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Wider den objektivistischen Vulgärmaterialismus!

dass der „strukturale Marxismus“ ein „metaphysischer“ (im marxistischen sinne), also undialektischer objektivismus ist, ist mir unterschwellig schon länger klar. ich hätte es nur nicht in worte fassen können, weil mir dafür die philosophische bildung fehlt. deswegen bin ich froh, den ausschnitt aus einem aufsatz von Alfred Schmidt über „den strukturalistischen Angriff auf die Geschichte“ gefunden zu haben, der mir ziemlich aus der seele spricht. 

wenn TaP in seinem neuen Text über den „Struktur„-begriff aber schreibt:

„aber die These, daß die Welt die Subjekte und nicht die Subjekte die Welt konstituieren, ist historischer Materialismus in Reinkultur“ 

dann kann ich sogar als philosophischer Laie sagen, dass dies [undialektischer] vulgärmaterialismus in „reinkultur“ ist. 

„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.

Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“

— Karl Marx, Thesen über Feuerbach

Über Althussers strukturalistischen Angriff auf die Geschichte [1974]

von Alfred Schmidt

Wie nun sieht auf Grund der erörterten Prämissen der Althussersche Zugang zur »originären Problematik« des Kapitals aus? Althusser, und dem ist zunächst beizupflichten, empfiehlt eine »symptomatische Lektüre« des Marxschen Werks, eine solche nämlich, die jenen Motiven nachspürt, die objektiv in ihm angelegt sind, aber erst heute interessant werden; Marx selbst mußten sie unbewußt bleiben. Der Verfasser dieses Aufsatzes vertritt seit Jahren die Ansicht, daß Marx in seinen programatischen Vor- und Nachworten, die immer wieder als verbindlich zitiert werden, weit hinter dem zurückbleibt, was er in seinen materialen Untersuchungen theoretisch leistet. Daraus nun aber — wie dies bei Althusser geschieht — zu schließen, das Marxsche Selbstverständnis sei völlig belanglos für die philosophische Interpretation, ist ebenso verfehlt wie ein allzu naives Hinnehmen der Texte. Wohin es führt, wenn die Selbsteinschätzung eines so reflektierten Schriftstellers wie

Marx gänzlich mißachtet wird, zeigt sich besonders scharf an der Tendenz des »strukturalisierten« Marxismus, jedes sachliche Fortwirken Hegels im Kapital zu leugnen, nur um ja dem Marxschen Unternehmen den Glanz radikalen Neubeginns verleihen zu können. So fegt Althusser die gesamte Literatur über Marx seit Geschichte und Klassenbewußtsein beiseite, wenn er »die ganze modische Theorie der >Verdinglichung< zu einer bloßen Projektion der Entfremdungstheorie der Frühschriften auf die Analyse des Fetischcharakters der Ware im Kapital stempelt.(34) Es geht hier, wohlgemerkt, nicht darum, den inflationären – Marx hätte gesagt »belletristischen« — Gebrauch der Kategorie der Entfremdung oder des Humanismus zu verteidigen, wie er sich neuerdings bei Theologen eingebürgert hat. Althusser ist zuzustimmen, wenn er dagegen polemisiert, daß »die Zuflucht zur Moral, die tief in jeder humanistischen Ideologie verankert ist«, oft genug dazu dient, reale Probleme »imaginär« zu behandeln.(35) Ebenso berechtigt ist es, wenn er daran erinnert, wie sehr die kritische Theorie nach 1850 genötigt war, objektiven Strukturen gegenüber subjektivmenschlichen Momenten den Vorrang einzuräumen; die Entfremdungsthematik kommt zwar dem Begriff wie der Sache nach beim reifen Marx durchaus noch vor, aber sie wird nicht mehr an den abstrakten Kategorien eines (von Feuerbach inspirierten) aktivistischen Humanismus, sondern an den Inhalten der politischen Ökonomie entwickelt.

Freilich — und das wird von Strukturalisten meist übersehen — sind die Menschen für den dialektischen Materialismus keineswegs nur »Objekte« fester Ordnungen, sondern immer auch »Subjekte« ihrer jene Ordnungen stets wieder aufsprengenden Geschichte. Diese entsteht »dank der einfachen Tatsache, daß jede Generation die von der alten Generation erworbenen Produktivkräfte vorfindet, die ihr als Rohmaterial für neue Produktion dienen [. . .]. Die soziale Geschichte der Menschen ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht«.(36) Am Anfang des Achtzehnten Brumaire hebt Marx in einem be-

rühmten Satz hervor, daß die Menschen »ihre eigene Geschichte« machen, wenn auch »nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundnen, gegebenen und überlieferten Umständen«.(37) Aus beiden Zitaten geht schlagend hervor, daß Marx darin streng dialektisch dachte, daß er nie über den fertigen Produkten das Produzieren, nie über den Strukturen die strukturierende Tätigkeit vergaß. Die dialektischen Materialisten, betont auch der reife Marx, verbinden »die wissenschaftliche Einsicht in die ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft« mit dem Kampf »um selbstbewußte Teilnahme an dem unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Umwälzungsprozeß der Gesellschaft«.(38) Auch hier bilden Struktur und Prozeß eine untrennbare Einheit. Jede Gegenwart ist durch Vergangenes strukturiert und bringt einen neuen, künftigen Zustand aus sich hervor. Was das Kapital angeht, dasjenige Werk also, auf das Althus-ser sich besonders gern beruft, so liefert es ebensowenig eine Handhabe für »theoretischen Anti-Humanismus« und »Anti-Historizismus« wie die anderen Arbeiten der Autoren. Untersuchen wir vorerst den Komplex des »Anti-Humanismus«. In der Tat gibt es beim reifen Marx nicht wenige Äußerungen, die auf den ersten Blick eine rein objektivistische Interpretation nahelegen. So unterstreicht er in seiner Polemik gegen Adolph Wagner, daß seine »analytische Methode« keineswegs »von dem Menschen, sondern der ökonomisch gegebnen Gesellschaftsperiode« ausgeht.‘? Im »Rohentwurf« des Kapitals heißt es ausdrücklich: »Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn(40); sie ist, anders gesagt, ein objektiver Funktionszusammenhang. Im Kapital selbst schließlich schreibt Marx besonders drastisch, es handle sich bei seiner Untersuchung »um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnisen und Interessen«.(41)

Aber diese den Strukturalisten so imponierende Objektivität des Sozialen ist für den Dialektiker Marx kein unableitbar Letztes. Er begreift sie als produziert, »vermittelt« durch die zwar subjektiv bewußten, aber hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Gesamtresultats unbewußten Handlungen der Menschen. »Sosehr nun«, entwickelt der Marxsche Rohentwurf, »das Ganze [. . .] als gesellschaftlicher Prozeß erscheint, und sosehr die einzelnen Momente dieser Bewegung vom bewußten Willen und besondern Zwecken der Individuen ausgehn, sosehr erscheint die Totalität des Prozesses als ein objektiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewußten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewußtsein liegt, noch als Ganzes unter sie subsumiert wird. Ihr eignes Aufeinanderstoßen produziert ihnen eine über ihnen stehende, fremde gesellschaftliche Macht [. . .]. Die gesellschaftliche Beziehung der Individuen aufeinander als verselbständigte Macht über den Individuen, werde sie nun vorgestellt als Naturmacht, Zufall oder in sonst beliebiger Form, ist notwendiges Resultat dessen, daß der Ausgangspunkt nicht das freie gesellschaftliche Individuum ist«.(42)

Wenn irgendwo, dann wird hier einsichtig, wie unzulänglich die strukturalistische Interpretation der Marxschen Ökonomie ist. Bei aller Präponderanz der objektiven Strukturen im kapitalistischen System denkt Marx gar nicht daran, deren Ver-mitteltheit durch die lebendigen Menschen zu ignorieren. Daß diese zu bloßen »Trägern« und »Vollzugsorganen« eines unabhängig von ihnen bestehenden »objektiven Zusammenhangs« herabgesetzt werden, ist für ihn nicht etwa wissenschaftliche Norm, sondern Anlaß zu schärfster Kritik; denn »der Mensch« kann als »freies gesellschaftliches Individuum« zum Ausgangspunkt des Denkens erst dann werden, wenn er in der Realität kein Anhängsel entfremdeter, weil unbeherrschter Strukturen mehr ist. Marcuse hat denn auch nachdrücklich auf Elemente eines »kommunistischen Individualismus« bei Marx und Engels hingewiesen (43) darauf, daß die Autoren bereits in der Theorie jeden Fetischdienst hinsichtlich der Sozialisierung der Produktionsmittel oder des Wachstums der Arbeitsproduktivität zurückweisen; daß sie diese Faktoren der Idee einer allseitigen Entfaltung individueller Anlagen und Kräfte unterordnen. Soweit die Strukturalisten sich dabei bescheiden, vorhandene Strukturen aufzuweisen und zu zergliedern, versehen sie diese mit einer Art metaphysischer Weihe; ihre Theorie wird, mit anderen Worten, ungewollt zur Apologetik des Bestehenden. So übersieht Althusser völlig, daß seine Reduktion der (in Wahrheit geschichtlich motivierten) Lehre von der materiellen Produktionsweise des Lebens auf eine »Kombinatorik«, ein »System von Formen(44) den – im theoretischen Sinn – kritischen Impuls bei Marx unterschlägt. Solange »les vrais >sujets< (au sens de sujets constituants du proces)« nicht »les >individus concrets<, les >hommes reels< (45) sind, sondern die subjektlosnaturwüchsigen Produktionsverhältnisse, herrscht ein falscher Zustand. Ihn kann die strukturalistische Marx-Interpretation innertbeoretisch nicht wirklich bewältigen, weil die (auch materialistisch nicht zu überspringende) Konstitutionsfrage außerhalb ihres Horizonts verbleibt; sie kann ihn lediglich moralisch verdammen – in den Kategorien eines der politischen Sphäre entlehnten Humanismus. Daß sich die bürgerlichen Produktionsverhältnisse nicht auf eine »intersubjectivite an-thropologique (46) (die freilich stets auch die produktive Beziehung der Menschen zur Natur einschließt) zurückführen lassen, steht bei Marx gerade zur Kritik. Althusser jedoch trennt, wie wir bereits sahen, seine theoretische Konstruktion von der Idee der Weltveränderung, an welcher der Wissenscbaßsbegriff des dialektischen Materialismus gerade orientiert ist. Erkenntnistheoretisch ist Althussers Interpretationsansatz im strengen Sinn »naiv«, weil er die ökonomische Subjekt-Objekt-Dialektik zugunsten eines formalisierten Objektivismus aufgibt. Für Marx ist der wahre Gegenstand der Erkenntnis »ein von der zufälligen Erscheinung wesentlich unterschiedner und sie bestimmender Hintergrund«, der sich freilich zugleich in der Erscheinung manifestiert, in ihr aufscheint, durch sie »durchleuchtet«, wobei letztere immer auch konstitutiv fürs Wesen* ist.(47) Dieser den materialistisch-dialektischen Begriff von Wissenschaft geradezu definierende Gedanke ist für den Strukturalismus unbrauchbar, wo nicht gar sinnlos. Zwar gibt es auch für Althusser einzelne »Ebenen« der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die durch ihre Beziehungen zum Ganzen signifikant werden. Aber, und darin liegt die entscheidende Differenz zu Marx, solche Beziehungen sind, wie Jaeggi darlegt, »keine Phänomene, keine Widerspiegelungen, kein Ausdruck eines Ganzen, das sich [. . .] hinter ihnen befände; sie sind im Gegenteil das Reale selbst, bilden das Ganze, innerhalb dessen sie ihre Signifikanz annehmen«.(48)

Indem sich Althusser, ähnlich übrigens wie die amerikanische, funktionalistisch gerichtete Soziologie (vor allem Parsons) am kahlen Modell eines komplex strukturierten Ganzen orientiert, das heißt an einem fertigen System, in das untergeordnete Strukturen (ideologische Bereiche) einzugliedern sind, wird sein Denken »eindimensional« im Sinn Marcuses. Mit den leibhaftigen Menschen und ihren ungestillten Bedürfnissen, die (in seiner Theorie jedenfalls) der starren Logik des sozialen Systems überantwortet werden, eliminiert Althusser materiale Geschichte, mit ihr die Idee des Werdens überhaupt.

[die fussnoten können auf der TREND seite nachgelesen werden]

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10 Kommentare zu “Wider den objektivistischen Vulgärmaterialismus!

  1. Läufst Du jetzt vom Trotzkismus zur Frankfurter Schule über? 😉 –

    Und wer ist der – nach den Feuerbach-Thesen zu erziehende – Erzieher? Die Struktur? Oder die Individuen? Oder weder noch?

    Jedenfalls sagt auch Feuerbach-These Nr. 6 ganz klar: Das Grundlegende ist das „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (MEW 3, 6)

    Außerdem – für die FreundInnen der Dialektik 😉 – auch Althusser bestreitet nicht, daß es sub-jekte in der Geschichte gibt (http://www.marx2mao.com/Other/ESC76i.html#s1c: „In my opinion: men (plural), in the concrete sense, are necessarily subjects (plural) in history, because they act in history as subjects (plural). But there is no Subject (singular) of history.“),

    aber die kleinen sub-jekte handeln, wie – Marx mehrfach klar sagte – „unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ (MEW 8, 115 – meine Hv.)

    Dies zu bestreiten, hieße in Subjektivismus und Voluntarismus zu verfallen – sicherlich kein historischer Materialismus, oder? 😉

  2. „Und wer ist der – nach den Feuerbach-Thesen zu erziehende – Erzieher? Die Struktur? Oder die Individuen? Oder weder noch?“

    tatsächlich würde ich sagen „beides und weder noch“. dies kann man aber nur verstehen, wenn man das „gesellschaftliche bewusstsein“ dynamisch (also in der zeit sich verändernd) und dialektisch versteht. in allen uns bekannten bisherigen gesellschaften war das gesellschaftliche sein und bewusstsein „entfremdet“, in dem sinn, dass die wahren beziehungen unerkannt und/oder unbewusst waren. erst in dem augenblick, in dem die gesellschaftlichen verhältnisse und die „gesellschaftlichen bewusstseinsformen“ kongruent sind, kann die „entfremdung“ überwunden werden. dass dies freilich nur ein asymptotisches ideal sein kann, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden.

    „Freilich — und das wird von Strukturalisten meist übersehen — sind die Menschen für den dialektischen Materialismus keineswegs nur »Objekte« fester Ordnungen, sondern immer auch »Subjekte« ihrer jene Ordnungen stets wieder aufsprengenden Geschichte. Diese entsteht »dank der einfachen Tatsache, daß jede Generation die von der alten Generation erworbenen Produktivkräfte vorfindet, die ihr als Rohmaterial für neue Produktion dienen [. . .]. Die soziale Geschichte der Menschen ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht«.“

    den letzten satz würde ich dahingehend relativieren wollen, dass das freilegen des [wahrhaft] „individuellen“ selbst wieder nur eine „sozial-historische“ [revolutionäre] tat sein kann. (Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung)

    • 1. M.E. ist es schon falsch, die Paare

      Struktur – Symptom
      und
      Sein – Bewußtsein

      als Synonyme zu behandeln – warum, habe ich in dem „Struktur“-Text – vielleicht kurz, aber immerhin etwas – zu begründen versucht.

      Auch der Kommunismus wird, wenn es ihn denn mal geben wird, keine spontan durchsichtige – sondern sehr komplexe – Gesellschaft sein. Daher wird es auch im Kommunismus immer noch etwas dauern bis die in einem bestimmten Zeitpunkt X bestehenden „wahren Beziehungen“ (in seinem späteren Zeitpunkt > Y) (analytisch) erkannt sein werden.

      3. Nein, nicht „die Subjekte“ sprengen Ordnungen auf; sondern sub-jekte können Ordnungen aufsprengen, weil Ordnungen immanent widersprüchlich sind.

      „Die beiden grundlegenden (oder die beiden möglichen? oder die beiden in der Geschichte zu beobachtenden?) Konzeptionen der Entwicklung (Evolution) sind:
      ++ Entwicklung als Abnahme und Zunahme, als Wiederholung,
      und
      ++ Entwicklung als Einheit der Gegensätze (Spaltung des Einheitlichen in einander ausschließende Gegensätze und das Wechselverhältnis zwischen ihnen).
      Bei der ersten Konzeption der Bewegung bleibt die Selbstbewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt – Gott, Subjekt etc.). Bei der zweiten Konzeption richtet sich die Hauptaufmerksamkeit gerade auf die Erkenntnis der Quelle der ‚Selbst‘bewegung.“
      (LW 38, 339)

      Also:

      ++ Subjekte sprengen die gesellschaftlichen Verhältnisse von außen („transzendental“) (Lukács, Frankfurt Schule und Nachfahren, wie Alfred Schmidt; Sartre & Co. KG)

      oder:

      ++ die herrschenden Verhältnisse sind sprengbar, weil sie innere Widersprüche aufweisen (immanent widersprüchlich sind) (Lenin, Mao, Althusser)?

      4.

      Eine kleine Präzisierung gegenüber der zitierten Lenin-Stelle:

      ++ „Entwicklung“ i.e.S. (Primat der äußeren Widersprüche) = Evolution;

      vs.

      ++ („Entwicklung“ i.w.S. [Primat der inneren Widersprüche] =) Revolution.

      • „Bei der ersten Konzeption der Bewegung bleibt die Selbstbewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt – Gott, Subjekt etc.)“

        subjekte sind aber nicht NUR aussen, sie sind „aussen“ (entfremdung) UND können* „Innen“ (selbstbewusstsein, selbsterkenntnis**) sein.

        * „…sub-jekte können Ordnungen aufsprengen, weil Ordnungen immanent widersprüchlich sind.“ UND weil sie zu einem bewusstsein ihrer gesellschaftlichen lage gelangt sind, wie unzulänglich das auch immer sein mag. (= subjekt im „wirklichen“ sinne = für sich seiend, statt nur „an sich“)

        „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ — Victor Hugo
        dass die träger von ideen MENSCHEN (subjekte) sind, muss man hoffentlich nicht extra erwähnen. 😉
        ansonsten wäre es ja auch gar nicht denkbar, dass menschen auch als „Kollektiv“ handeln können, als grosse „Masse“. und diese „Kollektive“ sind dann auch tatsächlich ein historisches SUBJEKT (einzahl = ideenmässige einigkeit). freilich ist es äusserst schwer, kollektive handlungsformen zu realisieren, weil da sehr viele bedingungsfaktoren zusammenkommen.

        ** Hegel sprach, glaube ich, von der „selbsterkenntnis des geistes“. Hegel meinte natürlich gott, aber es könnte genauso gut die zum „selbstbewusstsein“ „erwachte“ menschheit sein.

        im übrigen kann ich zwischen evolution und revolution gar keinen gegensatz erkennen, nur ein ergänzungsverhältnis.

      • ich bin heute auf diesen Trotzki-text aufmerksam gemacht worden, der eigentlich in einem völlig anderen zusammenhang steht. trotzdem passt er auch in unsere deabtte hier. es geht um die „entartung“ der bolschewistischen partei:

        „Auf dem XI. Parteikongreß vom März 1922 sprach Lenin über die „Unterstützung“, welche gewisse bürgerliche Politiker im besonderen der liberale Professor Ustraljew, seit der Zeit der NEP Sowjetrußland angedeihen zu lassen beschlossen. „Ich bin für die Unterstützung der Sowjetmacht in Rußland“, sagt Ustraljew, „weil sie den Weg betreten hat, der sie zu einer gewöhnlichen bürgerlichen Macht hinführen wird.“

        Die zynische Stimme des Feindes zieht Lenin dem „süßlichen kommunistischen Geschwätz“ vor. Mit strenger Nüchternheit warnt er die Partei vor der Gefahr: Alle Dinge, von denen Ustraljew spricht, sind möglich. Das muß man klar sagen. Die Geschichte kennt Wendungen aller Arten: Sich auf Überzeugung, Ergebenheit und andere vorzügliche Seeleneigenschaften zu verlassen, ist in der Politik durchaus keine ernste Sache.

        Die vorzüglichen Eigenschaften haben eine kleine Anzahl von Leuten, aber das historische Endergebnis bestimmen die gigantischen Massen, die, wenn die geringe Anzahl Leute ihnen nicht entgegenkommt, zuweilen mit dieser geringen Anzahl Leute nicht allzu höflich verfahren. Mit einem Wort: Die Partei ist nicht der einzige Entwicklungsfaktor und, in großen geschichtlichen Maßstäben, nicht der entscheidende.

        „Es kommt vor, daß ein Volk ein anderes Volk besiegt“, fuhr Lenin auf demselben Kongreß fort – dem letzten, der mit seiner Teilnahme stattfand –, „…das ist sehr einfach und allen verständlich. Aber was geschieht mit der Kultur der Völker? Das ist nicht so einfach. Ist das Siegervolk dem besiegten Volk kulturell überlegen, so zwingt es ihm seine Kultur auf, ist es aber umgekehrt, so pflegt der Besiegte dem Sieger seine Kultur aufzuzwingen.

        Ist nicht etwas ähnliches in der Hauptstadt der RSFSR geschehen! Und ergab es sich nicht dort, daß 4.700 Kommunisten (fast eine ganze Division, und die allerbesten von allen) der fremden Kultur unterlagen?“

        Das wurde Anfang 1922 gesagt, und zwar nicht zum ersten Mal. Die Geschichte wird nicht von wenigen, wenn auch „allerbesten“ Menschen gemacht; noch weniger: diese „besten“ können im Geiste der „fremden“, d.h. der bürgerlichen Kultur entarten. Nicht nur kann der Sowjetstaat vom sozialistischen Wege abgehen, sondern auch die bolschewistische Partei unter ungünstigen historischen Bedingungen ihren Bolschewismus einbüßen.“ https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1937/08/bolstal.htm

        obgleich hier Trotzki Lenins realismus wunderbar darstellt, finde ich kein zwingendes argument dafür, warum die „Massen“ IMMER in ihren „vorzüglichen seeleneigenschaften“ einer „geringen anzahl von leuten“ (eine elite, eine avantgarde) hinterherhinken müssen; es sei denn, man sieht die trennung von hand- und kopfarbeit in den bevölkerungen als eine „Naturkonstante“ an.

      • „In der DDR wurde die Bourgeoisie entmacht – ursprünglich durchaus entgegen der strategischen Zielsetzung Stalins, in Mittel- und Osteuropa eine „neutrale“ [P]ufferzone zum Westen zu etablieren. Der Stachel des Profitmachens war als zentraler Motor des Wirtschaftens eliminiert, die Bourgeoisie als herrschende Klasse gestürzt worden. Doch der eigentliche Antrieb, die eigentliche Quelle des Wirtschaftens, ja überhaupt allen gesellschaftlichen Handelns im Arbeiterstaat – die Bedürfnisse der Arbeiterklasse bzw. der Massen – wurden nicht zum Stachel der neuen Gesellschaft. Diese Rolle des „Motors“ der Entwicklung übernahm die Bürokratie – ohne ihr gerecht werden zu können.
        Die Entmachtung, die Fesselung der Arbeiterklasse als sozialer Kraft bedeutete, dass die DDR immer mehr verkrustete, erlahmte und letztlich – implodierte, letztlich weil das revolutionäre Subjekt der Veränderung und des Übergangs zum Sozialismus systematisch an der Bildung revolutionären Klassenbewusstseins gehindert wurde – und, solange die Bürokratie herrschte – daran gehindert werden musste.
        Nicht „das Staatseigentum“, nicht „die Planung“, sondern deren stalinistische, bürokratische Formen und Methoden haben nicht funktioniert. Dazu kam u.a. , dass die internationale Kooperation und Arbeitsteilung im Ostblock aufgrund der Eigeninteressen der nationalen Bürokratien und der Vormachtstellung Moskaus ein niedrigeres Niveau hatten als der kapitalistische Weltmarkt.“
        http://www.arbeitermacht.de/ni/ni143/unrechtsstaat.htm [herv. von mir]

  3. im übrigen denke ich, aber da bin ich tatsächlich KEIN „materialist“, dass das „menschliche wesen“ MEHR ist als das „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. es ist immer auch „transzendenz“, überschreiten auf einen noch unbekannten horizont hin.

  4. ich denke, bewusstsein (bewusstsein auch für das eigene „wesen“*) ist nicht determiniert, ja, nicht einmal überdeterminiert**, sondern im wahrsten sinne des wortes „FREI“***

    * wobei es für das „eigene wesen“ auch vererbte anlagen und vorprägungen geben mag. aber je höher die bewustseinsstufe, umso geringer die bedeutung [weltlicher = nichtspiritueller] „ausserindividueller“ faktoren. in buddhistischer terminologie könnte man auch sagen: Dharma (die Lehre, der „Weg“) verdrängt Karma (das „Schicksal“ = das un- oder vorbewusste)
    „Der Weg des Handelns läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Karma weicht Dharma.“ (Deepak Chopra)
    also dass „bewusstsein“ besiegt die „Entfremdung“ (von sich selbst)

    ** https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberdeterminierung

    *** Die Gedanken sind frei
    wer kann sie erraten
    sie fliegen vorbei
    wie nächtliche Schatten.
    Kein Mensch kann sie wissen
    kein Jäger erschießen.
    Es bleibet dabei:
    Die Gedanken sind frei

    Ich denke, was ich will
    und was mich beglückt,
    doch alles in der Still´
    und wie es sich schicket.
    Mein Wunsch, mein Begehren
    kann niemand verwehren,
    es bleibet dabei:
    Die Gedanken sind frei

    Und sperrt man mich ein
    in finstere Kerker
    das alles sind rein
    vergebliche Werke.
    Denn meine Gedanken
    zerreißen die Schranken
    und Mauern entzwei
    die Gedanken sind frei

    Ich liebe den Wein
    mein Mädchen vor allen,
    sie tut mir allein
    am besten gefallen.
    Ich bin nicht alleine
    bei meinem Glas Weine,
    mein Mädchen dabei:
    Die Gedanken sind frei!

    Drum will ich auf immer
    den Sorgen entsagen
    und will mich auch nimmer
    mit Grillen mehr plagen.
    Man kann ja im Herzen
    stets lachen und scherzen
    und denken dabei:
    Die Gedanken sind frei!
    https://www.volksliederarchiv.de/die-gedanken-sind-frei/

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