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Zur Krise des ‚Politischen‘

Bild könnte enthalten: Personen, die sitzen und Tisch

Überlegungen zum Problem der ‚Systemtransformation‘

‚Radikal linke‘ Politik unterscheidet sich vom Reformismus [1] durch den Anspruch auf den ‚Systembruch‘. Systembruch wird dabei doppelt definiert: einmal politisch durch die Beseitung des ‚bürgerlichen Staates‘ [2], zum anderen ökonomisch durch die Veränderung der ‚Produktionsverhältnisse‘.

Mir erscheint diese Definition nicht ausreichend zu sein. Man könnte auch böser sagen: sie ist reduktionistisch und ökonomistisch. Denn sie unterstellt implizit, dass mit der Änderung der ‚Produktionsverhältnisse‘ (im Wesentlichen die Eigentumsformen) auch ‚automatisch‘ eine Veränderung der Bewusstseinsformen stattfinden würde [3]. Dem ist aber mitnichten so!

Überhaupt scheint mir der Zusammenhang von sozialer Struktur und Bewusstsein schon bei Marx zu eng angelegt zu sein. Zwar gibt es unzweifelhaft diesen Zusammenhang, aber dieser ist viel vermittelter als eine ‚tendenzielle Entsprechung‘ oder gar eine Art ‚Determinismus‘.  Die einzige Möglichkeit zwischen sozialer Lage und Bewusstsein zu vermitteln ist die (politische) Theorie, und daraus eine abgeleitete Organisationsform.

Zwar ist auch die Theorie(produktion) nicht wieder völlig frei von ‚klassistischen‘ Einflüssen, aber wenn man Lenin ganz ‚radikal‘ interpretieren möchte, könnte man von einer ‚Entkoppelung‚ von sozialer Lage und politischer Theorie sprechen.

Der entscheidende, das marxistische Denken umwälzende Gedanke in Was tun? ist“ demgegenüber, „daß sich eine Politik nie einfach aus der Klassenbestimmung ergibt, sondern daß – umgekehrt – ein und dieselbe Klassenbestimmung mit verschiedenen, ja einander entgegengesetzten Politiken artikuliert sein kann. Dieser Gedanke bricht radikal mit der Vorstellung, wie wir sie auch bei Marx und Engels in manchen Formulierungen gefunden haben, daß sich der Zusammenhalt und die Organisierung der Arbeiter mehr oder minder aus der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus selbst ergeben würde. So ist Schluß mit jeder Illusion über ein letztliches Zusammenfallen von Partei und Klasse durch die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Die Partei und ihre Politik werden erst zu einem Gegenstand von Theorie.“ (zit. nach: TaP, Was spricht eigentlich gegen Lenins Parteitheorie?)

Allerdings kann man 100 Jahre nach der Oktoberrevolution schon die berechtigte Frage stellen, ob unter den Bedingungen des globalisierten Neoliberalismus ‚politische Theorie‘ und ‚Avantgardepartei‘ immer noch die ausreichenden Mittel für eine ‚Systemtransformation‘ sind.

Auch das Interesse, dass man der ‚Sammlungbewegung Aufstehen‚ entgegenbringt, dürfte nicht zuletzt aus dieser Skepsis gegenüber politischen Theorie(n) und parteiförmiger Organisierung gespeist sein. Aber ich will mich in diesem Artikel nicht an einer Kritik an ‚Aufstehen‘ festhalten, sondern mein Interesse fokussiert sich auf die Frage, ob eine politische Theorie allein ausreichend ist, eine soziale Transformation vorzubereiten.

Bild könnte enthalten: Text

Und da muss die Antwort ein klares ‚Nein‘ sein, denn politische Institutionen und ökonomische Formen sind nicht nur ein Problem der Politik und der Ökonomie (marxistisch: der ‚politischen Ökonomie‘), sondern auch ein Bewusstseins- und Kulturproblem. Der SDS-Theoretiker Hans Jürgen Krahl hat den Zusammenhang von gesellschaftlicher Entwicklung und Bewusstsein recht pointiert dargestellt.

„Selbst in diesem System, in dem keiner mehr zu hungern hat, in dem kein physisches Elend besteht, bleibt eines bestehen: diese Gesellschaft, so wie sie organisiert ist, hat es im Laufe der Entwicklung der Menschengeschichte nicht nur fertiggebracht, dass man Messer und Gabel hat, dass man sogar Fernsehapparate und Kühlschränke hat, sie hat auch ein hohes Kulturniveau produziert und eine wunderbar reibungslose Zivilisation – Bedürfnisse, die alle den Stand der physischen Selbsterhaltung weit überschreiten. Aber die Allgegenwart eines autoritären Staats und die Abhängigkeit vom Kapital, die die Massen zwingt, ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen, fesselt das Bewusstsein der Massen immer wieder an jene Formen elementarer Bedürfnisbefriedigung; denn dieser Staat und das Kapital können die Massen – und sie tun es auch – permanent mit der Angst aufstacheln, dass es ihnen auch wieder anders gehen könnte. Jene erweiterte Bedürfnisbefriedigung war nicht verbunden mit einem Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, war nicht verbunden mit einer Entfaltung der Phantasie und der schöpferischen Tätigkeit der Menschennatur. Aber sie ist immer noch, auch hier, obwohl sie all diesen verdinglichten gesellschaftlichen Reichtum besitzt, ängstlich an die materielle Sicherheit und Bedürfnisbefriedigung gebunden, obwohl wir einen Stand materieller Sicherheit haben, der längst eine Entfaltung der Menschen ermöglichte, die weit darüber hinausgehen könnte. Das ist die eigentliche Knechtschaft im Kapitalismus.“

Diese Analyse ist auch wichtig für die Einschätzung des Rechtspopulismus, der sich nämlich mehr über Ängste nährt als über reale gesellschaftliche Verschlechterungen.

Aber auch Ängste (wie überhaupt Emotionen: emovere [lat.] = herausbewegen) sind ein Beweggrund für politisches und gesellschaftliches Denken und Handeln. Dieser Aspekt wird in der ‚linken‘ politischen Praxis viel zu wenig berücksichtigt.

Neben dieser psychologischen Lücke gibt es aber auch noch eine kulturelle. Zwar stimmt es, dass ‚Bildung‘ ein Schlüssel für politisches und soziales Handeln ist, aber Bildung ist nicht nur die Aneignung von Theorien, sondern hängt auch von der (persönlichen) Betroffenheit ab [4]. Darum sind häufig ‚künstlerische‘ Darstellungen in der Wirkung radikaler als die scharfsinnigsten polit-theoretischen Abhandlungen.

Um den Menschen aber einen Zugang zum künstlerischen Erleben zu (er)schaffen, muss man ihnen auch einen ‚lebensweltlichen‚ Zusammenhang geben, der ein ’soziales Lernen‘ (im weitesten Sinne) möglich macht.

Es reicht dann nicht, wie Brecht (den ich ansonsten durchaus schätze) das macht, zu sagen:

„Aber auch wir, nicht mehr beschäftigt mit der Kunst
des Duldens
Eher beschäftigt mit der Kunst des Nichtduldens und
vielerlei Vorschläge
Irdischer Art vorbringend und die Menschen lehrend
Ihre menschlichen Peiniger abzuschütteln, meinen, dass
wir denen, die
Angesichts der heraufkommenden Bombenflugzeug-
geschwader des Kapitals noch allzulang fragen
Wir wir uns dies dächten, wie wir uns das vorstellten
Und was aus ihren Sparbüchsen und Sonntagshosen werden
soll nach einer Umwälzung
Nicht viel zu sagen haben.“

Aber vielen Leuten sind ihre ‚Sparbüchsen und Sonntagshosen‘ tatsächlich näher als der ‚Sozialismus‘ (ein Verächtlichmachen des ‚Spießertums‚ ist dann eher ein Zeichen von intellektueller Hilflosigkeit und/oder eigenem Hochmut); insbesondere ein ‚Sozialismus‘ (bzw. dessen Name), der sich gründlich diskreditiert hat. Diesen Leuten wird man schon ein paar Worte dazu sagen müssen, an was sich der ’schlechte‘ vom ‚guten‘ Sozialismus unterscheiden lasse.

Bildergebnis für roger willemsen kunst

Die Selbstaktivität von unten scheint mir das entscheidene Kriterium dafür zu sein. Eine ‚Avantgardeorganisation‘ steht aber dazu, entgegen anders lautender Gerüchte, keineswegs im Gegensatz. Das Haupthindernis für einen solchen Weg (der das rein ‚politische‘ übersteigt, also selbst schon ‚transpolitisch‚ ist) scheint mir eher ein ‚Vermittlungsproblem‚ zu sein, und weniger ein inhaltlich-programmatisches. (Da liesse sich sicher ein brauchbares Verfahren finden. Die Essential-Diskussion im NaO-Prozess war nicht nur mangelhaft.)

Und letztlich hängt es auch von der ‚Charakterstruktur‘ jeden einzelnen ‚Revolutionärs‘ ab, wie ‚erfolgreich‘ ein solcher Weg sein mag (natürlich ist es ein Experiment). Es mag zwar ’nichts richtiges im falschen‘ (Adorno) geben, aber das Bemühen (um das Bessere) ist auch unter den widrigsten Bedingungen jederzeit möglich. [4]

 

[1] Gradualismus hat zwar auch den Anspruch auf ‚Systemveränderung‘, ‚umgeht‘ aber das Problem der ‚politischen Macht‘; also die Notwendigkeit, den ‚bürgerlichen‘ Staat durch einen ‚Rätestaat‘ zu ‚ersetzen‘ (die Notwendigkeit, den bürgerlichen Staat zu ‚zerschlagen‘). Gradualismus ist daher die ‚radikale Schwester‘ des Reformismus.

[2] Dabei wird der ‚bürgerliche Staat‘ nur als Machtinstrument der ‚Herrschenden‘ gesehen. Dass er auch eine ideologische Hegemonie ausübt, wird dabei übersehen.

[3] Im ‚Vulgärmarxismus‘ auch bekannt als 1 zu 1-Entsprechung von ‚Basis‘ und ‚Überbau‘.

[4] diese kleine Geschichte macht den Widerspruch von äusserem Schein und Wirklichkeit als Grundlage der Sozialkritik sehr augenfällig. Viel augenfälliger, als das eine ‚gelehrte Abhandlung‘ tun könnte.

„Wir hielten während der Reise auch in kleinen Dörfern an, um vom Brunnen Wasser zu holen oder im kleinen Dorfladen einzukaufen. Eine Schar von Kindern rannte hinter dem Wagen her, unbeeindruckt vom Staub der Straße, den der Wagen aufwirbelte. Mein Vater hielt den Wagen an und stieg aus, tätschelte die Köpfe der Kinder, als kannte er jedes einzelne persönlich und freute sich, sie wiederzusehen. Er fragte sie nach dem Weg zur Moschee oder zum Einkaufsladen, nach dem Brunnen. Die Kinder redeten alle durcheinander, zeigten mit ihren Zeigefingern hierhin und dorthin, sagten „Onkel“ zu meinem Vater. Meine Mutter kurbelte dann das Fenster herunter und verteilte die Süßigkeiten, die schon sehr gelitten hatten während der langen Strecke und in der Hitze, aber den Kindern war das egal. Dieses Bild erzeugt in mir heute noch genauso ein Unbehagen wie damals. Vielleicht war ich auch neidisch auf alle diese Kinder, da meine Eltern zu uns meistens sehr harsch waren. So pflegten mein Bruder und ich dann immer auf Deutsch zu sprechen, um den Dorfkindern zu signalisieren: „Wir sind nicht so wie ihr, wir sind etwas Besseres, wir sitzen in diesem Auto und wir haben diese entzückenden Menschen als Eltern.“ Am liebsten hätte ich auch den Kindern laut ins Gesicht geschrien: „Glaubt ja nicht, dass dieser Mann und diese Frau euch lieben oder gar mögen, denn sobald unser Mercedes wieder rollt, werden sie ihr wahres Gesicht zeigen und sich gegenseitig erzählen, wie ungewaschen und schmutzig ihr seid, dass sie ihre Hände gut waschen müssten und dass hoffentlich von euch kein Ungeziefer und keine Flöhe zu uns gesprungen sind. Ja, Kinder, diese beiden denken tatsächlich so über euch. Und die Süßigkeiten hätten sie sonst weggeschmissen, also glaubt gar nicht, die hätten euch einen Gefallen tun wollen!“ Und so unterhielten sich meine Eltern tatsächlich über diese unglücklichen Kinder, wie sie sie nannten. „Manche Leute setzen mehr Kinder in die Welt als sie ernähren können“, war das Urteil meines Vaters und meine Mutter nickte zustimmend.“ 

[5] Lerne das Einfachste! Für die
Deren Zeit gekommen ist
Ist es nie zu spät!
Lerne das Abc, es genügt nicht, aber
Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen!
Fang an! Du mußt alles wissen!
Du mußt die Führung übernehmen.

Lerne, Mann im Asyl!
Lerne, Mann im Gefängnis!
Lerne, Frau in der Küche!
Lerne, Sechzigjährige!
Du mußt die Führung übernehmen.
Suche die Schule auf, Obdachloser!
Verschaffe dir Wissen, Frierender!
Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.
Du mußt die Führung übernehmen.

Scheue dich nicht zu fragen, Genosse!
Laß dir nichts einreden
Sieh selber nach!
Was du nicht selber weißt
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung
Du mußt sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten
Frage: Wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung übernehmen (Brecht, Lob des Lernens)

 

 

 

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2 Kommentare zu “Zur Krise des ‚Politischen‘

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