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Eine tiefschürfende ‚linke‘ Strategiedebatte tut not

Die ‚linke‘ steckt in ernsthaften Schwierigkeiten. Das tut sie eigentlich schon immer, aber die ‚Postmoderne‘ hat ein paar neue Fragestellungen hinzugefügt, die die ‚linke‘ zu zerreissen drohen und es der Rechten relativ leicht machen, Vorteile zu gewinnen.

Ich habe nicht den Anspruch, dies gleich als Warnhinweis vorne weg, diesem Thema vollständig gerecht werden zu können (dazu müsste man ein Buch schreiben); Ich versuche nur an ein paar zentralen Konfliktpunkten, theoretische Bedingungen für eine strategische Positionierung anzuführen, die ich als genuin ‚links‘ („marxistisch“) ansehen würde. Dabei kann ich es aber auch nicht ausschliessen, dass es Fragestellungen gibt, die noch nicht vollständig beantwortbar sind.

(1) Migration und Nationalstaat

Ich denke, es ist nicht übertrieben, die Debatte um Sahra Wagenknecht als ‚paradigmatisch‘ in dieser Frage für die PDL (und ihr Umfeld) anzusehen. Aber hier offenbart sich auch gleich das grosse Dilemma dieser Debatte: beide seiten (sowohl der Wagenknecht- als auch der Kipping-Flügel) argumentieren von einem systemimmanenten Standpunkt aus, allerdings mit unterschiedlichen theoretischen Voraussetzungen: während der Wagenknecht-Flügel die Rückkehr zum keynesianischen Sozial- und Nationalstaat will, orientieren sich die Kipping-Anhänger an einem ‚postmodernen‘ Freiheitsbegriff, dessen Trennlinie zum Neoliberalismus zunehmend unscharf wird.

Dies ist auch der tiefere Grund dafür, dass diese Debatte als kreisförmige ‚Argumentation‘ erscheint und es scheinbar keinen Ausweg aus dieser ‚Klemme‘ gibt. Dabei existiert diese ‚Klemme‘ in Wirklichkeit nur solange, wie man den globalisierten Kapitalismus als Rahmen dieser Debatte (theoretisch) akzeptiert. Dies muss man aber keineswegs!

Nun steht morgen natürlich nicht die ‚Weltrevolution‘ vor der Tür, und von daher muss man auch Losungen aufstellen und ‚Lösungen‘ vertreten, die der aktuellen Situation (möglichst) angemessen sind; Aber keinesfalls beschränkt sich die Auswahl zwischen echtem Sozialdemokratismus und ‚linkem Postmodernismus‘. Irgendwo muss es auch noch was Drittes geben. Ich persönlich plädiere für einen ‚altbackenen‘ ‚Marxismus‘, der aber unbedingt auf die Höhe der Zeit (also theoretisch ‚modernisiert‘) gebracht werden müsste. Dies ist natürlich ein Projekt, dass die Fähigkeiten einen einzelnen übersteigt, und sich eher in Jahren rechnet, wenn nicht in Jahrzehnten. Aber einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man am Anspruch der ‚Systemveränderung‘ (im strukturellen Sinne) festhalten will. Und tatsächlich scheint mir dieser Anspruch der einzige sinnvolle ‚politische‘ Ansatz zu sein, auf dem man sich (in aller Abstraktheit) erst einmal einigen könnte. Seine Wirkmächtigkeit unter den neuen Bedingungen der ‚Postmoderne‘ muss er allerdings erst noch beweisen.

(2) ‚Anti-sexistischer‘ Moralismus und eine freiheitliche Ethik, die Verantwortung und Gesinnung integriert

Schon während des NaO-Prozesses [1] tat sich ein Widerspruch zwischen der postmodernen linken und den Traditionalisten auf. Damals versuchte ich noch teilweise zwischen beiden Seiten zu vermitteln (was ich auch nach wie vor für richtig halte, auch wenn ich selbst eher zum Traditionalismus tendierte und immer noch tendiere), aber gerade in der Frage der Geschlechterverhältnisse (damals teilweise noch firmiert unter dem antiquierten Begriff ‚Frauenfrage‘) erwiesen sich die Positionen als unversöhnlich.

Meines Erachtens haben die Kritiker der ‚pomo-linken‘ Recht behalten, dass deren Positionen auf eine Art ‚Moral-Polizei‘ hinauslaufen.

Die Debatten um das Gedicht von Eugen Gomringer:

„Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer“

(spanisch: avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y un admirador)

Bild könnte enthalten: 1 Person, Menschenmasse

zeigen, dass der Vergleich (der schon zu Zeiten des NaO-Prozesses gezogen wurde) mit George Orwells berühmter Dystopie „1984“ nicht übertrieben war!

Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht jede Form von ‚Identitätspolitik‘ gleich des Verrats an der ‚Revolution‘ zeihen. Kulturelle Diversität ist ja nicht per se etwas Schlechtes, und ein liberal-demokratischer Kapitalismus ist eben tatsächlich ‚besser‘ als ein autoritärer oder diktatorischer. Nur das strukturelle Problem der sozialen Ungleichheit (so liberal, wie die ‚kulturelle Vielfalt‘ auch immer sein mag) lässt sich eben nur über die Änderung der Produktions- und Verkehrsverhältnisse ändern (und hoffentlich überwinden). Und in meinem Verständnis zählen zu den ‚Verkehrsverhältnissen‘ auch die Geschlechterverhältnisse; Zumal es zwischen ‚Kultur‘ und ‚Ökonomie‘ eh keine chinesische Mauer gibt. Auf der anderen Seite ist es der Tod jeder Emanzipationsbestrebung, Politik auf Ökonomie zu reduzieren. Der human factor ist mehr als im „Kapital“-Studium erfasst werden kann.

(3) Jenseits des TINA-Prinzips

Worin könnte nun eine ‚linke Alternative‘ zu Reformismus, Ökonomismus, postmodernistische Ideologien (sie müssten in eine ’neue Sozialtheorie‘ integriert werden im Sinne des dialektischen Dreischritts von Hegel: überwinden, bewahren und auf eine höhere Stufe führen) und Moralismus bestehen? Ich gestehe, diese Frage ist zu gross, um sie in einem Wurf zu beantworten. Ich bezweifle sogar, dass es zur Zeit möglich wäre, sich auch nur in einer einzigen Frage innerhalb des ‚radikal-linken‘ Spektrums so weit zu einigen, dass man daraus eine einigermassen widerspruchsfreie Praxis entfalten könnte. [2]

Diese Ausgangslage muss man als ‚gegeben‘ respektieren. Das einzige, was noch übrigbleibt, ist, seine eigenen Positionen mit den von anderen (Gruppen und Individuen) abzugleichen und dann zu gucken, wo sich eine Vernetzung lohnen könnte und wo nicht. Dies entspricht natürlich dem mühsamen Geschäft des Eichhörnchens, sich zu ernähren.

Aber immerhin, die Eichhörnchen schaffen es, den Winter zu überstehen und zu überleben. 😉

Die „revolutionären Marxisten“ [3] — so weit sie lernfähig und lernbereit sind und es auch bleiben [4] — werden es auch schaffen.

 

[1] ich verzichte hier bewusst auf eine Verlinkung von Texten zum Nao-Prozess, da sich die Lektüre eigentlich nicht mehr lohnt. Wer sich trotzdem dafür interessieren sollte, wird bei google sicher mehr Material dazu finden, als sich in diesem Leben noch bewältigen lässt.

[2] Meines Erachtens würde selbst die Einigung auf die „fünf Essentials“ nicht viel an dieser Misere ändern, da sie insgesamt viel zu abstrakt sind.

1. Das Konzept des (bzw. die Einsicht in die Notwendigkeit eines) ‚revolutionären Bruch/s’.

2. Die Verweigerung der Mitverwaltung des Kapitalismus (Absage an Regierungsbeteiligungen in bürgerlichen Staaten;…)

3. Klassenorientierung bzw. antagonistische Orientierung in Bezug auf ‚andere revolutionäre Subjekte’, z.B. Geschlechterverhältnisse, Rassismus, spezifisch diskriminierte Gruppen u.ä.

4. Einheitsfront-Aktionen (oder bescheidener: Aktionseinheiten) auf der Grundlage gemeinsamer (Teil-)Ziele bei voller Freiheit der beteiligten Gruppen, ihre jeweiligen Auffassungen zum Ausdruck zu bringen (nach klassischer Formulierung Lenins: „Freiheit der Agitation und Propaganda“)

5. eine gewisse organisatorische Verbindlichkeit, auch bereits hinsichtlich organisatorischer Zwischenschritte.“

[3] Eine genauere inhaltliche [programmatische] Bestimmung dieses Begriffes scheint mir erst möglich zu sein, wenn eine Neu- oder Umgruppierung unter selbstproklamierten ‚Revolutionären‘ bereits eingesetzt hat. Jede ‚Definition‘, die man davor setzten würde, würde nur der eigenen oder gruppenspezifischen Exklusion/Abgrenzung dienen. Dieser Aspekt hat zwar auch seine Berechtigung und sogar seine Notwendigkeit; Das ändert aber nichts am Zustand der grundsätzlichen politischen Ohnmacht der ‚radikalen linken‘. Genau diese müsste aber unbedingt überwunden werden, wenn Debatten nicht nur eine ‚theoretische‘ Bedeutung haben sollen.

[4] „Es heißt, die von nichts gewusst hatten waren naiv.
Im Gegenteil: Es war damals sehr praktisch von nichts zu wissen.
Und später dann war es weise von gar nichts gewusst zu haben.
Nur Dummköpfe oder Narren versuchten alles zu wissen.
Und die Suche nach Wissen brachte viele von ihnen ums Leben.
Drum fehlen uns jetzt diese Dummköpfe und diese Narren so bitter.“
(Erich Fried)

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2 Kommentare zu “Eine tiefschürfende ‚linke‘ Strategiedebatte tut not

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