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Postkapitalismus?

es ist interessant: auf der einen seite heisst es bei vielen linken, wenn wir wirklich was verändern wollen, müssen wir (erst) den ‚kapitalismus abschaffen‘. wenn man dann aber fragt, wie denn eine ‚postkapitalistische‘ gesellschaft aussehen soll und warum sie besser sein soll, herrscht meist betretenes schweigen. der bekannte antikommunistische witz:

im kapitalismus beutet der mensch den menschen aus, im sozialismus ist es umgekehrt.

bringt dieses problem ganz gut auf den punkt.

der trick, warum dieser witz funktioniert, ist übrigens ziemlich genial. anstatt von der ausbeutung von klassen zu sprechen, benutzt er den abstrakten begriff mensch, und …schwupps… ist das problem der ausbeutung zu einem zeitlosen, überhistorischen geworden; gegen das man folglich auch nichts machen kann. der ganze wesenskern der neoliberalen ideologien beruht gerade darauf, jeden gedanken an historische alternativen geradezu als lächerlich abzustempeln. warum sie damit (bislang) erfolg haben, wäre eine frage, die auch für die strategische orientierung der linken von einigem interesse wäre.

Reform und Revolution

der neoliberalismus war in seinem ideologischen feldzug so erfolgreich, dass selbst der begriff reform, der ursprünglich mal den kampf um verbesserungen im kapitalismus bedeutet hat, in sein völliges gegenteil verkehrt wurde. er bedeutet heute die verbesserung der ausbeutungsbedingungen für das kapital.

es ist daher kein wunder, dass viele leute von den mühsamen reformversuchen die faxen dick haben und auf die ‚radikale lösung der revolution‘ hoffen. es wird dabei nur etwas wesentliches vergessen: revolutionen entstehen nicht einfach im luftleeren raum. sie haben eine lange vorgeschichte und unter anderem sind sie auch das ergebnis von vergeblichen bemühungen um andere lösungswege. erst wenn die ‚Massen‘ am eigenen leibe erfahren haben, dass sie innerhalb des systems nichts reissen können, werden sie sich mit dem gedanken einer systemtransformation anfreunden können.

in diesem sinne kann man sagen, reformkämpfe sind eine (wesentliche) bedingung für die revolutionierung breiter volkschichten.

es reicht daher nicht, proteste auf ein ’nein‘ zu reduzieren. das nein-sagen ist zwar der beginn des eigenständigen (denkens), aber protest darf sich nicht einfach auf die negation beschränken. der protest muss auf eine bessere zukunft verweisen; und selbst diese perspektive ist für viele menschen kaum einzunehmen.
eine ‚positive utopie‘ ergibt sich nur aus der — hegelianisch gesprochen — negation der negation. es reicht nicht aus, zu wissen, dass etwas schlecht funktioniert. wir müssen wissen, wie etwas besser funktioniert.
kapitalismus-kritik schön und gut, aber solange JEDER akzeptiert, dass das streben nach mehr reichtum und Macht quasi ’natürlich‘ ist (‚zweite natur‘), solange steckt der kapitalismus in ALLEN köpfen und jeder protest versandet an den eigenen widersprüchen (die im eigenen bewusstsein vorhanden sind).

der ‚neue mensch‚ kann nicht einfach postuliert werden; er kann nur entstehen, wenn auch die eigenen schatten akzeptiert und — vor allem — integriert werden. dass hat allerdings nichts mit gehirnwäsche und stalinistischer ‚kritik und selbstkritik‘ zu tun, sondern muss mehr im sinne eines ‚heilungsprozesses‘ zu mehr ‚ganzheitlichkeit‘ verstanden werden. ohne eine grösseren solidarischen umgang (der linken) untereinander wird dies aber kaum zu erreichen sein. nur weil jemand anders denkt, muss er nicht auch (automatisch) ein ’schlechter mensch‘ sein. dieser unterschied muss vollkommen klar sein!

Der Kapitalismus endet nicht von allein

viele linke halten sich mit der vorstellung aufrecht, dass der kapitalismus eine ‚innere schranke‘ habe, die ihn irgendwann zwangsläufig zusammenbreche lasse. ich fürchte, dass diese vorstellung eine illusion ist[1]. der kapitalismus kennt keine unmöglichen situationen. diese vorstellungen von einer ‚inneren schranke‘ weisen zudem auf ein wesentliches problem der kapitalismuskritik hin. es wird so getan, als sei der kapitalismus für die gesellschaft etwas ‚äusseres‘, von dem sie sich jederzeit befreien könne. dies ist mitnichten so! jede faser der gesellschaftlichen (verkehrs)verhältnisse ist durch das kapitalverhältnis prästrukturiert. ein denken über den kapitalismus hinaus, erfordert bereits einen standpunkt, der sich bis zu einem gewissen grad der ganzen gesellschaft entgegenstellt. schon aus psychologischen gründen dürfte klar sein, dass dies nicht so einfach zu bewerkstelligen ist.

der ‚postkapitalismus‘ bleibt leider weiterhin ein fernes ziel, das mit den realen alltagssorgen und nöten der menschen wenig zu tun hat. und solange der reformismus in seinem gebrauchswert sich immer mehr als untauglich erweist, werden viele ihr heil im rechtspopulismus suchen; während die ‚radikale linke‘ ihren seelenfrieden offensichtlich in abgrenzungskämpfen findet.

 „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.“ (Antonio Gramsci) 

 

[1] ich weiss, dass im „Maschinenfragment“ Marx den gedanken entwickelt, dass ab einem bestimmten entwicklungsstand der (technischen) produktivkräfte, das wertgesetz irrational wird. dies mag auch tatsächlich so sein, aber solange nicht (‚massenhaft‘) bewusstseinsmässig mit der profitmotivierten produktion gebrochen wird, solange kann keine technische innovation die (subjektiven) grundlagen für eine kollektive wirtschaftsform herbeizaubern. (vergleich auch: Gegen den Fetisch der Digitalisierung)

2 Kommentare zu “Postkapitalismus?

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