Uncategorized

Zur Kritik der ‚postmodernen‘ Subjektivität

neulich sagte ich zu einem menschen bei facebook, die ich nebenbei [virtuell] mehr als schätze, dass das ‚postmoderne ego‘ sich nichts vorschreiben lassen will; so dass selbst berechtigte formen von ‚protest‘ eher wie eine kränkung der persönlichen eitelkeit erscheinen.

bislang war diese ansicht von mir eher einem gefühl geschuldet als rationalen überlegungen. aber durch meine gesteigerte internet-lektüre, die ich den vielen anregungen bei fb verdanke, bin ich auf zwei artikel gestossen, die mein gefühl zumindest zu unterfüttern scheinen.

der erste artikel ist von Slavoj Žižek (den eigentlich eher weniger mag) zur kritik des „opferkultes“:

„Der Opferkult steht in der Tat im Dienste des Status quo, weil er Verantwortung delegiert. Wie setzt sich das Subjekt auf der Höhe der Zeit in Szene? Der freie Mensch empfindet sich einerseits als völlig verantwortlich für sein Schicksal, andererseits gründet er die Legitimation des Sprechens auf den Opferstatus, der fernab seiner Kontrolle liegt. Jeder Kontakt zu anderen Menschen wird als potenzielle Bedrohung empfunden: Wenn das Gegenüber raucht oder mir einen lüsternen Blick zuwirft, so habe ich allen Grund, mich allein dadurch verletzt zu fühlen und Wiedergutmachung zu beanspruchen. Die Logik der Viktimisierung ist universell geworden und reicht weit über die bekannten Fälle von sexueller oder rassistischer Belästigung hinaus. […] Die Vorstellung eines Subjekts, das bloss ein Opfer der Umstände ist, schliesst eine extrem narzisstische Perspektive ein, aus der jede Begegnung mit der Welt wie eine mögliche Bedrohung für den wackligen inneren Frieden erscheint. Somit ist es nicht das Gegenteil, sondern eher die Kehrseite des freien Individuums: Die Selbstbehauptung des egozentrischen Subjekts verschwimmt paradoxerweise mit der Wahrnehmung seiner selbst als eines Objekts. Und dabei ist klar – mit solchen Egozentrikern, die stets die anderen anrufen, ist keine Revolution zu machen. Sie sind der Garant dafür, dass sich am Status quo nichts ändert, Empörung hin oder her.“
ich denke, dieser analyse kann nicht hinzugefügt werden; zumindest ich wüsste nichts.
der zweite artikel (Ronja von Rönne, Wir Etikettierer) geht schon etwas tiefer an die wurzeln der widersprüche des ‚postmodernen ego‘. auf der einen seite möchte es etwas ‚besonderes‘ sein, aber auf der anderen seite hat es den unbändigen drang, sich selbst zu erklären durch das anheften von labels (zuschreibungen). auf der einen seite möchte es in keine schublade gesteckt werden, auf der anderen seite kann es die sehnsucht nach zugehörigkeit nicht verleugen.
„Hierin liegt das große Dilemma aller, die sehr besonders sein möchten, aber eben nicht allein: Obwohl Etikettenfreiheit die größte aller Freiheiten zu sein scheint und lauter 23-jährige Models und Popmusiker (natürlich polyamourös und hypersensibel) fordern, bitteschön nicht in Schubladen gesteckt zu werden, ist sie doch immer noch da – die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Die Sehnsucht zu wissen, wer man eigentlich ist, in einer zunehmend lauten Welt, der so ein einzelnes Ich ziemlich egal zu sein scheint.“
treffender kann man es wohl nicht auf den punkt bringen!
aber es geht nicht nur um das sich erklären in ‚privaten beziehungen‘. das ganze hat auch eine eminent ‚politische‘ dimension.
die tiefe menschliche frage „wer bin ich?“ [1] kann nicht mehr mit dem einfachen berufen auf eine von ‚gott gegebene ordnung‘ beantwortet werden. und das ist auch gut so. wir müssen uns hingegen unser (selbst)zuschreibungen erarbeiten. aber diese selbstzuschreibungen sind mehr als etiketten: sie sind unsere identität (oder zumindest ein teil davon). und identität ist kultur, so wie kultur identität ist.
das hört das postmoderne ego aber gar nicht gern, will es sich doch schliesslich durch nichts ‚äusseres‘ (‚autoritäres‘) in ’sein‘ leben hineinreden lassen. (jeder macht nun mal sein ding).
und das genau ist der zentrale widerspruch nicht nur des postmodernen ego, sondern auch der gesamten postmodernen philosophie in toto. in dem man alles in frage stellt, stellt man eben auch das ‚in frage stellen‘ in frage oder muss für seine positionen geltungsansprüche herstellen, die dann wieder von anderen (noch rrradikaleren) ‚dekonstruiert‘ werden können. ad infinitum.
es gehört aber zum wesen des menschen (puh, hoffentlich liest das kein postmoderner 😉 ), dass er sich einen platz in der welt suchen muss, in der er seine zugehörigkeit (ein menschliches grundbedürfnis!) und seinen ‚lebenssinn‘ finden kann. (allerdings spricht nichts theoretisches dagegen, sich auch für einen radikalen nihilismus [2] zu entscheiden. ich weiss nur nicht, ob das wirklich so sinnvoll ist 😉 ).
früher hat diese funktion die religion oder das mythische bewusstsein übernommen. welche kraft dazu heutzutage in der lage wäre, diese frage kann wohl nur jeder für sich selbst beantworten (eine echte postmoderne errungeschaft! 🙂 ).
ich denke aber, dass dies weniger eine frage des kopfes, sondern mehr des herzens und der leidenschaften ist.
—————
[1] „was ist’s, das dich so plötzlich aus dem nichts hervorgerufen, um dieses schauspiel, das deiner nicht achtet, ein weilchen zu geniessen. alle bedingungen für dein sein sind fast so alt wie der fels.[…] vor hundert jahren vielleicht saß ein anderer an dieser stelle, blickte gleich dir, andacht und wehmut im herzen, auf zu den verglühenden firnen. er war vom mann gezeugt und vom weib geboren gleich dir. er fühlte schmerz und kurze freude wie du. war es ein anderer? warst du es nicht selbst? was ist dies dein selbst?“ –Erwin Schrödinger, zit. nach: Ken Wilber, Eros, Kosmos, Logos
[2] dieses gedicht von einer blogleserin finde ich sehr passend dazu:

@ Nietzsche
Ich bin eine Frau
eine Bauersfrau bin ich
halte Decartes für eine
exquisite Speisenfolge
denke in meiner Tonne

auf dem Marktplatz
an deinen Namen
buchstabieren
kann ich ihn nicht

in mir ist genügend
Chaos um einen
tanzenden Stern wie
dich zu gebären und

ich bleibe auch heiter über die
Gewissheit meines Todes
bis dahin brate ich
Eier
unsichtbar natürlich

eine Frau bin ich

und zur kritik an der patriarchalen sicht auf die kultur von Mascha Kaleko:

Meine Herren, wir sind im Bilde.
Nun, Wagner hatte seine Cosima
Und Heine seine Mathilde.
Die Herren vom Fach haben allemal
Einen vorwiegend weiblichen Schatz.
Was uns Frauen fehlt, ist »Des Künstlers Frau«
Oder gleichwertiger Ersatz.

Mag sie auch keine Venus sein
Mit lieblichem Rosenmund,
So tippt sie die Manuskripte doch fein
Und kocht im Hintergrund.
Und gleicht sie auch nicht Rautendelein
Im wallenden Lockenhaar,
So macht sie doch täglich die Zimmer rein
Und kassiert das Honorar.

Wenn William Shakespeare fleißig schrieb
An seinen Königsdramen,
Ward er fast niemals heimgesucht
Vom »Bund Belesner Damen«.

Wenn Siegfried seine Lanze zog,
Don Carlos seinen Degen,
Erging nur selten an ihn der Ruf,
Den Säugling trockenzulegen.

Petrarcas Seele, weltentrückt,
Ging ans Sonette-Stutzen
Ganz unbeschwert von Pflichten, wie
Etwa Gemüseputzen.
Doch schlug es Mittag, kam auch er,
Um seinen Kohl zu essen,
Beziehungsweise das Äquivalent

In römischen Delikatessen.

Gern schriebe ich weiter
In dieser Manier,
Doch muß ich, wie stets,
Unterbrechen.
Mich ruft mein Gemahl.
Er wünscht, mit mir
Sein nächstes Konzert
Zu besprechen.

Advertisements

6 Kommentare zu “Zur Kritik der ‚postmodernen‘ Subjektivität

  1. „Denn auch das gehört ja zur Identität: sie regelmäßig infrage zu stellen, Grenzen auszutesten, sich von bisherigem Verhalten zu emanzipieren. Deswegen sind Leute, die vor zwei Wochen noch demisexuell waren und nun Frauen in Clubs abpflücken wie Gänseblümchen auf einer Sommerwiese, auch nicht schlechte, inkonsequente Menschen, sondern liebenswerte Exemplare, die ihr Ich nicht vergessen haben in den Schubladen „Deutsch, Student, Überraschungseisammler“, sondern immer wieder neu einordnen. Je mehr Etiketten, desto besser. Bis die Anzahl irgendwann so grotesk groß wird, dass wir alle endlich darauf verzichten können. Bis wir den Mensch akzeptieren als das, was er nun mal ist, mit all seinen seltsamen Ängsten und Einstellungen und seinem schrägen „Carpe Diem“-Wandtattoo in der Küche. Bis dahin müssen wir uns den anderen wohl noch erklären.“
    http://www.zeit.de/kultur/2017-11/subjektivitaet-individualismus-normcore-demisexuell-ronja-von-roenne/komplettansicht

  2. eigentlich ist es unnötig zu erwähnen, aber ich tue es mal vorsichtshalber trotzdem: das postmoderne ego ist natürlich auch nicht gerade geeignet für jegliche form von organisierung (insbesondere von politischer). sie ist ihm vielmehr eine horrorvorstellung.

  3. Pingback:     DEMOKRATISCH – LINKS » Blog Archiv » Eine falsche Alternative:

  4. Pingback: Ein paar Überlegungen zur ‚Zukunftsfähigkeit‘ der ‚linken‘ | Linke Zeitung

  5. Pingback: "Sascha Iwanows Welt"

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s