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Zum Jahres’ende‘

Antonio Gramsci schrieb einmal:

„Deshalb hasse ich diese Jahreswechsel mit unverrückbarer Fälligkeit, die aus dem Leben und dem menschlichen Geist ein kommerzielles Unternehmen mit seinem braven Jahresabschluss, seiner Bilanz und seinem Budget für die neue Geschäftsführung machen. Sie führen zum Verlust des Sinns für die Kontinuität des Lebens und des Geists. Man endet dabei, ernsthaft zu glauben, dass es vom einen Jahr zum anderen eine Auflösung der Kontinuität gäbe und dass eine neue Geschichte begänne, und man entwickelt Vorsätze und bereut Fehler, usw., usf. Das ist allgemein eine Unbill der Daten.“

er hat natürlich völlig recht! trotzdem scheinen die menschen ein starkes bedürfnis nach einem ‚cut‘ zu haben, und dieses bedürfnis lässt sich nicht allein auf entfremdungen im kapitalismus zurückführen. ich denke, es ist eine art ‚psychohygiene‘, eine bilanz zu ziehen und im neuen jahr es besser machen zu wollen. dass die sprichwörtlichen ‚guten vorsätze‘ meist nur bis zum 2. Januar halten, ist zwar ein problem, ändert aber nichts daran, dass es dieses bedürfnis nach ‚innerer reinigung‘ (Katharsis) gibt.

auch ich habe dieses bedürfnis, bilanz zu ziehen; und zwar in bezug auf die entwicklung dieses blogs. angefangen hat er als versuch, verschiedene strömungen des marxismus/trotzkismus in einen fruchtbaren austausch zu bringen. durch eine persönliche (beziehungs-)krise hat sich der blog mehr in richtung kunst und kultur entwickelt (sogar mit eigenen gedichten von mir) und in letzter zeit hat sich der blog noch einmal thematisch erweitert mit texten zu mythologie und transhumanismus. ebenfalls ist in meinen texten immer auch ein gewisser einfluss der integralen theorie vorhanden.

grundsätzlich entspricht diese ausrichtung meinem denken und meiner ‚einstellung‘, aber ich weiss auch, dass der anspruch, auch direkt ‚politisch einwirken‘ zu wollen, dadurch nicht greifbarer wird. ich sehe allerdings auch keinen grund, auf den anspruch der ‚inneren redlichkeit‘ (wahrhaftigkeit) zu verzichten, nur um vielleicht politisch etwas zu erreichen, was dann eh nur wie das feuer einer wunderkerze ist: zwar schön anzuschauen, aber nicht nachhaltig.

und nachhaltigkeit scheint mir das wichtigste zu sein: sowohl in der politik, als auch in der literatur.

in diesem sinne wird dieser blog auch im nächsten jahr dem elitären motto treu bleiben:

klein, aber fein. 😉

frohe weihnachten und einen guten rutsch ins neue jahr seien gewünscht!

systemcrash, 21.12.2018

ps. besonderen dank möchte ich meinem fb-freund Liana Helas ausdrücken, der mich in sachen literatur noch mal stark inspiriert hat. ich hoffe auf weitere gemeinsame projekte und texte.

Antonio Gramsci: Ich hasse den Neujahrstag

Ein Kommentar zu “Zum Jahres’ende‘

  1. Man soll das Jahr nicht mit Programmen
    beladen wie ein krankes Pferd.
    Wenn man es allzu sehr beschwert,
    bricht es zu guter Letzt zusammen.

    Je üppiger die Pläne blühen,
    um so verzwickter wird die Tat.
    Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
    und schließlich hat man den Salat!

    Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
    Es nützt nichts, und es schadet bloß,
    sich tausend Dinge vorzunehmen.
    Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

    (Erich Kästner)
    https://deutschelyrik.de/index.php/spruch-in-der-silversternacht.html

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