Uncategorized

Eine „linke Renaissance“ der Geschichte?

ich weiss nicht, ob es zufall ist, aber zur zeit findet eine deutlich erkennbare schwerpunktsetzung „historischer“ themen im linken diskurs statt. da ist zum einen natürlich das hundertjährige jubiläum der russischen oktoberrevolution (dem ich persönlich nicht eine grosse“wichtigkeit“ beimesse), aber der kinofilm über den „jungen Karl Marx“ scheint doch eine gewisse resonanz zu erzeugen. da ich den film (noch) nicht kenne, will ich dazu nichts sagen, die filmbesprechungen, die ich dazu gelesen habe, drücken aber zumindest einen gewissen wohlwollen aus. ob so ein film aber dazu führt, dass leute anfangen, auch die schriften von Marx und Engels zu lesen und auf die heutigen verhältnisse zu übertragen versuchen (was ja nicht so ohne weiteres möglich ist), wie es die WSWS als möglichkeit ansieht, – diese hoffnung erscheint mir doch eine arg gewagte zu sein.

im Lower Class Magazine ist jetzt (10.März 2017) ein längerer artikel zu den Arbeiterkämpfen in Italien in den 60er und 70er Jahren und der theoretischen strömung des „Operaismus“ erschienen.

und im update (10. März 2017) der März-Ausgabe des TREND ist eine „kurze Geschichte der PROVO-Bewegung“ erschienen, die eine „anarchistische“ bewegung in den Niederlanden der 60er Jahre darstellte.

wie gesagt, es kann natürlich der pure zufall sein, dass solche themen im moment gehäuft vorkommen, aber meine vermutung geht in eine andere richtung. obwohl es vorderhand natürlich nichts falsches ist, sich mit der historischen entwicklung politischer („linker“) bewegungen zu beschäftigen (eher im gegenteil!), scheint mir diese hinwendung zum geschichtlichen aber auch noch etwas anderes auszudrücken: zum einen eine [romantisierte] sehnsucht nach den „guten alten zeiten“, wo es noch „richtige klassenkämpfe“ und „richtige arbeiter“ gab und zum anderen eine gewisse (theoretische) hilflosigkeit, eine „linke [revolutionäre] antwort“ auf die fragmentierten zustände im „neoliberalismus“ zu finden. der kern dieser „hilflosigkeit“ liegt meines erachtens darin begründet, dass die bisherige „klassentheorie“ des [traditionalistischen] „Marxismus“ (die schon immer mehr als glaubensdogma verwendet wurde als dass sie eine ausgearbeitete wissenschaftliche theorie war)  offensichtlich nicht (mehr?) ausreichend ist, die gesellschaftliche „totalität“ des neoliberalen kapitalismus zu verstehen.

allerdings muss man zumindest dem LCM-artikel zugutehalten, dass er sich der tatsache bewusst ist, dass man historische erfahrungen nicht automatisch auf die heutigen verhältnisse übertragen und anwenden kann. [1]

* * *

in der recht wohlwollend geschriebenen Filmbesprechung zum „jungen Karl Marx“ in der WSWS findet sich ein bemerkenswerter abschnitt:

„Als [Wilhelm] Weitling auf einem Treffen [des Bundes der Gerechten] verkündet, „hunderttausend bewaffnete Proletarier unter Beistand von vierzigtausend Kriminellen“ reichten aus, „um die Tyrannei der Bourgeoisie zu beenden“, herrscht Marx ihn an: „Die Arbeiter erheben zu wollen, ohne ihnen eine Doktrin anzubieten, die konstruktiv ist, ist ein unehrliches und anmaßendes Spiel mit einem inspirierten Propheten auf der einen Seite und Sprachlosen und Schwachsinnigen auf der anderen.“

Der tief beleidigte Weitling verweist auf Tausende Briefe, „die mir beweisen, dass meine bescheidene Arbeit ein größeres Gewicht für die Sache darstellt als Salondoktrin, die vom leidenden Volk weit entfernt ist“. Marx brüllt wütend zurück: „Ignoranz hat noch nie jemandem genützt, niemals.“

Am Schluss verlässt Weitling den Raum mit den Worten: „Ich werde das erste Opfer der Guillotine sein. Dann seid ihr an der Reihe. Dann deine Freunde. Und zum Schluss schneidest du dir selber den Hals ab. Die Kritik verschlingt alles, was existiert. Und wenn es dann nichts mehr gibt, verschlingt sie sich selbst.“

Diese Szene ist – wohl bewusst – zweideutig. Sie kann auch als Kritik an Marx‘ Kampf für programmatische und theoretische Klarheit interpretiert werden. Peck, das zeigt sein Film, hat nichts mit jenen gemein, die den Marxismus für die Verbrechen des Stalinismus verantwortlich machen. Allerdings äußerte er in einem Kommentar zum Film auch sein Misstrauen gegenüber „allen Dogmen, auch gegenüber dem ‚Marxismus‘“ – ohne genauer zu erläutern, was er mit „Marxismus“ in Anführungszeichen meint.“

normalerweise hätte ich den hinweis auf die „Guillotine“ auch als versteckte anspielung auf den „stalinismus“ gedeutet („die revolution frisst ihre kinder“), aber da die WSWS das aussschliesst (und in dem punkt vertraue ich ihr), muss dieser satz wohl anders interpretiert werden. in diesem fall würde ich den kommentar von Regisseur Raoul Peck tatsächlich wörtlich nehmen: ein „marxismus“, der sich in ein Dogma versteinert, verurteilt sich selbst zum untergang. die unbarmherzige kritik und selbstkritik und die „freiheit der andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg) sind die beiden bestandteile des reinigenden feuers, ohne das auch der „marxismus“ (die theorie in der marxschen methodik) nicht existieren und lebendig sein kann.

 


[1] „Wie steht es nun mit der konkreten Anwendbarkeit der operaistischen Konzepte und Strategien in der aktuellen historischen Lage? Christian Frings verweist berechtigterweise auf die Gefahr, historische Erfahrungen und auf sie bezogene Thesen zu verallgemeinern und zu universalisieren. Als Stärke des Operaismus hebt er aber die enge Ausrichtung auf die Stätten der Mehrwertproduktion hervor, also die Hinwendung zu den alltäglichen Prozessen der Ausbeutung in der Arbeitswelt, die auch die Basis für die politische Praxis bildet. Wie nun aber genau der Prozess der kapitalistischen Produktion, also der Mehrwertabschöpfung, vonstattengeht und organisiert ist, und wo sich entsprechend welche Punkte der Krisenanfälligkeit und Verdichtung der Arbeiter*innenmacht ergeben – dies ist freilich spezifisch historisch und die Antwort auf diese Fragen kann kein Blick auf historische Erfahrungen allein liefern. So ist offenbar, dass zu Zeiten der neoliberalen Klassenfragmentierung in Westeuropa die politischen Strategien der Operaist*innen nicht einfach übertragbar sind, wurden sie doch einst auf der Grundlage der fordistischen Organisation des Arbeitsprozesses und der industriellen Massenarbeiter*innen als Träger*innen der Arbeitskämpfe entwickelt. Zu fragen wäre, welche politischen Strategien des Kampfes der neoliberalen Umstrukturierung der Klassenzusammensetzung angemessen wären. Auf der Suche nach Druckpunkten im Produktionsprozess heute lenkt Frings den Blick auf die Rolle, die die Arbeiter*innen außerhalb der alten kapitalistischen Zentren im Reproduktionsprozess des Kapitals einnehmen. Die Auslagerung großer Teile des produzierenden Gewerbes aus den sogenannten Dienstleistungsgesellschaften geht mit einem globalen ökonomischen Strukturwandel einher, der auch einen Wandel in der globalen Verteilung der Arbeiter*innenmacht bedeutet. So können nach Frings die Kampfzyklen im globalen Süden wie bspw. im Jahre 2008 in China in der Autoproduktion, oder der wilden Streiks in Bangladeschs Textilindustrie als Ausdruck dieser globalen Verschiebung gedeutet werden [6]. Es ergibt sich das doppelte Resultat, dass die heutige Linke in Westeuropa vor der Schwierigkeit steht, sich einerseits dazu verhalten zu müssen, dass die global entscheidenden sozialen Kämpfe voraussichtlich nicht in ihrem örtlichen Umfeld ausgetragen werden, und sie andererseits gleichwohl zu Analysen und Politiken kommen muss, die lokale Kampfperspektiven in den Arbeitsfeldern einer zergliederten Klasse im Westen umreißen.“

Advertisements

2 Kommentare zu “Eine „linke Renaissance“ der Geschichte?

  1. „der kinofilm über den „jungen Karl Marx“ scheint doch eine gewisse resonanz zu erzeugen. da ich den film (noch) nicht kenne, will ich dazu nichts sagen, die filmbesprechungen, die ich dazu gelesen habe, drücken aber zumindest einen gewissen wohlwollen aus.“

    Ich habe den Film auch noch nicht gesehen; aber die Rezension in der FAZ fiel deutlich kritischer aus – und das, nach meiner Einschätzung, nicht von rechts:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/film-der-junge-karl-marx-von-raoul-peck-kommt-ins-kino-14903812.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s