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Marktgeformte Sinnlichkeit… 

…oder: Geiz ist nicht immer geil 

(mit einem Anhang von Liana Helas)

„Es ist in der heutigen Welt zunehmend offensichtlich (falls es jemals in Zweifel stand), dass eine Linke, die die immense utopische Anziehungskraft von Nationalismus nicht begreifen kann (genauso wenig wie die von Religion oder Faschismus), kaum darauf hoffen kann, sich solch kollektive Energien ‚wiederanzueignen’ und sich damit selbst zu politischer Ohnmacht verdammt.“ — Fredric Jameson, zit. nach 

„Liebe kann der Kapitalismus weder herstellen noch verkaufen.“Volkmar Sigusch 

Bild könnte enthalten: Malen

(Egon Schiele, Freundschaft [1912]) 

Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, etwas über den Zusammenhang von ‚Ästhetik‘ und (politischem) Bewusstsein zu schreiben. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Ansatz zu ‚akademisch‘ ist und wollte daher einen ’subjektiveren‘ Zugang zum Thema finden. Aber das ist gar nicht so einfach, da gerade bei einem Thema, das auf die ‚Totalität‘ (des Gesellschaftlichen) zielt, tatsächlich alles mit allem zusämmenhängt. Eine gegliederte Darstellung ist daher in gewisser Weise schon eine ‚Verstümmelung‘ der Wirklichkeit, da man dynamische Wechselwirkungen nicht in analytischen Trennungen der Teile darstellen kann. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile ist daher zwar einerseits ‚wahr‘, es birgt aber auch eine enorme Schwierigkeit in der Darstellung der Problemstellung, da man hinter dem scheinbar ‚Unzusammenhängenden‘ eine ‚Struktur‘ sichtbar werden lassen muss, ohne selbst dabei das ‚Strukturelle‘ zu ‚verdinglichen‘ und zu ‚fetischisieren‘ (also ‚dogmatisch‚ zu werden). Diesen ‚dialektischen Balanceakt‘ muss man erst mal hinkriegen!

Um das Ganze nicht zu kompliziert werden zu lassen, habe ich daher eine Kritik eines Artikels aus dem untergrundblättle (auch bei trend erschienen) als Zugang gewählt und zusätzlich werde ich versuchen, noch eigene Gedanken zum Thema ‚ästhetische Sinnlichkeit und politische Wirklichkeit‘ hinzuzufügen.

Der Grundthese des Artikels, dass die ‚Totalität der kapitalistischen Wirklichkeit‘ nicht sinnlich erfassbar ist, stimme ich zu. Aber dies ist keineswegs ein Spezifikum des ‚Spätkapitalismus‘ (der ‚Globalisierung‘), sondern schon die (Grund)Kategorie des ‚(Waren)Werts‚ ist nicht sinnlich erfassbar[1].

Von daher scheint mir auch die Forderung nach einer ‚marxistischen Ästhetik‘ (äusserst) zweifelhaft zu sein. Mal davon abgesehen, dass allein schon ein instrumenteller Kunstbegriff[1a] einen sehr schalen Beigeschmack hat, findet auch eine unzulässige Kategorienkopplung statt. Der Marxismus ist die theoretische Kritik kapitalistischer Gesellschaften, das ‚ästhetische [Massen]bewusstsein‘ (einschliesslich der Kunstproduktion) ist ein Teil des gesellschaftlichen (empirischen) Seins, von der ‚der Marxismus‘ nicht einmal ansatzweise ein Teil ist. Und ‚der Marxismus‘ hat auch gar nicht den Anspruch, davon ein Teil zu sein, sondern er will — ganz im Gegenteil — dessen Negation sein![2]

Hier stellt sich aber die berechtigte Frage, ob eine rein negative Kritik auch über genügend Identifikationskraft verfügt, um einer sozialen Bewegung/Organisation genügend Kohäsion zu verleihen.

Es kann auf diese Frage keine endgültige Antwort geben, aber wenn ich mir allein die Geschichte der deutschen (radikalen) Linken seit Ende der 70er Jahre anschaue, dann tendiere ich doch stark dazu, auf diese Frage ein klares ‚Nein‘ auszusprechen!

An dieser Stelle muss eine kleine Anmerkung zum Begriff ‚Ästhetik‘ erfolgen. In der Alltagssprache ist mit Ästhetik das ‚Schöne‘ oder das ‚Harmonische‘ gemeint. Aber im Grunde bezeichnet Ästhetik die Gesamtheit der sinnlichen Wahrnehmung (wikipedia). Das heisst, ästhetische Wahrnehmung ist ein Teil der Konstitution der Persönlichkeit oder — marxistischer ausgedrückt — ein Teil des ’subjektiven Faktors‘.

Daher gehen auch die ganzen Debatten um Programmatik und Strategie(n) der ‚Linken‘ — so richtig und wichtig sie im einzelnen sein mögen — an der wesenlichen Frage vorbei: wie kann kritisches (revolutionäres) Bewusstsein entstehen? Denn an diesem Entstehungsprozess ist nicht nur die Vernunft beteiligt, sondern auch die Emotionen und die Intuitionen, und damit auch die ästhetische Wahrnehmung.

„Denn … diese neue Ökonomie, die wahlweise mit Begriffen wie „Postfordismus“, „kognitiver Kapitalismus“ oder „vernetzter Kapitalismus“ umschrieben wurde, [schöpft] nun auch Affekte, Kontakte und Kommunikationen ab, was ihr potenziell mehr Mehrwert in Aussicht stellt. Und zweitens neigen die Akteure/Akteurinnen dieser Ökonomie dazu, diese in ihrem Wert gestiegenen Ressourcen unentgeltlich zur Verfügung zu stellen – etwa durch soziale Netzwerke wie Facebook. Wir haben es also mit einem hohen Ausmaß an buchstäblich unbezahlter Arbeit zu tun, die zudem oft noch freiwillig geleistet wird. Von dieser Selbstausbeutung erhofft man sich im Gegenzug jenes Bourdieu’sche symbolische Kapital, also Anerkennung und soziales Prestige, das sich zwar nicht nahtlos in ökonomische Kategorien übersetzen lässt, sich eines Tages aber doch (hoffentlich) auszahlt. […] Unsere Teilhabe am Betrieb, unsere schiere Präsenz in ihm, generiert Mehrwert und trägt dazu bei, dass die Profitmargen andernorts immer größer werden.“ [5]

Bild könnte enthalten: Text

Nun wäre es eine Binsenweisheit zu sagen, dass unser aller ‚Geschmack‘ durch die Warenförmigkeit der Ökonomie ‚versaut‘ wäre. Auch wenn diese Aussage durchaus ihre Berechtigung hat, würde sie nicht weiterhelfen, denn sie würde nichts anderes bedeuten, als dass man nix machen kann. Adornos berühmtes Diktum ‚es gibt nichts richtiges im falschen‘ wurde häufig in diesem Sinne interpretiert. Aber das hat nun wirklich nix mit ‚Marxismus‘ zu tun, denn der zentrale Anspruch bleibt weiterhin in der 11. Feuerbachtthese kodifiziert:

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Nun hat diese These leider auch ihre philosophischen Tücken, denn tatsächlich hängen Weltveränderung und Weltinterpretation sehr stark miteinander zusammen; jedenfalls stärker als These 11 dies vermuten lässt.

Eine soziale Bewegung, die den Kapitalismus überschreiten will, muss theoretisch auf der Höhe der Kritik der politischen Ökonomie stehen, sich die ‚bürgerliche Kultur‚ ausreichend angeeignet haben und in der politisch/sozialen Praxis sich in solidarischen Umgangsformen üben.

Dies ist ein (langwieriger) Prozess und kein einmaliges event!

Solange man Hegels Satz, dass das ‚Wahre das Ganze‘ ist dahingehend verkehren kann, dass die ‚Waren das Ganze‘ sind, solange können ‚Utopien‘ nicht ‚konkret‚ werden.

Eine soziale Bewegung, die über den Kapitalismus hinaus will, braucht auch eine kulturelle Identifikation. Dies muss nicht zwangsläufig eine Darstellung der Ungerechtigkeiten und Gemeinheiten ‚des Kapitalismus‘ sein oder ein Bericht aus der Fabrik[3], sondern sollte auch entstehen können beim Hören von Musik oder dem Betrachten eines Gemäldes.[4]

Zwar ist auch die Kunst ein Teil des Warenmarktes,[5] aber die kritische Kunst zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie in in ihren Perspektiven über das Bestehende hinausweist. Jeder wird aus seiner Lebenserfahrung dafür Beispiele finden können.[6]

„Es gehört schließlich zu den Privilegien der Kunst, dass sie sich kritisch zu ihrem Warencharakter verhalten, ihm auf vielfältige Weise entgegensteuern kann.“ [5]

Im künstlerischen (Selbst)Genuss (neben der Liebe) ändert sich der Mensch; und wenn sich der (einzelne) Mensch ändert, kann sich auch die ‚Gesellschaft‘ [7](als ganzes) verändern. Und manchmal — selten — fallen auch auch beide Bewegungen in Eins.

Das nennt sich dann … Revolutionen.

Endnoten:

[1] ‚Struktural‘ ausgedrückt könnte man sagen, der Warenwert ist eine Wirklichkeit (ein Ergebnis) der theoretischen Praxis, die mit keinem Miskroskop sichtbar gemacht werden könnte.

„Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten. Jedoch ist uns auch das Arbeitsprodukt bereits in der Hand verwandelt. Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir auch von den körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen. Es ist nicht länger Tisch oder Haus oder Garn oder sonst ein nützlich. Alle seine sinnlichen Beschaffenheiten sind ausgelöscht. Es ist auch nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit. Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützlicher Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit. […]

Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein.“ (Marx, Das Kapital, herv. v. mir, systemcrash)

[1a] „Die Kunst und die Wissenschaft suchen nicht nur keine Lenkung, sondern können von ihrem Wesen her keine dulden.“ (Leo Trotzki)

[2] „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (Marx/Engels, die deutsche Ideologie)

Hier spielt auch die Frage nach der Möglichkeit einer ‚proletarischen Kultur‘ rein. Um den Artikel nicht zu überfrachten (das Thema Kunst ist schon komplex genug!), verzichte ich aber darauf, dies zu diskutieren.

[3] „Dies heißt selbstverständlich nicht, daß die Arbeiter an dieser Ausarbeitung [der sozialistischen Theorie, anm. v. systemcrash] nicht teilnehmen. Aber sie nahmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhon und Weitling, mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und soweit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern. Damit aber den Arbeitern dieses häufiger gelinge, ist es notwendig, alles zu tun, um das Niveau der Bewußtheit der Arbeiter im allgemeinen zu haben; ist es notwendig, daß die Arbeiter sich nicht in dem künstlich eingeengten Rahmen einer „Literatur für Arbeiter„ abschließen, sondern daß sie es immer mehr lernen, sich die allgemeine Literatur zu eigen zu machen. Es wäre sogar richtiger, anstatt „sich nicht abschließen“ zu sagen: nicht abgeschlossen werden, denn die Arbeiter selbst lesen alles und wollen alles lesen, auch das, was für die Intelligenz geschrieben wird, und nur einige (schlechte) Intellektuelle glauben, „für Arbeiter“ genüge es, wenn man ihnen von den Zuständen in der Fabrik erzählt und längst bekannte Dinge wiederkäut.“ (Lenin, Was tun?)

[4] „Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußrung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“ (Marx, ökonomisch-philosophische Manuskripte)

[5] „Im Hinblick auf die Wertfrage müssten demnach auch Kunstwerke als Waren angesehen werden. Nun ist meines Erachtens tatsächlich davon auszugehen, dass künstlerische Arbeiten Warenform in dem Moment annehmen, wo sie auf dem Kunstmarkt oder, genauer, innerhalb seiner unterschiedlichen Segmente – dem kommerziellen Markt, dem Markt des Wissens etc. – zirkulieren.“ (Der Wert der Ware Kunst)

[6] Ich finde zum Beispiel den Film „V wie Vendetta“ ziemlich gut gemacht. Obwohl es sich sicherlich um einen ‚kommenziell‘ gemachten Film handelt, ist er aber doch bei aller (mainstreamigen?) Unterhaltungsqualität sehr politisch, ja, sogar ‚philosophisch‘.

[7] Dieser Spiegel-Artikel versucht die Entwicklungspsychologie auf die gesellschaftliche Entwicklung anzuwenden. Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin und manches Wichtige (wie die Staatsfrage aus marxistischer Sicht) nicht angesprochen wird, so finde ich den Grundansatz durchaus sinnvoll.

Zum weiterlesen: 

Das Gefühl Kapitalismus 

Religion des Kapitalismus

Bild könnte enthalten: 1 Person, Anzug, Brille, Bart und Text

Anhang: Besprechung des Gedichtes ‚Finnische Landschaft‚ von B. Brecht

von Liana Helas 

„Fischreiche Wässer! Schönbaumige Wälder!

Birken- und Beerenduft!

Vieltöniger Wald, durchschaukelnd eine Luft

So mild, als stünden jene eisernen Milchbehälter

Die dort vom weißen Gute rollen, offen!

Geruch und Ton und Bild und Sinn verschwimmt.

Der Flüchtling sitzt im Erlengrund und nimmt

Sein schwieriges Handwerk wieder auf: das Hoffen.

 

Er achtet gut der schöngehäuften Ähre

Und starker Kreatur, die sich zum Wasser neigt

Doch derer auch, die Korn und Milch nicht nährt.

Er fragt die Fähre, die mit Stämmen fährt:

Ist dies das Holz, ohn das kein Holzbein wäre?

Und sieht ein Volk, das in zwei Sprachen* schweigt.“

(Entstanden in Juli 1940. Seit April 1940 – nach Aufenthalten in Frankreich, der Schweiz, Dänemark und Schweden – befand sich Bertolt Brecht im Exil in Finnland, bevor ihm über die Sowjetunion die Ausreise nach Kalifornien gelang.
* Die Landessprachen sind Finnisch und Schwedisch.)

Wo das Auge nur hinschaut, Natur. Die reine, beobachtende Naturbetrachtung bleibt nicht lange ungetrübt. Gewiss, es schwimmen viele Fische in den Gewässern, die Natur wirkt friedvoll zunächst, geschützt; um die Gewässer bilden Bäume einen schützenden Wall, die Assoziation des Schönen drängt sich auf, Duft von Birken und Beeren besänftigt das Gemüt des Exilanten, der Teil der satten, saftigen Landschaft zu werden versucht, sich ihr hingibt; selbst der Wind versetzt das lyrische Ich in Sanftmut, „eine Luft so mild“, dass jedem Missklang auszuweichen ist; der Wind indessen ist „vieltonig“, etwas mischt sich hinein in das Ensemble versöhnlicher Laute, der synästhetische Rausch kollidiert mit dem „eisernen Milchbehälter“, langsam wird das wahrnehmende, sich der Natur hingebende Ich überrollt von dem metallenen Klang, der sich in dem eisernen Gefäß zu brechen beginnt, eine Dissonanz zum Ertönen bringt – und den „Flüchtling“ letztlich zurückwirft auf die in die Ferne gerückte Hoffnung, den Heimweg antreten zu können. „Sein schwieriges Handwerk“ dient nicht der Verdrängung, nicht der Naturbetrachtung; das Bewusstsein riecht, es hört und sieht den nahenden Krieg, den Einmarsch der Nationalsozialisten in den skandinavischen Raum, dessen Schönheit der Maschinerie des Krieges nichts entgegenzusetzen hat. Die Schwierigkeit des Hoffens gilt der Veränderung der Wirklichkeit, der Rückkehr in lebenswerte und lebensbegünstigende Verhältnisse. „Das Hoffen“ gilt den Starken wie den Schwachen, den hungrigen Mägen der Soldaten, aber auch der Auflösung der Widersprüche, in die sich diejenigen begeben, die das Holz liefern, das die Kriegsversehrten stützt. Es gilt dem aktiven Widerstand vor dem drohenden Einmarsch deutscher Truppen durch ein Volk, „das in zwei Sprachen schweigt“, als habe es sich bereits vor langer Zeit zum Verstummen bringen lassen, als ergebe es sich passiv und widerstandslos und warte bloß auf seine Unterwerfung durch die „starke [deutsche] Kreatur“, die Herrenrasse.

Der beinahe schon feierlich anmutende, hier aber ironische Anruf der Natur zeigt sich gegen Ende, ganz im Sinne der Brechtschen Dialektik, im Kontrast zu der von Menschenhand errichteten Kultur, die neben den Ernährungsgrundlagen (Milch) für die „starke Kreatur“ auch die Geschädigten zu versorgen hat. Das lyrische Ich verbleibt in Unverständnis dem Schweigen des Gastlandes gegenüber, das in Neutralität verharrt. Der Flüchtling selbst wird zum Fremdkörper im trügerischen Schutzraum der Natur, einmal mehr zurückgeworfen auf die „Schlechte Zeit für Lyrik“ (1939): Das Gespräch über Bäume in der finnischen Landschaft ist aus Brechts Sicht „fast ein Verbrechen […], weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ („An die Nachgeborenen“, 1939).

Die verspielte Form des Sonetts schmilzt in sich zusammen und ist als solche kaum noch zu erkennen; keine Spur mehr von Quartetten und Terzetten, keine fünfhebigen Jamben, stattdessen zwei Hälften (Septett und Sextett) nur, in Anlehnung an die Kunstform Petrarcas, Shakespeares oder des „Dreißigjährigen Krieges“ (Gryphius), die das Reale noch weitgehend mied: Das Bild der Kriegsinvaliden überlagert dialektisch den „Beerenduft“, die nahrungsspendende, berauschende Natur; fast wohnt der letzten Zeile ein Hauch von Resignation inne angesichts der Tatenlosigkeit des gastgebenden Landes: Kann es sein, dass der Fährmann ahnungslos ist, nicht weiß, dass er sich innerhalb seiner Idylle zum Lieferanten des Kriegsgeschäfts machen lässt? Rollen die „Milchbehälter“ ebenfalls den deutschen Truppen entgegen, um deren Soldaten zu stärken und zu stützen? Der resignative Anteil im Schatten der „finnischen Landschaft“ lässt „das Hoffen“ auf Veränderung jedoch nicht verstummen. Der Flüchtling macht sich die „schwierige Aufgabe“ zu eigen, seinem gastgebenden Land die unbequemen und unumgänglichen Fragen zu stellen, zwar im Rahmen des Kunstschönen als Abbild des Naturschönen, in das die Realität nichtsdestoweniger scheppernd hineinbricht wie der rollende „Milchbehälter“ – oder ein Panzer.

 

 

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