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Facebook und der Verfall der gesellschaftlichen und politischen Kultur

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ich war in den letzten jahren ein grosser anhänger und verfechter der facebook-nutzung. ich habe dort wichtige anregungen und informationen bekommen und einen menschen (virtuell) ‚kennen gelernt‘, die mein leben nachhaltig beeinflusst und verändert hat. und noch heute nutze ich fb als wichtige infoquelle. aber der traum vom ’sozialen netzwerk‘ ist schon lange ausgeträumt. wie ich heute in meinem account kommentiert habe:

„der traum vom ’sozialen netzwerk‘ ist doch schon lange ausgeträumt. jeder weiss, dass er als fb-nutzer ein datenlieferant für werbezwecke ist. so weit ist dieses geschäftsmodell kapitalistische alltagsnormalität. und fb ist ja als infoquelle auch für den user durchaus nützlich. aber zu glauben, fb sei eine grosse ‚community‘, in der sich alle lieb haben und sich vernetzen können, um so mehr bewirken zu können – wer an dieses märchen noch glaubt, der glaubt auch, dass zitronenfalter zitronen falten.“

nun hat mich die tatsache, dass fb auf werbeeinnahmen beruht nie gestört. denn dies ist ja im kapitalismus ’normal‘. mir ging es in erster linie um die infos, den ’spass‘ (zeitvertreib) und — zumindest am anfang — hatte ich auch die hoffnung, vlt interessante leute kennenzulernen oder sogar im real life zu kontaktieren. zumindest diese letztere habe ich mir gründlich von der backe geschmiert. man sollte wirklich aufpassen, dass online-geschehen nicht mit dem wirklichen leben zu verwechseln. zugegeben, ich möchte auf das internet als infoquelle auch nicht mehr verzichten, aber ein reales kennenlernen von menschen findet doch auf ganz anderen ebenen statt, die man online gar nicht abbilden kann. die gefahr, dass man sich in seinen wunschfantasien und projektionen verliert, ist gross. und wenn man dann noch über ein geringes selbstbewusstsein oder über keine kontakte im real life verfügt, die als korrektiv wirken können, dann kann man tatsächlich seine bodenhaftung verlieren.

ich habe mal in einem kleinen text meine bisherigen erfahrungen mit fb kurz zusammengefasst:

„ich muss gestehen, in den letzten jahren hat mich bei facebook gehalten die erinnerung an die (virtuelle) begegenung mit einem menschen, die bei mir vieles, sehr vieles, ausgelöst und verändert hat. und obgleich diese erinnerung ein teil meines täglichen lebens ist, scheint es mir, als ob diese ‚episode‘ jetzt einen abschluss gefunden hat (soweit man das wort abschluss überhaupt verwenden kann).
auf der einen seite ist dies sicherlich ein schritt in richtung mehr ‚freiheit‘ und ‚unabhängigkeit‘, auf der anderen seite spüre ich aber auch einen massiven motivationsverlust. denn die ganzen sachen, die ich bei facebook, in meinem blog gemacht habe (vor allem die vielen gedichte) und artikel, die ich für andere websites [gemeint ist scharf links] geschrieben habe, – die hatten letztlich den ansporn, ‚ihr‘ zu zeigen, was ich denke und fühle.
diese erkenntnis ist für mich selbst schwer einzuordnen: es erstaunt mich nicht wirklich, denn ich war schon immer jemand, der sich sehr stark an menschen orientiert hat, die mir in irgendeiner hinsicht als ‚vorbild‘ dienten.
auf der anderen seite ‚erschreckt‘ es mich aber auch ein wenig, denn wo ich dachte, dass es doch eigentlich um die ’sache‘ gehen müsste, ging es eigentlich um EINEN menschen; oder vlt auch zwei, wenn ich mich dazu zähle. aber ich war eine zeitlang so ’selbstvergessen‘ und auf EIN thema focussiert, dass ich eigentlich gar nicht mehr gefragt habe, was ich selbst will. mein leben WURDE GEWOLLT, von etwas grösserem, viel grösserem, was ich selbst gar nicht kontrollieren konnte und auch nicht wollte; denn es gab mir die antworten auf all die fragen, die zwar in mir schlummerten aber nie eine ‚(er)lösung‘ erfuhren.
und offensichtlich liegt die ‚lösung‘ nicht in der ’sache‘ — sei es politik/philosophie, sei es die kunst, sei es die poesie oder sei es die musik –, sondern umgekehrt wird ein schuh draus: dass politik/philosophie, kunst, poesie oder musik nur formen des ausdrucks dafür sind, was ich für einen anderen menschen (für einen BESTIMMTEN [!] menschen) empfinde/empfand.
so komme ich mir ein bisschen wie ein hochstapler vor, wenn ich diese themenfelder weiter beackere, ohne dass der essentielle motivator (und die entsprechenden eMOTIOnen) dafür, mir weiter ‚zur verfügung stehen‘.
nun mag kunst oder auch theoretische reflexionen bis zu einem gewissen grad auch ein ‚handwerk‘ sein und gewisse ‚technische‘ fähigkeiten erfordern, aber zumindest bei mir ist es so, dass meine ‚kunst‘ (falls ich dieses prätentiöse wort für mich verwenden darf) und mein (textliches) ‚handwerk‘ zu einem grossteil aus inspirationen und stimmungen erwachsen. und im moment liegen die inspirationen bei mir bei null und die stimmung ist so la la.
aber schliesslich muss ja das leben weitergehen. und so sammle ich weiter ‚honig‘ (so wie das mal Rilke gesagt hat und das gilt auch für fb-infos und anregungen), und vielleicht erwächst ja noch mal irgendwann eine gelegenheit, dass dieser ‚honig‘ in einem fruchtbaren austausch mit einem (zumindest vermeintlichen) seelenverwandten zur anwendung gelangt;
so dass ich wie eine biene im sommerlichen vollrausch des lebendigen in eine blüte gesogen werde und mir ihr — und sei es auch nur für einen kurzen augenblick des glücks und der erfüllung aller sehnsüchte — mit ihr verschmelze.“

aber es gibt noch neben dem ‚persönlichen‘ noch einen ‚politischen‘ aspekt ’sozialer netzwerke‘. da ist zum einen die gefahr von ‚informationsblasen‘, die den anwender dazu verleiten, sein eigenes denken und meinen als die einzige ‚realität‘ wahrzunehmen (die er mit ‚gleichgesinnten‘ teilt). über das anwachsen von hasskommentaren und rechtem populismus habe ich bereits in einem anderen artikel geschrieben.

der ehemalige produkt-chef von facebook sagt in einem interview mit der NZZ:

„Facebook ist verführerisch. Man meint, auf einem mittelalterlichen Dorfplatz zu stehen, wo jeder jeden kennt. Wahr daran ist: Es gibt keine Privatheit, jeder kann die Wahrheit verdrehen, an Fake-News glauben, an Klatsch und Tratsch. Es gibt tatsächlich Leute, die denken, Barack Obama sei kein amerikanischer Bürger, man kann ihnen seine Geburtsurkunde vor die Augen halten, so oft man will. Facebook vermittelt Vulgärwissen für das digitale Stammesvolk und verkauft es als Big News. Intellektuell ist Facebook auf jeden Fall ein Rückschritt. Würden wir die Zeitung nicht kennen, mit ihrem Anspruch, die Wahrheit zu verkünden, dann käme uns das, was heute leicht als Fake-News nachzuweisen ist, ganz normal vor. Aber natürlich wird es anders wahrgenommen: Die Grossstadt, die Welt ist inhuman, sie macht einsam und depressiv, die primitive Gemeinde dagegen, Facebook eben, ist wirklich authentisch.“

neben der tendenz zur verblödung kommt eben die gefahr dazu, dass man das virtuelle leben als kompensation für das grausame real life missbraucht; quasi vergleichbar mit drogenkonsum. dies führt nicht nur zu einem verfall des kulturellen niveaus, es hat auch eine eminent entpolitisierende wirkung. man postet seine meinung in einem sozialen netzwerk, hat seinem ärger (oder seiner profilneurose) luft gemacht und das (alltags)leben kann weiter gehen.

auf die idee, im realen leben sich für seine interessen einzusetzen und sich dafür mit anderen leuten zu organisieren, kommen immer weniger. man hat ja das internet. das ist viel bequemer und zeitsparender. und wer hat heutzutage noch zeit?

die roman-dystopien von „1984“ und der „schöne[n] neue[n] welt“ sind schon längst von der wirklichkeit überholt. wir leben in einem totalitären system der wertvertung und nützlichkeitskalkulation, das mit einer (immer dünner werdenden) ‚demokratischen‘ fassade ummantelt ist. und solange wir nicht selbst persönlich ‚betroffen‘ sind, solange bringt uns kaum etwas hinterm ofen, vom sofa oder vom schreibtisch-stuhl hervor (was angesichts der [lohn]arbeits-situation auch verständlich ist). und der wildeste neoliberalismus und sein eroberungs- und kriegskurs feiern international urstände, während hier das ‚volk‘ mit petitessen a la panem et circenses gefüttert wird und sich darüber in sozialen netzwerken aufregen darf, ohne dass es reale konsequenzen zeitigen kann.

alles ziemlich gefickt eingeschädelt.

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2 Kommentare zu “Facebook und der Verfall der gesellschaftlichen und politischen Kultur

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