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Literatur und (politische) Wirklichkeit

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ich wollte mal was ‚literarisches‘ schreiben und merke, dass ich das gar nicht kann. aber mir ist das thema wichtig genug, um es drauf ankommen zu lassen. ich habe daher beschlossen, einfach drauf los zu tippen. vlt kommen die ideen beim schreiben, so wie man lernt beim tuen und schwimmt, in dem man ins kalte wasser springt. ein weg entsteht, in dem man ihn geht und the proof of the pudding is in the eating. ach, diese herrlichen lebensweisheiten und aphorismen! ich liebe diese überspitzten erfahrungen, die aber nur nie ganz in meine lebenssituation passen.

meine ursprüngliche idee war, etwas über den zusammenhang von fiktion und gesellschaftlicher veränderung zu schreiben. aber alles, was mir dazu einfällt ist die behauptung, dass die utopie über die gegenwart hinausweist. der gedanke ist aber zu banal, um daraus einen text zu machen.

besser wäre es, eine konkrete erfahrung oder situation zu beschreiben, in der das lesen dazu beigetragen hat, ein problem oder probleme zu bewältigen. und tatsächlich gibt es so eine situation. das lesen der ‚Briefe an einen jungen Dichter‘ von Rainer Maria Rilke hat mir geholfen, eine ziemlich schwere krise zu überstehen; vlt war das sogar wirksamer als jedes therapeutische gespräch.

trotzdem glaube ich nicht, dass man einfach die lebensweisheiten von Rilke so ohne weiteres auf die eigene lebenssituation übertragen kann. aber sie können dazu beitragen, für sich selbst einen gangbaren weg zu finden und zu gehen, der das ungelöste offen hält (akzeptanz ist das zauberwort) und trotzdem (oder gerade deshalb) das leiden mindert. (man lebt in die antworten hinein)

letztlich kann diese erfahrung nur jeder selbst machen; aber, wie gesagt, die literatur kann einem anregungen an die hand geben, um diesen weg gehbar zu machen. und in diesem sinne ist die literatur mehr als ’nur‘ die reflektion der eigenen lebenserfahrungen und konflikte; sie kann eine ‚anleitung‘ sein für veränderungen (für andere). aber den begriff ‚anleitung‘ sollte man nicht wie ein ‚kochrezept‘ verstehen. es ist mehr eine metapher für die unendliche arbeit an sich selbst.

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mein facebook-freund Liana Helas schrieb neulich in einem Kommentar:

„Versuchsweise ließe sich „Bildung“ auch mit fortwährender „Würdigung“, also mit „Beachtung“, eingrenzen. – Instrumentalisierte Begriffe wie „Wissen“ und „Bildung“ et cetera benötigen die „Beachtung“ in besonderem Maße. Die landläufige Auffassung, „Bildung“ sei etwas, was man besitzen (oder haben) könne, grenzt an „Unwissenheit“ und verdeckt den prozessualen Charakter des Begriffs, der letztlich entscheidend ist.“

diesen ‚erweiterten bildungsbegriff‘ kann man meines erachtens auch für das verhältnis von fiktion und (politischer) realität anwenden: erst wenn wir das ‚wissen‘ für uns selbst anwenden oder umsetzen, kann es auch zu einem kompass für die eigene lebensorientierung werden. solange dies nicht geschieht handelt es sich um ‚totes wissen'[*]; dieses ist zwar nicht ’nutzlos‘ im einem absoluten sinne, sondern es handelt sich mehr um ein unentdecktes potential, so wie ein diamant ein gewöhnlicher stein sein mag, solange er nicht geschliffen wurde.

die anwendung des (fremden) wissens und fremder erfahrungen auf uns selbst ist der schleifprozess der eigenen selbstwerdung. (der kann auch dem ego [ziemlich] weh tun)

und kein schleifstein dürfte so mächtig (und gleichzeitig so feinporig) sein wie die literatur, – auch wenn man zu vielem in der welt der literatur keinen zugang finden wird. aber dann bilden diese versperrten zugänge zumindest unsere persönlichkeitsgrenzen; und diese zu wahren ist ja auch ein teil des schleifprozesses.

 

[*] „es ist ein unterschied, ob man einen weg nur kennt, oder ob man ihn beschreitet.“ (Morpheus, Matrix)

„Sprache wird erst durch Erzählen lebendig, der Mensch ist das erzählende Tier. (…) Tolkiens Helden wissen, dass wir zu Autoren unserer eigenen Lebensläufe werden können. Hierin liegt die jeden Totalitarismus – sei es den Totalitarismus der Religion, der politischen Ideologie oder auch nur den Totalitarismus der Gegenwartsfixiertheit und Fantasielosigkeit – bedrohende Macht der Literatur. Und die Einladung zum Abenteuer Lesen.“ (Wie Tolkien die Fantasy-Literatur erfand)

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