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Politik des „Ausdrucks“

„Er [der Engel der Geschichte] hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen . Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Pau Klee (1920), Angelus Novus

Pau Klee (1920), Angelus Novus

in dem Artikel Rechtspopulismus als Ästhetisierung der Politik findet sich ein zitat von Walter Benjamin:

„Die Massen haben ein Recht auf Veränderung der Eigentumsverhältnisse; der Faschismus sucht ihnen einen Ausdruck in deren Konservierung zu geben.“

der zentrale begriff ist hier AUSDRUCK. also im falle des faschismus (und rechtspopulismus) die mobilsierung von gefühlen, die aber schon als ressentiments virulent sind. letztlich führt aber diese „ausdruckspolitik“ dahin:

„… die Massen zu ihrem Ausdruck ([aber] beileibe nicht zu ihrem Recht) kommen zu lassen.“

aber machen das „linke“ nicht auch, wenn sie z. B. Rechte für minderheiten einklagen? der artikel gibt hierauf eine antwort:

„Doch rechte identitäre Politik unterscheidet sich grundsätzlich von linker Identitätspolitik. Sie gesteht das Versprechen auf Ausdruck nicht allen zu, sondern nur denen, die eine Großidentität teilen: Nation, Rasse, Kulturtradition oder Religion. Und diese Identitäten werden als fest definiert und als vorpolitisch ausgegeben. Wenn dagegen Genderaktivisten zum Beispiel für Homosexuelle streiten, dann nicht, weil Homosexualität als solche irgendwie auch mal zur Geltung kommen soll, sondern weil man gleiche Rechte für alle einfordert. Das ist keine kulturelle, sondern eine genuin politische Argumentation. Es sind also zwei verschiedene Strategien am Werk, nicht einfach verschiedene Milieus oder Themen im Fokus.“

obgleich mir diese definition überzeugend erscheint, sehe ich da aber auch ein problem. ist so eine scharfe trennung von „politik“ und „identität“ [update: ich setze identität und kultur in einen engen zusammnenhang. die unterscheidung von „identitär“ und „identitätspolitik“ scheint mir nur eine andere sprachregelung zu sein, die aber nicht wirklich inhaltlich so ohne weiteres abgrenzbar ist. auch „linke“ und die „unterklassen“ sind teil einer ’nationalen kultur‘, auch wenn sie (teile der linken) dies gern verleugnen oder in der bedeutung verringern wollen] überhaupt möglich – oder auch überhaupt nur erstrebenswert? wenn ich mir so manche auswüchse der „political correctness“ ansehe, kommen mir da starke zweifel. aber das soll nicht mal das hauptargument sein. ich sehe da eher eine lebensfremde sphärentrennung zwischen abstrakten politischen idealkonstruktionen und den lebensrealitäten, wie sie „nun mal sind“ (in all ihrer ambivalenz). Wilhelm Reich nannte das sehr treffend den „fetisch der hohen Politik“. der mensch kann nicht von prinzipien und hehren idealen allein leben, wenn eine bibelparaphrase nicht zu anmassend ist. 😉

ich fürchte, eine politik, die die (vermeintliche) „vernunft“ (aufklärung) zu ihrem maßstab macht, wird immer weniger wirkungsmacht haben als eine politik, die emotionen mobilisiert. es wäre fatal, wenn man den rechten (und konservativen) die deutungshoheit in sachen „identität“ überlassen würde. ich vermute, dieses problem hatte Ernst Bloch im blick, als er sagte: „Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ dieses dilemma hat er dann mit viel grösserem philosophischen feinschliff einer „lösung“ zuzuführen versucht:

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

aber wie gelangen wir zu dieser „realen demokratie“ (der begriff ist unglücklich gewählt, aber das vernachlässigen wir jetzt)? wie können wir „entäusserung“ und „entfremdung“ überwinden? (auch hier stellt sich die frage, ob das überhaupt erstrebenswert ist, denn jedes problem erzeugt ja auch seine lösung; der widerspruch ist also der motor der entwicklung. aber auch das lassen wir jetzt weg)

im artikel heisst es:

Für Walter Benjamin dagegen war der Klassenkonflikt der wichtigste Interessensgegensatz. Klasse und Masse müssen, so Benjamin, unterschieden werden – und die Ästhetisierung spricht die Masse an: „In [der] Masse ist […] das emotionale Moment bestimmend, von dem in der Massenpsychologie die Rede ist. […] So tragen die Manifestationen der kompakten Masse durchweg einen panischen Zug – es sei, daß sie der Kriegsbegeisterung, dem Judenhaß oder dem Selbsterhaltungstrieb Ausdruck geben.“

nun ja, lassen wir mal beiseite, ob „Massen“ immer reaktionäre ziele verfolgen. wir können uns aber darauf verständigen, dass in der „Masse“ das emotionale element bestimmend ist – oder wenn nicht „bestimmend“ dann doch zumindest stark vorhanden. aber warum sollte oder muss das „schlecht“ sein? menschen sind niemals reine vernunftwesen (das schlechte erbe der aufklärung), sondern immer auch von gefühlen und — ja auch! —  von vor-urteilen bestimmt. das kann auch gar nicht anders sein, weil als orientierungsannahme (über)lebensnotwendig. und im informationszeitalter bekommt diese tatsache sogar ein noch grösseres gewicht (neben den wirtschaftlichen problemen), wie die debatten um fake news zeigen.

wenn man, wie es offensichtlich Benjamin macht, den begriff „Klasse“ als idealkonstruktion einer ihren „wahren“ interessen bewusst gewordenen „Klasse für sich“ ansieht (wobei die quelle dieses ausdrucks nach wikipedia unklar ist) um sie von der „Masse“ abgrenzen zu können, dann wird diese abgrenzung immer eine theoretische kopfgeburt bleiben, da sie mit den „realen“ fleischlich-geistigen menschen nichts zu tun hat. Lenin hat das sehr plastisch zum ausdruck gebracht:

„Denn zu glauben, daß die soziale Revolution denkbar ist ohne Aufstände kleiner Nationen in den Kolonien und in Europa, ohne revolutionäre Ausbrüche eines Teils des Kleinbürgertums mit allen seinen Vorurteilen, ohne die Bewegung unaufgeklärter proletarischer und halbproletarischer Massen gegen das Joch der Gutsbesitzer und der Kirche, gegen die monarchistische, nationale usw. Unterdrückung – das zu glauben heißt der sozialen Revolution entsagen. Es soll sich wohl an einer Stelle das eine Heer aufstellen und erklären: ‚Wir sind für den Sozialismus‘, an einer anderen Stelle das andere Heer aufstellen und erklären: ‚Wir sind für den Imperialismus‘, und das wird dann die soziale Revolution sein!

Wer eine ‚reine‘ soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben. Der ist nur in Worten ein Revolutionär, der versteht nicht die wirkliche Revolution.“

unabhängig davon, welche taktischen konsequenzen man aus diesem leninschen-realistischen begriff von „Klasse-Masse“ zieht, kommt aber noch ein zweites problem dazu: welcher lohnabhänge definiert heutzutage noch seine „identität“ über seine „klassenlage“?

die „linken“ (mit absicht klein geschrieben) haben also grosse probleme, vernünftige argumente gegen nationalismus und protektionismus zu finden, wenn sie auf der systemimmanenten bewusstseinsebe der logik der bürgerlichen gesellschaft stehenbleiben (‚jeder vertritt ja schliesslich nur seine eigenen, legitimen interessen/selbsterhaltung‘). in den debatten der Linkspartei würde man da sicher einige beispiele für finden. und nicht zufällig gibt es häufig inhaltliche schnittmengen oder ähnlich klingende aussagen zwischen vertretern der Linkspartei und der AfD. dies ist natürlich fatal, da es dem rechtpopulismus noch zusätzlichen aufwind verschafft.

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ (Albert Einstein)

wenn man dem rechtspopulismus etwas entgegensetzen will, muss man der logik der bürgerlichen gesellschaft etwas qualitativ anderes und neues entgegensetzen: nämlich das bewusstsein, dass die probleme nur noch global und solidarisch lösbar sind (statt nationalstaatlich und mit der konkurrenz des survival of the fittest. man könnte auch durchaus das sprichwort „einer trage des anderen last“ als programmmotto eines gerechten sozialen ausgleichs interpretieren). dies soll aber nicht als harmoniemodell verstanden werden, sondern kann tatsächlich nur durch knallharten klassenkampf (als übergangsphase) erreicht werden, weil die problemlösung nicht vereinbar ist mit der weiterexistenz der kapitalistischen produktionsverhältnisse.

„In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont [sprich „Wertgesetz“, anm. v. systemcrash] ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (Karl Marx)

diese positionen verteten heute nur marginale minderheitsströmungen. aber wenn es diesen minderheitsströmungen nicht gelingt, mehr wirkmächtigkeit zu erreichen (von hegemonie erst gar nicht zu reden. und mir ist das ungelöste problem, wie man ‚höheres bewusstsein‘ vermittelt schmerzlich bewusst) dann könnte das eintreten, wovor auch schon Benjamin gewarnt hatte:

„Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in Einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg.“

 

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7 Kommentare zu “Politik des „Ausdrucks“

  1. auch wenn die alternative „sozialismus oder barbarei“ immer drängender wird, so ist die aufgabe doch nicht ganz so einfach. Rosa Luxemburg war zu klug, um das nicht zu wissen:

    „Weder durch Erzeugung einer revolutionären – noch, so möchte ich hinzufügen, einer
    reformistischen – „Hurrastimmung, sondern umgekehrt: nur durch Einsicht in den ganzen
    furchtbaren Ernst, die ganze Kompliziertheit der Aufgaben, aus politischer Reife und geistiger
    Selbständigkeit, aus kritischer Urteilsfähigkeit der Massen, die von der deutschen Sozialdemokratie
    unter verschiedensten Vorwänden jahrzehntelang systematisch ertötet wurde, kann die
    geschichtliche Aktionsfähigkeit des deutschen Proletariats geboren werden.“ https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1918/russrev/teil1.htm

  2. zum fall „Höcke“ habe ich facebook kommentiert:

    ich habe schon länger befürchtet, dass der schuldkomplex „der“ deutschen sich irgendwann mal als bumerang erweist. die „nation“ ist und bleibt eine wichtige (kulturelle) bezugsgrösse, auch wenn sie sich vlt immer stärker in unterschiedliche identitätsgruppen fragmentiert. diese tatsache wird leider gern geleugnet oder gar als „rückständig“ angesehen, aber das ist ein grosser fehler. man darf den rechten nicht die deutungshoheit in sachen „identität“ überlassen. nicht jedes gefühl, was bei leuten wut und verzweiflung auf die HEUTIGEN verhältnisse auslöst, muss auf den NS zurückweisen. bloss, wenn man die leute mit ihrer wut allein lässt, ist das [natürlich] ein gefundenes fressen für Höcke und Co. (eine angemesse aufarbeitung der geschichte bleibt natürlich notwendig)

  3. in dem artikel „Populismus als Politik“ heisst es zu den „philosphischen“ grundlagen des Trumpismus (ich zitiere den ganzen abschnitt):

    >“Post Truth Politics“ hat nur wenig damit zu tun, dass es in der Politik um Wahrheit ginge. Es geht vielmehr um Wirklichkeit. Anders als, sagen wir, in einer religiösen fundamentalistischen Gemeinschaft, anders als in einer ideologisch-ästhetisch untermauerten Diktatur bezieht sich der demokratische Diskurs darauf, dass alles, was gesagt werden kann und was gesagt werden darf, sich auf eine objektive, materielle und rationale Wirklichkeit bezieht. In dieser Wirklichkeit gibt es Kräfte, die lügen, die Informationen unterdrücken, die manipulieren, die falsche Versprechungen abgeben, die mit der Vergesslichkeit spekulieren etc.
    Was es in einem demokratischen Diskurs nicht geben kann und darf ist ein Absehen von dieser Wirklichkeit. Eine Nachricht, zum Beispiel, ist in diesem Diskurs wahr, wenn sie durch die objektive Wirklichkeit bestätigt werden kann. In der Kultur der „Post Truth Politics“ dagegen ist die Wahrheit einer Nachricht beglaubigt durch die Zahl und Reaktion ihrer Empfänger. Wenn es für den religiösen Fundamentalisten eine mehr oder weniger göttliche Wahrheit gibt, die wichtiger ist als die materielle und rationale Wirklichkeit, dann ist für den Insassen der „Post Truth“-Kultur das, was sich gut und nützlich anfühlt wichtiger als die materielle und rationale Wirklichkeit.
    Diese Haltung entsteht zum einen aus dem Zweifel daran, ob es die materielle und rationale Wirklichkeit überhaupt gibt und welchen Überbringern und Vermittlern denn noch zu trauen wäre, und zum anderen aus einem allgemeinen Trend zur Fiktionalisierung der Welt. Wie soll jemand, der Pokemons im Stadtpark jagt, noch an eine objektive Wirklichkeit glauben? Wirklich ist, was „gut ankommt“ und was eine Reaktion auslösen kann.
    Ganz entsprechend haben wir ja geraume Zeit einen Unterschied zwischen Klatsch, Gerüchten und Sensationen auf der einen, „seriösem“ Qualitätsjournalismus auf der anderen Seite gemacht. Ein Blick in Fernsehprogramme und Zeitschriftenkiosk zeigt, dass einerseits alles, was sich letzterem noch zugehörig fühlt, eine verschwindende Minderheit ist, und dass andrerseits im Kampf um Auflage und Quote die Grenze zwischen beidem immer durchlässiger wird, und in vielen Internet-Angeboten gänzlich verschwunden ist.
    Für den Rechtspopulisten schließlich besteht Wahrheit in allem, was dem eigenen „völkischen“ Standpunkt dient, und was dies nicht tut, kann nur „Lügenpresse“ sein (die Organe der demokratischen „Eliten“ und der „Volksverräter“). So wird schließlich das Konzept der Aufklärung, Wirklichkeit und Wahrheit miteinander zu versöhnen, rückgängig gemacht. Der Klimawandel durch Umweltbelastung ist dann eine Propagandalüge der Chinesen, womit gleich beide Grundvoraussetzungen der „Post Truth“-Strategie erfüllt sind, nämlich die Konstruktion von „wir“ und „die anderen“ und „Alles, was unseren Spaß bremsen und – siehe oben – unseren Erfolg verringern würde, muss Lüge sein“.<
    https://www.heise.de/tp/features/Donald-Trump-Populismus-als-Politik-3600997.html?seite=3

    obwohl das alles richtig ist, sehe ich auch hier ein problem: die unterscheidung von "Wahrheit" und "(objektiver)Wirklichkeit" bringt nicht viel! denn auch die erkenntnis der objektiven wirklichkeit (zumindest im bereich des politischen und geisteswissenschaftlichen) ist keine blosse "widerspiegelung" einer gegebenen tatsache ("es regnet!"), sondern muss erst "theoretisch produziert" werden. und selbst wenn alle wissenschaftlichen standards eingehalten werden. muss sich diese "erkenntnis" immer noch im diskurs bewähren, weil es immer "subjektive" abweichungen, mängel, schwächen, auslassungen etc. geben kann (nicht abschliessbares denken). von daher hätte ein postfaktischer immer die möglichkeit, auch wissenschaftliche erkenntnisse in frage zu stellen (womit er sogar recht hätte, allerdings in einem regressiven sinne). sicherlich hätten die "mitglieder" einer wissenschaftlichen (oder auch "rationalen" politischen) "gemeinde" einen bezug ihrer diskurse in der "objektiven realität“, den SIE auch ohne probleme anerkennen könn(t)en (geltungsanspruch). dieser bezug kann aber nicht DIREKT vermittelt werden, sondern den muss man sich selbst erst erarbeiten. wer das nicht leistet oder leisten kann, für den bleibt dieser realitätsbezug verschlossen. so jemand sucht dann vlt sein heil in postfaktischen illusionen a la Trumpismus. von daher kann man diesem phänomen nicht allein mit rationaler kritik beikommen. letztlich kann man das nur mit einem parteilichen — sprich: interessengeleiteten — standpunkt, der aber nur in einer „theorie“ gründen kann, die zumindest mit der "objektiven wirklichkeit" korrespondiert. die ‚wahrheit‘ selbst bleibt dabei aber ’nur‘ eine asymptotische annäherung. [für die naturwissenschaft ein denken in Modellen, für den geisteswissenschaftlich-politischen bereich dürfte es sich um (begriffliche) narrative handeln, die selbst wieder diskurs-charakter haben]

    nachtrag: im zusammenhang mit dem „nicht abschliessbaren denken“ dürfte auch der begriff „überdeterminierung“ eine rolle spielen:
    „Louis Althusser spricht in dem Aufsatz „Widerspruch und Überdeterminierung“ (1968) in einem historisch-politischen Sinne von den sozialen Kräften, die in ein überdeterminiertes Ereignis münden könnten, die Revolution. Elemente sind dann überdeterminiert, wenn sie nicht auf eine einfache Ursache zurückzuführen sind oder eine eindeutige Bedeutung haben, sondern sich aus mehreren Quellen speisen und sich gegenseitig beeinflussen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberdeterminierung

  4. „die geschichte als gegenstand der wissenschaft ist keine unmittelbare ‚empirische‘ gegebenheit, sondern ein zu konstruierender begriff…
    gegenstand der theorie und der wissenschaft ist demnach nicht die realität selbst, sondern das gedanklich produzierte erkenntnisobjekt, das die erkennntnis des realobjektes mittels eines „erkenntniseffektes“vermittelt…
    die beziehung zwischen erkenntnisobjekt und realobjekt ist ausschliesslich eine gedankliche beziehung, keine der realordung selbst ‚eingravierte‘ beziehung.“ [das letztere wäre idealistischer subjektivismus, aber „gedankliche beziehung“ ist korrekt – man könnte es auch ‚geistige oder immaterielle wirklichkeit‘ nennen, anm. v. systemcrash]
    (Zur sog. strukturalistischen Marx-Interpretation, in: Althusser/Balibar, Das Kapital lesen II)

    nachtrag: „materialistisch“ müsste es heissen: man kann nur denken, was in der materiellen realordnung zumindest als keim schon angelegt oder vorhanden ist. „Sie [die arbeiterklasse] sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind.“ (Marx, Lohn Preis Profit http://neoprene.blogsport.de/2017/01/20/zum-dissens-zwischen-trotzkismus-und-gsp-auf-facebook/)
    für Althusser müsste dieser Marx-satz schon „unmarxistisch“ sein! Althusser trennt (zerreisst) meines erachtens zu sehr den dialektischen zusammenhang von denken und „sein“ (vlt eine ÜBERreaktion auf das vulgäre „einheit von theorie und praxis“-gerede). so erklärt sich denn auch wahrscheinlich eine elfenbeinturm-politik a la GSP, die sich auf theoretische praxis beschränkt, aber wenig intervention in eine „bewegung“ erzeugt/erzeugen kann. dabei sagt doch Marx selbst (und dem kann man ja schlecht praktizismus vorwerfen 😉 ):
    „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (die deutsche Ideologie)
    die „wirkliche bewegung“ kann aber nur entstehen, wenn die wand zwischen „theorie“ und „praxis“ durchlässiger, transparenter wird.

  5. wie es der zufall will, finde ich bei neoprene folgendes zitat:

    „„Agitation ist nicht Affirmation des vorgefundenen Bewußtseins der Arbeiter, sondern gerade dessen Veränderung: sie muß sich aus wissenschaftlicher Einsicht ableiten, nicht aus dem Zuspruch, den sie bei den Massen findet.“ http://neoprene.blogsport.de/2017/01/20/zum-dissens-zwischen-trotzkismus-und-gsp-auf-facebook/

    der GSP ist hier also voll auf der „Althusser“-linie, was die „wissenschaftliche einsicht“ betrifft, (ob sie das wissen, weiss ich nicht) und ich finde es auch richtig. nur stellt sich dann trotzdem die frage: wie kommt die „wissenschaftliche einsicht“ zu den leuten, die sie eigentlich betreffen soll?
    ich fürchte, wenn man auf diese frage eine antwort erwartet, wird es einem wie Godot ergehen 😉

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