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Das Ende der „grossen Erzählungen“?

vorbemerkung: dieser artikel enthält überlegungen zur strategiedebatte der „radikalen linken“ unter den heutigen bedingungen. im mittelpunkt steht dabei die frage, inwieweit die überwindung des fordismus neue fragen für die marxistische theorie stellt und gleichzeitig, welches verhältnis zwischen marxismus und postmodernismus existiert oder existieren sollte. dabei handelt es sich keineswegs um eine fertige ausarbeitung, sondern das ganze steckt noch voll in den kinderschuhen. 

[dieser artikelentwurf war schon längere zeit in meinem entwurfsspeicher gefangen, aber aus aktuellen gründen habe ich mich jetzt doch zu seiner veröffentlichung entschlossen]

in der ‚postmoderne‘ hat man berechtigte vorbehalte gegen theorien, die ‚alles‘ erklären wollen. der marxismus, als legitimes geistiges kind der ‚aufklärung‘, scheint diesen anspruch auch zu haben; und der weg von ‚alles erklären (wollen)‘ zum ‚totalitarismus‘ ist nicht all zu weit. aber ist es richtig, dass der ‚marxismus‘ diesen anspruch hat?

um es gleich vorweg zu sagen, ich kann diese frage nicht anhand des gesamten marxschen werkes beantworten, aus dem einfachen grund, weil ich es nicht in seiner gesamtheit kenne. was ich aber weiss, ist, dass Marx ein kritischer wissenschaftler war, der sogar die arbeit an seinem hauptwerk (‚Das Kapital‘) vernachlässigte, weil er sich in studien über russische agrarverhältnisse verbissen hatte. sicher, er nahm anleihen aus der hegelschen philosophie. aber niemals hätte ein Marx behauptet, es gäbe so etwas wie einen universalschlüssel für die menschliche geschichte (dies geschah erst später, als man die marxschen texte zu kanonisieren versuchte). immer stand das konkrete studium konkreter verhältnisse im vordergrund und erst daraus wurden die legitimen verallgemeinerungen gezogen (und nicht umgekehrt). die theorie wurzelte also in der wirklichkeit und nicht wurde die wirklichkeit nach einer theorie gemodelt. dies ist auch genau der unterschied zwischen wissenschaft und ideologie.

selbst die politische theorie, die ja im marxismus bewusst parteilich ist, hat einen wissenschaftlichen anspruch, da sie nicht (allein) partikularinteressen entsprechen will, sondern letztlich einen universalen anspruch hat (abschaffung von herrschaft und ausbeutung, verwirklichung des ‚menschlichen wesens‘ und ‚individualität‘ für alle).

aber genau dieser anspruch auf universalität wird als fossiles relikt der ‚grossen erzählungen‘ angesehen, die in der postmoderne keine berechtigung mehr hätten, da die gesellschaftliche komplexität nicht mehr durch eine theorie ‚abgedeckt‘ sein kann. dieser einwand ist ernst zu nehmen. tatsächlich gibt es ein paar leerstellen und blinde flecken im marxismus, die durch andere theorien aufgefüllt werden müssen. aber dies steht nicht im widerspruch zum marxismus [als methode], der ja eben kein dogma sein will, sondern eine lebendige theorie, die sich ständig weiterentwickeln muss.

die frage, ob es so etwas wie eine ‚gesellschaftliche totalität‘ gibt, ist nicht so leicht zu beantworten. theoretisch gibt es sie, aber in der praxis kann es sich immer nur um eine annäherung handeln, die niemals hundertprozentig vollständig ist; einfach schon deshalb, weil sich die wirklichkeit in jeder sekunde verändert. die ‚absolutheit‘ ist daher zwar so etwas wie ein ‚theoretisches ideal‘ (ein Omega-punkt würde man in der integralen theorie sagen), die sich aber in der praxis immer zwangsläufig relativiert.

da dem ‚kritischen marxismus‘ dieser unterschied zwischen theorie und praxis sehr wohl bewusst ist, ist er zwar auf der einen seite selbst eine ‚grosse erzählung‘ (zumindest steht er in dieser tradition) aber auf der anderen seite eben auch nicht. meine these lautet daher, dass es in dieser hinsicht nicht unbedingt einen widerspruch zwischen marxismus und ‚postmodernen‘ theorien geben muss. dies steht freilich unter dem (gewichtigen) vorbehalt, dass sie methodisch konvergieren (müssen/können).

Das Ende des ‚Klassen-Paradigmas‘?

während in fordistischer zeit ökonomische kämpfe eine alltagsrealität waren, ist das für die ‚postmoderne‘ gar nicht mehr so selbstverständlich, da die angst vor sozialem abstieg (arbeitslosigkeit) grösser ist als die wahrnehmung berechtigter sozialer interessen.

auch die entwicklung rechter parteien und bewegungen, die wir in letzter zeit erleben, ist nicht in erster linie über die ’soziale frage‘ erklärbar, sondern eher über kuturell-‚identitäre‘ probleme.

wenn wir ganz weit in die geschichte zurückgehen, war es ein grundprinzip der „alten arbeiterbewegung“, dass es in jedem land nur eine „sozialistische partei“ geben soll.[1]

ob diese auffassung in der zeit vor 1914 ihre berechtigung hatte, vermag ich nicht zu beurteilen. aber heutzutage gibt es klar auch einen sozialen interessengegensatz zwischen arbeitslosen/prekären und den noch verbliebenen kernbelegschaften. und dieser soziale gegensatz lässt sich auch nicht durch irgendeinen politischen ‚idealismus‘ beseitigen.

darum ist es eine vollkommen normale entwicklung, dass es innerhalb der ‚linken‘mehrere politische strömungen und parteien gibt. aber nicht nur für politische organisationen scheint mir das berechtigt, sondern auch für gewerkschaftliche.[2]

dies bedeutet zwar in organisatorischer hinsicht eine ’spaltung‘ oder zersplitterung der kräfte, aber die schlagkraft dieser organisationen wird höher durch die interne [programmatische] homogenisierung. dies lässt sich z. b. an den streiks der ’spartengewerkschaften‘ ablesen, die doch für relativ viel wirbel gesorgt haben.

das ‚klassenparadigma‘ wird also in der postmoderne nicht ausser kraft gesetzt, sondern es differenziert sich ’nur‘ soziologisch aus; zusätzlich relativiert es sich durch die gewachsene bedeutung der gender– und race-fragen.

hinzukommt, dass die traditionellen organisationen der „alten“ arbeiterbewegung den neuen bedingungen der globalisierung wenig entgegenzusetzen haben; um so wichtiger wäre es, den gedanken der notwendigkeit der „internationalen organisierung“ wieder stärker in den vordergrund zu rücken.

Überlegungen zum Verhältnis von Class, Gender und Race

es war ein zentraler streitpunkt im NaO-prozess, ob es nur ein ein ‚revolutionäres subjekt‘ oder davon (mindestens) drei gäbe.

die erste position geht davon aus, dass ‚alle unterdrückungsverhältnisse‘ in letzter instanz über das kapitalverhältnis, also die klassenfrage, überwindbar seien. dieser als ’nebenwiderspruchsdenken‘ oder ‚klassenreduktionismus“ bezeichnete standpunkt wird am konsequentesten konterkariert vom strukturalen und dekonstruktivistischen feminismus (2), der in gender und race eigenständige soziale strukturen sieht, die [relativ?] unabhängig vom kapitalverhältnis sind.

theoretisch wäre noch eine mittelposition (3) denkbar, die zwar die unabhängigkeit der gender- und race-strukturen anerkennt, aber trotzdem den zentralen hebel zur veränderung über das kapitalverhältnis sieht. dies könnte ökonomische gründe haben, aber auch historische oder kulturelle. [3]

es gibt bis heute keine wirkliche klärung zu diesen fragen, ich denke aber dass position (2) und (3) durchaus in einer pluralen revolutionären organisation (oder organisationen-bündnis) platz hätten. hingegen scheint mir der ’nebenwiderspruchsmarxismus“ ein fossil des fordistischen traditionalismus zu sein, der mit einer revolutionären theorie auf der höhe der zeit nicht vereinbar ist. [4]

Die Ökologie zersetzt die „soziale Frage“

während im vorigen jahrhundert sich alles um die fragen von produktion und verteilung drehte (und niemand den glauben an das unbegrenzte wachstum in frage stellte), steht heute die ökologiefrage und fragen der identitätspolitik im mittelpunkt vieler linker debatten. dabei spielt die arbeiterklasse als subjekt der gesellschaftlichen veränderung kaum mehr eine rolle, da diese ja selbst als bestandteil der industriellen wachstumsideologie erscheint. mit dem ende des ‚realsozialismus‘ (der nie ein ’sozialismus‘ war und sein konnte) war nicht nur das utopische denken verpönt, sondern auch der „abschied vom proletariat“ eingeleitet. neue „menschheitsfragen“ erschienen auf der agenda, die sich nicht so ohne weiteres mit dem ökonomischen verhältnis von kapital und arbeit verbinden liessen. der „glaube“, dass mit der überwindung des kapitalismus alle anderen gesellschaftlichen probleme gleich mit gelöst werden könnten, wurde so erschüttert, dass er sich nie wieder aufrichten kann.

zwar ist die forderung Lenins in Was Tun richtig, dass die arbeiterklasse als volkstribun für alle unterdrückten auftreten muss, aber in der praxis hat sie diesen anspruch nie eingelöst. und ehrlich gesagt ist es aus heutiger sicht auch ein paternalistischer gedanke, dass die emanzipation der schwarzen und frauen (und welcher unterdrückten „gruppe“ auch sonst noch) nur allein vom klassenkampf der arbeiterklasse abhängen soll.

erschwerend kommt von der theorieseite her hinzu, dass man patriarchat und rassismus nicht aus dem kapitalverhältnis ableiten kann (auch wenn sich alle drei strukturen gegenseitig beeinflussen [können]), so dass es tatsächlich keinen grund gibt, das „proletariat“ als alleiniges revolutionäres subjekt anzusehen. vielmehr scheint es so zu sein, dass sich die gesellschaftlichen kämpfe — zumindest langfristig — (freiwillig und aus programmatischer einsicht) verbinden müssen, um sowohl die systemfrage als auch weitergehende kulturrevolutionäre prozesse anzugehen. diese herangehensweise würde auch gut mit dem konzept der blockorganisation [5] korrespondieren.

—–

[1] siehe „Lenin und die Avantgardepartei“ (S.4) http://www.bolshevik.org/deutsch/archiv/lenin_avantgardepartei_de.html

[2] vergleich: http://www.scharf-links.de/50.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=57096&cHash=7cfe167f07

[3]vergleich: https://systemcrash.wordpress.com/2016/02/08/trend-vortrag-gechlecht-und-klasse/

[4] ein paradebeispiel dafür ist die GAM, die sich regelmässig mit ihren politischen prognosen ins fettnäpfchen setzt. ihre kritik an RIO wegen des NaO-prozesses ist zwar in vielen punkten berechtigt, aber in der „frauenfrage“ wird RIO wegen ihres „postmodernismus“ kritisiert. da hat man wohl wieder alte zöpfe gepflegt, die schon längst eingemottet gehören. http://arbeitermacht.de/infomail/895/rio.htm

[5] https://linksunten.indymedia.org/de/node/166242

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