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„Unterwerfung“ oder: wenn ‚Islamkritik‘ unfreiwillig zur Selbstentlarvung führt

Bildergebnis für unterwerfung film

Ich muss mit einem Geständnis beginnen: ich hätte mir weder die ‚Maischberger-Diskussion‘ (was man so ‚Diskussion‘ nennt) noch den Film ‚Unterwerfung‘ angesehen, wenn ich nicht auf facebook eine Debatte darüber mit jemanden gehabt hätte, die mich ein bissl mehr interessierte. Die Talkshow hätte man sich tatsächlich sparen können, aber der Film war dann doch interessanter, als ich vorher gedacht hatte.

Der vordergründige Inhalt, dass in Frankreich ‚der Islam‘ die politische Macht übernimmt, ist natürlich Schmarrn. Aber wenn man darüber grosszügig hinwegsieht, dann bleibt eigentlich nur noch die Figur des François übrig (grossartig: Edgar Selge). Und dieser François zeichnet sich hauptsächlich durch eines aus: durch seine existentielle Leere und völlig unscheinbare Durchschnittlichkeit. Dass er diese ‚Leere‘ mit saufen und fressen kompensiert, ist dann auch nur noch folgerichtig. Warum er dann trotzdem noch einigermassen ‚Erfolg‘ bei Frauen zu haben scheint, verstehe ich ganz und gar nicht; aber ich muss ja auch nicht alles verstehen.  😉

[Nachtrag aus einem Interview mit Thea Dorn: „Zwar ist mir als Schriftstellerin nichts Zwischenmenschliches fremd, aber an der Aufgabe, plausibel zu erzählen, warum sich eine Frau in einen Blässling wie François Hollande verliebt, wäre ich vermutlich gescheitert. Oder ich hätte mich zu Tode gelangweilt dabei.“]

Trotzdem bleibt selbst das Vergnügen mit den Frauen oberflächlich und kann ihn nicht ausfüllen. Als er dann nach der Machtübernahme der ‚Moslembruderschaft‘ seinen Job an der Uni verliert, gerät er in eine massive Existenzkrise, die die völlige Bedeutungs- und Sinnlosigkeit seines Lebens offenbart (für wen sollte ich leben? ich bin völlig unfähig, für mich selbst zu leben). In den Theaterauschnitten, die in dem Film eingefügt sind, gibt es eine Szene, in der François/Selge sinngemäss sagt: das Einzige, was mir zuverlässig dient, ist mein Schwanz. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht ihm diene. [1]

Diese Existenzkrise wendet sich erst, als François ein Angebot vom Direktor der Uni bekommt, seinen alten Job wieder aufzunehmen; nur mit dem Unterschied, dass er mehr Gehalt bekommt und die Aussicht auf eine Vielehe…

An dieser Stelle können wir die Inhaltsangaben zum Film verlassen, es wird nicht mehr besser. Es gibt nur noch einen Punkt zu klären, und den halte ich in der Tat für sehr wichtig. Wie der Titel des Films es schon andeutet, es geht um ‚Unterwerfung‘ [2]. Unterwerfung läuft im Prinzip auf ’Selbstaufgabe‘ hinaus. Aber jemand, der gar kein ’Selbst‘ hat, wie soll der sein ’Selbst‘ aufgeben? Wenn sich also Leute, die im Prinzip Personen ohne Eigenschaften sind, einer Sache (egal ob politische Bewegung, Religion oder von mir aus auch eine S/M-Beziehung)[3] ‚unterwerfen‘, dann kann auch dies ihre innere Leere nicht ausfüllen. Sie bekommen zwar durch diese ’Strukturen‘ eine äussere Stütze verpasst, aber ihr Herz bleibt ein genauso finsteres Loch, wie es ohne diese ’Strukturen‘ auch wäre. Man kann also davon ausgehen, dass François durch den Übergang von der seriellen Monogamie zur Vielehe auch nicht viel zu gewinnen hätte. Die ’72 studentischen Sex-Sklavinnen‘, von denen er träumen mag, werden sich daher als bestenfalls ‚kurzfristiges‘ Vergnügen herausstellen (vermutlich sogar als bittere Ent-täuschung). (Er hätte dies — wenn ich den Film richtig verstehe — auch schon vor der Machtübernahme der Moslembruderschaft haben können. Er war nur psychisch unfähig dazu.)

Im Übrigen sind das alles beileibe keine neuen Erkenntnisse. Die Arbeiten von Wilhelm Reich zur Bedeutung der Sexualität, von der ‚Frankfurter Schule‘ zum ‚autoritären Charakter‘ und von Erich Fromm zur ‚Anatomie der menschlichen Destruktivität‘ liegen seit vielen Jahrzehnten vor. Ein Rückgriff auf ‚den Islam‘, um diese Themen zu problematisieren, ist daher nicht notwendig und weit von unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt (die sich durch ganz andere Gefahren auszeichnet). Der Verdacht liegt also nahe, dass es sich dabei um eine politische ‚Instrumentalisierung‘ [4] handelt. Und dafür sollte sich doch gerade die Kunst (viel) zu schade sein.

[1] An dieser Stelle müsste man eigentlich eine grössere ‚Kulturkritik‘ ‚westlicher‘ Gesellschaften entfalten, aber das würde den Rahmen einer bescheidenen Filmbesprechung doch arg strapazieren. Das Gerede vom allgemeinen ‚Werteverlust‘ ist zwar im Prinzip nicht ganz falsch, müsste aber viel differenzierter betrachtet werden, wenn man da zu einem tragfähigeren Urteil gelangen möchte.

[2] „Das arabische Wort Islām (islām / إسلام) ist ein Verbalsubstantiv zu dem arabischen Verb aslama („sich ergeben, sich hingeben“). Es bedeutet wörtlich das „Sich-Ergeben“ (in den Willen Gottes), „Sich-Unterwerfen“ (unter Gott), „Sich-Hingeben“ (an Gott), oft einfach mit Ergebung, Hingabe und Unterwerfung wiedergegeben.“ (wikipedia)

Dieser theologische Begriff der Unterwerfung hat aber nichts mit dem psychologischen Begriff der ’Selbstaufgabe‘*) zu tun. Im Gegenteil, eine ‚Unterwerfung‘ unter ‚Gott‘ setzt gerade eine hohe (oder tiefe) Selbstentwicklung voraus. Im Übrigen gibt es das im Christentum genauso: „Dein Wille geschehe“ (Matth. 6:10). (Das Wort ‚Demut‘ scheint mir ebenfalls diese theologische Bedeutung zu haben. Vermutlich wird es daher im aktiven Sprachschatz auch eher selten verwendet.)

*) „Suggestivfragen sind auch ein Teil der Moderation. Etwa dann, wenn Maischberger ihren Einspieler mit den Worten ankündigt: „Wo hört die Selbstaufgabe einer Gesellschaft auf, die ihre eigenen Werte verrät?“
(taz)

[3] In dem ‚Bewerbungsgespräch‘ zwischen François und dem Direktor beruft sich dieser explizit auf den sadomasochistischen Roman ‚Die Geschichte der O‚.

[4] „Deshalb ist der Roman eben auch nicht als ernsthafte Warnung vor einer angeblichen Islamisierung zu lesen. »Houellebecqs schwarze Zukunftsvision vom Wahlsieg einer muslimischen Bruderschaft, die von den zur Bedeutungslosigkeit geschrumpften bürgerlichen Parteien unterstützt wird«, sei »bei näherer Betrachtung völlig gaga«, schreibt Christian Bos in einer Rezension auf ksta.de (»Kölner Stadtanzeiger«) anlässlich der TV-Verfilmung, die am Mittwochabend in der ARD lief. In Wirklichkeit gehe es um den »Sturz des weißen Mannes von seinem angestammten Thron«. Protagonist François wettert gegen emanzipierte Frauen, sucht sich immer neue Affären, den politischen Umwälzungen begegnet er »mit Ratlosigkeit, die viel beschworenen Werte der Aufklärung sind ihm herzlich egal«. Zum eigenen Vorteil passt er sich letztlich den neuen Verhältnissen an.
Über all dies ließe sich streiten. Doch da die TV-Adaption eben in der ARD und nicht auf 3sat lief, wo im Anschluss bei Gert Scobel ein Psychoanalytiker und ein Philosoph über den Hang des Menschen zum Opportunismus oder seine Unterwürfigkeit hätten diskutieren können, musste eben der Polittalk von Sandra Maischberger ran. Ihre Redaktion benahm sich wie eine Schulklasse, die das Thema eines Aufsatzes nicht versteht. Um den Film in das Korsett eines Themenabends zu pressen, hieß der Titel der Talksendung frei von houellebecqscher Ironie und Metaebene: »Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?« Bei solch einer Frage musste die AfD nicht einmal Gast sein, um in Jubel zu verfallen. Ursprünglich hatte es die Redaktion sogar noch schärfer formuliert und gefragt: »Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?«, war nach Kritik aus den sozialen Netzwerken aber einen Millimeter zurückgewichen. Die Sendung selbst konnte man sich übrigens schenken.“ (
neues deutschland)

 

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