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Zur Kritik der ‚politischen Geographie‘

Bildergebnis für links rechts mitte

(das Hufeisen – eine Popularisierung der ‚Totalitarismus-‚Theorie‘) 

dass sich die ‚mitte‘ von den ‚rändern‘ her definiert, ist eine binsenweisheit. auch ist es richtig, dass in vielen fällen die ‚wahrheit‘ tatsächlich in der mitte liegt. so heisst es beispielsweise bei Buddha:

„Spannst du eine Saite zu stark, wird sie reißen.
Spannst du sie zu schwach, kannst du nicht auf ihr spielen.“

für musikinstrumente ist dies auch sicherlich eine wichtige erkenntnis, aber daraus zu folgern, dass das ‚holde beglücken‘ immer in der mitte liegt, dürfte wohl eine unzulässige verallgemeinerung sein.

die anwendung von rechts, links und mitte auf politische zusämmenhänge hat ihre besonderen problematiken. der ursprung dieser begrifflichkeiten kommt von der sitzordnung der fränzösischen nationalversammlung um die zeit der ‚grossen revolution‘. ich weiss zwar leider nicht mehr die quelle, wo ich das gelesen habe, aber rechts sassen die vertreter der ‚Ordnung‘, während links die vertreter der ’sozialen bewegungen‘ sassen (vom präsidium aus gesehen). auch wenn ich nicht weiss, ob das historisch so stimmt, als allgemeine definition finde ich das aber durchaus brauchbar. und in diesem sinne finde ich die anwendung dieser begrifflichkeiten auch berechtigt.

allerdings haben sie den grossen nachteil, dass sie ein ‚lagerdenken‘ befördern, was in der wirklichkeit nur sehr bedingt entsprechungen hat; denn natürlich haben alle ‚drei lager‘ ihre internen differenzierungen. sicherlich könnte man sehr allgemein sagen, dass die rechte und die mitte darum bemüht sind, den status quo (möglichst) zu erhalten, während die linke (in der regel, die es aber als ‚regel‘ gar nicht gibt) um veränderdungen (und verbesserungen) zu tun ist.

man sollte sich aber dafür hüten, die differenzen im rechts/mitte-lager als geringwertiger einzuschätzen als die im linken. zwar stimmt es, dass gerade die organisatorischen zusämmenhänge in der linken (und im linksradikalen sprektrum) ihre existenzberechtigung von der programmatik erhalten, aber für die praktische politik ist beispielsweise der unterschied zwischen einer liberalen und einer rechtspopulistischen regierung wichtiger als die frage, ob beim zweiten weltkongress der dritten internationale im vierten hauptplenum die eine oder die andere fraktion ‚revisionistischer‘ war als die andere. solche debatten kann man führen, wenn man meint, man agiere im theoretisch-luftleeren raum und es käme allein auf das ‚korrekte programm‘ an, um die glückseligkeit zu erreichen. aber leider hat die geschichte das gegenteil bewiesen. nicht auf das ‚korrekte programm‘ kommt es an, sondern wer am besten die erwartungen, hoffnungen (und auch ressentiments) der ‚Massen‘ bedienen kann, kommt zum zuge.

das mag zwar die puristen der ‚wissenschaftlichen wahrheit‘ schwer beleidigen, aber der ‚human factor‘ hat sich noch nie allein auf ‚objektivität‘ reduzieren lassen.

wie bereits gesagt, haben die programmatischen differenzen innerhalb der linken einen höheren identifikatorischen wert als im mitte/rechts-lager. das führt aber genau dazu, dass die einen ‚realpolitik‘ betreiben und die anderen ihre parallelwelten kultivieren. allerdings steht diese hohe bedeutung der programmatik (und ihrer unterschiede) innerhalb der linken in einem merkwürdigen gegensatz dazu, dass alle linken strömungen davon ausgehen, dass eine politische einigung aufgrund gewisser sozialer lagen der ‚unterklassen‘ möglich ist. dabei spricht keinerlei historische erfahrung dafür, dass sich leute nur deshalb ‚einigen‘, weil gewisse ‚objektive interesselagen‘ dies nahelegen (würden). soziale interessen sind niemals einfach nur da (evident), sondern sie müssen erst (mühsam) theoretisch begründet (‚produziert‘) werden. es ist ein schlechtes [unterschwelliges] romantisches erbe im marxismus, dass man glaubt, nur weil menschen ‚unterdrückt‘ sind, hätten sie auch ein interesse an ‚revolutionärer politik‘. leider ist dieser lineare determinismus eine (schwere) illusion.[1]

Fazit 

zwar erfüllen die begriffe rechts, links und mitte einen gewissen politischen zweck, aber man sollte diesen zweck nicht allzu hoch ansetzen. insbesondere für die ‚linken‘ suggeriert er gemeinsamkeiten, die in den seltensten fällen wirklich vorhanden sind.

meines erachtens kann (und muss) es ’nur‘ darum gehen, den fehler der linken, den Ernst Bloch so klar ausgesprochen hat, zu vermeiden, und die (objektive) ‚wahrheit‘ mit dem (subjektiven) gefühl zu integrieren [2]:

„Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ [kursivsetzung von mir, systemcrash]

 

[1] „Der entscheidende, das marxistische Denken umwälzende Gedanke in Was tun? ist“ demgegenüber, „daß sich eine Politik nie einfach aus der Klassenbestimmung ergibt, sondern daß – umgekehrt – ein und dieselbe Klassenbestimmung mit verschiedenen, ja einander entgegengesetzten Politiken artikuliert sein kann. Dieser Gedanke bricht radikal mit der Vorstellung, wie wir sie auch bei Marx und Engels in manchen Formulierungen gefunden haben, daß sich der Zusammenhalt und die Organisierung der Arbeiter mehr oder minder aus der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus selbst ergeben würde. So ist Schluß mit jeder Illusion über ein letztliches Zusammenfallen von Partei und Klasse durch die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Die Partei und ihre Politik werden erst zu einem Gegenstand von Theorie.“ (Wieland Elfferding, Klassenpartei und Hegemonie. Zur impliziten Parteientheorie des Marxismus, in: ders. / Michael Jäger / Thomas Scheffler, Marxismus und Theorie der Parteien (Argument-Sonderband AS 91), Argument: [West]berlin, 1983, 7-35 [17 f.]). (zitiert nach DGS )

[2] ein integraler facebook-freund beschreibt den integrationsprozess als folgenden dreischritt:

„Loslösung vom alten (Kritik) Aufbruch zum Neuen (Transzendenz) und Integration des Neuen und des Gewesenen (neue Ganzheit)“

die Analogie zu Hegels ‚dialektischer‘ These-Antithese-Synthese ist klar erkennbar.

 

2 Kommentare zu “Zur Kritik der ‚politischen Geographie‘

  1. „Die Partei DIE LINKE muss ganz unterschiedliche Segmente der Klasse verbinden. Sie muss immer neu lernen zu übersetzen. Denn die Klasse ist vielfältig gespalten, entlang beruflicher und generationeller Linien, entlang formaler Bildung, entlang geschlechtlicher, ethno-nationaler und anderer (Selbst-)Zuschreibungen, entlang ihrer Stellung im gesellschaftlichen (Re-)Produktionsprozess. Das war nie anders. Insofern geht es immer um ein making und re-making of class.

    Dabei gilt es den Blick auf die Lohnabhängigen als «ganze Menschen» (auf ihre Produktions- und Lebensweise) zu richten. Dies impliziert einen anderen Interessenbegriff, denn die Einzelnen haben vielfältige Interessen. Teilweise sind diese gegensätzlich, die Widersprüche gehen mitten durch die Subjekte. Insofern sind Interessen nicht «objektiv» gegeben, sondern werden in Auseinandersetzungen
    permanent geformt, im besten Fall gemeinsam. Entsprechend vielfältiger sind auch die Kämpfe. Einer der wirksamsten Spaltpilze ist die enge Verbindung von Rassismus und
    Klassenpolitik von «oben». Dagegen gilt es eine wirksame sozialistische Klassenpolitik als verbindenden Antagonismus zu entwickeln.“

    https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Standpunkte/Standpunkte_09-2019.pdf

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