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„V wie Vendetta“ – eine Kritik

in einem früheren Artikel schrieb ich, dass V wie Vendetta ein ‚politischer, ja fast philosophischer film sei, trotz seiner sicher kommerziellen Machart‘. dies hat mein facebook-freund Liana Helas zum anlass genommen, einen text zu verfassen, der die sichtweise eines kunstrezipenten und gleichzeitig eines kunstschaffenden wiedergibt. also eine kritik der ‚ästhetischen‘ wirkung des films; ein standpunkt, der mir weitgehend verschlossen ist, da ich filme eher aus der sicht des fans (oder eben gleichgültig oder ablehnend) betrachte; also eher der standpunkt des klassischen (sprich: unkritischen) konsumenten. ich sehe filme vor allem unter dem aspekt der unterhaltung (man könnte es auch berieselung nennen. was ich nur mit der notwendigkeit der Entspannung nach geisttötender Lohnarbeit ‚entschuldigen‘ kann). bei V wie Vendetta kommt aber aus meiner sicht noch tatsächlich eine politische botschaft hinzu, die ich als sehr bedeutend ansehe. dass diese durch die ästhetische wirkung und durch ökonomische (Verwertungs)Zwänge definierte Machart (fast) wieder zerschunden sein könnte, hätte ich in dieser Deutlichkeit niemals denken können.
Bildergebnis für v wie vendetta
N wie Narkose 
Wann immer das Flimmern vor Eveys Auge nachließ, fiel sie in einen ihr angenehmen Zustand der Erstarrung. Hinter ihrem Auge, genau genommen dem linken, flimmerten die Bilder weiter, Billionen von Bildern, blutige Bilder aus Nachrichten, Nachrichten des Tages, ihre Nächte als Prostituierte, den thermonuklearen Konflikt, verheißungsvollen Nachrichten aus einer nahen Vorvergangenheit, Nachrichten aus einer vielversprechenden Zeit versprochener Liebe und verdichteter Nachfragen. Lebhaft hatte ihr einst ein Fremder nachträglich anvertraut, die Ohnmacht der Dunkelheit lasse ihn unüberwindbar zurück.
 
In das Flimmern hinter ihrem Auge mischten sich Bilder von der Pulververschwörung des legendären Sprengstoffexperten, dessen Mut und Entschlossenheit, nicht dessen Konfession, sie sich in Momenten der Erstarrung vor Augen führte, mit den profitablen Visionen der Wachowskis wider eine zensierte Medienwelt, einen autokratischen Staat und für einen blutrünstigen Romantiker nach dem altbewährten Muster des Rächers der Enterbten. Die Sprengung der »Houses of Parliament« – und all der anderen Häuser ebenso – blieb bis auf weiteres eine unterhaltsame Vision, für die man auf roten Teppichen und Sektempfängen Auszeichnungen entgegenlächelte. Für mindestens eine weitere Generation befriedete das kostspielige Theater das befangene Unbehagen einander gleichender Verbrauchter, die sich frei wähnten, der illusionären Dimension eines verpixelten Strukturwandels zu folgen.

In ihrer zunehmenden Erstarrung wand sie sich nochmals in den Stromebenen ihrer verblassenden Erinnerung, von wo aus ihr erneut der fremde Kavalier seine trunkenen Schwüre zurief, deren sehnsüchtige Nachricht vom Rauschen der Wogen nach und nach übertönt wurde.

In ihrer Erstarrung gab es keinen Raum mehr für Schwüre und Beschützer, keinen Schutz mehr vor den Geschwüren und Geschwülsten, die einzig und allein die Umstände zwischen den Zeiten zu verantworten hatten. Die Erstarrung, dachte sie, als sie das Flimmern schließlich kaum noch wahrnahm, es allenfalls noch als vergangene Erregung erinnerte, würde sie fast bis zur Unantastbarkeit vor jeder nächsten Nachricht festigen.

Endlich sah sie sich erneut an der Spitze eines Krähenschwarms, der als Ganzes ein auf dem Kopf stehendes V bildete.

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3 Kommentare zu “„V wie Vendetta“ – eine Kritik

  1. auch Slavoj Žižek hat sich durch zu diesem film geäussert. interessanterweise knüpft er an die politische aussage des films an. den ästhetisch-ideologischen aspekt scheint er zwar auch zu sehen (’netter ekstatischer moment‘), scheint ihm aber eine nicht so grosse wichtigkeit beizumessen.

    „In der Schlussszene des Films V wie Vendetta marschieren Tausende unbewaffnete Londoner mit Guy-Fawkes-Masken auf das Parlament zu; das Militär, das keinen Befehl hat, die Menge aufzuhalten, lässt sie zum Parlament ziehen, und das Volk übernimmt die Macht. Okay, ein netter ekstatischer Moment, doch ich würde meine Mutter auf dem Sklavenmarkt verkaufen, um V wie Vendetta, Teil 2 sehen zu können: Wie geht es am nächsten Tag weiter? In welcher Form wird das siegreiche Volk dann den Alltag (neu) organisieren?“

    https://www.zeit.de/2018/20/kapitalismus-karl-marx-erben-kritik-perspektive?fbclid=IwAR1FgwBbeudxXhi9dTFlAVluF6ZVA55IEaB6Vi8cU_Lw46tBDy4T1ddcATU

  2. kommentare auf facebook:

    Liana Helas: Es bleibt abzuwarten, inwiefern der Film überhaupt noch die Wirkungskraft haben wird, die er in den vergangenen einhundert Jahren gewiss hatte. Die großangelegte Erzählung – in Wort und in Bild – ist den Kurz- und Kürzestformen gewichen, Miniaturen, short cuts, Aphorismen, mp3, Mikrochips, in nuce: atomisierte Individuen, atomisiertes Aluminium, atomisierte Verantwortung, atomisierte Segmentierung, atomisierter markt, atomisiertes Parteiensystem, atomisierte Gesellschaft, atomisiertes Wasser. »Patchwork« ist zum Normalfall geworden; zum Unfall. Die »Kunst« ist es, etwa mit den Worten Hannah Arendts, nicht in die Falle der eigenen »Ideen« zu geraten bzw. in diesen zu erstarren (oder zu verharren). Siehe auch: https://www.freiewelt.net/reportage/atomisierung-der-gesellschaft-10064748/?fbclid=IwAR0NxNgdaZba62usX8x91MOH4icSeYN6X-wQNFxBcxbZUV0s4cU8tpt2KJg

    Achim Schill: das problem der zunehmenden atomisierung und segmentierung sehe ich auch. ich weiss nur nicht, was man dagegen tun kann. man kann natürlich immer wieder auf die vorteile ‚kollektiven‘ denkens und tuns hinweisen, aber die gesellschaftlichen strukturen verweisen uns immer wieder auf uns ’selbst‘ (als ego).
    deswegen finde ich ja diesen film auch so wichtig, weil er nicht nur eine kollektive aktion (revolution) zeigt, sondern auch die ansätze für ein ‚transpersonales‘ (überindividuelles) bewusstsein. inwieweit das vom kinopublikum auch verstanden wird, darf sicher mit einem gewissen zweifel betrachtet werden. aber allein, die botschaft ist da; fehlt nur noch der verständige und willige geist. 😉

    Liana Helas: Werden solche Aktionen zum medialen »Spektakel« degradiert, verlieren sie gewissermaßen zwangsläufig ihre (motivierende) Sprengkraft, werden zu bloßer Belustigung. – Von den sog. (revolutionären) Linken (1968) als konterrevolutionär verurteilt: „You say you’ll change the constitution | Well, you know | We all want to change your head | You tell me it’s the institution | Well, you know | You better free you mind instead“ [John Lennon / Paul McCartney]

    Achim Schill: ja, das problem des medialen spektakels sehe ich auch. aber alles, was der kapitalismus hervorbringt, stabilisiert in letzter instanz seine grundlagen. mit einem messer kann man brot schneiden oder jemanden umbringen. genauso hat die kultur ihre [mindestens] zwei seiten. es kommt ’nur‘ darauf an, wie wir sie verwenden; aber dafür müssen wir unseren ‚geist befreien‘. 🙂

  3. Liana Helas: »Die große Blüte der Poesie und Musik von der Mitte des achtzehnten bis fast zum letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, die erstaunliche Entwicklung des Romans zu einer eigenständigen Kunstform, deren eigentlichen Gehalt das Gesellschaftliche bildet, der gleichzeitige, offenbare Niedergang der öffentlichen Kunstform, namentlich der Architektur – all dies bezeugt, wie eng verwandt das Intime und das Gesellschaftliche einander sind.
    Die Rebellion gegen die Gesellschaft, in der Rousseau und die Romantik nach ihm das Intime entdeckten, richtete sich vor allem gegen ihre nivellierenden Züge, gegen das, was wir heute Konformismus nennen und was in Wahrheit ein Merkmal aller Gesellschaft ist.« [Zitiert nach: Hannah Arendt „Der Mensch, ein gesellschaftliches oder ein politisches Lebewesen“. In: „Mensch und Politik“, S. 30f., Ditzingen 2017]

    Achim Schill: das mag für Rousseau und die Romantik stimmen. für die (marxistische) arbeiterbewegung stimmt das meines erachtens nur bedingt. zwar zerstört die bürgerliche gesellschaft auch die (grundlagen) eine ‚wahren‘ individualismus, aber die hauptkritik richtet(e) sich gegen die gesellschaftliche ungleichheit. nur einige strömungen des ‚kulturmarxismus‘ (humanistischer marxismus) erkannten, dass die kritik der ungleichheit mit einer entwicklung der wahrhaften individualität einhergehen muss.

    „Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußerung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußerung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“
    (Karl Marx, ökonomisch-philosophische Manuskripte)

    Achim Schill: und das problem des konformismus wäre mit dem ‚befreiten geist‘ gleich mit gelöst.

    Liana Helas: „Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.“ [Groucho Marx] – Dass der Lauf der Dinge, wie sie nun einmal sind bzw. geworden sind, sich nicht nach derartigen Rezepten korrigieren lässt, zeigen allenfalls die Abschnitte der Geschichte, die dem Verfasser der Pariser Manuskripte zu seinen Gunsten erspart blieben. Heute wirkt so mancher Abschnitt aus den Schriften des jungen Karlchens, als habe sich das Kerlchen bei seinem Versuch, die Welt zu einem besseren Örtchen zu machen, ein in sich schon zutiefst religiöser und romantischer Gedanke, gut zureden wollen, sich, gespickt mit würzigen Imperativen und fein abgeschmeckten Modalverben, den Appetit hinsichtlich der Unwirtlichkeit des Ist-Zustands nicht nur nicht verderben lassen, sondern ihn mit dem halbtrockenen Tischwein der Intellektualität besonders schmackhaft machen; Hut ab für den jugendlichen Übermut des Kritikers der Kritik. Gewiss würde der altbackene Weise von der Mosel heute eher Kochbücher verfassen angesichts des Schlamassels, den seine Jünger und Philister mit seinen frommen Weltverbesserungsattitüden angerichtet haben. Mag sich Marx in den Reihen bedeutender Religionsstifter auch ein wenig unbehaglich fühlen, führte auch seine (philosophische) Sorgfalt letztlich zur Anpassung an die Dinge, wie sie nun einmal sind: Geld, Mode, Fortschritt, Computerei, Jugend, Kampf, Sport.

    Achim Schill:[historisches] schlamassel mag stimmen; nichtsdestotrotz wird ein gutteil des noch bestehenden widerstands gegen die anpassung an den allmächtigen gott des ‚wertfetischs‘ von der marxistischen philosophie gespeist; wie immer man sonst dazu stehen mag.

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