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Linke Tristesse

Karl Müller schreibt im editorial der Aprilausgabe des TREND:

Gut 30 Aufrufe zum 1. Mai aus dem sozialrevolutionären und linksradikalen Spektrum der BRD konnten wir in der Aprilausgabe des letzten Jahres dokumentieren. Mehr als 40 waren es noch zwei Jahre zuvor. Dieses Jahr liegen uns erst vier Aufrufe vor. Sicherlich werden noch einige dazukommen. Als  Empiriker*in könnte mensch diese Fakten als Abwärtstrend einstufen, um die These zu formulieren, dass sich dieses politische Spektrum im Niedergang befindet. Einige Dialektiker*innen würden vermutlich davon ausgehen, dass nun das Weniger auch ein Mehr sein könnte.Tatsächlich ist zu beobachten, dass sich die Zahl linker Zusammenschlüsse verringert bzw. bereits vorhandene ideologische Linien konturierter als Lager in Erscheinung treten. Beispiele aus jüngster Zeit: Der Zusammenschluss der ISL und des RSB zu einer gemeinsamen deutschen Sektion der 4. Internationale. Oder: Die Fokussierung  ml-maoistischer Kleingruppen auf die Internetplattform „Dem Volke Dienen“ als Ausdruck einer heranwachsenden Strömung. Die auf Dauer mittels Kampagnenpolitik ausgelegte politisch-ideologische  Anbindung der Interventionistischen Linken an die Linkspartei.

ich teile den eindruck, dass die linke quantativ kleiner wird und die vorhandenen strömungen sich stärker voneinander abgrenzen (wollen). im zusammenhang mit dem 1.Mai fand ich den artikel der „autonomen gruppe“ im letzten TREND (März) sehr interessant. es wäre jetzt meines erachtens wichtig, über die ursachen und die reichweite dieses „linken niederganges“ weiter nachzudenken und — wenn möglich — daraus auch praktische konsequenzen zu ziehen.

alle interessierten wissen natürlich, dass das scheitern des NaO-prozesses (an dem ja auch der TREND zeitweilig beteiligt war) die situation der „radikalen linken“ in der BRD nicht besser gemacht hat. auf der anderen seite wäre es reiner voluntarismus, so eine ähnlich gelagerte initiative einfach neu aus dem boden stampfen zu wollen.

vlt haben die „dialektiker“, die in dem „weniger“ auch ein „mehr“ erkennen können, insofern recht, als die (noch) vorhandenen strömungen und gruppen erst mal eine art „inneren konsolidierungsprozess“ durchlaufen müssen, bevor sie sich wieder an das abenteuer grösserer umgruppierungsprozesse (notwendige offenheit aushalten) heranwagen (können). dann hätte das scheitern des NaO-prozesses im nachhinein doch noch einen tieferen sinn gehabt!

wenn es gestattet ist, ein zitat des altmeisters Lenin zu bringen:

„Man muß sich rechtzeitig besinnen. Man muß sich mit einem heilsamen Argwohn gegen die unbedacht schnelle Vorwärtsbewegung, gegen jede Prahlsucht usw. wappnen, man muß an die Überprüfung jener Schritte nach vorn denken, die wir jede Stunde verkünden, jede Minute machen, um dann jede Sekunde ihre Unhaltbarkeit, ihre Unsolidität, ihre Unverständlichkeit zu beweisen. Hier wäre es am allerschädlichsten, sich zu übereilen. Es wäre am allerschädlichsten, sich darauf zu verlassen, daß wir immerhin einiges wissen“.

— W.I. Lenin, Lieber weniger, aber besser!

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2 Kommentare zu “Linke Tristesse

  1. das thema „1.Mai“ scheint sich wohl (in diesem jahr) erledigt zu haben:

    „In diesem Jahr wird es keine gemeinsam vorbereitete und organisierte Demonstration geben. Vielmehr hat die RLB (radikale linke | berlin) in Vertretung des „Stadtpolitischen Blocks“ die anderen Blöcke und Organisationen im Bündnis vor vollendete Tatsachen gestellt und die Nichtanmeldung der Demonstration zur Vorbedingung jeder gemeinsamen Arbeit gemacht. Dies wurde erst mitgeteilt, als sich nach mehreren Treffen herausstellte, dass der „Stadtpolitische Block“ dafür im Bündnis keine Mehrheit hatte. Trotz mehrerer Kompromissvorschläge des Jugend- und Internationalistischen Blocks für eine gemeinsame Aktion hat die RLB für den Stadtpolitischen Block alle Verhandlungen abgelehnt.(…)

    Zur politischen Ausrichtung hatte der „Stadtpolitische Block“ und die sie unterstützende IL (G20-Block), genau genommen, kaum etwas gesagt. Für den „Stadtpolitischen Block“ ist dies nämlich nebensächlich. Für sie (und wohl auch für den G20-Block) steht etwas anderes im Vordergrund. Eine „Nichtanmeldung“ wäre nämlich „antagonistischer“, würde einen Akt der „Selbstermächtigung“ darstellen. Hier wird so getan, als zeige sich der „antagonistische“ Gehalt der Demonstration darin, keine Anmeldung zu tätigen. Im Zentrum steht eine Zurschaustellung der Gesinnung, nicht die Gewinnung und Mobilisierung von Menschen über die „Szene“ hinaus. Dieser Ansatz ist nicht „revolutionär“, nicht einmal besonders links, sondern vor allem selbstbezogen. Es geht nicht um die Veränderung von Bewusstsein oder Kräfteverhältnissen für bestimmte politische Inhalte und Mobilisierung für konkrete Forderungen, sondern um das „Selbst“ und die eigene Inszenierung. Der „Stadtpolitische Block“ fetischisiert eine bestimmte Aktionsform, Szenekultur oder eventbezogener Selbstdarstellung und stellt sie über das politische Ziel.“

    https://www.klassegegenklasse.org/stellungnahme-des-internationalistischen-blocks-zum-revolutionaeren-1-mai-buendnis-2017-in-berlin/

  2. „das thema „1.Mai“ scheint sich wohl (in diesem jahr) erledigt zu haben“

    Ich empfand die Nicht-Anmeldung im Vorfeld auch als ziemlichen Quatsch, vor allem als verbalradikale Kraftmeierei, die Demo nicht anzumelden, aber die Route trotzdem öffentlich bekannt zu geben –

    aber ich muß sagen, so, wie es jetzt praktisch gelaufen ist (auch wenn keinesfalls garantiert war, daß es so läuft, wie es gelaufen ist), war es m.E. die besten 18 Uhr-Demo seit Jahren:

    ++ Eine – auch zwischen den organisierten Blöcken – viel geschlossenere Demo als in den letzten Jahren.

    ++ Eine enorm parolenstärkere Demo als, wenn der ganze Demo-Entertainment-Technik-Park aufgefahren wird.

    ++ Soweit ich sehen konnte, keine unnützen Scharmützel am Rande, sondern eine Konzentration auf das politische Ziel, die Demo auch ohne Anmeldung durchzuführen.

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