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Neoliberalismus, Rechtstrend und die Unzulänglichkeiten der ‚Linken‘

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt‘ einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ — Bert Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Bildergebnis für erich fromm zitate liebe

vor ein paar tagen teilte ich in meinem facebook-account einen beitrag von deutschlandfunk kultur über ‚hasskommentare‘. dort vertritt die autorin (sie hat ein ganzes buch mit hasskommentaren zusammengestellt) die ansicht, dass man hasskommentare nicht nur auf der ebene der tatsächlichen inhalte bewerten darf, sondern dass man auch die menschen und ihre situation, die hinter diesen kommentaren steht, mitberücksichtigen müsse.

Man kann das nicht einfach nur als Hass qualifizieren, sondern dass da Menschen dahinterstecken – Menschen mit Bedürfnissen, auch mit tragischen Lebensgeschichten.“ 

Und ich glaube, dass die meisten Männer, die solche Sachen schreiben, dass die auch gar nicht wissen, was das anrichtet, ehrlich gesagt. Das hört sich jetzt so profan an. Aber ich glaube tatsächlich, dass das so ist.“

„Man spürt richtig, wenn man in Kontakt mit den Leuten auch tritt, man spürt den Hass gegen sich selbst. Und man spürt den Hass, die Wut, die Verzweiflung über eine Welt, die sie nicht verstehen, die sie nicht verstehen wollen, von der sie sich im Stich gelassen fühlen. Und ich finde, angesichts unserer gesellschaftlichen Lage, müssen wir das debattieren.“

mir selbst leuchtete dieser ansatz unmittelbar ein, aber eine andere userin schrieb dazu:

„Ich habe kein Verständnis für Hasskommentare, und ich halte es für ungut, diesem Hass Aufmerksamkeit zu schenken, schon gar nicht gesammelt in Buchform herauszubringen. Alles höchst ungut. Aber das Kind ist wohl schon längst in den Brunnen gefallen, den social media sei „Dank“.“

ich muss zugeben, dass ich von der art der gegenreaktion etwas überrascht war. ich habe zwar verständnis dafür, dass man mit solchen leuten nicht viel zu tun haben will (das halte ich auch so), aber ignoranz oder gar ‚hass auf die hasser‘ scheint mir auch keine lösung für das problem zu sein. eher erscheint es mir, als sei es selbst eine abwehrreaktion gegen eine wirklichkeit, die man zwar nicht verleugnen kann, aber mit der man sich nicht wirklich auseinandersetzen will.

„Die brauchen einen ordentlichen Schuss vor den Bug. Bzw. therapeutische Behandlung. 
Und irgendwie scheinst du mich misszuverstehen. Nur weil ich mich entschieden gegen diese hasszerfressenen (bei manchen ist es sogar nicht mal das, da wird halt einfach was rausgekotzt, ganz ohne Hass, da bin ich mir sicher) Idioten abgrenze und mich weigere, einen tieferen Sinn in diesem Dreck zu suchen, der da permanent abgesondert wird, heißt das ja nicht, dass ich nicht standhaft bin oder kein gütiger Mensch.“

aber genau diese auseinandersetzung scheint mir notwendig zu sein, insbesondere auch im zusammenhang mit dem wachsenden rechtspopulismus und der rechtsverschiebung in der gesellschaft.

’social media‘ als Brandbeschleuniger? 

man hört immer wieder den vorwurf, dass die social media dem hass vorschub leisten würden. was ist dran an diesem vorwurf?

grundsätzlich ist mein ansatz, dass facebook und co. nur ein spiegel der gesellschaft sind. aber vlt macht man es sich damit doch etwas zu leicht. ich bin aufgewachsen in einer zeit, wo es zwei oder drei fernsehprogramme gab, das radio war auf den einen lieblingssender eingestellt und abends um 20:00 wurde die tagesschau von der ganzen familie geguckt und man hatte die regionale zeitung abonniert.

heutzutage kann jeder seine meinung, wie reflektiert oder unreflektiert auch immer, in den sozialen medien einstellen und hat dadurch anteil (und vlt auch einfluss) auf den gesellschaftlichen gesamtdiskurs. diese änderung der medienlandschaft hat also schon auch eine bedeutung für den politischen meinungsbildungsprozess und seinen wandel.

während noch bis zu beginn der 80er jahre der politische willensbildungsprozess hauptsächlich über die leitmedien (TV und printPresse) gesteuert wurde (so muss man es wohl im nachhinein sagen), so läuft heutzutage sicherlich das meiste über das internet. und das wesentliche kennzeichen des internets ist es nun einmal, dass es dezentral organsiert ist.

diese dezentrale struktur hat aber mindestens zwei seiten. auf der einen seite ist es eine chance für eine demokratisierte informations- und meinungsbildungspolitik. aber auf der anderen seite kann sich auch alles sammeln, was Leo Trotzki so beschrieben hat:

„Der Faschismus entdeckte den Bodensatz der Gesellschaft für die Politik. Nicht nur in den Bauernhäusern, sondern auch in den Wolkenkratzern der Städte lebt neben dem zwanzigsten Jahrhundert heute noch das zehnte oder dreizehnte. Hunderte Millionen Menschen benutzen den elektrischen Strom, ohne aufzuhören, an die magische Kraft von Gesten und Beschwörungen zu glauben. Der römische Papst predigt durchs Radio vom Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein. Kinostars laufen zur Wahrsagerin. Flugzeugführer, die wunderbare, vom Genie des Menschen erschaffene Mechanismen lenken, tragen unter dem Sweater Amulette. Was für unerschöpfliche Vorräte an Finsternis, Unwissenheit, Wildheit! Die Verzweiflung hat sie auf die Beine gebracht, der Faschismus wies ihnen die Richtung. All das, was bei ungehinderter Entwicklung der Gesellschaft vom nationalen Organismus als Kulturexkrement ausgeschieden werden mußte, kommt jetzt durch den Schlund hoch; die kapitalistische Zivilisation erbricht die unverdaute Barbarei. Das ist die Physiologie des Nationalsozialismus.“

und genau diese „unverdaute Barbarei“ erbricht sich gerade in den sozialen medien.

Die neoliberale Zerstörung des ‚Sozialstaats‘ führte zum Wiederaufstieg der faschistischen Gefahr

seit den 50er bis in die 80er jahre hinein war die BRD durch die nachkriegsprosperität gekennzeichnet. das jahr 68 markierte sogar die chance, dass es zumindest im kulturellen und intellektuellen bereich eine ‚linke hegemonie‘ hätte geben können. aber all das wurde durch die globalisierung und die mit ihr einhergehende politik des ’neoliberalismus‘ zunichte gemacht.

nun muss aber dazu sagen, dass die 30 ‚goldenen jahre‘ der BRD eine historische ausnahmesituation waren, die allein aufgrund der vorher verursachten kriegsfolgen verstehbar sind. dass diese prosperität nicht ewig halten würde, hätte man wissen können und viele haben es auch sicher gewusst. aber so lange man als Made im speck leben kann, solange fragt man vermutlich auch nicht gross nach dem ‚morgen‘.

aber diese zeiten sind nun definitiv vorbei. der weltmarkt diktiert die ökonomischen und damit auch die politischen bedingungen. und zu diesen ökonomischen bedingungen gehört ein absinken des lohnniveaus, die herausbildung eines konstanten anteils an ‚industrieller reservearmee‘ (wobei industrielle produktion schon häufig ausgelagert wird in länder, wo die lohnkosten noch niedriger sind) und die bildung einer prekären und armen-schicht, die sogar teilweise nicht einmal mehr vom [staatlichen] ’sozialen netz‘ aufgefangen wird. da springen dann ehrenamtliche oder selbsthilfegruppen ein, die natürlich nur über begrenzte kapazitäten verfügen (können).

und wenn dann noch ein anstieg von migrationsbewegungen verzeichnet wird, dann kann man sich leicht ausrechnen, dass da ein soziales pulverfass angerührt wird.

wenn es nur wenig zu verteilen gibt, dann kann man nicht von leuten, die sowieso schon zu den schwächsten der gesellschaft gehören, verlangen, dieses wenige noch mit anderen zu teilen. das wäre so, als wenn man einen bettler auffordern würde, mehr zu sparen.

das perfide daran ist, dass man auf diese weise die schwächsten der gesellschaft gegeneinander aufhetzten kann und anstatt die verursacher der ganzen misere zu bekämpfen, sucht man sich sündenböcke, die den ganzen hass abbekommen und die herrschenden sitzen umso sicher in ihren Machtzentren fest (teile und herrsche-prinzip). und das schwächste glied in dieser kette sind im moment die migranten und leute mit migrationshintergrund oder leute, die irgendwie nicht ‚deutsch‘ aussehen.

rasssimus und nationalismus sind also die transmissionsriemen, die die rechtsverschiebung in weite teile der bevölkerung weiterleiten. und dies sind keineswegs nur prekäre schichten. auch grosse teile der lohnabhängigen und der sog. ‚mittelschicht‘ haben inzwischen angst vor sozialem abstieg. und diese angst drückt sich zum beispiel auch in wahlergebnissen der AfD aus oder in Bewegungen wie Pegida und Co.

dass sich dieser rechtspopulismus mehr in diffusen ressentiments als in klaren politischen haltungen ausdrückt, ist nichts überraschendes. aber es bringt nichts, dies den leuten immer wieder vorzuhalten.

die facebook-seite „Leute in Dresden“ schreibt:

„Die marschieren jetzt bei Pegida und brüllen „Lügenpresse“ und „Wir sind das Volk“. Die haben uns diesen Spruch geklaut. Ich habe mal einen gefragt, der „Lügenpresse“ gebrüllt hat: „Was lesen Sie für eine Zeitung?“ „Gar keine.“ Aber er brüllt Lügenpresse. Es ist zum Teil so eine Art Familientreffen, wenn die ihre Demo vorbereiten, da stehen die ersten schon da und spielen Schifferklavier, verteilen Liederblätter, singen irgendwelche deutsche[n] Volkslieder, dann kommen die ersten mit ihren Fahnen und begrüßen sich untereinander, kennen sich alle schon untereinander. Es sind zum Glück nicht alles Dresdner, die kommen von sonstwo her. Aber es ist jeder peinlich, der da kommt. Der Eindruck von Dresden wird versaut.“ (http://bit.ly/2t7n4EY)

Das Dilemma der „Aufklärung“

im grunde zeigt dieser kleine bericht doch schon, worum es geht. diese menschen suchen eine art ‚geistige heimat‚, in einer welt, die immer unübersichtlicher und herzloser wird. dass sie diese ‚heimat‘ finden, indem sie auf noch schwächere heruntergucken, ist ein problem sowohl der bürgerlichen gesellschaft als auch der menschlichen psychologie.

die bürgerliche gesellschaft beruht auf konkurrenz. und je mehr spaltungslinien in der gesellschaft existieren, umso stabiler ist die ‚unpersönliche‘ herrschaft der kapitalverwertung. nun darf man sich das ganze aber nicht als ‚verschwörungstheorie‘ vorstellen, sondern die funkionsweise der kapitalistischen gesellschaft selbst produziert auch gleichzeitig ihren falschen schein.

„Ideologie überlagert nicht das gesellschaftliche Sein als ablösbare Schicht, sondern wohnt ihm inne. Sie gründet in der Abstraktion, die zum Tauschvorgang wesentlich rechnet. Ohne Absehen von den lebendigen Menschen wäre nicht zu tauschen. Das impliziert im realen Lebensprozeß bis heute notwendig gesellschaftlichen Schein. Sein Kern ist der Wert als Ding an sich, als »Natur«. Die Naturwüchsigkeit der kapitalistischen Gesellschaft ist real und zugleich jener Schein.“ — T. W. Adorno

es ist aber schwer, etwas zu durchschauen, von dem man selbst ein teil ist. in jeder sekunde, in der wir glauben, dass dinge real, naturhaft einen (geld-)wert haben und dies nicht ein historisch gemachtes ist, sondern etwas (wie) physisch existierendes (obwohl noch nie jemand auch nur ein atom „wert“ gesehen hat), solange reproduzieren wir das kapitalverhältnis wie ein zahnrädchen in einem uhrwerk.

und je grösser der mangel ist, umso mehr wird man darauf achten, ja nicht ‚übers ohr gehauen‘ zu werden. dass dieses ‚übers ohr gehauen werden‘ (oder die gefahr davon) selbst schon ein ausdruck der kapitalistischen konkurrenz (und kein notwendiges [natur-]verhältnis und historisch prinzipiell überwindbar) ist, wird dabei nicht (mit)bedacht.

das dilemma der (rationalen) aufklärung besteht nun darin, dass sie immer schwächer wirkt als das (emotionale) ressentiment der menschen und ihm zeitlich hinterherhinkt. bislang gibt es kaum (linke) ansätze dafür, wie man dieses problem angehen kann; bis auf ein paar ganz zarte pflänzchen, wie die berücksichtigung der psychoanalyse und der sozialpsychologie (Reich, Fromm, Frankfurter Schule) und der „mystik“ (Ernst Bloch). ich persönlich versuche mit meinen (äusserst) bescheidenen möglichkeiten, eine fruchtbarmachung der „integralen theorie“ (Ken Wilber) für den ‚marxismus‘ zu bewerkstelligen.

ob diese ansätze tatsächlich dazu dienen, die ‚linke‘ besser (programmatisch) zu bewaffnen für den kampf gegen die rechtsverschiebung und langfristig auch eine hegemonieverschiebung zu einer ’solidarischen‘ und ‚gerechteren‘ gesellschaft‘ zu ermöglichen, diese frage kann ich nicht beantworten.

mir macht es aber Mut, wenn Julia Schramm ihr buch über die ‚hasskommentare‘ mit dem titel versieht:

„Es muss Liebe sein“

denn tatsächlich glaube ich (auch), dass alle menschen in letzter instanz nur eines suchen: die ‚liebe‘. dafür lasse ich mich auch gerne als idealist, romantiker oder naivling beschimpfen.

auf alle gefällt mir sehr, was eine widerstandskämpferin gegen die „erste ordnung“ im 8. teil der star wars filme sagt:

„wir gewinnen nicht, in dem wir hassen, was wir bekämpfen, sondern indem wir bewahren, was wir lieben.“

MÖGE DIE MACHT MIT UNS SEIN! 😉

[https://www.youtube.com/watch?v=dsxtImDVMig]

[https://www.youtube.com/watch?v=VOgFZfRVaww]

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Ein Kommentar zu “Neoliberalismus, Rechtstrend und die Unzulänglichkeiten der ‚Linken‘

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