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Thesen zum ‚Trotzkismus‘

Vorbemerkung: obwohl ich selbst aus meiner Herkunft aus dem ‚Trotzkismus‘ nie einen Hehl gemacht habe, habe ich auch nie einen ‚bewussten Bruch‘ mit ihm vollzogen, obgleich dieser faktisch durch meine Blogpublikationen längt vollzogen wurde. Ich habe dafür auch nie eine [praktische] Notwendigkeit gesehen, aber möglicherweise ergeben sich ja aus der Reflektion einiger spezifischer Besonderheiten des ‚Trotzkismus‘ Rückschlüsse auf aktuelle Politikkonzepte mit ‚revolutionärem‘ Anspruch. 

1.)

Der Trotzkismus ist entstanden aus den Fraktionskämpfen der russischen kommunistischen Partei um die Nachfolge Lenins. Obgleich der Trotzkismus nicht nur durch seinen ‚Antistalinismus‘ gekennzeichnet ist, ist dies doch die wesentliche historische ‚Legitimitation‚ des Trotzkismus.

Meines Erachtens ist es ein Geburtsfehler des Trotzkismus, dass er sich als den ‚wahren Erben Lenins‘ bezeichnet hat, obgleich Trotzki mehr Zeit gegen Lenin verbracht hat als mit ihm. Insbesondere das Werk Lenins vor den Aprilthesen 1917 ist stark durch ‚Etappenkonzeptionen‘ gekennzeichnet, die mit der permanenten Revolution [1] Trotzkis nicht vereinbar sind. Dadurch war es Stalin ein Leichtes, den ‚Trotzkismus‘ als ‚Abweichung‘ vom ‚Leninismus‘ darzulegen. Im Übrigen hat dadurch Trotzki auch seinen eigenen Anteil an der Geschichte der russischen Arbeiterbewegung (vor 1917) unter den Scheffel gestellt, was er eigentlich nicht nötig gehabt hätte.

2.)

Durch den Zusammenbruch des ‚Realsozialismus‘ hat der Trotzkismus dadurch seine Sonderstellung innerhalb der ‚linken‘ verloren. Zwar wird er durch andere programmatische Besonderheiten noch zusammengehalten (eher mühsam), aber diese Zusammenschlüsse kommen über den Zustand marginaler Kleingruppen nicht hinaus. Dies gilt durchaus auch für die ‚grösseren‘ Verbände des internationalen Trotzkismus.

3.)

Trotzkis Aufstieg fiel in eine Zeit, als es noch eine ‚revolutionäre Massenbewegung‘ gab. Spätestens nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion (1929) war er ’nur‘ noch das Oberhaupt randständiger Strömungen, die keine oder kaum noch Verankerungen in der realen Klassenbewegung hatte.

4.)

Die ‚Kernthese‘ der trotzkistischen Bewegung (trotz aller sonst vorhandenen Differenzen) könnte man so zusammenfassen, dass es notwendig sei, das ‚korrekte revolutionäre Programm‚ zu verteidigen, auch wenn man sich damit als ‚Sektierer‘ verdächtig macht. Irgendwann würden die ‚Massen‘ schon erkennen, dass nurdas revolutionäre Programm‘ eine Lösung für ihre Probleme bieten könne.

Diese These muss man 80 Jahre nach Gründung der ‚Vierten Internationale‘ (1938) (die heutzutage in hunderte Strömungen und Unterströmungen zersplittert ist) als gescheitert betrachten.

Gescheitert ist sie deshalb, weil sie einerseits eine ‚idealistische‘ Konzeption von ‚Richtigkeit‘ unterstellt, die es gerade in Zeiten der ‚postmodernen Philosophie‚ nicht unumstritten gibt.

Und zweitens unterstellt sie eine ‚Eindeutigkeit‘ in Sachen revolutionärer Politik(en), die man allein schon aufgrund der soziologischen Veränderungen ’spätkapitalistischer‘ Gesellschaften so nicht mehr aufrechterhalten kann (und wahrscheinlich auch nie so existiert hat).

5.)

„Die Arbeiterklasse sucht die Einheit, während Intellektuelle tendenziell den theoretischen Streit suchen, in dem sie ihre argumentativen Fähigkeiten aktualisieren und vorführen wollen.“

„Die Arbeiterklasse hat normalerweise eine Tendenz dazu, der politischen Kraft, die sie aus ihrem vorpolitischen Halbschlaf erweckt hat, treu zu bleiben (deshalb gibt es bei ihr immer noch mehr SPD-Wähler als solche linkerer Alternativen), oder sie fällt ideologisch wieder zurück (siehe: AfD wählende Arbeiter, die früher SPD oder PdL gewählt haben).“

Die programmatischen Differenzen innerhalb der verschiedenen trotzkistischen Gruppen sind daher nichts weiter als ‚Stürme im Wasserglas‘, die mit dem „realen Leben der Arbeiterklasse‘ nichts (weiter) zu tun haben. Dies sagt aber nichts über ihren Wert oder Unwert für die politische Theoriebildung aus.

6.)

„Um überhaupt Zugang zum realen Proletariat zu finden, müssten die „Trotzkisten“ wenigstens als Herolde der Einheit auftreten und es ihren reformistischen und/oder linksradikalen Konkurrenten überlassen, diese Einheit abzulehnen. Zum Beispiel bräuchte man überhaupt nicht mit revolutionärem Pathos erklären, dass man mit der SPD nicht in eine Regierung eintreten will, weil sie dieses und jenes vertritt. Es genügt, selbst massenwirksame Übergangsforderungen [2] aufzustellen (heute langen schon fast rein reformistische) und zu verbreiten und es der SPD zu überlassen, diese abzulehnen (was sie ja als konterrevolutionäre Partei zweifellos tun würde).“

7.)

Auch wenn man Trotzki weiterhin für einen grossen und lesenswerten Revolutionär hält, macht es keinen Sinn mehr, sich als ‚Trotzkist‘ zu bezeichnen. Und dies nicht etwa (hauptsächlich) wegen der programmatischen Differenzen zwischen den einzelnen Gruppen (die teilweise durchaus unvereinbar sind), sondern weil die historische Berechtigung ihrer Sonderexistenz entfallen ist (Zusammenbruch des ‚Stalinismus‘ [3]).

Heutzutage geht es darum, eine integrale marxistische Theorie zu entwickeln und organisatorisch eine Neugruppierung von ’subjektiv revolutionären‘ Organisationen und Einzelpersonen anzuleiern. Es wird zweifellos eine lange Zeit erforderlich sein, in der man nur sehr kleine Brötchen backen wird. Ob es irgendwann auch mal zu einer Bäckerei reichen wird, steht dabei noch in den Sternen.

„Es kann keine Avantgarde-Partei außerhalb der realen Klassenbewegung entstehen und leben.“

Klingt nicht gerade sehr sexy, ist aber sicher alternativlos.

[Unter Verwendung von ein paar Textstellen einer Email von A. Holberg]

 

[1] Unter ‚permanenter Revolution‘ verstand Trotzki im wesentlichen die Notwendigkeit des Übergangs von der ‚demokratischen‘ zur ’sozialistischen‘ Revolution, auch unter rückständigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Und den internationalen Charakter der ‚proletarischen Revolution‘.

[2] ‚Übergangsforderungen‚ sind laut ‚Theorie‘ Forderungen, die am ‚Bewusstseinsstand‘ der ‚Massen‘ ansetzten, aber über die ‚Logik‘ des Kapitalismus hinausführen. Bislang konnte aber noch niemand erklären, wie die ‚Massen‘ wissen können, wie eine ‚postkapitalistische‘ Gesellschaft funktionieren soll, wenn es noch keine gibt und der ‚Stalinismus‘ nur abschreckend ist oder war. Es kann aber kein ’sozialistisches Bewusstsein‘ geben, was man quasi hinter dem Rücken der ‚Massen‘ (Klassen)Bewegungen unterschieben möchte. Der Bruch mit dem Kapitalismus kann nur politisch (bewusst) gewollt sein.

[3] Man muss allerdings sagen, dass es niemals eine einheitliche Definition innerhalb des Trotzkismus gab, was man genau (polit-ökonomisch) unter ‚Stalinismus‚ zu verstehen hat.

Bildergebnis für leo trotzki

 

 

 

 

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7 Kommentare zu “Thesen zum ‚Trotzkismus‘

  1. an sich ganz gute überlegungen von Riexinger, aber er versteht nicht, dass ein BRUCH mit der SPD vonnöten ist. das ist natürlich für einen ‚realpolitiker‘ ein schwer verdaulicher gedanke, aber madame geschichte hat selten bequeme (aus)wege anzubieten. die meisten sind eher steinig und steil. – und das ganze natürlich noch bei gegenwind!

    https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.linken-chef-schlaegt-neue-strategie-vor-spd-muss-aus-der-grossen-koalition-aussteigen.fa077411-548c-44cf-bfaf-2b6252e172fb.html

  2. ein fb-freund schrieb folgenden kommentar:

    „Ich würd nur nicht pauschalisieren, dass ein Scheitern gleichzeitig auch „der falsche Weg“ gewesen sein muss… ohne die vierte Internationale zu beurteilen, aber bei einem übermächtigen Gegner kann ein Scheitern wahrscheinlich sein, ganz gleich, wie gut und richtig das eigene Ziel ist…“

    meine antwort:

    „ja, ein guter punkt! historisch hast du damit sicher recht. und sagen wir bis zum ende des 2. weltkrieges würde ich in dieser argumentation auch mitgehen. aber DANACH hat sich alles verändert, was Trotzki vorhergesagt hatte. der stalinismus brach nicht zusammen, sondern bekam zusätzliches ansehen. der kapitalismus brach nicht zusammen, sondern es geschah ein ‚wirtschaftswunder‘. ich werfe NICHT Trotzki vor, dass er falsche vorhersagen getroffen hatte (in einer ANDEREN situation!) . ich werfe seinen (schlechten) nachfolgern (mehrheitlich) vor, dass sie nicht in der lage waren auf veränderte umstände (selbständig) zu reagieren und sich stattdessen an ‚heiligen texten‘ festhielten.“

  3. „[E. P.] THOMPSON grenzt sich ab von den statischen Klassenbegriffen des orthodoxen Marxismus und des soziologischen Positivismus, die ihm als epistemologisches Zwillingspaar gelten. Er fasst Klasse als »historische Kategorie« auf, die auch »den realen erfahrungsbestimmten historischen Prozess der Klassenbildung« einbeziehen müsse; man habe

    »dem Begriff ›Klasse‹ viel zu viel (meist offensichtlich ahistorische) theoretische Beachtung geschenkt, dem Begriff Klassenkampf dagegen zu wenig. In der Tat ist Klassenkampf sowohl der vorgängige als auch der universellere Begriff. […] Klassen existieren nicht als gesonderte Wesenheiten, die sich umblicken, eine Feindklasse finden und dann zu kämpfen beginnen. Im Gegenteil: Die Menschen finden sich in einer Gesellschaft, die in bestimmter Weise (wesentlich, aber nicht ausschließlich nach Produktionsverhältnissen) strukturiert ist, machen die Erfahrung, dass sie ausgebeutet werden […], erkennen antagonistische Interessen, beginnen um diese Streitpunkte zu kämpfen, entdecken sich im Verlauf des Kampfs als Klassen und lernen diese Entdeckung allmählich als Klassenbewusstsein kennen. Klasse und Klassenbewusstsein sind immer die letzte, nicht die erste Stufe im realen historischen Prozess«“

    https://www.zeitschrift-luxemburg.de/klasse-an-und-fuer-sich/

  4. „Das Unbehagen der universitären Radikalen an der arbeiterlichen Kultur hat Geschichte. Sie beginnt mit antiautoritären Kommunarden und Spontis, die sich gegen »kleinbürgerliche« Kultur wenden. In der Dekade des Kleinstparteienradikalismus nach 1970 wird daraus eine romantische Verklärung eines »antibürgerlichen« Proletariats, der indes dessen reale konsumistische »Korrumpierung« gegenübersteht. Die Enttäuschung dieses Phantom-Proletkults schlägt in den 1980ern in eine linksalternative Bewegungssprache um, in der »Proll« ganz selbstverständlich zum Schimpfwort wird. Und im zu wenig begriffenen »progressiven Neoliberalismus« nach 1990 verdichtet sich in einer zunehmend kulturalisierten Linken eine Haltung, Alltagsästhetiken und Lebensweisen der Normalarbeiterschicht gewissermaßen zur herrschenden Kultur zu erklären, obwohl dieselbe zeitgleich tatsächlich immer stärker unter Druck gerät: Nirgends gebe es so viel Rassismus und so festgefahrene Geschlechterrollen. Heute sind wir an einem Punkt, an dem alles, was diese Kultur ausmacht, akademischen Linken als untragbar gilt – vom Arbeitsethos über die Familienplanung bis zu Pauschalreise und Grillgut.“

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1094900.linksradikale-und-klima-identitaetsbasteleien.html

  5. Mailwechsel zwischen A. Holberg und mir:

    „Hallo,
    ich habe Deinen Artikel zum Trotzkismus gelesen [https://systemcrash.wordpress.com/2012/07/13/von-trotzki-lernen/]. Ohne jetzt zu glauben, ihn – wie er’s wert wäre- kritisieren (d.h. nicht notwendigerweise negativ kritisieren!) zu können, möchte ich nur ganz kurz ein paar Gedanken äußern, die mir spontan zugeflogen sind:

    1. es kann keine Avantgarde-Partei außerhalb der realen Klassenbewegung entstehen und leben

    2. die Arbeiterklasse sucht die Einheit (während Intellektuelle tendenziell den theoretischen Streit suchen, in dem sie ihre argumentativen Fähigkeiten aktualisieren und vorführen wollen).

    3. die Arbeiterklasse hat normalerweise eine Tendenz dazu, der politischen Kraft, die sie aus ihrem vorpolitischen Halbschlaf erweckt hat, treu zu bleiben (deshalb gibt es bei ihr immer noch mehr SPD-Wähler als solche linkerer Alternativen), oder sie fällt ideologisch wieder zurück (s. AfD wählende Arbeiter, die früher SPD oder PdL gewählt haben).

    4. Die trotzkistische Bewegung, die in der Gestalt Trotzkis einem Revolutionär folgte, der im engeren Sinn zum erfolgreichen Revolutionär geworden ist als es revolutionäre Zeiten gab, musste Zeit ihres Bestehens mit konterrevolutionären oder jedenfalls nicht-revolutionären Zeiten leben und konnte deshalb nicht an den Kampf eines politisch klassenbewussten Proletariats anschließen.

    5. Für das Proletariat, dass sich insbesondere in Abwesenheit eigener revolutionärer Aktivitäten an die vorhandwenen Führer mit realer Macht (Sozialdemokraten, Stalinisten – diese zumindest in Moskau) anlehnte, konnten diese – zunehmend intellektualizistischen Grüppchen aus der Studentenbewegung nicht als Teil seiner selbst gesehen werden.

    6. Um überhaupt Zugang zum realen Proletariat zu finden, müssten die „Trotzkisten“ wenigstens als Herolde der Einheit auftreten und es ihren refermistischen und/oder linksradikalen Konkurrenten überlassen, diese Einheit abzulehnen. Z.B. bräuchte man überhaupt nicht mit revolutionärem Pathos erklären, dass man mit der SPD nicht in eine Regierung eintreten will, weil sie dieses und jenes vertritt. Es genügt, selbst massenwirksame Übergangforderungen aufzustellen (heute langen schon fast rein reformistische) und zu verbreiten und es der SPD zu überlassen, diese abzulehnen (was sie ja als konterrevolutionäre Partei zweifellos tun würde).

    7. Die Streitereien zwischen „trotzkistischen“ Grüppchen (an denen ich mich zu einer bestimmten Zeit meines Lebens auch fleißig beteiligt habe!) haben mit dem realen Leben der Arbeiterklasse nichts zu tun. Das ist letztlich eine Art von Freizeitgestaltung von Leuten, die eben gerne das Florett oder den Knüppel ihres Intellekts benutzen, ohne dabei wirklich ein weitergehendes Ziel anzustreben (L’art pour l’art, also).

    8. Dass es keinen Sinn mehr macht, sich als „Trotzkist“ zu bezeichnen, auch wenn man Trotzki unverändert für einen großen und lesenswerten Revolutionär hält, zeigt sich, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich und gar sich wechselseitig ausschließend die Positionen verschiedener Trotzkisten zu zentralen aktuellen Fragen (z.B. Russland, Ukraine, Syrien) sind. Die reichen von faktischer Unterstützung imperialistischen Agenden (gerade bei manchen Anhängern der „Staatskapitalismus“-Theorie btr. UdSSR oder auch dem VS der 4.I.) bis hin zu Vertreterrn des genauen Gegenteils (z.B. IK der 4.Intern.) oder gar der Unterstützung des Zionismus durch die brt. „AWL“.“

    antwort:

    „ich stimme deinen einschätzung im grossen und ganzen zu; zumindest was die
    trotzkistische ‚gesamtbewegung‘ betrifft (sofern dieses wort überhaupt hier sinn macht).
    bei den einzelnen streitpunkten könnte dies schon anders aussehen, aber das scheint mir
    erst mal zweitrangig zu sein.
    die entscheidene frage ist tatsächlich, wie heutzutage überhaupt eine ‚revolutionäre arbeiterbewegung‘
    (wieder)erstehen könnte.
    dass es keine avantgarde-partei ausserhalb der klassenbewegung geben kann und dass

    „Die Streitereien zwischen „trotzkistischen“ Grüppchen (an denen ich mich zu einer bestimmten Zeit meines Lebens auch fleißig beteiligt habe!) [nichts] mit dem realen Leben der Arbeiterklasse zu tun [haben]“

    sind naürlich binsenweisheiten. aber mit dem ‚realen leben der arbeiterklasse‘ hat vieles nichts zu tun,
    trotzdem muss es ja irgendwie möglich sein, dass kulturelle niveau der arbeiterklasse zu erhöhen, sonst
    sind eh alle politischen kozepte für die katz.

    an sich fand ich den ansatz des NaO-prozesses gar nicht mal so schlecht, aber die protagonisten
    haben wohl die schwierigkeiten unterschätzt, die damit verbunden sind. was man ihnen vermutlich
    nicht mal persönlich zum vorwurf machen kann. ich bin sogar der meinung, ohne eine portion ’naivität‘
    hätte der NaO-prozess niemals das licht der welt erblickt.

    dieser ansatz ist jetzt aber erst einmal durch sein scheitern verbrannt. ich habe auch nicht den
    eindruck, dass die einzelnen gruppen ein grosses interesse daran haben, aus ihrer isolation auszubrechen.
    die einzige ausnahme bildet vlt die IL, aber die sind in ihren politischen vorstellungen so unkonkret, dass man
    sich fragen muss, was die überhaupt wollen, ausser event-politik zu betreiben?
    so weit erst mal.“

  6. A. Holberg zum ‚Proletkult‘:

    „Die Klasse an sich ist nur Ausbeutungsmaterial. Die selbstständige Rolle des Proletariats beginnt dort, wo es aus einer sozialen Klasse an sich zu einer politischen Klasse für sich wird. Das vollzieht sich nicht anders als durch Vermittlung der Partei“ (LDT: „Was Nun?“, Prinkipo 1932). Ich glaube, dass hier auch das Wort „Vermittlung“ statt „Führung“ bedeutsam ist. Überhaupt: Trotzki war gegen jeden „Proletkult“, weil es ja darum geht, die Arbeiterklasse bzw. jeden Arbeiter (m/f) aus genau dieser Existenzweise zu befreien. Und das kann, wie Marx wusste, natürlich nur die Arbeiterklasse selbst tun. Und sie ist die einzige Klasse, die sich selbst nur befreien kann, indem sie die Klassengesellschaft überhaupt aufhebt – und damit sogar die Mitglieder der herrschenden Klasse als Menschen befreit, statt sie einfach als Charaktermasken ihrer sozialen Ordnung zu hinterlassen.“

    antwort:

    „die ablehnung des ‚proletkultes‘ leuchtet mir (theoretisch) ein.
    ich sehe nur ein problem darin, dass die arbeiterklassen INNERHALB
    des kapitalismus nun mal gezwungen ist, ihre eigene lebensweise (und wenn man so will: kultur) zu entwickeln.

    man kann die arbeiterklasse ja nicht vom ende her (also ihrer aufhebung) bestimmen, sondern muss von ihrer realen existenzweise ausgehen. dass die arbeiterklasse im zuge ihrer entwicklung zur ‚klasse für sich‘ auch ihre ‚klassistischen‘ beschränkungen überwinden muss, ist natürlich vollkommen richtig.

    die frage ist nur, wie gelangen wir dahin?
    bislang haben gerade ‚trotzkistische‘ strömungen meines erachtens zu dieser frage wenig beigetragen und sich lieber über programmatische streitigkeiten um eine ‚theoretische reinheit‘ bemüht, die im ‚realen leben‘ eher steril und blutleer wirkt. (und vermutlich auch ‚praktisch‘ nicht durchzuhalten ist, es sei denn, man will völlig auf politische ‚wirkmächtigkeit‘ verzichten. es dürfte ja kein zufall sein, dass gerade die ‚entristischen‘ gruppen wie CWI und IMT auch mit zu den zahlenmässig ‚grössten‘ gruppen zählen; obwohl sie natürlich im vergleich immer noch marginal sind.)

    A. Holberg:

    „wie man dahin kommt [von der Klasse an sich zur Klasse für sich], weiß ich nun leider auch nicht, aber ich denke, dass Trotzki z.B. darin recht hatte, dass die Arbeiterklasse eben keine eigene Kultur im Kapitalismus entwickeln kann (und soll), sondern als unvermeidliches Ergebnis ihrer ökonomischen Depravierung auch nur eine unzulängliche bürgerliche Kultur haben kann. Es wäre schon viel gewonnen, wenn sie auf ein höheres Niveau der bürgerlichen Kultur klettern könnte. Mein Eindruck ist jedoch, das (möglicherweise auch im Zusammenhang mit dem Kulturbruch Ende der 60er Jahre) eine Tendenz entstanden ist, statt sich kulturell nach oben zu orientieren (in früheren Zeiten pflegten Arbeiter z.B., wenn sie nicht arbeiteten, ihre dreckigen Klamotten wegzupacken und sich gut anzuziehen – d.h. soweit sie dazu finanziell in der Lage waren, dem gehobeneren Bürgertum durch Hut und Krawatte nachzueifern): seitdem hat sich jedoch auch beim Klerinbürgertum – insbesondere dem akademischen – die Tendenz durchgesetzt, sich nach „unten“ zu orientieren – also z.B. zu Veranstaltungen zu gehen als käme man gerade vom Feld oder aus der Fabrik oder als sei man Eckensteher aus der Bronx (so wie man sie die – nicht ganz real! – vorstellt). Das scheint mir jedenfalls nicht der Weg zu sein, die Arbeiterklasse zu befähigen, ein politisches Klassenbewusstsein zu erlangen. Warum sollte sie auch, wenn ihre beschränkte kapitalistische Kultur zum Vorbild der „höheren Schichten und Klassen“ dient?“

    antwort:

    „das mit der aneignung der ‚bürgerlichen kultur‘ fnde ich richtig.
    aber das alleine begründet ja noch kein ‚revolutionäres klassenbewusstsein‘.
    irgendwie scheint mir das eine katzebeisstsichinschwanz-diskussion zu sein.
    die arbeiterklasse KANN innerhalb des kapitalismus keine eigene ‚kultur‘
    begründen, SOLL aber politisch in der lage sein, eine ‚postkapitalistische‘ gesellschaft
    zu errichten.

    ist da nicht irgendwie ein logischer bruch in dieser argumentation?

    (was du über die ‚anpassung nach unten‘ gewisser akademischer kreise schreibst,
    findet hingegen meine volle zustimmung. und — dir kann ich es ja sagen — mich hat
    auch immer ein bissl beeindruckt, dass die IKVI-leute immer mit hemd und schlips
    zu sehen sind 😉 )

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