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Lehren aus G20 ziehen!

Nach G20: ein neuer „deutscher Herbst“? [1]

soziale bewegungen sind niemals homogen und sie können es auch nicht sein. eine „Masse“ handelt nicht nach einem „feldherrenplan“ und gelenkter „disziplin“, sondern meistens spontan und aus dem bauch heraus. anders kann es nicht sein. nur in den gehirnen bürokratischer spiesser besteht geschichte aus den kämpfen „einheitlicher blöcke“. aber es gibt keine „einheitlichen blöcke“ in der realität! selbst die hyperzentralistischste leninisten-truppe ist nach innen kein monolithischer block, wenn es auch vlt nach aussen so kommuniziert wird. ob das gut ist oder schlecht, ist ein thema, was nicht im focus dieses artikels liegt.

es gibt vlt zwei historische parallelen, mit denen man die entwicklungen nach G20 vergleichen könnte:

1) die eine parallele sind die „Juli-tage“ nach der russischen februarrevolution, wo die „Massen“ ZU ungestüm nach vorne drängten und dadurch der konterrevolution die chance zum zurückschlagen gab. dank der umsichtigen politik der bolschewiki erlitten die revolutionären Massen zwar eine empfindliche niederlage, aber sie wurden nicht endgültig besiegt. so wurde der oktobersieg durch eine umsichtige politik in einer konterrevolutionären phase vorbereitet.

allerdings befinden uns heute — offensichtlich !! — nicht in einer „vorrevolutionären“ situation.

2) die zweite parallele wäre der „deutsche herbst“, der im nachgang des scheiterns der stadtguerilla der RAF sich über die deutsche gesellschaft wie ein bleierner nebel legte. ich war damals zu jung, um das ganze ausmass dieser ereignisse zu verstehen. aber ich denke, zwei dinge hatte ich schon verstanden:

a) die RAF betrieb eine politik, die nicht von breiten bevölkerungsteilen verstanden wurde und dadurch konnte sie leicht isoliert werden. auch wenn ihre gewalt sich vermeintlich gegen das „herrschende system“ richtete, so ist weder ein arbeitgeberpräsident und schon gar nicht sein chauffeur das „herrschende system“. das heisst, an die stelle eines strukturellen angriffs auf das „ganze“ wurde eine substitutionalistische symbolplitik gesetzt, die die „Massen“ zum zuschauen verurteilte und sie nicht dazu befähigte, zu subjekten ihrer eigenen sache zu werden. mit diesem konzept musste die RAF scheitern.

b) mit dem scheitern der stadtguerilla geschah aber noch etwas anderes. das gesamte intellektuelle umfeld der 68er und nach-68er wurde als verursacher und „sympathisanten“ der stadtguerilla denunziert. der ganze linke sumpf sollte trockengelegt werden. sei es ein anhänger der kritischen theorie der frankfurter schule oder ein kritischer schriftsteller wie Heinrich Böll: sie alle waren die geistigen wegbereiter [brandstifter] von Andreas Baader und Ulrike Meinhoff.

man kann sich heute nicht mehr vorstellen, unter welchem druck kleine linke gruppen standen, die versuchten, sich dieser hexenjagd entgegenzustellen. sie kritisierten zwar die taten der RAF als „fehlgeleitete rächer“, aber sie weigerten sich, in den chor der verteidiger des bestehenden systems einzustimmen. damals hätte es leicht zu einem deutschen McCarthyismus kommen können. gott sei dank wurde es dann nicht ganz so schlimm.

allerdings dürfte die stagnation der „(westdeutschen)linken“ in den 80er und 90er jahren zumindest auch ihre ursache im „deutschen herbst“ haben.

aktuell könnte nach G20 eine ähnliche entwicklung einsetzten. eine zunehmende militarisierung des staates nach innen, eine tendenz zum (polizei)bonapartismus und die mögliche zerschlagung linker und linksautonomer strukturen. dieser entwicklung kann man sich nur entgegensetzten, wenn die linke im ganzen nach den prinzipien der einheitsfront zusammensteht, statt sich auseinanderdividieren zu lassen. zwar gibt es unterschiedliche einschätzungen und positionen, aber gegen den „klassenfeind“ gilt der wahlspruch von Alexandre Dumas‘ Musketieren: einer für alle und alle für einen.

zum abschluss möchte ich noch ein Zitat von Trotzki von 1911 bringen:

„Was die Eunuchen und Pharisäer der Moral auch immer sagen mögen, das Rachegefühl [2] besteht zu Recht. Es ist das höchste moralische Verdienst der Arbeiterklasse, daß sie nicht mit untätiger Gleichgültigkeit auf das schaut, was in dieser besten aller möglichen Welten vor sich geht. Nicht die unerfüllten Rachegefühle des Proletariats zu ersticken, sondern sie im Gegenteil anzustacheln, zu vertiefen und sie gegen die wahren Ursachen aller Ungerechtigkeit und menschlicher Niedertracht zu richten – das ist die Aufgabe der Sozialdemokratie [heute der kommunisten, anm. v. mir].

Wenn wir uns terroristischen Akten widersetzen, so nur deshalb, weil individuelle Rache uns nicht zufriedenstellt. Die Rechnung, die wir mit dem kapitalistischen System zu begleichen haben, ist zu umfangreich, um sie einigen Beamten, genannt Minister, zu überreichen. Lernen zu sehen, daß all die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, alle Beleidigungen, denen der menschliche Körper und Geist ausgesetzt sind, entstellte Auswüchse und Äußerungen der bestehenden sozialen Ordnung sind, um unsere ganze Kraft auf einen gemeinsamen Kampf gegen dieses System zu richten, – das ist die Richtung, in der der brennende Wunsch nach Rache seine höchste moralische Befriedigung finden kann.“


[1] auch in der TAZ heisst es in einem artikel: „Seit Samstag wohnen wir einer Inszenierung bei, die fatal an den Deutschen Herbst 1977 erinnert. Das verdichtet sich in der Kategorie, unter der die Ereignisses gefasst werden („Terror“), in der Sprache, in der die Kategorie verortet wird („bürgerkriegsähnliche Zustände“), im konsequenten Ausschluss der sogenannten Mordbrenner aus dem politischen Raum („Kriminalität“) und der rechtsentbindenden Ermächtigung der Staatsorgane („europaweite Jagd“).“

über die „riots“ heisst es im selben artikel: „Die Riots gehören zum Gesamtgeschehen des Protests, ob man das will oder nicht. Sie setzen den Kontrapunkt zur Elbphilharmonie, wo Trump, Putin, Erdoğan und Merkel die Ode an die Freude hören. Ja, auch im Riot wirkt Gewaltlust, in einigen Zügen männlich grundiert, in manchen dümmlich, in anderen narzisstisch. Doch ist der Aufruhr nicht unpolitisch, sondern eine Grenzposition des Politischen [herv. von mir]. Er verweigert die Kommunikation, und er kommuniziert diese Verweigerung.“

zu den riots siehe auch die bemerkenswerte erklärung einiger gewerbetreibender im Schanzenviertel

[2] zum thema „rache“ schreibt ein fb-freund von mir: „Und ich glaube nicht, dass es darum geht, ob uns was zufriedenstellt. Es geht nicht um Rache. Es geht darum, eine Utopie unter die Menschen zu bringen und sie umzusetzen. Wozu Rache? Wenn wir andere gesellschaftliche Grundlagen haben, brauchen wir keine Rache mehr.“

obwohl mir diese position theoretisch sehr sympathisch ist (sie wirkt fast „christlich“ auf mich [feindesliebe]), halte ich sie aber nicht für sehr realistisch. rachegefühle scheinen mir zum menschsein (zumindest auf einer egoischen bewusstseinsebene) dazuzugehören. das heisst aber nicht, dass man sie unbedingt ‚kultivieren‘ sollte. ich gebe zu, ich bin in dieser frage deutlich ambivalent. wie ich insgesamt in der „gewaltfrage“ ambivalent bin.

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3 Kommentare zu “Lehren aus G20 ziehen!

  1. vergleich auch: http://www.scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=61479&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=67faa0b2b9

    „Wir kennen die Methoden der Herrschenden von Spaltungen und Drohungen seit 1968. Immer wenn eine Bewegung erfolgreich war, und Hamburg war ein Erfolg, wird versucht, Randerscheinungen (wie im Schanzenviertel) zur politischen Kernaussage hochzustilisieren, dann zu delegitimieren und zu spalten. Natürlich immer unter lebhafter Mithilfe bürgerlich-journalistischer Hofschranzen. Aber wir werden eine Neuauflage eines „deutschen Herbstes“ nicht kampflos hinnehmen.“

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