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Versuch über den »Helden«

Glory! Glory! Hallelujah!
Glory! Glory! Hallelujah!
Glory! Glory! Hallelujah!
His truth is marching on.
[Julia Ward Howe / Roy Ringwald / William Steffe]
We don’t need another hero,
We don’t need to know the way home
All we want is life beyond the Thunderdome
[Graham Hamilton Lyle / Terry Britten]
Dass Mithra nicht Mensch geworden war wie der Gekreuzigte, hat ihn wohl von vornherein dem jüdischen Heiland unterlegen sein lassen. Vielleicht – so könnte man einen Augenblick, den Blick auf gewisse mythologische Analogien gerichtet, denken – hätte der griechische Herakles, der ja ebenfalls der Sohn eines Gottes und eines Menschweibes war, der als Knecht diente und die niedrigsten Arbeiten verrichtete und der sich, wie der Gekreuzigte, selbst opferte um darauf zu seinem Vater im Himmel zurückzukehren, eine solche Rolle übernehmen können. Wurde er doch nicht nur als Heros gefeiert, sondern in manchen Gegenden Griechenlands als Gott verehrt! Aber Herakles stand nicht im Brennpunkt der antiken Welt, wo Morgen- und Abendland sich berührten, sondern am Rande, irgendwo in Attika oder Böotien. Er erlebte nicht mehr die hohe Zeit der Jahrhunderte vor und nach Beginn unserer Ära, da, zur Zeit Alexanders des Großen und im Römerreich, die Religionen, die Kulturen, das Denken aus ihren Grenzen traten, ineinanderflossen, sich befruchteten, wie es der Gekreuzigte erlebte. Er war zu früh, er verkam irgendwo am Wegrand der Weltgeschichte. Sie ergriff ihn nicht, indem sie ihn zum Weltgott erhob, seinen lokalen Kult zur Weltreligion erweiterte.
Übrigens wäre seine ethische Substanz, trotz seiner ungeheuerlichen Selbstopferung, wohl zu gering für diese Rolle gewesen; er war ja weder für die Menschen noch für eine Idee gestorben, sondern um die Qualen zu beenden, die ihm das von seinem Weibe geschenkte, vergiftete Nesselhemd bereitete.[Willy Piehler]
Der Klang des Heldenbegriffs reicht, spitzt man die Ohren, weit zurück in die Wiege der Zivilisationen und ihrer Kulturen. Die Natur zeichnet sich indessen nicht durch eine willentliche Verherrlichung ihrer zahllosen Schöpfungen aus. Bis hin zur Erschöpfung geht hingegen eine ihrer sonderbarsten Erscheinungsformen über sich selbst hinaus. Im Fabelhaften flackert noch die Teilhabe des selbsternannten Menschen an seiner Herkunft aus dem Reich der Natur auf und die Ähnlichkeiten mit anderen Erscheinungsformen der lebensspendenden Natur stechen sofort ins Auge: Als mörderisches Raubtier ähnelt er seinen Artverwandten, den sogenannten Tieren; aus bloßem Drang zur Benennung durch ihn selbst so bezeichnet, reißt, lyncht, verschlingt und triumphiert er über seine Beute aus der Vielzahl des jeweils Unterlegenen. Überlegenheit signalisiert das Brüllen des Löwen, den er achtet, dessen Macht sich ihm eingebrannt hat, so wie das Reh den Menschen instinktiv zu meiden versteht. Das Brüllen des Siegers über den Besiegten imitiert jedes Wesen, das seine Überlegenheit zu demonstrieren weiß.
Bisweilen verschwindet das Monstrum Mensch aus dem Blickfeld, stets aber erweckt die Selbstbehauptungsmaschine Mensch ein langanhaltendes Schaudern, wenn sie, in welcher Form auch immer, zur Tat schreitet. Seine Verwandtschaft mit dem Affen zeigt sich, wenn das besagte Wesen die Fassung verliert, die Zähne fletscht, sich fortpflanzt oder über einen Nebenbuhler herfällt. Dann wiederum erregt es Aufmerksamkeit durch seine Nachahmung kreischender Vögel. Im despektierlichen Ausdruck des Weiberhelden steckt mehr als ein Fünkchen Wahrheit.
Sind es nicht glückselige Zeiten, in denen der Heros wie ein blutrünstiges Relikt aus den finstersten Zeiten der Geschichte wirken muss? Kaum, möchte man glauben, gäbe es eine Ära, in der ein sagenumwobener Heros weniger zu suchen hätte als in unserer unterkühlten, digitalen Epoche, die allenfalls Geschäftsleuten im Bankwesen oder der IT-Branche sowie Athletinnen und Athleten zu unermesslichem Ruhm verhilft.
Siegfried, der legendäre Drachentöter, blieb ähnlich wie die allermeisten seiner Vor- und Nachfahren, vor allem durch sein Scheitern in der Erinnerung der Nachgeborenen. Im Gegensatz zu namhaften Ahnen wie Herakles und Odysseus, dem Namenlosen, übertrieb es der nordische Held mit seinem Falschspiel insbesondere dem anderen Geschlecht gegenüber. Sein Versuch die tapfere Brünhild zu übertölpeln wird ihm schließlich zum tödlichen Verhängnis, sodass die Verachtung des weiblichen Stolzes sein Schicksal gewissermaßen besiegelt und ihn als Weiberhelden disqualifiziert. Der listenreiche Odysseus hingegen lässt sich weder bezirzen noch beeindrucken oder betören. Den zumindest in der Fassung Homers zwei ebenfalls namenlosen Sirenen lassen sich bis zum heutigen Tag ohne weiteres zauberhaft klingende Namen andichten; ob Ligeia oder Lady Gaga, man darf vermuten, dass es sich um äußerst verführerische Nervensägen gehandelt haben muss, die seit jeher um die volle Aufmerksamkeit der Konsumhelden buhlen. Entscheidend aber ist, dass der Namenlose dem Rat der Kirke folgte und nur so weiteren Irrungen zu widerstehen wusste, um letztlich das Familienglück in der ersehnten Heimat zu wählen, wo das wiedervereinte Paar seitdem mit eher rührseligen Nachrichten von sich reden macht. „Paar rettet Eichhorn-Baby – und zieht es groß“, lautete erst kürzlich eine Schlagzeile. Penny, so heißt es, habe ihren Pantoffelhelden nach und nach derart verzärtelt, dass man Ulis legendären Ruhm inzwischen nahezu vergessen hatte. Immerhin ist Penny geschäftstüchtig genug, um immer wieder Kapital aus den phantastischen Geschichten ihres Gatten zu schlagen. Sowohl der Dichter aus Dublin, dessen Version den realen Verhältnissen vermutlich am nächsten kommt, als auch die namhaften Produzenten des italienischen Monumentalfilms »Ulisse« beteiligten Penny, was zugegebenermaßen kaum bekannt ist, stillschweigend an ihrem Umsatz. Die Darstellung des Protagonisten erinnert im Übrigen eher an die eines Cowboyhelden, was allerdings auch dem überwiegenden Einsatz des Leinwandhelden im Genre des Western geschuldet ist.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang vielleicht noch die Tatsache, dass es der treuen Ehefrau aus Sparta aus unerfindlichen Gründen beinahe gelang, einen Sonderling aus Prag für eine beträchtliche Zeit zum Schweigen zu bringen, da dieser mit dem Gedanken spielte, die List ihres Helden hinsichtlich seiner Begegnung mit den Sirenen als „unzulängliche, ja kindliche Mittel“ zu entlarven. Erst jetzt beginne sie allmählich, so wird gesagt, nach mehr als einem Jahrhundert, sich auch mit dieser Version zu versöhnen, zumal sich die Sirenen unterdessen nahezu vollständig ins Showbusiness zurückgezogen haben.
Die Superhelden der jüngeren Vergangenheit, die Fiktionen von Cervantes bis Stan Lee, brachten gerade noch übertrieben komische Figuren hervor, die in ihrem vergeblichen Kampf gegen Maschinen bestenfalls ein Schmunzeln hinterlassen. Erst im Gegenentwurf zum tragischen Helden tritt das Lächerliche des Gesamtkonzepts in seiner ganzen Tragweite hervor und es gilt erneut, das Wachs im rechten Augenblick aus den Ohren zu entfernen, um jenen Gehör zu verschaffen, die sich ihrer Taten nie rühmten. Als Gegenentwurf zum ruhmreichen Helden eignet sich spätestens seit Franz Kafkas Miniaturen vornehmlich ein Mann namens Sancho Pansa, der sich lediglich durch seine unscheinbare Eigenschaft als Genosse auszuzeichnen scheint. »Die Wahrheit über Sancho Pansa« (1917) wird in zwei Sätzen inmitten des tobenden Weltkrieges evident. Der Antiheld tritt als ein „freier Mann“ ins Zentrum des Geschehens und versteht es, jede Form rühmlicher Taten dem „Teufel“ zuzuschreiben. Sancho Pansas Haltung gegenüber den Verrücktheiten des Helden ist die eines gleichmütigen Beobachters, dem es schelmenhaft gelingt, durch Literatur, in seinem Fall „Ritter- und Räuberromane“, den Tatendrang des Teufels, so nennt er seinen Meister, dergestalt zu entwaffnen, dass dieser wenigstens keinen ernstlichen Schaden anzurichten vermag. Die freie Stelle des schelmischen Helden bleibt, wenn nicht aus logischen, so jedenfalls aus zeitbezogenen Gründen vorerst vakant.
[20.11.2018]

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