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Das „vorgestellte Bessere“

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Bei diesem Satz handelt es sich um eine Sentenz des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno aus dessen Minima Moralia. Das geflügelte Wort gilt heute als sein berühmtester Satz, als sprichwörtlich gewordene Wendung.
Die Minima Moralia entstanden zwischen 1944 und 1947 im amerikanischen Exil unter dem Eindruck des faschistischen Terrors in Europa. Innerhalb des Werkes bildet der Satz die abschließende Sentenz eines über zwei Seiten langen Aphorismus mit dem Titel Asyl für Obdachlose, der sich mit den Schwierigkeiten beschäftigt, sich in modernen Zeiten irgendwo häuslich einzurichten. Adorno bekräftigt mit seinem Satz die Differenz von richtig und falsch und die Wichtigkeit, sich den Sinn für das Richtige nicht nehmen zu lassen.
In der ersten, ursprünglichen Textfassung lautete der Satz: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.“ —Wikipedia
ich persönlich würde statt „falsch/richtig“ lieber „richtiger/falscher“ oder „angemessen/weniger angemessen“ sagen, um den streit zwischen relativer und absoluter „wahrheit“ aus dem wege zu gehen (der nämlich vom wesentlichen ablenkt). das wesentliche ist nämlich, sich überhaupt für das „moralisch wertvollere“ zu ENTSCHEIDEN.
im übrigen lässt sich nicht nur „privat“ nicht mehr „richtig leben“, sondern die „gesellschaftliche struktur“ als solche erzeugt „das falsche“ — und zwar selbst dann, wenn man dies theoretisch durchschaut –, so dass das „richtigere“ nur als zukünftiger entwurf (à la „prinzip hoffnung“) „existiert“. diese „existenz“ ist aber (nur) gedanklicher (ideenmässiger) und nicht „realer“ (materieller) natur.
„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ –Ernst Bloch, das Prinzip Hoffnung
„Gutmenschen“
trotz unserer „unvollkommenheit“ kann jeder auf seine weise „gutes“ (also das „richtigere“) tun – oder eben das „schlechte“ vergrössern. der maßstab für den vorwurf der heuchelei kann eben nicht vollkommenheit sein, denn dann sind wir natürlich alle „sünder“ (vom „weg“ abweichende). der maßstab kann nur sein: besser oder schlechter, angemessener oder weniger angemessen. und wer sich um das „bessere“ und „angemessenere“ bemüht, der leistet eben seinen individuellen beitrag dazu, die welt ein stück „besser zu machen“. im grunde steckt hinter dem begriff „gutmensch“ ein relativismus, der den unterschied von besser oder schlechter abtreiben will zu gunsten des postmodernen mantra „jeder ist seines glückes schmied“ und dabei in wirklichkeit gleichgültigkeit und egoismus rechtfertigt. aber in allen spirituellen und weisheitslehren ist das „selbst“ nicht identisch mit dem „ego“, sondern meint die verbindung des einzelnen mit der ganzen welt. und wer diese „verbindung“ einmal erfahren hat, der spürt auch seine persönliche verantwortung (=antwort geben können) sich weiterzuentwicklen. diese menschen, die sich um weiterentwicklung (fortschritt) be- und abmühen, die sollen mit dem begriff „gutmensch“ diskreditiert werden; damit sich der „wutbürger“ nicht in seiner eigenen (gedanken)welt gestört fühlen muss.
Erkenntnistheoretische Zwickmühle?
komplizierter wird allerdings die frage, ob es für „besser/schlechter“ einen „objektiven maßstab“ (in der gesellschaftstheorie) gibt, oder ob dies eine reine frage gesellschaftlicher (subjektiver) interessen ist. da es für diese frage letztlich kein „objektives beweisverfahren“ gibt, wäre beides denkbar. allerdings stellt dieses erkenntnistheoretische problem für das praktische engagement auch kein hindernis dar; man kann also mit beiden denkweisen „gutes“ tun.

„Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Gegensätze verlieren; (man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.“
–Marx, ökonomisch-pilosophische Manuskripte

wenn also jemand sagt, das leben sei hart und man fragt, was ist der maßstab für diese aussage, dann kann es nur das „vorgestellte [vorgeahnte] bessere leben“ sein.
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