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Kritische Bemerkungen zum ‚Transhumanismus‘

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.

Ich hatte ursprünglich vorgehabt, eine ‚philosophische Kritik des Transhumanismus‚ (im Folgenden TH) zu schreiben. Habe aber bei der Leküre einer ‚Einführung'[1] in dieses Thema gemerkt, dass es zu umfangreich für einen blog-Artikel ist.

Ich beschränke mich daher auf ein paar ausgewählte Aspekte, von denen es kein Zufall ist, dass sie mich auch ‚persönlich‘ am meisten interessieren.

Anfänglich hatte ich vermutet, dass der TH eine logische Konsequenz des kapitalistischen Verwertungszwanges ist. Diese Kritik — obgleich sie mir durchaus richtig erscheint — greift aber zu kurz. Denn der TH greift Fragestellungen auf, die viel tiefer reichen als nur die sozialpsychologischen Effekte kapitalistischer Gesellschaften.

Das Bestreben des Menschen, sich selbst zu ‚verbessern‚, geht vermutlich bis in die Anfangsurzeiten der Menschheit zurück und lässt sich kaum nur mit ‚Entfremdungsprozessen‘ erklären (auch wenn sie mit eine Rolle spielen mögen). ‚Größenfantasien‘ mögen ebenfalls einen Anteil daran haben. Aber gerade letzterer Aspekt scheint mir eher ein Phänomen der ‚Neuzeit‘ zu sein.

‚Der Mensch‘ (den es in dieser Abstraktion nicht gibt; These 6) scheint ‚von Natur aus‘ ein ‚Mangelwesen‚ zu sein. Vögel können fliegen, Geparden können schneller laufen, Elefanten haben mehr Kraft und jedes Raubtier, das grösser als ein Hund ist, kann dem Menschen sehr gefährlich werden. Von jeher musste daher der Mensch seine ‚Defizite‘ mit Technologie zu kompensieren (ver)suchen, die er mit Hilfe seiner geistigen Kräfte entwickeln konnte. Der Mensch hat Flugapparate entwickelt, er hat Autos konstruiert und Schusswaffen gebaut und alles begann vermutlich mit der geplanten Anwendung von Feuer.[2] – Vermutlich parallel oder etwas zeitlich verschoben zur Entwicklung der Faustkeile und anderer Werkzeuge und (Jagd)Waffen.

Aber diese Technologie war eine (externe) Ergänzung des Menschen, der dadurch nichts an seiner ‚Menschlichkeit‘ (Conditio humana) eingebüsst hatte, auch wenn sie ihn freilich verändert hat.[3]

Der TH geht nun einen entscheidenen Schritt weiter. Er plädiert für eine ‚Verschmelzung‚ von Mensch und Technologie. Und hier beginnt ein sehr weites Feld ethischer, gesellschaftspolitischer und juristischer Probleme, die kaum ein einzelner überblicken kann.

Obgleich ich dem TH weitgehend ablehnend gegenüberstehe, erscheinen mir mindestens zwei Aspekte ‚positiv‘ zu sein: eine kritische Infragestellung der ‚anthropologischen Selbstzuschreibungen‘ (Anthropozentrismus, Krone der Schöpfung[4]) und eine Diskussion darüber, woher der Wunsch nach ‚Verbesserung‘ des menschlichen Seins kommt. Denn es scheint mir ein Unterschied zu sein, ob man eine Brille trägt, weil man kurzsichtig ist oder ob man sich Fett absaugen lässt, weil man nicht bestimmten Schönheitsklischees entspricht. Im zweiten Fall will ich den subjektiven Leidensdruck gar nicht in Abrede stellen und ich will auch nicht bestreiten, dass es gute Gründe für ‚ästhetische Chirurgie‘ geben mag. Mir geht es einzig und allein nur darum, das Maß der persönlichen ‚Autonomie‘ darüber, was man verbessern will und was nicht, so stark wie möglich zu befördern. Denn — und das ist ja der Kern des humanistischen Menschenbildes –, dass der Mensch als ‚Selbstzweck‘ und niemals als blosses Mittel (für andere) angesehen werden muss.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, möchte ich gar nicht daran denken, was es für eine Gesellschaft bedeuten würde, wenn es z. B. möglich wäre, die Genstruktur eines werdenden Kindes so zu beeinflussen, dass die Eltern ein ‚Designerbaby‘ quasi aus dem Katalog ‚bestellen‘ könnten.

Vom Sinn des ‚Leidens‘

Der tiefere Sinn hinter den ganzen Bestrebungen des TH ist die Überwindung des Todes. Dabei wissen wir noch nicht einmal, was der Tod wirklich ist. Ich will mich hier gar nicht mal auf die religiösen Aspekte dieses Themas kaprizieren (obwohl es aus religiöser Sicht dazu eine Menge zu sagen gäbe), aber allein dieser eine Gesichtspunkt zeigt schon, dass der TH das Leben in seiner grundsätzlichen Nichtberechenbarkeit nicht versteht (oder wohl besser: nicht akzeptiert) und seinem (wahnhaften) Kontrollzwang unterwerfen will[5]. Und diese Ansicht hat auch nichts mit Fortschrittsfeindlichkeit zu tun. Aber der Fortschritt als gesellschaftlicher Prozess wird niemals etwas an der Tatsache ändern, dass der Widerspruch die treibende Kraft in der menschlichen Geschichte ist und dass erst die Dualität von Tod und Geburt Raum für Neues im Leben schafft. Eine ‚Gesellschaft von Unsterblichen‘ würde sich daher selbst zum Tode verurteilen, ohne dass sie die ‚Erlösung‘ durch das Sterben finden könnte.

„Blutlos sind sie und heißen daher Götter.“ (Homer)

Aber wer sein ‚Ego‘ für den Nabel der Welt hält, wird sich mit diesen Gegebenheiten nur schwer abfinden können. Dabei beruht die gesamte ‚Postmoderne‘ (und ihre Philosophien) auf die ‚Hypostasierung‘ des ‚Ego-Nabels‘.

Was ist ‚(Mit)Menschlichkeit‘?

Bislang hat sich die Menscheit durch Selbstzuschreibungen ‚definiert'[6]. Diese mögen auch richtige Aspekte wiedergeben, aber sie haben allesamt den Nachteil, dass sie von einer Idealvorstellung ausgehen (Neigung, das ‚Negative‘ auszublenden) und es ist die ’normative Kontrolle‘ durch die Verantwortlichkeit durch ein ‚Gegenüber‘ der Reflektion und der gesellschaftlichen Lebenspraxis unterbelichtet; mit einem Wort: das (westliche) Menschenbild ist ‚männlich‘ und egozentriert. Und [patriarchale] ‚Männlichkeit‘ und ‚Egozentriertheit‘ sind keineswegs ‚universalistische‘ Werte, – entgegen anderslautender Gerüchte.

Ein wirklicher Humanismus müsste daher die ‚verdrängte Weiblichkeit‚ und die ‚Selbsttranszendenz‚ (wieder) integrieren und die Hybris von der ‚Krone der Schöpfung‘ überwinden und durch eine möglichst ‚holistisches‘ (ganzheitliches) Menschenbild ersetzen. Schon allein deshalb, um die Erde als lebensspendenden Planeten erhalten zu können.[7]

Wenn dazu fortschrittliche Technologien einen Beitrag leisten können, dann wäre das eine ’sinnvolle Zwecksetzung‘ für einen menschlichen Fortschritt, der Mensch und Natur auf einer höheren Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung (mehr) zu versöhnen vermag.[8]

Endnoten:

[1] Vergleich: Janina Loh, Trans- und Posthumanismus, Junius, 2018. Auf die Unterscheidung von TH und PH verzichte ich in diesem Artikel, weil sie mir nicht allzu wichtig erscheint. Ungeachtet von möglichen inhaltlichen Differenzen der verschiedenen Konzepte und Autoren.

[2] In dem Film ‚Cast Away‘ mit Tom Hanks macht dieser auf einer Insel, auf der er gestrandet ist, aus eigener Kraft — mit vorgefunden Hilfsmitteln — ein Feuer. In diesem Augenblick wird er zum ‚König der Insel‘. [https://www.youtube.com/watch?v=S1cDDuYOQL4]

„Prometheus gilt aber nicht nur als Feuerdieb und damit als Kulturbringer und menschlicher Lehrmeister. Ihm wird außerdem nachgesagt, Menschen zu formen „nach seinem Bilde“ (Prometheus, Johann Wolfgang Goethe). Dem Mythos zufolge erschafft er den Menschen aus Lehm. Doch ein perfektes Werk gelingt ihm nicht, denn sein Bruder Epimetheus, der an der Schöpfung beteiligt gewesen ist, lässt sich fatalerweise mit Pandora ein, dem „schönen Übel“ (griech. καλὸν κακόν), wie der Dichter Hesiod sie nennt. In der Büchse, die sie bei sich trägt, liegen sowohl die Hoffnung als auch alle Plagen der Welt. Nach dem Öffnen der Büchse wird die Schöpfung des Prometheus davon heimgesucht. Interessanterweise ist die Übeltäterin selbst eine Schöpfung, nämlich die des Schmieds und Feuergotts Hephaistos, und natürlich hat bei der ganzen Aktion wieder einmal niemand anderes als Zeus die Finger im Spiel: Die künstliche Schöpfung wird mit Hilfe der künstlichen Schöpfung bestraft.“ (Arbeitskreis für vergleichende Mythologie)

[3] Auf das ‚humanistische Menschenbild‘ wird noch (kritisch) eingegangen werden müssen.

[4] Dies hat auch Auswirkungen auf die ‚Umweltdebatte‘.

[5] Die einzige Konstante ist aber nicht die Unberechenbarkeit, – sondern das (Ur)Vertrauen ins Leben. Denn sonst wäre Leben und seine Reproduktion (Liebe) nicht möglich.

[6] Das Wesen, das versprechen kann; das handelnde Wesen; Mängelwesen; zoon politikon, das einsichtige Wesen (Homo sapiens). vergl. Janina Loh, S. 82

[7] Die grundsätzliche ‚Holarchie‚ [Hierachie] des Lebens‘, wie sie Ken Wilber in seinen Texten entwickelt hat (vergl. insbesondere „Eros, Kosmos, Logos“) sehe ich aber weiterhin als gültig an.

Zum Begriff ‚Hierachie‘: “Der Ausdruck “Herrschftshierachien”
bezeichnet Hierachien, die sich auf Gewalt
bzw. offen oder verdeckt angedrohte Gewalt gründen.
Solche Hierachien unterscheiden sich grundsätzlich
von denen, die man beim fortschreiten von niederen
zu höheren Funktionsniveaus antrifft…
Hierachien dieses Typs könnte man als Verwirklichungshierachien
bezeichnen, weil sie die Funktion haben, das Potential
des Organismus zu vergrössern.
Auf Gewalt oder Gewaltandrohung basierende menschliche
Hierachien dagegen hemmen nicht nur die persönliche
Kreativität, sondern erzeugen ein soziales System, das die niedrigsten
menschlichen Eigenschaften verstärkt und das höhere Streben (etwa Züge wie Mitgefühl
und Einfühlungsvermögen, Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe)
systematisch unterdrückt.” (Riane Eisler, zit nach Ken Wilber;
Eros Kosmos Logos)

[8] „Wer die Großartigkeit des Weltzusammenhanges und dessen Notwendigkeiten zu ahnen begonnen hat, der verliert leicht sein eigenes kleines Ich. In Bewunderung versunken, wahrhaft demütig geworden, vergißt man zu leicht, daß man selbst ein Stück jener wirkenden Kräfte ist und es versuchen darf, nach dem Ausmaß seiner persönlichen Kraft ein Stückchen jenes notwendigen Ablaufes der Welt abzuändern, der Welt, in welcher das Kleine doch nicht minder wunderbar und bedeutsam ist als das Große.“ (Freud, Leonardo da Vinci)

2 Kommentare zu “Kritische Bemerkungen zum ‚Transhumanismus‘

  1. „Der Biokapitalismus mit seiner Life-Science-Industrie giert nach neuen Absatzgebieten und hat im Post- und Transhumanismus seine Leitideologie gefunden – durchaus denkbar, dass Privatfirmen irgendwann jene Sozialkontrolle übernehmen, die in China staatlich organisiert werden soll. Die Vermessung der äußeren Natur ist abgeschlossen, nun geht es an die Bearbeitung der inneren.
    (…)
    Es sind die Phantasmen der Menschensteuerung, die die erwähnte Jennifer Doudna alarmieren. Bis in ihre Träume, schreibt sie, verfolge sie der Horror, dass Crispr nicht zu therapeutischen, sondern zu machtpolitischen Zwecken eingesetzt wird – und dass ausgerechnet sie es war, die den Regierungen dieses zum Missbrauch einladende Werkzeug in die Hand gegeben hat (Eingriff in die Evolution, Springer Verlag). Sie hat recht. Niemand kann sich auf den schicksalhaften Selbstlauf der Evolution herausreden, die Art und Weise, wie Crispr eingesetzt wird, folgt allein politischen Vorgaben: Man kann Nein sagen. Sollte sich die Staatengemeinschaft also nicht dazu durchringen, die Menschenbastelei zu verbieten, dann wäre das Human-Genome-Editing in Kombination mit digitaler Totalüberwachung der Schritt in eine neue Epoche, in eine posthumane Moderne. Nicht nur, dass die biotechnische Erzeugung neuer Menschenklassen die Einheit der Gattung zerstört; in den Formen der dann möglichen Menschenbeherrschung würde auch etwas Uraltes wiederkehren: die Sklavenhaltergesellschaft.“

    https://www.zeit.de/2018/51/crispr-china-biotechnologie-genomveraenderung-ethik-gentechnik/komplettansicht

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