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Impressionen vom 1. Mai in Berlin

Bildergebnis für revolutionäre 1 mai demo berlin 2019

(szene-politik ist kein ersatz für klassenbewegung) 

ich gestehe, ich wollte erst gar nicht hingehen bzw. deshalb früh(er) aufstehen. ich werde wahrscheinlich zu alt für diese alljährliche wiederholung von ritualen. wenn uns der klassenkampf-block nicht redezeit zu linksunten zur verfügung gestellt hätte (dafür danke!), wäre ich mit sicherheit zu hause geblieben.

von der demo selbst habe ich nicht viel mitgekriegt, da ich die ganze zeit in der nähe des lautsprecherwagens blieb, um meinen redeeinsatz nicht zu verpassen. die musik und die reden waren so laut, dass man sich nicht mal unterhalten konnte.

an sich fand ich die beteiligung an der DGB-demo politsch immer am sinnvollsten (im gegensatz zu den szene-demos), da es bei ihr noch einen bezug zur ‚klassischen klassenbewegung‘ gibt; auch wenn das per se nichts über die politische qualität aussagt.

ich verstehe auch, wenn die linken gruppen diesen tag nutzen, um sich öffentlich zu präsentieren, aber mir wird das transparente und fahnen schwenken und das skandieren von parolen immer fragwürdiger. ein bewusstsein für eine politische theorie und strategie entsteht dadurch mit sicherheit nicht.

früher vertrat ich die ansicht, dass die demonstrationen am 1. Mai die stärke der linken und arbeiterbewegung zum ausdruck bringen sollen. aber mit einer ’stärke‘, die sich nur einmal im jahr zeigt, kann es nicht besonders weit her sein. im übrigen wird eher die politische gespaltenheit der linken präsentiert als das sich gemeinsame (handlungs)perspektiven eröffnen würden.

nun gehört politischer (abgrenzungs)kampf zur linken dazu wie der schaum zum bier. aber wenn die programmatischen prinzipien wichtiger werden als die frage, wie denn eine transformative strategie wirklichkeit werden kann, dann scheint irgendetwas grundsätzlich schief zu laufen.

Sahra Wagenknecht hat vor kurzem mal gesagt, linkssein sei kein lifestyle. und sie hat völlig recht! zumindest sollte der anspruch auf veränderung der verhältnisse[1] einigermassen gerechtfertigt sein. aber genau diese rechtfertigung sehe ich in den letzten jahren immer mehr schwinden.

bei der ganzen demo hatte ich nur ein einziges mal einen moment, der mich emotional berührt hat; und das war als man das lied auf Sacco und Vanzetti gespielt hatte (allerdings nicht in der Joan Baez-version). solidarität ist keine abstrakte propagandaformel. es ist eine lebenserfahrung und ein lebensgefühl, dass sich in jedem augenblick des miteinanders neu realisieren und erstritten werden muss (auch in inneren kämpfen).

und ich erinnerte mich daran, dass ich vor vielen jahren mal mit einem ulralinken kleinst-zirkel (heute teil von Kosmoprolet) an der ‚revolutionären‘ 1. Mai-demo teilnahm und eine parole von denen war:

der 1. Mai geht auch vorbei.

das ist allerdings auch der einzige trost. sofern man überhaupt von trost sprechen kann und nicht eher davon, dass verdrängung ein überlebensmechanismus ist, der bei einigen (nicht wenigen) auch zur (bewussten) strategie geworden ist.

 

[1] »Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!« (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung / 1843-44)

2 Kommentare zu “Impressionen vom 1. Mai in Berlin

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