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Kein Klassenkampf in Israel?

durch ‚zufall‘ (genau genommen durch eine diskussion bei fb, bei der ich anfangs gar nicht teilgenommen hatte) bin ich auf einen text der gruppe „for palestine“ hingewiesen worden, in der es wörtlich heisst:

„FOR-Palestine ist der Meinung, dass solange die jüdische Arbeiterklasse von ihrer Position als Besatzer und als Verbündete des Imperialismus profitiert, so lange dass sie sich unter dem Zionismus als eine ethnisch homogene Klasse versteht, kann bei ihr keine Bewusstseinsänderung stattfinden. Erst wenn ihre Privilegien gefährdet werden und an der Hegemonie des Zionismus geschüttelt wird, könnte die doppelte Unterdrückung der jüdischen Arbeiterklasse durch den Zionismus als neoliberaler Ausbeuter und als zionistischer Besatzungsstaat entblößt werden.“

mal abgesehen davon, dass hier eine art verelendungstheorie vertreten wir, wird hier im grunde offen der verzicht auf eine klassenkampf-politik in Israel „rationalisiert“ (und damit eine kapitulation vor dem Nationalismus).

man könnte sogar noch weiter fragen, ob bei den arbeiterklassen in den imperialistischen metropolen eine „bewusstseinsveränderung“ stattfinden kann. bislang spricht nicht allzu viel dafür. und nicht wenige haben ihre politischen hoffnungen auch auf andere „subjekte“ verlegt: nicht zuletzt auf den „dritte-welt-nationalismus“, der aber auch (schon lange) nicht mehr das ist, was er mal war.

nun ist das problem der sog. „arbeiteraristokratie“ für Leninisten nicht wirklich so neu. und ein grossteil des opportunismus und reformismus (und natürlich auch des chauvinismus) ist auch sicher mit der arbeiteraristokratie erklärbar. ich glaube aber nicht, dass dies der einzige grund ist. (ausserdem ist mit sicherheit auch nicht die ganze arbeiterklasse Isreals „aristokratisch“; genauso wenig wie die deutsche oder us-amerikanische.)

überhaupt stellt sich die frage, ob revolutionen alleine ihre motivation im „materiellen“ finden. sicherlich wird die ‚basis‘ von revolutionen materielle bedürfnisse sein. aber dass verelendung zu revolutionen führt, ist ja alleine schon durch die existenz der dritten und vierten welt widerlegt. und auch die verelendung in griechenland hat noch zu keiner revolution geführt. irgendetwas muss also noch dazukommen. klar, Leninisten sagen, dass revolutionäre bewusstsein und die revolutionäre parteiführung fehlt. aber eigentlich ist das ein ‚zirkelargument‘, denn das ‚revolutionäre bewusstsein‘ kann ja nichts anderes sein, als die erkenntnis und die begründung dafür, dass revolutionen notwendig sind, auch wenn es einem selber vlt noch einigermassen gut gehen mag. die begründung für die notwendigkeit von revolutionen muss also eine andere quelle haben. meines erachtens ist diese quelle eine moralische oder ethische einsicht, dass die eigene „befreiung“ nicht möglich ist, solange andere noch „unfrei“ sind. ich denke, das meinte auch Marx, als er zur englischen arbeiterklasse sagte, sie könne sich nicht befreien, solange sie die unterdrückung der Iren miträgt.

nun ist dieser zusammenhang recht abstrakt und für jemanden, der rein auf einer „ego“-ebene denkt, eigentlich nicht nachvollziehbar. was habe ich mit einer textil-arbeiterin in Pakistan zu tun, werden viele sagen; selbst wenn ihr T-shirt, das sie tragen, just von dieser Arbeiterin endgefertigt wurde.

das heisst, die notwendigkeit von revolutionen kann eigentlich erst dann verstanden werden, wenn man sich als verwoben mit dem ganzen weltgeschehen empfindet. diese bewusstseinebene erreichen aber nur ganz wenige [1] und ich weiss nicht, ob es denkbar ist, dass so etwas auf „Massenebene“ existieren kann.

auch das beispiel der russischen oktoberrevolution (ein anderes gibt es ja auch nicht!) überzeugt mich nicht. die oktoberrevolution beruhte auf drei „losungen“: Land, Brot und — und das ist das entscheidene — FRIEDEN! das „land“ und „brot“ nichts mit dem marxistischen sozialismus zu tun haben, dürfte für die meisten leser nachvollziehbar sein. und „frieden“ eigentlich auch nicht wirklich. die bolschewiki kamen an die „Macht“, weil sie die einzigen waren, die sich wirklich konsequent für frieden eingesetzt hatten. die Massen waren kriegsmüde, und das ist ja nur allzu verständlich. dass diese Massen aber nichts (oder zumindest wenig) mit „sozialistischem bewusstsein“ zu tun hatten, sollten die bolschewiki, sobald sie zur regierungstätigkeit übergingen, selbst am leibe zu spüren bekommen. [2]

zugespitzt könnte man sagen, ohne den 1.weltkrieg hätte es auch keine oktoberrevolution gegeben. nicht zufällig hat Lenin den Krieg als „mutter der revolution“ bezeichnet. das heisst, ohne grosse historische und individuelle erschütterungen sehen menschen sich nicht veranlasst, etwas zu verändern. Brecht hat das in seiner rede für den frieden sehr gut gesagt:

„Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer. Die Beschreibungen, die der New Yorker von den Gräueln der Atombombe erhielt, schreckten ihn anscheinend nur wenig. Der Hamburger ist noch umringt von Ruinen und doch zögerte er, die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben. Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen. „Der Regen von gestern macht uns nicht naß“, sagen viele. Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen. Und doch wird nichts mich davon überzeugen, daß es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde bei­zustehen. Laßt uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Laßt uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“

dieses zitat ist auch angesichts des verbalen säbelrasselns Trumps gegen Nord-Korea hoch aktuell. und verteidigungsminister Mattis verstieg sich sogar zu der aussage:

„Die Demokratische Volksrepublik sollte jeden Gedanken an Handlungen aufgeben, die zum Ende ihres Regimes und zur Vernichtung ihres Volkes führen würden.“

schon wieder geht es also um das „vernichten von völkern“!

aber das bringt uns zumindest zum ausgangspunkt zurück. was ist nötig, damit auch ‚materiell privilegierte‘ ein „revolutionäres bewusstsein“ entwickeln können? (es sei daran erinnert, dass die grossen marxistischen theoretiker doch eher aus dem kleinbürgertum stammten. Friedrich Engels war sogar ein Gross-Industrieller.) ich finde dafür keinen schöneren ansatz als ein zitat von Paul Levi, Anwalt und Gefährte von Rosa Luxemburg:

„es ist nicht nur maß und zahl in den dingen; es ist ein geist, der über allem wehen muß und der allein die proletarische revolution erheben kann zu jener geschichtlichen und ethischen größe, in der sie ihr großes ziel vollenden kann.“—paul levi, einleitung zu r. luxemburg: zur russischen revolution [1922]

und solange dieser „geist“ in der sozialistischen bewegung nicht existiert (nicht mehr existiert), oder gar als „idealismus“ verspottet wird, solange wird die notwendige „geschichtliche und ethische grösse“ auch nicht erreicht werden.

———

[1] im spiral dynamics-system wäre das wohl ab stufe „grün“.

„Gemeinschaftsgefühl, menschlicher Zusammenhalt, ökologische Sensibilität, Netzwerke. Der menschliche Geist muss von HabgierDogma und Entzweiung befreit werden; Gefühle und Fürsorge gehen über kalte Rationalität; Wertschätzung der Erde, von Gaia, des Lebens. Gegen jede Hierarchie; Herstellung von Querverbindungen und Vernetzung.“

wirklich „integral“ wird es aber erst ab „gelb“:

„Das Selbst ist was es zu sein wünscht, mit Rücksicht auf andere Menschen und das Leben allgemein. Nicht nur das eigene Leben soll gefördert werden. Gute Regierung erleichtert das Aufsteigen von Entitäten auf allen Ebenen zunehmender Komplexität. Nach Schätzungen gehören am Beginn des 21. Jahrhunderts ca. 1 Prozent der Weltbevölkerung und ca. 5 Prozent der Machtstrukturen dieser Ebene an.“

1 Prozent – das ist nicht viel!

[2] „Die Räte sind bis heute ein fester Orientierungspunkt im linken Diskurs.Die Vorstellung, ein anderes Demokratiemodell bringe per se auch inhaltlich andere Beschlüsse, scheiterte während der Russischen Revolution radikal. Die AnhängerInnen dieser Vorstellung gingen und gehen bis heute davon aus, dass in ihrem Sinne richtige Positionen sich in einem irgendwie richtig justierten Demokratiemodell durchsetzen würden. Als die Bolschewiki feststellten, dass diese Erwartung keineswegs aufging, verwarfen sie die Form zugunsten des Inhalts.
Diejenigen KritikerInnen, die heute deren Politik [die Politik der Bolschewiki] im Namen einer „wahren“ Rätemacht kritisieren, wiederholen lediglich deren Ausgangsirrtum.“ — Evkeniy Kasakow, Prokla

man muss allerdings dazu sagen, dass Lenin solche „demokratistischen“ illusionen (in die räte als [organisations]“form“) nicht hatte [diesen vorwurf könnte man vermutlich eher Rosa Luxemburg mit ihrer „Spontaneität“ — auf deutsche verhältnisse bezogen — machen]. er wollte ’nur‘ einen „arbeiter-und bauernstaat“ aufbauen auf einem ungenügenden kulturniveau. und er wusste das auch; darum setzte er auf die ausweitung der revolution nach westeuropa. das hat nicht geklappt und der rest der geschichte ist auch geschichte.

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5 Kommentare zu “Kein Klassenkampf in Israel?

  1. unter „menschwerdung“ muss man wohl die kultivierung der sinne, verfeinerung der bedürfnisse, selbstqualifizierende bildung und empathischere verkehrsformen verstehen.

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