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Reflektionen über das ‚Schöne‘

„Schönheit ist das von uns erblickte Spiegelbild einer außerordentlichen Freude der Natur.“ — Friedrich Nietzsche

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dieses zitat bringt mich zum nachdenken.

das thema ’schönheit‘ hat mich schon immer fasziniert. aber ich merke mit zunehmenden alter, dass sich die fragestellungen in ihre bedeutung ‚verschieben‘ (bzw. relativieren), so dass mehr raum entsteht, um mit grösserem inneren abstand zu reflektieren.

ging es ursprünglich um vordergründige ‚weibliche schönheitsideale‘, die natürlich eine direkte sexuelle konnotation haben, so versuche ich heute die schönheit mit einem ‚tieferen blick‘ zu erfassen. zugegebenermassen ist die faszination für hochglanzfotos (der yellow press) immer noch da, aber schon im nächsten augenblick stellt sich mir die frage, wie tragfähig diese faszination im ‚echten leben‘ wäre.

die eigentliche frage, die sich mir also stellte, war die: hat eine (liebes)beziehung noch andere grundlagen als die ‚körperliche attraktion‘? diese frage dürfte inzwischen hinreichend beantwortet sein.

aber nun zum zitat. das erste wort, das auffällt, ist ’spiegelbild‘. sofern man ein zitat überhaupt kontextlos interpretieren kann, klingt das für mich so, als ob der mensch die schönheit der natur ’nur‘ ‚abbildet‘. dies scheint mir ein grundlegend falscher gedanke zu sein. vielmehr scheint es mir so zu sein, dass der mensch seine ‚eigenen‘ vorstellungen davon, was er für schön hält, auf die ’natur‘ projiziert.

die natur selbst kennt keine ‚ästhetik‘ und auch keine ‚freude‘; zumindest, wenn man den naturbegriff nicht weiter ‚metaphysisch‘ aufladen will. wenn wir also schönheit in der natur erkennen, dann deshalb, weil der mensch ein bewusstsein für schönheit und ihre maßstäbe ausgebildet hat. dies soll selbstverständlich keine antwort auf die frage sein, ob eine ‚höhere intelligenz‘ die evolution der natur auch nach schönheitskriterien ‚gestaltet‘, sondern es soll nur bescheiden darauf hingewiesen werden, dass schönheit nur dann erkannt werden kann, wenn der mensch dafür ein sensorium entwickelt hat. die ‚göttliche gretchenfrage‘ mag dann jeder nach seinem gusto für sich selbst entscheiden.

die vorstellungen davon, was schön ist und was nicht, prägt stark unser leben, auch wenn wir uns dessen gar nicht immer bewusst sind. dabei meine ich noch nicht einmal solche extremauswüchse wie eßstörungen und suchtartige plastische chirurgie. aber allein der kampf mit dem täglichen gedanken ‚bin ich für andere attraktiv?‘ kann einem schon gehörig die lebensfreude verderben. aus diesem grund habe ich auch oben ‚eigene‘ vorstellungen in anführungsstrichen gesetzt. denn dies sind keine ‚eigenen vorstellungen‘, sondern ideale, die gesellschaftlich (medial) inszeniert werden. diese inszenierten schönheitsideale mögen ihren künstlerischen wert haben und auch für den einzelnen eine art ‚orientierungspunkt‘ (korrektiv des ‚guten geschmacks‘) sein (so wie die sterne dem seefahrer in früheren zeiten den weg weisen konnten, ohne dass er deshalb zu ihnen reisen könnte), im realen leben sind sie aber nicht lebbar.

‚reife‘ wäre demnach die erfolgreiche trauerarbeit, mit den eigenen makeln leben zu können (und sie vlt. sogar zu lieben – betonung liegt auf vielleicht 😉 ), ohne die sehnsucht nach dem (schönheits)ideal gänzlich aufgeben zu müssen.

„Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen
und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man ‚Reife‘.“Charles Chaplin 

„Es kommt die Nacht
da liebst du
nicht was schön –
was hässlich ist.
Nicht was steigt –
was schon fallen muss.
Nicht wo du helfen kannst –
wo du hilflos bist.
Es ist eine zärtliche Nacht,
die Nacht da du liebst,
was Liebe 
nicht retten kann.“Hilde Domin 

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Ein Kommentar zu “Reflektionen über das ‚Schöne‘

  1. „Wenn schließlich die Identität von Mensch, Arbeit und Freiheit auf ihren radikalsten anthropologischen Ausdruck gebracht werden soll, so ist es wiederum kein anderer als Marx, der den „Entwurf“ dazu mit dem Satz geboten hat: „Nur der Mensch produziert nach dem Maße der Schönheit.“ Ähnliches trifft auf den Begriff der „Leidenschaft“ zu, den Engels gebraucht:

    Es sind „die Handelnden lauter … mit Überlegung und Leidenschaft handelnde … Menschen“. Zu beidem einige Bemerkungen. Es muss verstanden werden, dass der Mensch deshalb nach dem Maße der Schönheit produziert, weil Schönheit der extremste Ausdruck des Erotischen ist. Im Bereich der durch das Bewusstsein vermittelten menschlichen Existenz ist Schönheit wiederum deshalb der extremste Ausdruck des Erotischen, weil sie der Anstrengung des Tätigseins entgegensteht, „nutzlos“ ist, d.h., das Libidinöse abrundet und vollendet, ohne unmittelbare Notwendigkeit zu besitzen. Das Schöne gehört zu den Bedürfnissen, die den Umkreis des Nützlichen verlassen, in der Zwecksetzung menschlichen Handelns unter bestimmten Bedingungen der Lebensnot als verzichtbar erscheinen. Ein durch zufälliges Vorhandensein von Papier von einem in der Wüste verirrten Wanderer rasch zusammengefalteter Trinkbecher erhebt nicht den Anspruch der angenehmen Form, der Schönheit.

    Dagegen strebt der Mensch im bereits einigermaßen ausgeglichenen Alltag nach ästhetischer Gestaltung der Gebrauchsgegenstände, sei es, dass er sie selbst herstellt, sei es, dass er sie erwirbt. Selbst in den frühen Epochen der „primitiven“ Urzeit finden sich solche Gegenstände in großer Zahl vor, die wir als schön empfinden.

    Der Grund für diese erotische Grundform menschlichen Verhaltens, der Schönheit, liegt in der Fähigkeit des Menschen begründet, die Produkte welcher Art immer zu reflektieren und auf ihre nicht nur „nützliche“, sondern auch erotische Dienstbarkeit hin zu prüfen und zu beurteilen. Ein geschmückter Mensch ist angenehmer als ein ungeschmückter. „Angenehm“ aber heißt so viel wie: den Bewusstseinsmäßig-erotischen Erlebnisumkreis bereichernd. Und niemand kann bestreiten, dass wir es hierbei mit einem anthropologischen Grundphänomen zu tun haben. Der Marxsche Hinweis auf das Produzieren nach dem Maße der Schönheit, wodurch sich seiner Meinung der Mensch vor allen übrigen Lebewesen auszeichnet, impliziert somit eine Aussage von radikal anthropologischer Bedeutung.“

    https://www.leo-kofler.de/?page_id=133&fbclid=IwAR1vgW9FoCa0CEWxMJ2w-BGXL2uCsq6dH9GGwSVAGRqWzrTcfPSRDeLkl7g

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