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Schreiben als emanzipativer Prozess

Eribon hat mit seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ die Diskussion über den Rechtspopulismus tief geprägt.

in einem interview zu seinem buch „Gesellschaft als Urteil“ wurde Didier Eribon gefragt, was schreiben mit emanzipation zu tun hat. leider hatte er zur beantwortung dieser frage nur ein paar sätze zur verfügung, die natürlich über allgemeinplätze nicht hinausgehen konnten.

ich würde daher gerne diese fragestellung aufnehmen, da sie mich selbst sehr interessiert, und meine gedanken dazu entwickeln und weiterspinnen.

also zunächst: KANN schreiben überhaupt etwas mit emanzipation zu tun haben?

ich glaube ja, und zwar auf mehreren ebenen.

ebene 1 wäre die individuelle. schreiben ist zunächst einmal eine selbstauseinandersetzung und ein selbstdialog, der im besten fall zur selbsterkenntnis führt oder zumindest ein problembewusstsein steigert und eine verarbeitung von gefühlen und gedanken ermöglicht. und zwar findet die verarbeitung deshalb statt, weil diese gefühle und gedanken durch das schreiben ‚objektiviert‘ werden, also quasi sichtbar gemacht werden. dadurch wird auch ein gewisser effekt der selbstdistanz gefördert, der sogar (psycho)therapeutisch wirksam sein kann. so kuriere ich z. b. liebeskummer mit dem schreiben von gedichten 😉 .

ebene 2 wäre dann die politische. das schreiben soll und kann einen beitrag zu gesellschaftlichen diskursen und damit bewusstseinsprozessen und bewusstseinsveränderungen leisten. diese ebene 2 ist ein bisschen komplexer und ich verweise daher hier nur auf einen anderen blogartikel.

und die letzte ebene wäre die 3: die gesellschaftliche. wenn ich mich selbst weiter entwickle hat das auch auswirkungen auf mein umfeld. im günstigsten fall, dass ich andere dazu animiere, sich ebenfalls mit gewissen dingen zu beschäftigten. im schlimmsten fall kann es aber auch dazu führen, dass sich einige abwenden. dies ist dann aber eine notwendige begleiterscheinung davon, dass man beginnt, sein leben nach anderen kriterien auszurichten als die, die vorher galten.

insofern sollte man es sich schon gut vorher überlegen, mit welchen gedanken und (geistigen) wegen man sich beschäftigen will. denn dies kann durchaus auch ganz praktische konsequenzen haben. sehr schön hat das Bert Brecht ausgedrückt:

„Eine halbwegs komplette Kenntnis des Marxismus kostet heut, wie mir ein Kollege versichert
hat, zwanzigtausend bis fünfundzwanzigtausend Goldmark und das ist dann ohne die Schikanen. Darunter kriegen Sie nichts Richtiges, höchstens so einen minderwertigen Marxismus ohne Hegel oder einen, wo der Ricardo fehlt usw. Mein Kollege rechnet übrigens nur die Kosten für die Bücher, die Hochschulgebühren und die Arbeitsstunden und nicht was Ihnen entgeht durch Schwierigkeiten in Ihrer Karriere oder gelegentliche Inhaftierung, und er läßt weg, daß die Leistungen in bürgerlichen Berufen bedenklich sinken nach einer gründlichen Marxlektüre; in bestimmten Fächern wie Geschichte oder Philosophie werdens nie wieder wirklich gut sein, wenns den Marx durchgegangen sind.“

mit inhaftierungen hatte ich bislang (noch) nichts zu tun, aber ich weiss aus meiner schulzeit, wo ich anfing, mich links zu politisieren, dass meine leistungen im gesellschaftskundeunterricht bedenklich nach unten gingen; einfach, weil ich diese ‚bürgerlichen‘ geschichtsbetrachtungen nicht (mehr) ertragen konnte (es ging damals um das thema: ‚Weimarer Republik‘).

heute weiss ich, was der sinn der kritik ist und kann dementsprechend gelassener mit abweichenden auffassungen umgehen. aber noch heute spüre ich wut in mir aufsteigen, wenn leute meinungen vertreten, die im offensichtlichen widerspruch zum ‚faktischen‘ stehen.

dabei müsste ich es eigentlich besser wissen. auch die wahrnehmung unterliegt einer schulung und ist abhängig von unserer bewusstseinsentwicklung. das auge ist keine kamera, die ein ‚objektives‘ bild der welt schiesst, sondern der lichteinfall der äusseren welt in unseren geist. niemand hat das schöner als Goethe gesagt:

„Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?“

das heisst, alles was wir „wahr -nehmen“ unterliegt der interpretativen (vor)sortierung unseres bewusstseins. dies ist übrigens eine vollkommen wertneutrale feststellung, da unser gehirn schon aus gründen der energiehaushaltung nur eine begrenzte aufnahmekapazität von äusseren reizen hat. es muss also zwingend auch eine filterfunktion wahrnehmen, sonst würden wir alle verrückt werden.

dass diese filterfunktion dann auch zu ideologischen verzerrungen bis hin zu völligen verkennungen der realität führen kann, ist leider dann die andere seite der medaille. in einem artikel über wahrnehmung heisst es:

„Grund für die Verrenkungen, die unser Gehirn dabei unternimmt, ist das so genannte Konsistenzmotiv, wie Psychologe Vogel weiter ausführt: „Wir haben das Bedürfnis, dass unser Wissen widerspruchsfrei ist. Alles andere würde ja logisch keinen Sinn ergeben.“ Stehen unsere Einstellung und eine nicht dazu passende Information nebeneinander, sprechen Wissenschaftler von kognitiver Dissonanz. Um diesen unangenehmen Spannungszustand aufzulösen, müssen wir an manchen Stellen Informationen abwehren. Am einfachsten sei das, wenn man Fakten rundheraus für falsch erklären kann, so Vogel. Ist das nicht möglich, können wir auch das Gewicht der Information kleinreden….
Was hilft also gegen die Sturheit unseres Geistes? Zu denken wie ein Wissenschaftler, behauptet die Psychologin Priti Shah von der University of Michigan. Doch das ist harte Arbeit! In einem aktuellen Buchkapitel listen Shah und ihre Kollegen auf, welche Denkfallen dabei lauern, wenn Menschen die Qualität wissenschaftlicher Beweise evaluieren wollen. Wir müssen etwa lernen zu beurteilen, ob die präsentierten Daten wirklich die behauptete Hypothese stützen oder ob dies vielleicht nur den Anschein hat – wofür ein Grundverständnis von Forschungsmethoden und Statistik nötig ist. Zudem, so Shah, verlassen wir uns allzu oft auf Heuristiken: gedankliche Abkürzungen, dank derer wir uns schnell und ohne geistige Anstrengung ein Urteil bilden können. Und wir vertrauen zu stark auf persönliche Erfahrungsberichte und grafisch präsentierte Ergebnisse. Das wenig optimistische Urteil der Forscher: Angesichts der Vielzahl von Fehlschlüssen, denen Menschen aufsitzen, und Denkfallen, in die Menschen tappen, seien wir für pseudowissenschaftlichen Unfug geradezu prädestiniert.“

ich fürchte, dass dieser geringe optimismus in sachen wahrnehmung berechtigt ist. im übrigen sei darauf hingewiesen, dass dieses ‚Konsistenzprinzip‘ schon selbst inkonsistent ist. denn in einer widersprüchlichen welt, die auf widersprüchen aufgebaut ist, kann es ja schon per definitionem kein widerspruchsfreies bewusstsein geben.

und dialektisches denken wird in einer gesellschaft, die auf instrumenteller, begrenzter (ego)rationalität und postmoderner beliebigkeit setzt, nicht gerade gefördert.

in diesem zusammenhang scheint mir auch das berühmte diktum von Adorno:

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

von bedeutung zu sein. obgleich man diesen satz sicherlich von vielen seiten auch kritisieren kann und seine grundaussage in dieser absolutheit tatsächlich ‚pessimistisch‘ ist, so denke ich doch, dass man den satz auch anders lesen kann.

zunächst einmal muss man anerkennen, dass wir alle das produkt unserer gesellschaftlichen bedingungen sind. so weit dürfte einigkeit herrschen.

„Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ (Thesen über Feuerbach)

aber dann wirds ein bissl komplizierter. da es offensichtlich fortschritt in der geschichte gibt, kann es ja nicht nur die reproduktion des bestehenden geben; sondern es muss auch etwas geben, dass menschen über bestehende grenzen hinausführt. ich nenne dies den ‚transzendenz-faktor‘ in der geschichte. wie man diesen transzendenz-faktor begründet, ob philosophisch, religiös oder evolutionsbiologisch ist mir persönlich eigentlich ziemlich wurscht. wichtig ist, dass der mensch kraft seines wesens in der lage ist, seine (soziale) situation zu überschreiten. sehr schön hat das Ernst Bloch ausgedrückt:

„Ich bin. Wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine Faust und seine Ziele werden.“

das bedeutet, es gibt in unser aller leben zwei sich widersprechende tendenzen: die eine sucht den erhalt des bestehenden (die konservative tendenz) und die andere sucht die veränderung im sinne des [möglich] ‚besseren‘.

man kann sich leicht vorstellen, dass beide tendenzen unterschiedliche konjunkturen haben. die konservative tendenz überwiegt, wenn alles gut läuft und alles im ‚grünen bereich‘ ist. die veränderungs- oder gar revolutionäre tendenz kann erst dann einsetzten, wenn quasi schon alle anderen (sicherungs)stricke gerissen sind und es ’nur‘ noch die flucht nach vorne gibt. leider stimmt das mit dem ’nur‘ nicht wirklich, denn tatsächlich gibt es auch die flucht nach hinten (die aber natürlich nicht wirklich eine ‚lösung‘ darstellt, sondern nur das bestehende noch extrem verschlimmert und radikalisiert. vergleich zur kritik der ‚extremismustheorie‘ hier )

so bleibt wahr, was Rosa Luxemburg gesagt hat: Sozialismus oder Barbarei! 

im moment scheint die barbarei aber starke (heim)vorteile zu haben. bei facebook schrieb ich vor ein paar tagen:

ich muss immer wieder feststellen, dass linke meinen, antifaschismus bestehe darin, die nazis als „dumm“ zu überführen. 
leute, ihr macht einen schweren fehler! 
die rechten sind nicht auf dem vormarsch, weil sie vorurteile und ressentiments bedienen (das auch), sondern weil die ‚linke‘ (zu viele) fehler macht.

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2 Kommentare zu “Schreiben als emanzipativer Prozess

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