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Realpolitik vs. Zukunftsgerichtetheit

Bildergebnis für indymedia

(Printausgaben von indymedia aus der Anfangsphase des Medienaktivismus)

Ein paar Überlegungen zur Organisationskrise der linken 

die gratwanderung zwischen opportunismus und sekterierertum ist ein dauerthema in der linken bewegung; und das zu recht, da sich doch schliesslich die bedingungen und (taktischen) voraussetzungen ständig ändern.

die wahl des neuen führungsduos in der SPD zeigt, dass selbst diejenigen, die vorher volltönend den ausstieg aus der GroKo progagiert haben, auf einmal zur besonnenheit raten und vor vorschnellen entscheidungen warnen. wie soll man das einordnen? ist das der korrumpierende einfluss der ‚Macht‘ oder haben diese leute einfach kein rückgrat?

beides dürften wohl faktoren sein, aber für sich alleine genommen scheinen mir das keine ausreichenden erklärungen zu sein.

ich fürchte, für eine erklärung für die persistenz des ‚opportunismus‘ muss man tiefer graben. es ist einfach eine tatsache, dass der erhalt eines ’systemischen gleichgewichts‘ (egal in welchem bereich) einen geringeren energieaufwand bedeutet als eine (disruptive) veränderung, die sich nur auf dem versprechen und der hoffnung auf eine ‚bessere zukunft‘ speist. und da menschen immer und instinktiv den weg des geringsten widerstands gehen (geringster energieaufwand) ist die angst vor der Veränderung (in der Regel) grösser als die Hoffnung auf eine (mögliche!!) ‚bessere Zukunft‘.

diese tatsache wurde meines erachtens zu wenig von der linken bewegung reflektiert (wo meistens ein idealistischer romantizismus [zumindest als Stimmung] überwog), während die ‚einfachen leute‘, schon aus gründen der materiellen Knappheit, eher zu einem Pragmatismus und knallharten Nützlichkeitskalkül neigen (Utilitarismus).

eine der wenigen ausnahmen von diesem ‚linken romantizismus‘ war der Realist Lenin, der erkannte, dass nur in extremen ausnahmesituation (z. b. Kriegssituationen) die leute zu revolutionären experimenten bereit sein werden (weil es nichts mehr zu verlieren gibt, wenn man mal vom nackten [Über]leben absieht). dass die oktoberrevolution die bislang einzig erfolgreiche ‚proletarische revolution‘ war (bei ‚proletarisch‘ darf man auch gerne ein fragezeichen setzen) dürfte neben den spezifisch ‚russischen historischen eigenheiten‘ auch genau an diesen realistischen strategie- und taktik-bestimmungen Lenins gelegen haben.

solange aber die leute noch ‚was zu verlieren haben‘ (auch wenn sie sich der ketten durchaus bewusst sind) wird ‚reformistische‘ politik immer ‚attraktiver‘ sein als ‚revolutionäre‘. dies ist eine ganz nüchterne feststellung, die mit keinerlei vorwürfen verbunden ist; sie trägt einfach der conditio humana rechnung!

dies eingedenk kann es meines erachtens ’nur‘ darum gehen, eine linke bündnispolitik zu entfalten, die auf hinreichenden übereinstimmungen im verständnis beruht und die langfristig zu einer verstetigung organisatorischer strukturen führen sollte.

wie realistisch diese perspektive ist, ist eine zweite frage, die nur durch das Essen des Puddings geklärt werden kann.

die nächste bewährungsprobe für linke bündnispolitik wird der 25. Januar 2020 sein, – der Tag (((i))), der zeigen wird, wie stark die Verteidigung zivilgesellschaftlicher Standards über die linksradikale szene hinaus verankert ist.

ich bin schon sehr gespannt!

zum Weiterlesen: 

Kein[e] Querfront, aber quer zu den Fronten

 

 

6 Kommentare zu “Realpolitik vs. Zukunftsgerichtetheit

  1. „Wir waren uns sicher, dass Olaf Scholz die Abstimmung gewinnt. In meinem Bekanntenkreis fand sich niemand, der einen Kasten Bier auf Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans (kurz: Eskwabo) setzen wollte. Galt doch die SPD bei uns als eine Art sado-masochistischer Zombie, der sich lustvoll quälen, verletzen und amputieren lässt. Der keine Angst vor dem Untergang hat, weil er sowieso schon tot ist. Der auf der Suche nach Gehirn ziellos durch die Stadt taumelt. Der jeden bei jedem Schritt nach vorn zwei Schritte zur Seite wankt.“

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1129573.esken-und-walter-borjans-ein-umhertaumelnder-zombie.html

  2. „Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) warnt vor einem Parteitagsbeschluss für eine Komplett-Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen. „Klar ist, dass Menschen im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten selbst mitwirken müssen, aus Bedürftigkeit herauszukommen“, sagte Heil dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
    „Ich glaube nicht, dass die meisten Jusos ernsthaft den Einstieg in ein bedingungsloses Grundeinkommen wollen. Sozialdemokraten kennen den Wert der Arbeit.“

    https://www.rnd.de/politik/heil-warnt-spd-vor-komplett-aus-fur-hartz-iv-sanktionen-HQBZYHFRM5D3ND7UZDM6XE7BN4.html

  3. „Das designierte Führungsduo steckt in einer schwierigen Lage. Esken und Walter-Borjans erleben gerade den Realitätsschock. Die beiden haben hohe Erwartungen geweckt, müssen ihren Kurs jetzt aber anpassen. Denn hinter den Kulissen ringen die unterschiedlichen Lager weiter um Einfluss. Knallharte Forderungen oder gar Ultimaten gegenüber der Union aufzustellen, hätten weite Teile der Parteiführung, der Bundestagsfraktion und die Bundesminister kaum mitgemacht. Die beiden Neuen müssen auf die Verlierer der Stichwahl zugehen, um eine Spaltung der Partei zu verhindern.“

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-duo-norbert-walter-borjans-und-saskia-esken-der-realitaetsschock-a-1299669.html

  4. „Kühnert hat in der letzten Zeit bewiesen, dass der Weg vom leicht linken Juso zum Regierungssozialdemokraten heute wesentlich kürzer ist, als noch zu Zeiten von Gerhard Schröder. In den 1970er Jahren machte man gelegentlich sogar noch einen Umweg über einen Ausschluss aus der SPD, wie der Juso-Vorsitzende Klaus Uwe Benneter. Kühnert, der noch vor Monaten als Kopf der Gegner einer Koalition mit der Union galt, hat schon deutlich gemacht, dass er die Regierung nicht verlassen will.
    Als Widerspruch will er das nicht sehen, er habe nur verdeutlichen wollen, dass die Delegierten des SPD-Parteitags genau überlegen sollen, ob sie wirklich Pfründe aufgeben wollen. Die Mehrheit wollte es nicht. Sie stellte einige Forderungen an die Union, die aber eher Stoff für den nächsten Wahlkampf sind.
    Insofern also gilt auch unter Bojans/Esken: Die SPD bleibt sich treu. Für ein wenig Mitregieren tut sie alles. Alle die, die kurz nach der Wahl irgendetwas von einer Revolution bei der SPD raunten, haben wohl immer noch nicht begriffen, dass die SPD seit mehr als 100 Jahren alles, was nach Revolution riecht, hasst wie die Sünde. Für die Linkspartei zumindest ist das eine gute Nachricht. Eine SPD, die nach links gerückt, hätte ihr noch mehr Stimmen kosten können.“

    https://www.heise.de/tp/features/Nichts-Neues-bei-der-SPD-4608102.html

  5. „Am Samstag davor, am 25. Januar 2020 soll es den „Tag (((i)))“ geben und eine bundesweite Demonstration in Leipzig stattfinden. Die bisherigen Aufrufe tragen alle einen sehr auf die autonome Szene bezogenen Akzent. Das ist bedauerlich. Denn Indymedia war seit seiner Gründung eben kein Organ nur der radikalen Linken. Es war die Plattform einer pluralen Linken, auf der über Informationsstände genau so berichtet wurde, wie über Aktionen des zivilen Ungehorsams. Aber auch militante Aktionen wurden dort dokumentiert und auch kritisiert, wie alle anderen Aktionen. Es wäre gut, wenn an dem Protesttag auch dieser Charakter von Indymedia als Medium einer pluralen Linken deutlich würde. Das würde auch bedeuten, den Initiativen, die sich wie die Gruppe für Freiheitsrechte, die kritischen Jurist*innen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich gegen die Abschaltung von Indymedia Linksunten ausgesprochen haben, dort die Möglichkeit zu geben, den Protest mitzugestalten.“

    https://peter-nowak-journalist.de/2019/12/24/20-jahre-indymedia/

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