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Was ist eigentlich (geschichtlicher) ‚Fortschritt‘?

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Die Frage klingt vlt aus dem Mund (oder der Tastatur) eines ‚Marxisten‘ ungewöhnlich. Und tatsächlich ist es sie auch. Denn noch immer ist ‚dem‘ Marxismus eine Fortschrittsvorstellung immanent, die davon ausgeht, dass es ‚progressive‘ Stufen in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gibt, die man als ‚Höherentwicklung‘ beschreiben kann. Möglicherweise ist aber dieser Ausdruck ‚höher‘ zu einseitig und/oder nicht präzise genug.

Ganz allgemein kann man natürlich sagen, dass der ‚Kapitalismus‘ [1] eine ‚höhere‘ Form der Vergesellschaftung darstellt als beispielsweise der ‚Feudalismus‘ oder die ’Sklavenhaltegesellschaft‘ [2]. Aber diese Aussage ist so allgemein, dass sie eigentlich auch wieder als ‚Nullaussage‘ gewertet werden muss.

Wir wissen aus der ‚kritischen Theorie‘ (Adorno, Horkheimer), dass der ‚Fortschritt‘ selbst mit einer ‚Dialektik‘ behaftet ist. Im Kern besagt diese ‚Dialektik‘, dass es zwar unzweifelhaft eine technische (oder auch ökonomische) Höherentwicklung gegeben hat und gibt; aber diese technische Höherentwicklung hat mit der moralisch-bewusstseinsmässigen Höherentwicklung nicht korrespondiert. Ganz pointiert ausgedrückt: wir befinden uns moralisch immer noch im Neandertal, nur dass wir ausser Keulen und Pfeil und Bogen jetzt auch noch über Atom- und Chemiewaffen verfügen. Also das Potential, Menschheit und Globus vollständig auszulöschen.

Und ich denke, es ist nicht nötig, nur auf Auschwitz zu verweisen, um diese These zu exemplifizieren. Auch die Gegenwart bietet genügend Gelegenheit dafür, diese zu bestätigen.

Aber ich möchte die Diskussion nicht zu sehr auf diese grossen Linien und Perspektiven einer ‚Geschichtsphilosophie‘ fokussieren. Ich würde gern auf ein anderes und konkreteres Problem zu sprechen kommen. Nämlich die Bedeutung der ‚Arbeit‘ im ’neoliberalen Spätkapitalismus‘.

Eine facebook-Freundin postete folgendes Zitat [ohne Quellenangabe], was ich sehr interessant finde:

Die beiden großen ideologischen Pole des 19. Jahrhunderts beruhen auf dem Arbeitsparadigma. Das macht es auch so schwierig, mit linken, kritischen Kräften über Arbeit zu diskutieren. Alle gehen davon aus, dass die Arbeit aller Menschen gebraucht wird. Das stimmt nicht. Das ist historisch nie so gewesen und auch in anderen Kulturen überhaupt nicht der Fall. Außerdem wird propagiert, dass wir ein angeborenes Bedürfnis nach Arbeit haben. Tut mir leid, das ist nicht nachzuweisen.“

Mit den beiden ‚grossen ideologischen Polen des 19. Jahrhunderts‘ dürfte der Liberalismus und die ‚Arbeiterbewegung‘ gemeint sein. Nun kann ich zumindest für die Arbeiterbewegung sagen, dass diese keineswegs einheitlich war (und ist). Aber tatsächlich dürfte das ‚Arbeitsparadigma‘ auch für die Arbeiterbewegung konstituierend sein.

Es ist auch vollkommen nachvollziehbar, wenn ich mich für die Verbesserung ‚meiner‘ Arbeitsbedingungen einsetze (und das war und ist ja das Kernthema der Arbeiterbewegung), dass ich mich dann auch zumindest bis zu einem gewissen Grade auch mit meiner Arbeit/Arbeitssituation identifiziere. Aber jemand, der sich mit seiner Arbeit identifiziert, will diese erhalten und nicht unbedingt überwinden.

Nun besteht unzweifelhaft das grosse Verdienst der marxschen Theorie darin, das Wesen des kapitalistischen Produktionsprozesses an Hand präziser ökonomischer Wirkmechanismen nachgewiesen zu haben. Aber mit Verlaub, um allein die ‚Werttheorie‘ (und ohne Wertheorie kein Verständnis des Kapitalverhältnisses) zu verstehen bedarf es erheblicher philosophischer Vorkenntnisse. Und dass der ‚revolutionäre‘ Flügel innerhalb der Arbeiterbewegung überwiegend in der Minderheit war, kann daher nicht wirklich verwundern.

Aber auch ungeachtet dieser Bildungsprobleme kommt erschwerend hinzu, dass es auch kein praktisches Gegenbeispiel dafür gibt, wie Gesellschaft ohne kapitalistische Produktionsweise funktionieren könnte (und historische Beispiele vorkapitalistischer Gesellschaften nützen ja nichts). Und dass die stalinistischen ‚Experimente‘ sich eher kontraproduktiv ausgewirkt haben, setze ich jetzt mal als Diskussionsstand voraus.

Ganz platt gesagt besteht das Problem darin, dass wir keine ‚nachkapitalistische Moral‘ und ‚Bewusstseinstufe‘ kennen, die sich bereits innerhalb der ökonomischen Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft [3] bilden kann.

An dieser Stelle möge man mir verzeihen, dass ich jetzt ein bisschen ins Spekulieren übergehe. Aber ich wage mal die Hypothese, dass möglicherweise nicht das Verhältnis von ‚Kapital und Arbeit‘ [4] [8] der entscheidene Hebel zur gesellschaftlichen ‚Umwälzung‘ darstellt, sondern etwas gänzlich Anderes. In einem Kommentar zum obigen Zitat schrieb ich:

Tatsächlich mag es so sein, dass auch die ‚linke‘ Kapitalismuskritik immer noch zu stark an ‚produktivistischen‘ Vorstellungen hängt. Ich denke, an dieser Stelle könnten vlt ‚feministische‘ Ökonomietheorien und die Betonung der Bedeutung von care-Arbeit diesen ‚traditionellen‘ Produktivismus und Ökonomismus (der ja selbst eine bewusstseinsmässige [ideologische] Spiegelung der kapitalistischen Wertverwertung darstellt) entscheidend relativieren.“

Ich würde jetzt nicht so weit gehen, zu sagen, dass Haus-, Pflege- und Beziehungsarbeit völlig unabhängig von der vorherrschenden Produktionsweise (also der kapitalistischen) existiert. Und ich glaube auch nicht, dass die ‚ökonomische Macht der Frauen‘ [5] per se etwas ‚antikapitalistisches‘ (oder ‚transkapitalistisches‘)  an sich hat. Eher hat Haus- und Familienarbeit sogar was ‚vorkapitalistisches‘ an sich. (Was ja auch eine Form von ‚Kapitalismus-Kritik‘ sein kann. Man denke nur an die Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Kindern).

Nein, meine Idee ist eine andere. Man möge es mir abermals nachsehen, wenn meine Gedanken etwas ‚unpolitisch‘ (vlt sogar ‚antipolitisch‘) erscheinen, aber mein Ansatz beruht darauf, dass erst die ‚privaten‘ Liebes‘- oder Geschlechterverhältnisse einen (effektiven) Anreiz dafür bieten, sowohl die kapitalistische Wertverwertung als auch die geschlechtshierarchische [6] Arbeitsteilung zu überwinden und durch etwas ‚Besseres‘ zu ersetzen. Dies mag vlt ein bisschen ‚idealistisch‘ klingen, aber diesen Vorwurf sehe ich mit einer relativen Gelassenheit angesichts der bisherigen Unfähigkeit der ‚linken‘, eine glaubwürdige Alternative zum Bestehenden zu entwickeln.

Nun könnte man natürlich einwenden (und von ‚feministischer‘ Seite geschieht dies auch), dass ‚die‘ Männer ein ‚objektives‘ Interesse an der Aufrechterhaltung ‚patriarchaler‘ Verhältnisse haben. Auf den ersten, oberflächlichen Blick trifft das auch die geschichtliche Wirklichkeit, oder scheint  zumindest (überwiegend) zu stimmen. Aber wenn man etwas tiefer bohrt, müsste man zu einer veränderten ‚Konzeption‘ von ‚Liebe‘ gelangen, die nicht mehr auf Besitz, Kontrolle, ‚Macht‘ und (Ego)Prestige beruht, sondern das Beste für den Anderen will; also die höchstmögliche Entfaltung und Wahrnehmung seiner persönlichen Fähigkeiten, Veranlagungen und Interessen.

Eine solche veränderte Konzeption von ‚Liebe‘ würde auch ganz neue und andere ‚Beziehungsformen‘ (und auch veränderte ‚Rollenvorstellungen‘ von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘) hervorbringen, die sich letztlich nicht sowohl mit der kapitalistischen Produktionsweise als auch mit dem ‚patriarchalen‘ Geschlechterverhältnis (oder männlich-gesellschaftlicher ‚Dominanz‘) vereinbaren lassen (da diese auf ‚Machtbeziehungen‘ beruhen. und ‚Macht‘ ist unvereinbar mit [freier] Liebe [7]. Das Problem von BDSM-Beziehungen sei an dieser Stelle aussen vor gelassen).

Allerdings haben diese Überlegungen eine dicken Pferdefuss. ‚Liebe‘ ist kein ‚Konzept‘, was allein vom verstandesmässigen Denken  abhängig ist. Man kann also nicht ‚Liebe‘ quasi ‚propagieren‘ (wie ein politisches Programm) als Allheilmittel für alle menschlichen Probleme. Liebe, wenn es sich denn tatsächlich um Liebe handelt und nicht (nur) die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse beachtet wird, ist also die Überwindung des egoistischen Bewusstseins im ‚Austausch‘ (in Wirklichkeit ist es ein Entwicklungsschritt oder eine Entwicklungsstufe) gegen einen Gemeinsinn [man könnte auch ‚Bürgersinn‘ sagen, wenn dieser Begriff nicht leicht vorbelastet wäre], der letztlich global sein muss [in der ‚integralen Theorie‘ spricht man in diesem Zusammenhang von einer Dezentrierung].

Es gibt Hinweise darauf, dass eine solche Entwicklung tatsächlich auch stattfindet. Aber dies sind ganz zarte Pflänzchen. Die Haupttendenz scheint eher in eine neue Barbarei zu weisen (die in Wirklichkeit die ‚Wiederkehr des Verdrängten‘ ist). Und das vor dem Hintergrund, dass die ‚linke‘ schwach, gespalten und ungenügend programmatisch-theoretisch bewaffnet ist.

Es stehen harte Zeiten bevor. Ziehen wir uns also warm an (auch wenn der Frühling jahreszeitengemäss vor der Tür steht). Politisch-sozial wird es allemal ‚kälter‘ werden. [8]

[1] Bei Marx findet man eigentlich gar nicht den Begriff ‚Kapitalismus‘. Er spricht von der ‚kapitalistischen Produktionsweise‘. Diese bezeichnet gewisse ökonomische ‚Mechanismen‘, die aber nicht automatisch (mechanisch) Rückschlüsse auf die ‚Gesamtgesellschaft‘ zulassen.

[2] Auf das Problem des ‚linearen Geschichtsmodells‘ möchte ich hier nicht weiter eingehen. Ich verweise daher nur auf die Diskussion der ‚asiatischen Produktionsweise‚.

[3] Im Gegensatz dazu konnten sich bereits unter feudalen Bedingungen kapitalistische Verhältnisse und Zentren (Handelsstädte, ‚Stadtluft macht frei‘) bilden und dann auch später gesamtgesellschaftlich durchsetzten.

[4] Alleine diese Entgegensetzung von Arbeit und Kapital zeigt schon, dass dieser [vulgäre] Arbeitsbegriff unzulänglich ist. Auch ein ‚Kapitalist‘ mag einen harten Arbeitstag haben (nicht zufällig werden stressbedingte Krankheiten auch als ‚Manager-Krankheiten‘ bezeichnet). Nur hat er mehr davon (Profit), und gleichzeitig trägt er eben das unternehmerische Risiko. Dass er dieses auch möglichst abwälzen und verteilen will, ist menschlich durchaus verständlich und nachvollziehbar. Auch Arbeiter (Lohnabhängige) würden das an seiner stelle nicht (viel) anders machen. Und Arbeiter haben auch häufig ein grosses Verständnis für betriebswirtschftliche Belange. Schliesslich hängen ja auch ‚ihre‘ eigenen Arbeitsplätze daran. (Ich bin der Einfachheit halber von der [klischeehaften] Figur des einzelnen Kapitalisten ausgegangen. Aber auch bei Kapitalgesellschaften ändern sich diese Verhältnisse nicht. Jedenfalls nicht substantiell.)

[5] Vergleich: Geschlecht und Klasse 

[6] Ich spreche mich allerdings nicht dagegen aus, dass es unterschiedliche ‚weibliche‘ und ‚männliche‘ ‚Wertsphären‘ geben kann. Diese müssen aber nicht zwangsläufig hierarchisch sein.

[7] „Zu sagen
hier herrscht Freiheit
ist immer ein Irrtum
oder eine Lüge:
Freiheit
herrscht nicht“ (
Erich Fried)

[8] Nach Durchsicht des Artikels würde ich gern noch mal zur Sicherheit klarstellen, dass ich nicht der Meinung bin, ein verändertes Geschlechterverhältnis würde [automatisch] zu einer gesellschaftlichen Transformation führen. Was ich aber meine, ist, das der Wunsch nach ‚egalitären‘ Geschlechterverhälnissen (der ja der ‚Ethik der Liebe‘ inhärent sein müsste) die stärkste Triebkraft für ein ’sozialrevolutionäres‘ Bestreben sein kann. Die Notwendigkeit, die bürgerliche Staatsmacht zu beseitigen und die Ökonomie nach anderen Gesichtspunkten zu organisieren als nach (privat)kapitalistischen; – diese strategischen Aufgaben bleiben natürlich weiterhin bestehen. Aber die ‚Vermittlung‘ dieser strategischen Notwendigkeiten fällt vlt leichter, wenn man selbst ein ‚persönliches‘, ja existentiell-leidenschaftliches Interesse daran hat, und nicht nur ein abstrakt-‚politisches‘.

Zum weiterlesen: Georg Seeßlen: Geh, Gespenst! https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/geh-gespenst

 

 

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5 Kommentare zu “Was ist eigentlich (geschichtlicher) ‚Fortschritt‘?

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