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Vorläufige Gedanken zum ‚revolutionären Subjekt‘

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Als ich anfing, mich mit ‚Marxismus‘ zu beschäftigen, dachte ich, die ‚Klassentheorie‘ sei das Fundament des ‚Marxismus‘ („Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft  ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“). Je mehr ich mich aber in die Literatur einlese, umso mehr erscheint mir die ‚Klassentheorie‘ als das Ungesicherste im marxistischen Ideengebäude zu sein (das ‚Kapital‘ bricht ja mit dem geplanten Kapitel über die ‚Klassen‘ ab). Dies hat natürlich direkt Auswirkungen auf die politische Umsetzung marxistischer Ideen.

I.

Zwar kann man den ‚objektiven‘ Klassenbegriff anhand der (Eigentums)Stellung zu den Produktionsmitteln — und daraus abgeleitet, die Definition der Lohnarbeit als Zwang zum Verkauf der Ware Arbeitskraft — relativ gut fassen (auch empirisch), aber daraus sind keinerlei Schlussfolgerungen in Sachen politische Programmatik oder gar Bewusstseinsformen abzuleiten. Diese Aussage muss man vlt für das 19. und bis zur Mitte auch des 20. Jahrhunderts etwas relativieren, aber seit dem ‚Ende der Geschichte‘ (der Untergang des ‚Realsozialismus‘) scheint mir diese Aussage nicht mehr in Frage zu stellen zu sein.

Wenn es aber keinen (erkennbaren) Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Lage und (gesellschaftlichen) Interessen gibt, welchen Wert hat es dann noch, seine politischen Programme und Ideen mit der ‚Klassentheorie‘ zu begründen?

Der (scheinbare) Ausweg aus diesem Dilemma wurde gefunden in Form des ‚objektiven Interesses‘ oder der ‚objektiven Vernunft‘. Beides Kategorien, die vermutlich direkt aus dem hegelschen ‚Weltgeist‘ generiert wurden. Ich als ’spiritueller‘ Mensch hätte damit noch nicht einmal ein so grosses Problem, aber alle, die eher einem schnöden ‚Materialismus‘ (und Atheismus) frönen, werden sich damit wohl weniger anfreunden können.

Die Frage stellt sich also, wie man (revolutionäre) Theorie(n) und (Massen)Subjekt[1] einander annähern kann, ohne auf die Zauberkiste der hegelianischen Geschichtsphilosophie (andere würden vermutlich es sogar ‚Metaphysik‘ nennen) zurückgreifen zu müssen.

Ich bin mir zwar nicht so sicher, ob man die marxsche Kapitalanalyse und seine ‚Geschichtsphilosophie‘ wirklich so strikt voneinander trennen kann, aber da ja Marxisten einen explizit politischen Anspruch erheben (und nicht unbedingt einen weltanschaulichen[2]), muss es tatsächlich schon aus strategisch-hegemonialen Gründen möglich sein, eine Kapitalkritik vorzutragen, ohne dass jemand vorher 20 Semester Philosophiegeschichte studiert hat und/oder möglicherweise auf bestimmte ‚Glaubensüberzeugungen‘ verzichten soll. Ich bin vielmehr überzeugt davon, dass man ‚gegen den Kapitalismus‘ sein kann, egal ob man Atheist, Christ, Buddhist oder ein Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters ist. (Eine notwendige Abgrenzung zu ‚rechter Kapitalkritik‘ gehört natürlich zu den originären Aufgaben der ‚Linken‘.)

Subjektbildung und bürgerliche Gesellschaft 

Im NaO-Prozess war der Komplex ‚revolutionäres Subjekt vs. Subjekte‘ schon mal ein heisses Thema. Aus heutiger Sicht muss man eigentlich sagen, dass dieser Streit im Grunde um des Kaisers Bart (oder um seine unsichtbaren Kleider) ging, denn er macht nur dann ’Sinn‘, wenn man sich eben auf die geschichtsphilosophischen Konstrukte des jungen Marx (explizit) bezieht. Auch wenn ich die These Althussers vom epistemologischer Bruch bei Marx nicht teile, so muss ich diesen Zusammenhang schon seinerzeit zumindest geahnt haben (klar war er mir jedenfalls nicht), denn ich nannte meinen Artikel ‚Philosophenstreit im NaO-Prozess‚. Dabei ging es Marx darum, die Philosophie in einem gewissen Sinne zu ‚überwinden‘, nämlich da, wo sie sich in einem ‚Gegensatz‘ zum ‚praktischen Handeln‘ befindet.[3]

Das, was Marx die ‚bürgerliche Gesellschaft‘ nennt, zeichnet sich nach seiner Sicht durch die ‚kapitalistische Produktionsweise‘ aus. Nun kann man sicherlich sagen, dass der ‚Kapitalismus‘ die vorherrschende Produktionsweise ist, aber er ist nicht die Einzige. Hanna Meißner sagt in einem interview im FREITAG:

Was Marx deutlich macht, ist, dass es im Kapitalismus einen Grundwiderspruch gibt, zwischen denen, die als Arbeitende den gesellschaftlichen Reichtum herstellen, und denjenigen, die sich als Kapitalbesitzer und Kapitalbesitzerinnen diesen Reichtum aneignen können. Die Arbeiterklasse ist eine wichtige, aber sehr abstrakte Kategorie. Der Witz dabei ist, dass die Arbeiterklasse nie rein männlich war. Es gab immer auch Frauen, die gearbeitet haben. Ganz zu schweigen von denjenigen, die nicht oder nicht mehr oder noch nicht als Arbeitskraft auf den Markt treten konnten. Und diejenigen, die zwar als Arbeitskräfte ausgebeutet wurden, aber als Versklavte mitnichten freie Subjekte waren. Marx hat beschrieben, wie die Arbeitskraft als Zutat in den Produktionsprozess eingeht. Doch wo diese Zutat herkommt und wie sie sich reproduziert, das interessiert den Wirtschaftsprozess im Kapitalismus nicht, sondern es ist das, worauf dieser Prozess zurückgreift. Wie das reguliert wird, wo etwa die Geschlechterfrage historisch ins Spiel kommt, das hat Marx nicht weiter betrachtet, und wenn er sich darauf bezogen hat, dann hat er eher naturalistische Vorstellungen von Männern und Frauen geäußert.“ [herv. von mir, systemcrash]

Es ist zwar richtig, dass sich die industrielle Produktion und heutzutage der Dienstleistungssekor sich durch die (zunehmende) ’Spaltung‘ von Kapitalbesitz (‚Konzentration‘) und ‚Verkauf der Ware Arbeitskraft‘ (heutzutage müsste mal wohl von ‚Prekarisierung‘ sprechen, die ich aber explizit nicht mit einer ‚Verelendungstheorie‘ gleichsetze) auszeichnet. Aber der ‚Verkauf der Ware Arbeitskraft‘ hat selbst wiederum Voraussetzungen, die der ‚Kapitalismus‘ nicht ‚geschaffen‘ hat und die ‚ihn‘ auch nicht (weiter) interessieren. Und auch in Marx‘ Kapitalanalyse sind diese ‚ausserkapitalistischen‘ Faktoren nicht (oder nur ungenügend) eingeflossen.

Neben der ‚kapitalistischen Produktionsweise‘ müsste man daher mindestens noch die ‚Hauswirtschaft‘ als Produktionsweise ansehen, auf die die kapitalistische basiert. Dass die Hauswirtschaft historisch überwiegend die ‚Domäne‘ des weiblichen Geschlechts war und ist, müsste daher als ‚Problemzusammenhang‘ in die Frage der ’Subjektbildung‘ in der ‚bürgerlichen‘ (hier muss man ‚bürgerlich‘ berechtigt in Anführungszeichen setzen!) Gesellschaft aufnehmen. Dies ist der ‚geschlechtsblinde‘ Fleck in der ‚marxistischen‘ Theorie.

Der Kapitalismus ist nicht geschlechtslos

Wenn man also von Kapital und Arbeiterklasse (besser: Klasse der Lohnabhängigen) spricht, muss man die geschlechtsspezifische und geschlechtshierachische Arbeitsteilung, die dem kapitalistischen ‚Arrangement‘ zugrundeliegt, mitdenken. Der Kapitalismus wäre dann, ‚vulgärmarxistisch‘ gesprochen, ein (historisch möglicher, was a posteriori immer leicht festzustellen ist 😉 ) ‚Überbau‘ zum Geschlechterarrangement an der ‚Basis‘.

Nun klingt der Ausdruck ‚Arrangement‘ recht ‚harmonisch‘. Marx hat ja aufgezeigt, dass die Durchsetzung des Kapitalismus in Form der ‚ursprünglichen Akkumulation‘ ein recht gewaltförmiger Prozess war. Und auch der Zwang heutzutage, seine Arbeitskraft zu verkaufen, beruht ja letztlich darauf, dass man seine Miete bezahlen muss und man nicht verhungern will.

Aber wie verhält es sich mit dem Geschlechterarrangement? Auch da gibt es sicherlich gewisse ‚Zwänge‘, aber kein Mensch würde die Behauptung aufstellen, die ‚Kooperation‘ zwischen Männern und Frauen beruhe auf ökonomischen‘ Notwendigkeiten. Auch wenn diese Behauptung bei näherer Betrachtung gar nicht mal so falsch wäre, beleidigt sie irgendwie unsere romantischen Vorstellungen und Gefühle (vlt sogar mehr die Romantik der Männer?!).

Nun ist die Romantik historisch eine recht junge Erfindung, und vorkapitalistische Gesellschaften mögen vlt auch ohne Romantik ausgekommen sein, aber für ‚unsere‘ Gesellschaft würden wir die Vorstellung zurückweisen, die Mann-Frau-Beziehungen dienen [ausschliesslich] dem Zweck, die Gesellschaft, so wie sie ist, zu erhalten und zu reproduzieren. Ist nicht die ‚Liebe‘ ein ’Selbstzweck‘? Vlt der Selbstzweck schlechthin?

Vlt muss man wirklich zu dem Schluss kommen, dass die ‚Romantik‘ die wirkmächtigste Illusion und der stärkste Verblendungszusammenhang in der bürgerlichen Gesellschaft darstellt. Der ‚Wertfetisch‘ käme dann erst an zweiter Stelle!

Eng verbunden mit der Romantik ist die Vorstellung vom ‚autonomen Subjekt‘ [4]. Dazu noch mal Hanna Meißner:

Das ist eine Vorstellung, die mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft entstanden ist und in der das Individuum aus gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgelöst erscheint. Das autonome Subjekt wird als vereinzeltes Wesen mit bestimmten Eigenschaften gesetzt, das individuelle Interessen verfolgt, sich aber als rationales Wesen entscheiden kann, sich mit anderen eine auf Verträgen begründete Ordnung zu geben.“

Nun mag das ‚autonome Vertragssubjekt‘ für das Kapitalverhältnis tatsächlich ausreichend sein, aber auch für das Geschlechterverhältnis? Zwar ist die ‚Ehe‘ auch ein Rechtsverhältnis, aber welcher Mensch würde denn heutzutage noch heiraten, nur aus irgendeinem ‚rationalen Kalkül‘ heraus? Ich will nicht ausschliessen, dass es das auch gibt, aber das wird mit Sicherheit nicht die Mehrheit sein (zumindest hoffe ich das  😉 ).

Und trotzdem (re)produziert sich auch in der Geschlechterbeziehung ein ‚Herrschafts‘-(oder zumindest ein asymmetrisches) Verhältnis. Wie ist das mit (der Idee) der (romantischen) Liebe vereinbar, die sich vom Anspruch her auf Augenhöhe begegnen soll? Eigentlich gar nicht! Damit die Gesellschaft aber nicht aus Geburtenmangel (ein Thema, welches im politischen Diskurs gern immer wieder aufgewärmt wird) ausstirbt, muss es etwas geben, was stärker wirkt als die (für die ‚Liebe‘ ungünstigen)’sozialen Verhältnisse‘ (nun muss man aber der Gerechtigkeit halber dazu sagen, dass die ‚Umstände nie günstig für die Liebe sind 😉 ). Und dieses ’Stärkere‘ sind der ’Sexualtrieb‘ und das ‚echte Gefühl der Liebe‘ (neben der [naturhaften] Tatsache, dass der Mensch eh nicht wirklich für das ‚Alleinsein‘ geschaffen ist).

Vlt etwas überspitzt könnte man sagen, dass im Geschlechterverhältnis die Überwindung der geistigen Grundlagen des Kapitalismus (der [instrumentelle] Ego-Rationalismus) als Potential angelegt ist. Dies ist aber beileibe kein ‚Automatismus‘, sondern erfordert eine bewusste politische und ‚kulturelle‘ Forcierung.

Das immanente und das transzendente Subjekt

Für eine ’Subjektbestimmung‘ innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft reicht es also nicht aus, die ’soziale Lage‘ zu analysieren. Es muss noch etwas Fundamentales dazukommen. Und das ist die ‚psychologische‘ Konstitution der Subjekte. Das ist der zweite blinde Fleck in der marxistischen Theorie, der psychologische. Neben der Ökonomie-Analyse braucht es noch eine Psycho-Analyse (wobei ich diese keinesfalls auf Freud reduzieren möchte).

Zwar wirkt die Sozialisation in der Regel so, dass eine weitgehende Anpassung an die gesellschaftlichen Bedingungen stattfindet. Aber diese ist doch niemals ‚absolut‘, so dass immer ein gewisser Freiraum bleibt für Widerstand, Protest und Veränderungen (im weitesten Sinne).

Das immanente Subjekt verbleibt im Rahmen der gesellschaftlichen Verhältnisse (hauptsächlich geistig), das transzendente übersteigt sie und schafft Ideen für etwas Anderes (mit dem Anspruch des Besseren).

Die Bedingungen für die ‚Ideen für etwas Anderes‘ liegen also einerseits in den Verhältnissen selbst, aber zum anderen auch in der psychisch-geistigen Konstitution der Subjekte. So dass etwas Zweifaches geschehen muss: eine (politische) Kritik der Verhältnisse und Schaffung von Subjekten, die zur geschichtlichen Wirkmächtigkeit befähigt sind. Ich glaube, das meinte auch Gramsci, als er schrieb:

Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“
„Eine neue Kultur zu schaffen bedeutet nicht nur, individuell ›originelle‹ Entdeckungen zu machen, es bedeutet auch und besonders, bereits entdeckte Wahrheiten kritisch zu verbreiten, sie sozusagen zu ›vergesellschaften‹ und sie dadurch Basis vitaler Handlungen, Element der Koordination und der intellektuellen und moralischen Ordnung werden zu lassen.“
(wikiquote)

Wenn man eine Seite dieses ‚Zweifachen‘ vernachlässigt oder gar komplett ignoriert (wie es leider viele selbsternante ‚Linke‘ machen), wird das Projekt, die ‚Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen‘, scheitern.

II.

Der Kapitalismus hat eine so starke Stabilität, weil die ‚Idee‘ des Privateigentums an den Produktionsmitteln (einschliesslich der Verfügungsmacht über die ‚eigene Arbeitskraft‘ – obwohl ja auch die Bildung der Arbeitskraft selbst wiederum eine ‚gesellschaftliche Leistung‘ darstellt. Kein Mensch ist ein Robinson) gesamtgesellschaftlich unhinterfragt ist und bleibt. Und so lange das so ist, bleiben alle möglichen Modelle jenseits des Kapitalismus abstrakt oder utopisch[5]. Genaugenommen wird das ‚Privateigentum‘ mit der ‚Freiheit‘ (des Individuums) gleichgesetzt und das Individuum selbst funktioniert auf der Bewusstseinsstufe der Ego-Rationalität. Diese Ego-Rationalität ist aber von vornherein gar nicht in der Lage, zu erkennen, dass eine ‚kollektiv‘ organisierte Wirtschaft und Gesellschaft Vorteile hat. Denn diese Vorteile sind nur dann ‚real‘ (erkennbar), wenn die Individuuen ihr Bewusstsein über das enge Ego-Stadium hinausführen. [6] Solange das aber nicht stattfindet, nimmt man lieber die (bekannten) Nachteile des Kapitalismus in Kauf, als einer ‚höheren Rationalität‘ entsprechend zu denken und zu handeln (’nach uns die Sintflut‘).

Hier haben wir also bis zu einem gewissen Grad das ‚Henne und Ei‘-Problem. Eine ‚kollektive Gesellschaft‘ setzt eine Mehrheit von selbstgesteuerten Individuen voraus. Aber die bürgerliche Gesellschaft produziert eher den ‚angepassten‘ (bis hin sogar zum autoritären) Charakter. Und die ‚Linke‘ ist insgesamt zu schwach, um da kulturell gegenzusteuern.

Arbeiterbewegung‘ und ‚kollektives Subjekt‘ 

Die ‚alte‘ Arbeiterbewegung hatte es bis zu einem gewissen Grad geschafft, kollektive Strukturen und Verhaltensweisen zu etablieren. Seien es Gewerkschaften, Bildungsvereine oder (Arbeiter)Sportvereine, – in diesen Strukturen wurde eine ‚kollektive Kultur‘ eingeübt (inwieweit dass auch für die Arbeiterparteien gilt, darüber verfüge ich über keine Quellen. Ich tendiere aber dazu, zu sagen, dass Parteien eher weniger eine Kollektivkultur befördern, da dort der politische [Meinungs]Kampf im Vordergrund steht.)

Und in einer Streiksituation (das Hauptkampfmittel der Arbeiterbewegung) waren und sind die Solidarität und das Zusammenstehen eine notwendige Bedingung für den Erfolg im ökonomischen Kampf.

Diese Kollektivkultur war (heutzutage ist sie nur nur noch eingeschränkt existent) aber im Wesentlichen auf die gemeinsamen ökonomischen Interessen bezogen und ging nicht über die Logik der kapitalistischen Produktionsweise (und Gesamtgesellschaft) hinaus [Reformismus]. Und innerhalb des Kapitalismus gibt es keine Möglichkeit, Formen solidarischen Wirtschaftens einzuüben, da solche kooperativen Wirtschaftsformen ziemlich schnell wieder von der kapitalistischen Konkurrenz eingefangen werden.

Exkurs: Braucht es eine spezifische ‚Arbeiterkultur‘? 

Als jemand, der im wesentlichen über ‚trotzkistische‘ Zusammenhänge (Kleinstgruppen) politisch sozialisiert wurde, würde ich mit einem entschiedenen ’Nein‘ antworten wollen. Aber irgendetwas in mir widerstrebt diesem apodiktischen ’Nein‘. Wie ich bereits in meinem Artikel über Martin Schulz (der neue Arbeiterkaiser) geschrieben hatte:

es ist aber eben ein unterschied, ob man die „arbeiterklasse“ nur als ein „objekt“ politischer theorie betrachtet oder ob man sich selbst als bestandteil der arbeiterklasse betrachtet und daran sein „herzblut“ hängt. und es keineswegs nur rein abwertend, wenn man sich als angehöriger der „unterschicht“ sieht, sondern man kann (und muss sogar!) daraus auch eine art „positive indentifizierung“ (vlt sogar eine art „stolz“, auch wenn mir das wort gar nicht behagt) ableiten, wenn man psychisch in dieser gesellschaft zurechtkommen und überleben will – und das wollen ja schliesslich ALLE.“ [Kleinschreibung im Original beibehalten]

Nun geht es mir keinesfalls um ein revival des Proletkult, aber ein gewisses Maß von positivem Selbstbewusstsein trotz der sozialen Lage scheint mir notwendig zu sein, um überhaupt im politischen Sinne handlungsfähig zu sein. Das heisst aber nicht, dass es so etwas wie eine eigenständige ‚Arbeiterkultur‘ geben kann. Was es aber geben kann, ist, dass sich Arbeiter zunehmend die ‚bürgerliche‘ Kultur aneignen und diese im eigenen Interesse anwenden und über ihre Begrenzungen hinausführen und dadurch befähigt werden, die Gesellschaft durch eine Umwälzung (‚revolutionärer Bruch‘) auf neue (hoffentlich bessere) Grundlagen zu stellen.

Diese Aneignung der ‚bürgerlichen Kultur‘ durch Arbeiter ist natürlich mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Aber es muss gelingen, dies zukünftig in grösserem Maßstab zu realisieren.[7]

Praxis und Theorie – kein Kongruensverhältnis, sondern eine Asynchronizität

Die Menschen handeln in der Regel, bevor sie sich dessen bewusst sind, was sie machen. Man könnte Jesus zitieren mit ‚denn sie wissen nicht, was sie tun‘. Aber hier möchte ich mich auf eine berühmte Passage aus dem 18. Brumaire beziehen:

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.“

Der Mensch (oder die Menschen) kann zwar (bis zu einem gewissen Grad) die Umstände ändern, aber die Umstände hat sich der Mensch nicht selbst ausgesucht, so dass immer ein Rest ‚Entfremdung‘ im menschlichen Leben verbleibt. Aber diese Entfremdung kann dann aber auch wieder als Stachel der (permanenten) Veränderung wirken. Ein vollständiges ‚Paradies‘ wird es niemals geben und das wäre auch gar nicht wünschenswert (da langweilig). Aber eine Gesellschaft, die eine maximale Bedürfnisbefriedigung mit maximaler Selbstverwirklichung kombiniert, die wäre schon möglich.

Das ‚Reich der Notwendigkeit‘ wird immer bestehenbleiben; daran ändert auch die ‚digitale Revolution‘ nichts. Aber die digitale Revolution könnte die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit erheblich verkürzen (bei entsprechendem politischen Willen und Kräfteverhältnissen). Und diese (die Arbeitszeit) wäre dann auch nicht mehr durch das ‚Profitprinzip‘ und ‚Wertgesetz‘ (vergleich Fußnote [6]) gesteuert, sondern durch die vorhandenen (gesellschaftlichen und individuellen) Bedürfnisse (bei gleichzeitiger Berücksichtigung ökologischer Belange).

Aber jenseits der notwendigen Arbeit beginnt die ‚menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit‘ (Marx). Dieser ’Selbstzweck der menschlichen Kraftentwicklung‘ besteht im Wesentlichen in der Liebe und in der Kunst; – der ‚Lebenskunst‘ von Individuen, die sich selbst steuern können (die eine gesellschaftliche Mehrheit und hegemoniale Kultur bilden. Ein Staat, der über der Gesellschaft steht, wird nicht mehr erforderlich sein).

Die notwendige [nichtkreative] Arbeit kommt bestenfalls an dritter Stelle.  😉

[1] Die Frage, was ein ‚kollektives Subjekt‘ sein soll, muss später noch behandelt werden. Hier möchte ich vorerst nur sagen, dass ein kollektives Subjekt keine ‚empirisch‘ vorhandene Masse ist, sondern der materielle Träger einer (vereinigenden) Idee.

[2] Tatsächlich glaube ich persönlich, dass man auch eine politische Programmatik nicht ohne ‚weltanschauliche‘ Grundlagen schaffen kann. Dies aber zur Voraussetzung von politischen Handlungen und Organisationsformen zu machen, wäre nichts weiter als Sektenbildung.

[3] Auch auf das Thema des Verhältnisses von ‚Theorie und Praxis‘ wird noch gesondert einzugehen sein.

[4] Im Grunde beruhen sowohl die Ego-Rationalität als auch die ‚romantische Liebe‘ auf der Vorstellung vom ‚autonomen Subjekt‘, deren Kern wiederum die [ontologisch gedachte] ‚Getrenntheit‘ der Individuen ist. Beim Dichter Rilke sogar gesteigert zur existentiellen Kategorie der Einsamkeit. Vergleich: https://systemcrash.wordpress.com/2013/02/21/nahe-distanz-und-einsamkeit/)

[5] Hier scheint mir ein berechtigtes (oder zumindest verständliches) Anliegen in der kritischen Theorie zu liegen, nur eine ’Negation‘ zum Kapitalismus zu entwickeln. Aber konsequent zu Ende gedacht, würde letztlich die ’Negation‘ eine ‚positive‘ Bestimmung eines ‚anderen‘ ergeben. Siehe dazu: [https://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-philosophie/adorno-marcuse-und-co-die-vordenker-der-68er-bewegung]

[6] „In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Marx, Kritik des Gothaer Programms

[7] „Dies heißt selbstverständlich nicht, daß die Arbeiter an dieser Ausarbeitung [der sozialistischen Theorie] nicht teilnehmen. Aber sie nahmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhon und Weitling, mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und soweit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern. Damit aber den Arbeitern dieses häufiger gelinge, ist es notwendig, alles zu tun, um das Niveau der Bewußtheit der Arbeiter im allgemeinen zu haben; ist es notwendig, daß die Arbeiter sich nicht in dem künstlich eingeengten Rahmen einer „Literatur für Arbeiter„ abschließen, sondern daß sie es immer mehr lernen, sich die allgemeine Literatur zu eigen zu machen. Es wäre sogar richtiger, anstatt „sich nicht abschließen“ zu sagen: nicht abgeschlossen werden, dann die Arbeiter selbst lesen alles und wollen alles lesen, auch das, was für die Intelligenz geschrieben wird, und nur einige (schlechte) Intellektuelle glauben, „für Arbeiter“ genüge es, wann man ihnen von den Zuständen in der Fabrik erzählt und langst bekannte Dinge wiederkäut.“ (Lenin)

 


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6 Kommentare zu “Vorläufige Gedanken zum ‚revolutionären Subjekt‘

  1. „Heute leben wir weder in einer Epoche revolutionärer Krisen noch in Zeiten des reformerischen Optimismus; vielmehr erleben wir eine Krise der Demokratie, die inzwischen die Parteien selbst erreicht hat, wir müssen die Reste des Sozialstaats gegen weitere Demontageambitionen verteidigen. Wir müssen die politische Kultur gegen ihre Barbarisierung durch Rechtspopulisten verteidigen. Unsere Zeit ist aus linker Sicht eine Zeit der Defensive, aus der wir herausfinden müssen. Von hier aus ist das Werk von Marx zu sichten und neu zu erschließen: Was regt dort zu produktiven Fragestellungen an? Aber auch: Wo hilft Marx nicht? Wo führt er gar in die Irre? Es geht, um auf den marxistischen Denker Karl Korsch hinzuweisen, um die Frage nach dem Lebendigen und dem Toten im Werk von Marx. Ich wünsche mir eine Marx-Debatte genau in diesem Sinn.“
    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1087253.karl-marx-plaedoyer-fuer-eine-kritische-marx-debatte.html

  2. »Das ist der Hauptunterschied zwischen dem Marxisten und dem Marxologen, der gelehrter als so manche Marxisten in Bezug auf das Marx’sche Werk sein mag, für den dieses jedoch toter Buchstabe bleibt. Erstes Hauptmerkmal des Marxistseins: Es ist kein bloßes Wissen, es ist das, was ich eine geschichtliche Individualitätsform nenne, eine praktische Lebensweise, wie sie die elfte Feuerbach-These definiert: ›die Welt zu verändern‹ und in derselben Bewegung das Leben zu ändern.«

    „Die krisengetriebene permanente Produktivkraftentwicklung des Hightech-Kapitalismus, die Lebensweisen ebenso umwälzt wie die gesellschaftlichen Verhältnisse und globale Konstellationen der politischen, ökonomischen und kulturellen Mächte (…), verlangt von Marxisten und Marxistinnen, im Werden zu bleiben. Nicht auszuschließen ist, dass das M[arxistsein] in der krisengeschüttelten und von extremer Ungleichheit und Korruption zerfressenen Welt des globalen Kapitalismus im ›Imperium‹ des 21. Jahrhunderts einmal rückblickend mit dem Christ-, Epikuräer- oder Stoikersein der römischen Kaiserzeit verglichen werden wird, als eine Individualitätsform mit der Haltung zuverlässiger Dienstbereitschaft gegenüber der ›Allgemeinheit‹ inmitten einer zerfallenden Gesellschaft im Sinne lokal aktiver – in den Worten des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko (Jg. 1932) – »Patrioten der Menschheit« (2014). Ihre Haltung würde sich durch ein Ethos auszeichnen, das die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen mitsamt ihren Naturverhältnissen umfasst. Ihr Leben und Wirken würde sich im Unfertigen und Ungewissen entfalten, Seite an Seite mit anderen politisch-ethischen Rücken-an-der-Wand-Kräften, während, am Rande der Klimakatastrophe, das alte imperialistische Spiel erneut begänne, nun aber mit den Waffen der Hochtechnologie. Doch die Dialektik ist für Überraschungen gut.“
    https://www.zeitschrift-luxemburg.de/marxist-seinmarxistin-sein/

  3. Der Restaurationsprozess in Richtung der sozialen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters ist noch nicht abgeschlossen, und die meisten Menschen der extremen Mitte, die eben diese Parteien zuverlässig wählen, wollen zunächst einmal dorthin zurück. Jedenfalls sind sie der Überzeugung, dass dieser Prozess alternativlos ist, woran die Massemedien eine gewisse Mitschuld tragen. Ich sehe derzeit nichts, was diese Kräfte aufhalten könnte. Einzig das ewige exponentielle Wirtschaftswachstum könnte die kapitalistische Art der Vergesellschaftung noch vor Schwierigkeiten stellen, weil die Ressourcen des Planeten doch begrenzt sind. Daran sollte ein antikapitalistisches Konzept eher anknüpfen im Bewusstsein, dass es erst in Jahrzehnten Früchte tragen wird, wenn überhaupt. Eine Revolution in der Art der französischen Revolution steht gegenwärtig gewiss nicht auf der Tagesordnung der „Normalos“. Die Likes bei Instagram und Facebook sind viel, viel wichtiger.

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