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Zur Verteidigung des ‚überschreitenden‘ Denkens

Bildergebnis für ernst bloch zitate

ein Rainer Paris, seines zeichens ein soziologe, schreibt in der NZZ (03.08.2018) 

„Ganz zu schweigen davon, dass eine hypermoralische Haltung, die die Präferenz für das Eigene, ja die Orientierung am Eigennutz überhaupt, für grundsätzlich inhuman und moralisch anrüchig erklärt, in keiner Gesellschaft mehrheitsfähig ist.“

ist das nicht eine erstaunliche aussage?!? da wird mal kurzerhand mit einem federstrich die 2000 jährige geschichte des christentums ausgelöscht, das da immerhin lehrt: ‚du sollst deinen nächsten lieben wie dich selbst‚; als sei es das ‚normalste‚ von der welt. (vielleicht noch belächelbar als naiven ‚idealismus‘).

ist das eigentlich noch ‚konservatismus‘ oder ist da schon die grenze zu ganz rechts überschritten? oder definieren konservative den ’nächsten‘ nur als eigene familie oder nation/volk? aber auch das wäre sicher nicht ‚christlich‘. sicherlich sind die grenzen zwischen konservativ und ganz rechts fliessend, aber was man definitiv sagen kann, ist, dass die grenzen des sagbaren durch den ‚rechtspopulistischen‘ diskurs (stark) verschoben wurden.

und zu diesen grenzen gehört es auch, nicht einfach (naturhafte) evidenzen als ’normalität‘ oder ‚umumstössliche wahrheiten‘ anzusehen, sondern in der tradition wissenschaftlichen und aufklärerischen denkens zwischen der ‚erscheinung‘ und dem ‚wesen‘ zu unterscheiden. also hinter der ’normalität‘ die (gesellschaftlich-politische) ’norm‘ zu erkennen.

sicherlich mag für eigennutz oder egoismus eine gewisse evidenz sprechen, genauso wie einem das hemd näher ist als die hose. und genauso ‚evident‘ ist es, dass frauen besser für die kindererziehung geeignet sind als männer, da sie ja schliesslich die kinder bekommen. und ebenfalls ‚evident‘ ist es, dass arme in der regel ‚weniger kultur‘ haben als angehörige wohlhabender schichten.

aber all diese ‚evidenzen‘ sagen überhaupt nichts über die ursachen aus. sie geben einen ‚ist-zustand‘ (unkritisch) wieder, aber erklären nichts!

ist ‚egoismus‘ ein angeborener (biologischer) charakterzug oder ist er gesellschaftlich/kulturell bedingt [1]? sind vorstellungen von ‚männlichkeit‘ und ‚weiblichkeit‘ biologisch determiniert oder gibt es auch kulturelle einflüsse? ist ‚weniger kultur‘ bei armen leuten ein angeborener wesenzug oder gibt es dafür ökonomische ursachen?

nur wer solche fragen stellt, versucht hinter der erscheinung das wesen zu verstehen und hinterfragt die norm(alität) kritisch.

es ist allerdings kein zufall, dass diese standards der bürgerlichen aufklärung und des wissenschaftlichen denkens immer mehr erodieren. da innerhalb des kapitalistischen systems die gesellschaftlichen zentrifugalkräfte immer weniger beherrschbar sind und es keine glaubhafte altenative für eine ‚postkapitalistische‘ gesellschaft gibt, verschiebt sich das politische koordinatensystem von der (klassischen) liberalen demokratie immer mehr zu autoritären und bonapartistischen konzepten[2], da diese die gesellschaftlichen widersprüche ‚besser‘ handhabbar machen (sprich: unterdrücken können). dabei geht es (vorrangig) noch nicht einmal um eine vorgebliche verbesserung der gesellschaftlichen zustände, sondern es steht ganz klar der law and order-gedanke im vordergrund.

und diese autoritären und bonapartischen ‚lösungen‘ versuchen auch die wissenschaftlichen und aufklärerischen standards zurückzudrängen. ob es sich um den klimawandel handelt oder die geschlechterfrage oder die ausgrenzung von prekären schichten und allem ‚fremden‘-, überall erleben wir eine renaissance eines neuen obskurantismus, da die errungenschaften der bürgerlichen aufklärung selbst immer weniger mit dem weiterbestehen der kapitalistischen gesellschaft vereinbar sind [3]; zumindest, so weit ein ‚demokratischer anschein‘ halbwegs glaubhaft aufrechterhalten werden soll.

dass uns die barbarei gewiss ist, dürfte inzwischen klar sein; wenn wir aber auch den ‚fortschritt‘ als möglichkeit aufrechterhalten wollen, muss das wissenschaftliche und aufklärerische denken verteidigt werden. und die unterschichten sollten sich so langsam an den gedanken gewöhnen, dass sie sich damit beschäftigen sollten, die ökonomischen und kulturellen grundlagen eine transkapitalistischen gesellschaft zu entwickeln, wenn ihre kinder und kindeskinder noch eine lebenswerte zukunft haben sollen.

 

[1] „Ein Anthropologe bot Kindern eines afrikanischen Stammes ein neues Spiel an. Er stellte einen Korb voller Obst in der Nähe eines Baumes ab und sagte ihnen, wer zuerst dort ist, gewinnt die süßen Früchte. Als er ihnen das Startsignal gab, liefen sie alle zusammen und nahmen sich gegenseitig an den Händen, setzte sich dann zusammen hin und genossen ihre Leckereien. Als er sie fragte, weshalb sie so gelaufen sind, wo doch jeder die Chance hatte, die Früchte für sich selbst zu gewinnen, sagten sie: “Ubuntu, wie kann einer von uns froh sein, wenn all die anderen traurig sind?” („ich bin, weil du bist„)

[2] „Eine Krise ist der Zustand, in dem das Alte abstirbt, aber das Neue noch nicht zur Welt kommen kann. In einer solchen Zeit der Zwischenherrschaft gibt es viele Gefahren, und es kann zu allen möglichen Krankheitserscheinungen kommen – es ist die Zeit der Monster.“ (Antonio Gramsci, zitiert nach Kipping)

[3] nicht zuletzt dieser widerspruch scheint mir ein grossteil der probleme der EU und ihre krise zu verursachen. dass die migrationsfrage diese krise jetzt auf ein äusserstes zuspitzt, liegt einfach daran, dass der klassische ’nationalstaat‘ nicht mehr die politische form der kapitalistischen produktionsweise ist, da die wertschöpfungsketten schon lange ‚transnational‘ organisiert sind.

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