, wobei in der Gruppe der „Nafris“ auch Intensivtäter vorkommen würden. Die Bezeichnung würde aber explizit nicht nur Straftäter, sondern generell Menschen dieser bestimmten Abstammung beschreiben.

    Was genau einen Menschen zum potenziellen „Nafri“ macht, ob es die Hautfarbe, Frisur oder Kleidung sei, das wollte der Sprecher nicht sagen, ergänzte jedoch: „Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man.““ http://www.spiegel.de/panorama/justiz/silvester-kontrollen-in-koeln-was-bitteschoen-ist-ein-nafri-a-1128172.html

    die wahrheit ist aber, auf diese frage GIBT es keine antwort. der ‚Nafri‘ ist allein das produkt rassistischer vorurteile und imaginationen, kurz: reine ideologie!

  2. „Algerier, Marokkaner oder Tunesier haben ja eigentlich gar nichts bei uns zu suchen. Deren Länder sind ja keine Kriegsländer. Was mich interessieren würde, Herr Polizeipräsident: Gibt es eigentlich eine höhere Gewaltbereitschaft von Männern mit Migrationshintergrund gegen Polizistinnen?

    Mathies: Nein.

    Schwarzer: Also, das nehme ich Ihnen nicht ab! Ich stelle mir so einen Araber vor, Mitte 20, und dann kommt eine junge Blondine in Uniform daher und will ihm Vorschriften machen. Der sagt doch: „Du kannst mich mal!“

    also, wer immer noch nicht glauben sollte, dass Schwarzer eine Rassistin ist – hier hat sie sich selbst genug geoutet.

    http://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/alice-schwarzer-%E2%80%9Cpolitische-korrektheit-ist-eine-form-der-l%C3%BCge%E2%80%9D/ar-BBxGbJj?ocid=spartandhp

  3. „Racial Profiling« ist allerdings in Deutschland offiziell immer noch unzulässig. Vor diesem Hintergrund behauptete Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies in den letzten Tagen immer wieder, bei den Maßnahmen gegen arabisch aussehende junge Männer sei es »nicht um das Aussehen, sondern das Verhalten« gegangen. Ob das wirklich stimmt, ist jedoch fragwürdig, wie Rafael Behr, Professor an der Hamburger Polizei-Akademie, im Gespräch mit Spiegel Online am 3. Januar sagte. Die bisherigen vagen Angaben der Polizei, dass einige Personen »alkoholisiert« gewesen seien und dass »eine aggressive Grundstimmung« bestanden habe, geben als Rechtfertigung wenig her.“

    https://www.jungewelt.de/2017/01-06/013.php

  4. „Demnach stehe inzwischen die Identität von 674 Personen fest, die in der Nacht kontrolliert worden waren, von 425 sei auch die Nationalität bekannt: Fast hundert seien demnach Iraker, 94 Syrer, 48 Afghanen und 46 Deutsche. Lediglich 17 Marokkaner und ein Tunesier seien darunter gewesen.“ – Quelle: http://www.ksta.de/25533064 ©2017

    tja, der Nafri scheint fürs profiling doch nicht so gut geeignet zu sein 😉

  5. die TAZ kommentierte süffisant:

    „Der viel größere Teil derer, deren Nationalitäten bekannt sind, kamen aus dem Irak, aus Syrien, aus Deutschland und aus Afghanistan. Die Frage ist nun: Wissen deutsche Polizisten nicht, dass Bagdad, Damaskus und Kabul nicht in Afrika liegen? Oder wissen sie nicht, was Begriffe wie „viele“, „Mehrheit“ oder „98 Prozent“ bedeuten? Oder: Ist es ihnen egal? Für Menschen, die an den Rechtsstaat glauben und Vertrauen in deutsche Behörden haben, gibt es darauf keine gute Antwort. Denn entweder sind die Kölner Polizei und die Bundespolizei inkompetent oder sie sind rassistisch.“

    http://taz.de/Kommentar-Racial-Profiling-in-Koeln/!5374213/

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