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Antifaschismus  und Antikapitalismus – gestern und heute (Thesen und Gegenthesen)

Bildergebnis für wladek flakin ein jude in der wehrmacht

(Martin Monath hat in Frankreich revolutionäre Zellen in der Wehrmacht aufgebaut. Er dafür mit seinem Leben bezahlt. Die vierte Internationale glaubte daran, dass der hauptfeind auch im faschismus immer noch im eigenen land steht und dass die unterklassen die befreing aus eigener kraft schaffen müssen. auch die wehrmachtssoldaten blieben „arbeiter in uniform“. wenn man bedenkt, dass heutige sich ‚links‘ nennende leute meinen, antifa bedeute ‚luftangriff‘ (also bomben, die wahllos JEDEN treffen können), dann kann man sich einen grösseren gegensatz kaum denken. und der ist auch nur schwer zu ertragen. die grundlage einer solchen position kann nur eine ‚kollektivschlud-theorie‘ sein, die aber den vorrang des ‚klassenkampfes‘ in jedem land ad absurdum führt. („Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“, Marx/Engels, Manifest) – ob der faschismus den klassenkmapf historisch suspendiert, diese frage scheint in der linken umstritten zu sein.

Die „Volksfronten“ auf der einen, der Faschismus auf der anderen Seite, dies sind die letzten politischen Reserven des Imperialismus im Kampf gegen die proletarische Revolution. Vom historischen Standpunkt aus sind diese beiden Hilfsquellen allerdings nichts anderes als Fiktionen. Die Fäulnis des Kapitalismus hält an, sowohl unter dem Zeichen der phrygischen Mütze in Frankreich wie unter dem Zeichen des Hakenkreuzes in Deutschland. Allein der Sturz der Bourgeoisie kann einen Ausweg eröffnen.“ (Trotzki, Übergangsprogramm) 

 

die ereignisse von Thüringen haben der frage des antifaschismus eine unerwartete (aber nicht wirklich überraschende) aktualität verliehen. Die Politik von Ramelow, der auf seine kanditatur verzichtet, um eine ’stabile regierung‘ zu ermöglichen, ist die politik der bürgerlich-demokratischen staatsräson gegen einen möglichen regierungseintritt von faschisten. Ist diese politik ‚linker selbstmord‘ oder ein genialer schachzug, um die kräfteverhältnisse nach ‚links‘ zu verschieben?

1.) der ‚antifaschistische Konsens‘ ist ein mythos, geschaffen, um die ‚mitte‘ vor kritik von links und rechts zu immunisieren. dies ist der sinn der totalitarismus-theorie und des hufeisens, um das gewaltmonopol des bürgerlichen staates zu stabilisieren. 

wenn es diesen ‚konsens‘ im zweiten weltkrieg gegeben haben sollte, dann war es der konsens des demokratischen imperialismus gegen den faschistischen imperialismus. und dieser demokratische imperialismus bekam auch noch die unterstützung des stalinismus. allerdings zu einem preis: die revolutionären ansätze in spanien, griechenland und in einigen ländern osteuropas wurden von den stalinisten abgewürgt. ich will mich hier nicht auf eine debatte einlassen, WIE realistisch proletarische revolutionen in diesem zeitraum waren. das wäre eine frage der TAKTIK. aber AKTIV die (möglichen) revolutionen zu verhindern (wie dies die stalinisten gemacht haben) ist verrat in der höchsten potenz! 

2.) bündnisse mit bürgerlichen antifaschisten sind nicht per se falsch. aber auch dies ist eher eine frage der kräfteverhältnisse. grundsätzlich würde man aber zunächst bündnispartner aus der arbeiterbewegung suchen; so wie trotzki die aktionseinheit mit der SPD vor 1933 gesucht hat. der grundgedanke der proletarischen einheitsfront lautet KLASSE GEGEN KLASSE, also klarzumachen, dass die frage der regierungsform direkt mit antagonistischen interessen von bourgeoisie und proletariat zusammenhängt (auch wenn es innerhalb der klassen selbst wieder differenzierungen geben mag).[1]

Zwischen Demokratie und Faschismus besteht kein „Klassenunterschied“. Das soll offenbar bedeuten, daß die Demokratie, wie der Faschismus bürgerlichen Charakters ist. Das haben wir auch vor dem Januar 1932 gewußt! Aber die herrschende Klasse lebt nicht im luftleeren Raum. Sie steht in bestimmten Beziehungen zu den übrigen Klassen. Im „demokratischen“ Regime der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft stützt sich die Bourgeoisie vor allem auf die von den Reformisten im Zaume gehaltene Arbeiterklasse. Am vollendetsten kommt dieses System in England zum Ausdruck, bei der labouristischen wie bei der konservativen Regierung. Im faschistischen Regime stützt sich das Kapital, zumindest im ersten Stadium, auf das Kleinbürgertum, das die Organisationen des Proletariats vernichtet. Das ist das italienische Beispiel! Besteht ein Unterschied im „Klasseninhalt“ dieser beiden Regimes? Stellt man lediglich die Frage nach der herrschenden Klasse, so ist kein Unterschied vorhanden. Nimmt man Lage und Wechselbeziehungen aller Klassen, so zeigt sich – vom Standpunkt des Proletariats – ein beträchtlicher Unterschied.“ — Leo Trotzki, Was Nun? 

auch wenn antifaschismus und antikapitalismus nicht dasselbe sind, so kann letztlich der kampf gegen den faschismus nachhaltig nur in einer antikapitalistischen (besser: transkapitalistischen) perspektive geführt werden. Die inhärente krisenhaftigkeit des kapitalismus würde immer wieder die gefahr ‚antidemokratischer‘ regime heraufbeschwören.

3.) taktisch mag es sinnvoll sein, auch mal einen liberalen gegen einen rechtspopulisten zu stützen (z. B. Macron gegen Le Pen), aber diese unterstützung ist dann so, wie der ’strick den gehängten unterstützt‘ (Lenin).

„…Und ich werde nicht nur in populärer Weise erklären können, warum die Sowjets besser sind als das Parlament und die Diktatur des Proletariats besser ist als die Diktatur Churchills (die durch das Aushängeschild der bürgerlichen „Demokratie“ verdeckt wird), sondern ich werde auch erklären können, daß ich Henderson durch meine Stimmabgabe ebenso stützen möchte, wie der Strick den Gehängten stützt; daß in dem Maße, wie sich die Henderson einer eigenen Regierung nähern, ebenso die Richtigkeit meines Standpunkts bewiesen wird, ebenso die Massen auf meine Seite gebracht werden und ebenso der politische Tod der Henderson und Snowden beschleunigt wird, wie das bei ihren Gesinnungsgenossen in Rußland und in Deutschland der Fall war.
Und wenn man mir entgegnen sollte, das sei eine zu „schlaue“ oder zu komplizierte Taktik, die Massen würden sie nicht verstehen, sie werde unsere Kräfte verzetteln, zersplittern, werde uns hindern, diese Kräfte auf die Sowjetrevolution zu konzentrieren usw., so werde ich diesen „linken“ Opponenten antworten: Wälzt euren Doktrinarismus nicht auf die Massen ab!“Lenin

Nichtsdestotrotz ist es ein problem, dass die ‚arbeiterbewegung‘ sich dermassen auf dem ideologischen und politischen rückzug befindet, dass die notwendigkeit eines ‚revolutionären antifaschismus‘ schwer vermittelbar ist und bleibt.

Hingegen wird der realistische pragmatismus von Ramelow selbst von ganz links unterstützung erfahren.

Die historische rechnung der gestiegenen gefahr ‚autoritärer‘ regime ist damit freilich noch lange nicht beglichen.

Diese mahlzeit wird uns noch öfter kalt serviert werden! – bis es gelingt, die revolutionären traditionen der (alten) arbeiterbewegung im breiteren maße wiederzubeleben – oder gänzlich neu zu schaffen.

Bild könnte enthalten: 2 Personen, Brille und im Freien, Text könnte möglicherweise lauten: „Deutschlands Mitte gute“

(aus links wird ‚Mitte‘: kennt man schon aus der Geschichte der SPD)

[1] DGS hat den einwand, dass das ‚klassenparadigma‘ für den HEUTIGEN rechtspopulismus ungeeignet ist.

„Global gab und gibt es weiterhin nicht-faschistischen Kapitalismus als
(dominierende) Alternative zu faschistischem Kapitalismus.
Der Widerspruch von Faschismus und Antifaschismus ist zuvorderst gerade
kein Klassenwiderspruch, sondern eine inner-bürgerliche
Herrschaftsalternative (weil und soweit eine Revolution der
Lohnabhängigen gerade NICHT auf der Tagesordnung steht).“ (per email erhalten)

ich halte diesen einwand für gewichtig. allerdings nicht wegen der (falschen) klassenanalyse (die basis des faschismus ist immer noch das kleinbürgertum), sondern weil ja tatsächlich die historischen erscheinungsformen der arbeiterbewegung VOR dem zweiten weltkrieg mit dem, was man HEUTE als arbeiterbewegung bezeichnen könnte (was sollte das sein, wenn man mal von den gewerkschaften absieht?), nicht mehr allzuviel zu tun haben. ob dies allerdings erforderlich macht, ‚revolutionäre‘ politik auf eine art ‚etappenkonzept‘ (demokratie gegen faschismus) zu reduzieren, da wir in nicht-revolutionären zeiten leben, – diese diskussion müsste die ‚radikale linke‘ tatsächlich führen. die ‚trotzkistische‘ IKD ist nach dem zweiten weltkrieg diesen weg gegangen … und in der versenkung verschwunden.

strategisch hält  DGS den „heutige[n] Rechtspopulismus kaum [für] eine kapitalistische[] Klassenstrategie; allenfalls eine kleinkapitalistisch-inlandsmarkt-orientierte KlassenFRAKTIONsstrategie; vor allem aber ein politisch-kulturelles Integrationsproblem des Konservativismus in Zeiten der neoliberalen Globalisierung und ein reaktionärer Zug der männlich-weißen Lohnabhängigen-Aristokratie gegen die Destabilisierung deren Sonderstellung durch Feminismus, queerness und Arbeitsmigration.“

ob das allerdings nur die ‚Arbeiter-Aristokratie‚ betrifft, da würde ich auch zweifel anmelden wollen.

32 Kommentare zu “Antifaschismus  und Antikapitalismus – gestern und heute (Thesen und Gegenthesen)

  1. manchmal kann man gar nicht so schnell bloggen, wie die ereignisse voranschreiten 😉

    „CDU lehnt Ramelow-Vorschlag ab

    Die CDU in Thüringen hat den Vorschlag von Bodo Ramelow einer „technischen Regierung“, die schnell Neuwahlen vorbereitet, abgelehnt. Stattdessen sprach sich die Fraktion für eine längerfristige Übergangsregierung mit Christine Lieberknecht an der Spitze aus. Für Stabilität brauche es eine Übergangsregierung, die „vollständig besetzt und parteiübergreifend von berufenen Experten bestellt wird“, sagte Thüringens CDU-Landespartei- und Fraktionschef Mike Mohring am Dienstag in Erfurt.
    Der Vorschlag von Ramelow greife zu kurz. Mohring machte klar, dass eine Expertenregierung auch einen Haushalt für 2021 aufstellen solle. „Danach kann dann alles Weitere, auch Neuwahlen, folgen“, sagte Mohring. Dies sei einhellige Position der CDU.“

    https://www.mdr.de/thueringen/ministerpraesidentin-ticker-lieberknecht-ramelow-wahl-100.html

    auf den klassen-instinkt der CDU kann man sich verlassen. leider gilt das nicht für die LINKE

    • Was hat denn das mit „Klassen-Instinkt“ zu tun?! In Thüringen sind doch nicht einmal so welt-umstürzende Dinge wie der Berliner Mietendeckel passiert.

      Es geht vielmehr um langfristiger politische Fragen, in welchen Bündniskonstellationen die verschiedenen Parteien ihre jeweilige WählerInnenschaft integrieren können und um die kurfristig-taktische Frage, welcher Wahltermin welcher Partei günstig ist.

  2. „Eine Linke, die die Mitverwaltung der kapitalistischen Ordnung als kleineres Übel verharmlost, wird machtlos, eine tatsächliche Kraft gegen das kapitalistische System und die vermeintlichen “Alternativen” von rechts aufzubauen. Stattdessen muss das Thüringer Beispiel ein Weckruf für all diejenigen sein, die bisher in der Linkspartei ein Instrument gegen die AfD gesehen haben. Es geht nicht um die Frage, ob mit der Linkspartei diese oder jede Reform durchgesetzt werden kann (zu welchem Preis?), sondern darum, dass eine Linke, die sich als Garant der Regierbarkeit positioniert, keine Basis für eine radikale gesellschaftliche Alternative sein kann.“

    https://www.klassegegenklasse.org/nach-thueringen-was-fuer-eine-linke-brauchen-wir/

    • > eine Linke, die sich als Garant der Regierbarkeit positioniert, keine
      > Basis für eine radikale gesellschaftliche Alternative sein kann.

      Wem sagt das KgK denn?!

      ++ Wahrscheinlich SAV und Marx21 – und als Entrismus-Kritik finde ich
      das auch richtig. Aber dieses Motiv wird ja – zumindest in dem von Dir
      angeführten Zitat – nicht offengelegt.

      ++ Auf die Linkspartei als ganzes gemünzt, geht die These aber daran
      vorbei, daß die Linkspartei – und zumal Bodo Ramelow – gar nicht
      beansprucht, eine „radikale gesellschaftliche Alternative“ zu sein und
      die Linkspartei auch nicht deshalb gewählt wird, weil geglaubt würde,
      sie sei eine solche Alternative.

      ++ Statt die Linkspartei dafür zu dissen, daß sie keine „radikale
      gesellschaftliche Alternative“ ist, müßte doch eher versucht werden,
      (erst einmal) Leute von der Not-Wendigkeit einer solcher Alternative zu
      überzeugen.

      > Eine Linke, die die Mitverwaltung der kapitalistischen Ordnung als
      > kleineres Übel verharmlost,

      Die ganze Lehre des Leninismus besteht aber darin, daß es – jedenfalls
      unterhalb des Kommunismus – immer nur größere und kleinere Übel gibt und
      daß es immer nötig ist, das – im jeweiligen Moment – kleinstmögliche Übel
      gegen die größeren Übel zu stützen und daß es nichts bringt, das
      Bessere, aber aktuell Unmögliche bloß zu wollen; daß die Stützung des
      jeweils kleinstmöglichen Übels die Bedingung für eine zumindest
      Erhaltung – wenn möglich: Erweiterung – des Möglichkeitsraums ist.

      > Stattdessen muss das Thüringer Beispiel ein
      > Weckruf für all diejenigen sein, die bisher in der
      > Linkspartei ein Instrument gegen die AfD gesehen haben.

      Warum? Inwiefern?

      > Es geht nicht um die Frage, ob mit der Linkspartei diese
      > oder jede Reform durchgesetzt werden kann (zu welchem
      > Preis?),

      Doch! In Bezug auf die Linkspartei (und nicht eine imganinäre
      Kommunistische Partei) geht es genau darum und um die Frage, ob sie eher
      institutionell oder eher sozial-bewegt agiert (wobei Ramelow ein
      deutliches Beispiel für „eher institutionell“ ist).

  3. „Nach Ansicht der Trotzkisten jedoch sollte, der deutsche Faschismus durch „eine revolutionäre Erhebung der Massen“ gestürzt werden. Sie waren der Ansicht, dass man die deutschen Soldaten direkt ansprechen und gegen ihre Offiziere aufwiegeln könne. Das Ziel war die Verbrüderung von Arbeitern und Soldaten auf beiden Seiten. So gab es beispielsweise im Hafen von Brest eine Zeitung, mit der die Soldaten und Matrosen erreicht werden sollten. Der Autor beschreibt Zuschriften und Hintergründe dieser Zeitung. Viktor, der inzwischen ein führendes Mitglied der Vierten Internationale war, sollte die Verbrüderungsarbeit leiten und zentralisieren. Er lebte in Paris in einer „Wohngemeinschaft“ mit anderen Emigranten im Haus des Schweizer Kommunisten Thalmann, mit dem er eine Zeitung für deutsche Soldaten herausgab, deren erste Nummer im Juli 1943 erschien. Die erste Ausgabe von „Arbeiter und Soldat“ war auf der Schreibmaschine geschrieben und umfasste zehn Seiten. In dieser Zeitung versuchte Viktor, den jungen Soldaten die Ideen des Trotzkismus verständlich zu machen.“

    https://diefreiheitsliebe.de/kultur/arbeiter-und-soldat-biographie-eines-ungewoehnlichen-revolutionaers/

  4. @ Februar 18, 2020 um 6:28 pm

    und auch das sind ‚klassenfragen‘; nicht zufällig ist die politische stabilität das haupt’argument‘ in diesem polit-zirkus.

    Statt diesen ‚Zirkus‘ nach dem Antifa-Pathos nun auch mit einem Klassendiskurs zu überfrachten, sollte m.E. lieber etwas Luft aus Debatte gelassen und das nüchterne Kalkül der verschiedenen AkteurInnen aufgezeigt werden.

  5. die schnelle wendungen gehen weiter 😉

    „Thüringens ehemalige CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat ihre Partei derweil aufgefordert, eine »verlässliche parlamentarische Vereinbarung mit der Linken« zu schließen. Das sei ihrer Meinung nach der einzige Weg, um zu stabilen politischen Verhältnissen in Thüringen zu kommen, wenn die CDU keine schnellen Neuwahlen wolle. Das sagte Lieberknecht am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt.“

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1133116.thueringen-lieberknecht-sagt-ab-und-gibt-ihrer-cdu-die-schuld.html

    • Auch dieser Text fällt m.E. (ähnlich wie der KgK-Text) in die Kategorie „Wie würde ich [in dem Fall Sascha Staničić] handeln, wenn ich Bodo Ramelow bzw. in der Position von Bodo Ramelow wäre“ – ohne zu bedenken, daß Sascha Staničić eben nicht Bodo Ramelow ist, und es auch Gründe dafür gibt, daß Sascha Staničić nicht in der Position von Bodo Ramelow ist.

      I.

      „Die Wahl des Fünf-Prozent-Liberalen Kemmerich mit den Stimmen von FDP, CDU und AfD zum ‚Ministerpräsidenten für drei Tage‘ hat DIE LINKE in Meinungsumfragen auf bis zu vierzig Prozent empor schnellen lassen. Das nutzt Bodo Ramelow jedoch nicht, um zu erklären, wie er nun ein wirklich linkes Programm umsetzen will, das die Lebensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung in Thüringen tatsächlich verbessern würde“

      Als ob die Leute, die bei der Landtagswahl noch CDU (oder FDP oder gar nicht) wählten und jetzt in Meinungsumfragen für die Linkspartei votieren, „ein wirklich linkes Programm“ umgesetzt sehen wollen – und nicht deshalb, weil ihnen das, was der wirkliche Bodo Ramelow macht, gefällt. (Die Mitgliederzahlen der Sozialistischen Organisation Solidartität [SOL] in Thüringen sind sicherlich nicht ähnlich „empor [ge]schnell[t]“ wie die Umfragezahlen der Linkspartei.)

      II.

      Ein bißchen scheint auch Sascha das Problem zu ahnen:

      „Es wäre ein großer Fehler, wenn sich DIE LINKE von dem guten Wahlergebnis und den nun noch besseren Umfragewerten blenden ließe. […]. Die derzeit guten Ergebnisse basieren auf konjunkturellen Schwankungen und nicht auf der Verbreiterung von Verankerung und Unterstützung für die eigentlichen Positionen der LINKEN.“

      Aber auch hier stellt sich wieder die Frage: Sind „die eigentlichen Positionen“ der Linkspartei die Positionen, die Sascha für richtig hält oder ist es die Praxis von Bodo Ramelow und Susanne Hennig-Wellsow?

      III.

      Die Linkspartei „müsste […], statt Christine Lieberknecht zu hofieren, sich ein Beispiel an Karl Liebknecht nehmen, der vor und während des Ersten Weltkriegs vormachte, wie Sozialist*innen als Parlamentsabgeordnete handeln sollten: das Parlament als Tribüne zur Aufklärung und Anklage der herrschenden Verhältnisse nutzen, den Posten einsetzen, um Gegenwehr zu organisieren und die Selbstorganisation von Lohnabhängigen voran zu treiben“

      Auch das ist doch völlig anachronistisch:

      Liebknecht machte Parlamentsarbeit zu einer Zeit, in der

      ++ es (abgesehen von der Zeit von Oktober 1918 bis zur Novemberrevolution 1918 [ermordet wurde er, bevor die verfassungsgebenende Weimarer Nationalversammlung gewählt wurde]) – aus Verfassungsgründen – keine parlamentarische Regierungsbildung gab

      und

      ++ auch für die parlamentarische Gesetzgebung Mehrheiten von SPD, Linksliberalen und Zentrumspartei in der Regel allenfalls eine rechnerische Möglichkeit waren

      und

      ++ es eine auch kulturelle Klassenpolarisierung gab, die eine Parlamentsarbeit, die sich auf „Aufklärung und Anklage“ beschränkte, im Meinungsspektrum der SPD zumindest duldete, die aber durch nationalsozialistischer „Volksgemeinschaft“, fordistischem Massenkonsum und neoliberaler Individualisierung zerstört wurde (ob und, falls ja, inwieweit dieser kulturellen Polarisierung nachzutrauern ist, sei an dieser Stelle offengelassen).

      IV.

      „die Krise für die Lohnabhängigen und sozial Benachteiligten im Freistaat eine ganz andere ist: miese Löhne, schlechte Infrastruktur, Arbeitsüberlastung, Erwerbslosigkeit ….“

      Welche Erfolge haben denn SOL und andere organisations-marxistische Kleingruppen damit, auf diese „Krise“ aufbauend eine soziale, klassenkämpferische Bewegung aufzubauen?!

      Kaum welche – was nicht heißt, daß es falsch oder schlecht wäre, wenn es welche gäbe. Aber es heißt jedenfalls, daß es Voluntarismus ist, von der Linkspartei eine andere parlamentarische Takik zu verlangen, solangen diesen eigenen Mißerfolgen nicht abgeholfen wird. – Und wenn es statt dieser Mißerfolge Erfolge gäbe, bestünde auch keine Notwendigkeit mehr, von der Linkspartei etwas zu verlangen, was diese Gruppen – mangels Größe – auch nicht hinbekommen oder nur soweit und solange, wie es die Mehrheit der Linkspartei duldet: ‚wirkliche linke‘ (was das auch immer genau heißen mag) Parlamentsarbeit à la Karl Liebknecht – oder gar eine zeitgemäße Variation darauf.

      V.

      „DIE LINKE sollte klar formulieren: wir liegen jetzt bei vierzig Prozent, diese könnten möglicherweise schon für eine absolute Mehrheit der Sitze reichen (wenn die FDP knapp unter fünf Prozent landet und die anderen Parteien wieder zusammen über fünf Prozent erzielen) und wenn nicht, sind wir bereit eine Minderheitsregierung zu bilden. Aber wir kämpfen um die absolute Mehrheit auf Basis eines klaren Politikwechsel im Interesse der Lohnabhängigen und sozial Benachteiligten.“

      Zeugt das nicht von noch viel größeren parlamentarischen Illusionen als sie Bodo Ramelow hat?

      • so weit ich das sehe, scheint es dringend geboten, zu klären, was ‚klassenpolitik‘ unter den HEUTIGEN bedingungen überhaupt noch bedeuten soll oder kann. auch bei facebook habe ich kommentare gelesen, die sich über den klassenkampfbegriff lustig gemacht (bei dem KgK-artikel von RIO).

        das problem mit den (über)historisierten losungen (Liebknecht statt Lieberknecht) sehe ich ebenfalls. auch diese mantramässige bezugnahme auf die russische revolution 1917 wird auch sicherlich viele leute abnerven. und wenn man auch noch seine zeitung nach dieser jahreszehl benennt, dann ist endgültig alles aus. 😉

        http://www.bolshevik.org/

  6. @ Februar 19, 2020 um 6:34 pm:

    Mir scheinen sogar zwei unterschiedliche Probleme zur Debatte zu stehen:

    1. Was ist (oder kann sein) zeitgemäße ‚Klassenpolitik‘ (sowohl klassen-immanent als auch im Verhältnis zu den anderen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen)?

    und

    2. Inwieweit repräsentierte der historische Faschismus und inwieweit repräsentiert zumal der heutige Rechtspopulismus eine bestimmte Klassenposition (und muß folglich [?] auch die Gegenposition eine Klassenposition sein)?

    (Wenn z.B. gegenüber Friedrich Merz eine lohnabhängige Klassenposition eingenommen wird, scheint mir das – zwar nicht ausreichend, aber – berechtigt und notwendig zu sein.
    Die AfD scheint mir demgegenüber ein deutlich komplizierterer, wenn auch keineswegs weniger übler ‚Fall‘ zu sein.)

  7. 1) ich denke, das hauptproblem der ‚linken‘ ist immer noch zu meinen, klassenlage (soziale lage) und klassenbewusstsein (politisches bewusstsein) MÜSSTEN konvergieren (deterministisch). dem ist aber leider nicht so.
    die zeiten, in denen ‚arbeiter‘ sozialdemokratisch oder kommunistisch gewählt haben, sind schon lange vorbei.
    kulturell scheint mir ebenfalls ein problem zu sein, dass ‚arbeiter‘ nicht mehr blaumänner tragen und schwielige hände haben (vom hammer schwingen), sondern genauso gut hemd und kragen (krawatte) tragen können, weil sie vlt im call-center einen job haben.
    zeitgemässe ‚klassenpolitik‘ findet bestenfalls in den gewerkschaften statt, und dann natürlich vorwiegend reformistisch oder sogar korporatistisch. https://de.wikipedia.org/wiki/Korporatismus

    (bei anderen herrschaftsformen habe wir einen dissens, weil ich den herrschaftsbegriff nur für klassenverhältnisse anwende)

    2) die soziale basis der (historischen) faschistischen Massenbewegung ist das kleinbürgertum. leider gibt es keine ausgewiesene ‚marxistische‘ theorie des ‚kleinbürgertums‘; daher ist auch das lieblingsschimpfwort von ‚linken‘ ‚kleinbürgerlich‘.
    die faschistische Massenbewegung vertritt tatsächlich kleinbürgerliche interessen und positionen, die sogar (demagogisch) ‚antikapitalistisch‘ sein können (‚enteignet das finanzjudentum!‘).
    der faschismus an der Macht ist aber klar prokapitalistisch und muss sogar zum teil gegen seine eigene (ehemalige) basis vorgehen (Röhm-Putsch). er wandelt sich dann mehr zu einem ‚Bonapartismus faschistischen Ursprungs‘. nichtsdestotrotz bleibt auch der faschismus an der Macht ein prekäres krisenregime, was auch der bourgeoisie klar ist. wenn es allerdings keine andere wahl gibt, den kapitalismus zu retten, wird die bourgeoisie auch zu diesem MIttel (notgedrungen) greifen. ob es 1933 keine andere möglichkeit gab, darüber sollen sich die historiker streiten.
    die einzige kraft, die den faschismus hätte verhindern können, wäre die einheitsfront aus SPD und KPD gewesen, also die ‚proletarische einheitsfront‘.

    3) der heutige rechtspopulismus der AfD ist komplexer. ursprünglich entstanden aus einer EU/Euro-skeptischen haltung mit rechts(national)-liberalen einschlag, ist die AfD heute ein sammelbewecken verschiedenster strömungen. die euroskeptiker sind heute in der AfD wohl nur noch eine verschwindende minderheit. dieser teil könnte vlt noch von Alice Weidel (vlt Meuthen?) vertreten sein. die rechtskonservativen haben in Gauland ihre ‚Vaterfigur‘ gefunden und der ‚flügel‘ (Höcke) versucht klar den brückenschlag zum offenen faschismus/’rechtsextremismus‘. im moment dürften die rechtskonservativen in der mehrheit sein, aber der ‚flügel‘ scheint stark im kommen zu sein. und Thüringen wird Höcke noch mal enorme pluspunkte eingebracht haben.

    während Merz tatsächlich das ‚finanzkapital‘ repräsentiert, ist die AfD in dieser frage gespalten: ein teil will den neoliberalismus sogar noch mehr (unsozialer) forcieren, ein anderer teil versucht (demagogisch) den ’nationalen sozialstaat‘ (nur für bio-deutsche). dies dürfte der weg sein, mit dem Höcke hofft, an die fleischtöpfe der Macht zu kommen.
    auch diese wege können nur verhindert werden durch eine ‚einheitsfront‘. diese müsste allerdings breiter sein als nur die (traditionellen) ‚arbeiterorganisationen‘. hier kommen dann die neuen sozialen bewegungen ins spiel: frauenbewegung, klimabewegung, umweltbewegung, LGBT und das gesamte spektrum des ‚linksliberalismus‘.
    ob die linke in der gegenwärtigen verfassung die kraft hat, so etwas anzuleiern, – da muss man wohl ein ganz dickes fragezeichen setzen.

    und die ‚Mitte‘ (CDU/CSU, SPD, FDP und teile der PdL) würde zwischen faschismus/rechtskonservatismus einerseits und zivilgesellschaftlichem widerstand andererseits zerrieben werden.

    • Zu 1), Satz 1:

      Volle Zustimmung; nur besteht die gleiche Uneindeutigkeit in Bezug auf die herrschenden Klassen [dies – zunächst einmal – zu Nr. 2) und 3)].

      Zu 2):

      a) Ist denn das „Kleinbürgertum“ eine eigene Klasse; ein – ökonomisch definierter – Teil der kapitalistischen Klasse oder eine – politisch definierte – Fraktion der kapitalistischen Klasse?

      b) „die einzige kraft, die den faschismus hätte verhindern können, wäre die einheitsfront aus SPD und KPD gewesen, also die ‚proletarische einheitsfront‘.“

      Wie denn – mit zusammen (selbst auf der Wahlebene; von handgreiflichen Auseinandersetzungsformen gar erst nicht zu reden) weniger als 40 % Zustimmung?

      Zu 3)

      a) @ „Finanzkapital“: Auch hier scheint sich mir die Frage nach der begrifflichen Gültigkeit zu stellen; siehe die Texte von Guenther Sandleben zu diesem Thema.

      b) Zum Strategischen dagegen ziemlich viel Zustimmung – ich würde nur zu bedenken geben, ob es vielleicht gar nicht ganz so polarisierend kommen muß:

      Denn von Italien über Österreich / Belgien, den Niederlanden, einem Teil der skandinavischen Länder / USA bis hinzu UK haben die rechtspopulistischen Erfolge (bisher) nirgends zu einem Beseitigung der parlamentarisch-pluralistischen Form geführt.

      • Wie denn – mit zusammen (selbst auf der Wahlebene; von handgreiflichen Auseinandersetzungsformen gar erst nicht zu reden) weniger als 40 % Zustimmung?

        du bist echt ein parlamentarischer kretinist 😉 ! es kommt nicht auf die wahl-prozente an, sondern auf das soziale gewicht der arbeiterklasse als zentrale produktivkraft.

        Ist denn das „Kleinbürgertum“ eine eigene Klasse; ein – ökonomisch definierter – Teil der kapitalistischen Klasse oder eine – politisch definierte – Fraktion der kapitalistischen Klasse?

        ich würde dazu neigen, zu sagen: ‚politisch definierte fraktion (des kapitals)‘, kann aber auch taktisch zum proletariat gezogen werden.

        „Damit sich die Nation tatsächlich um einen neuen Klassenkern reorganisieren kann, muß sie ideologisch reorganisiert werden, und das ist nur möglich, wenn sich das Proletariat selbst nicht im „Volk“ oder in der „Nation“ auflöst sondern im Gegenteil ein Programm seiner proletarischen Revolution entwickelt und das Kleinbürgertum zwingt, zwischen zwei Regimen zu wählen. Die Losung der Volksrevolution lullt das Kleinbürgertum ebenso wie die breiten Massen der Arbeiter ein, versöhnt sie mit der bürgerlich-hierarchischen Struktur des „Volkes“ und verzögert ihre Befreiung. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Deutschland vermischt die Losung einer »Volksrevolution« die ideologische Demarkation zwischen Marxismus und Faschismus und versöhnt Teile der Arbeiterschaft und des Kleinbürgertums mit der faschistischen Ideologie, da sie ihnen gestattet, zu glauben, daß sie keine Wahl treffen müssen, wenn es doch in beiden Lagern um eine Volksrevolution geht.“ (Trotzki) https://systemcrash.wordpress.com/leo-trotzki-thalmann-und-die-volksrevolution/

        Denn von Italien über Österreich / Belgien, den Niederlanden, einem Teil der skandinavischen Länder / USA bis hinzu UK haben die rechtspopulistischen Erfolge (bisher) nirgends zu einem Beseitigung der parlamentarisch-pluralistischen Form geführt.

        rechtspopulisten und faschisten sind eben nicht das selbe 😉

  8. „Egal, wie sehr sich die LINKE anpasst, sie wird dafür nicht belohnt. Für die CDU und weite Teile des Staatsapparates und der Medien steht der Feind links. Als Mitte Februar eine terroristische Verschwörung von Nazis aufgedeckt wurde, hatten FAZ und WELT nichts Besseres zu tun, als große Reportagen über die angebliche Gefahr des “Linksradikalismus” inner- und außerhalb der LINKEN zu veröffentlichen….
    Ramelow sieht seinen Move mit Lieberknecht nicht nur als Taktik. Er meint es ernst. Er möchte die Zusammenarbeit mit allen Kräften diesseits der AfD. Er glaubt an die “Gemeinsamkeit der Demokraten”. Er ist überzeugt, dass die Linke die bürgerlichen Institutionen wie Parlament und Regierung vor jeder Beschädigung schützen müsse, um das Vertrauen in “die Demokratie” aufrecht zu erhalten. Er möchte kein anderes wirtschaftliches System, sondern lediglich “das Meer der kapitalistischen Bitternis” durch “das flaschenweise Hinzufügen sozialreformischer Limonade” versüßen (Rosa Luxemburg in “Sozialreform und Revolution”).“

    https://www.sozialismus.info/2020/02/linke-offensive-statt-kokettieren-mit-der-cdu/

    • Auch hier sehe ich mindestens drei Punkte anders:

      I.

      „hatten FAZ und WELT nichts Besseres zu tun, als große Reportagen über die angebliche Gefahr des ‚Linksradikalismus‘ inner- und außerhalb der LINKEN zu veröffentlichen“

      Das – im historischen Vergleich – Signifikante scheint mir vielmehr zu sein, daß in FAZ und WELT nicht mehr (fast) nur solche Artikel erscheinen.

      II.

      „Er glaubt an die ‚Gemeinsamkeit der Demokraten‘. Er ist überzeugt, dass die Linke die bürgerlichen Institutionen wie Parlament und Regierung vor jeder Beschädigung schützen müsse, um das Vertrauen in “’die Demokratie‘ aufrecht zu erhalten.“

      Ist das denn politisch – abgesehen von der Vertrauensseeligkeit des ‚Glaubens‘ – falsch? — solange es (anders als theoretisch) nicht möglich ist, „die Demokratie“ im Sinne von „sozialistischer Demokratie“ zu spezifizieren.

      (Wiederum sehe ich also einen Mangel an – subjektiver – Unterscheidung zwischen – objektiv – unterschiedlichen Praxisformen.)

      III.

      „Er möchte kein anderes wirtschaftliches System, sondern lediglich ‚das Meer der kapitalistischen Bitternis‘ durch ‚das flaschenweise Hinzufügen sozialreformischer Limonade‘ versüßen (Rosa Luxemburg in ‚Sozialreform und Revolution‘).“

      Rosa Luxemburg mag ja – mit diesem oder jenem Recht – noch glauben können, die SPD sei ‚eigentlich‘ eine revolutionär-marxistische (nicht sozialdemokratische, sondern kommunistische) Partei;

      aber das kann doch – nach ihren beiden Gründungskomponenten – nicht von der Linkspartei angenommen werden.

      (Wiederum wird also verkannt, daß der Appell an ein – irreales – ‚Eigentliches‘ keine politische Strategie ist.)

  9. Ist das denn politisch – abgesehen von der Vertrauensseeligkeit des ‚Glaubens‘ – falsch? — solange es (anders als theoretisch) nicht möglich ist, „die Demokratie“ im Sinne von „sozialistischer Demokratie“ zu spezifizieren.

    es ist nicht falsch, es kommt ’nur‘ darauf an, welche politischen ziele man damit verfolgen will. ein revolutionärer marxist würde es machen, um taktisch die kampfbedingungen der linken zu verbessern. ein sozialdemokrat wie Ramelow macht es, weil er tatsächlich die bürgerliche demokratie für die beste aller welten hält.

    (und du offensichtlich auch, aus gründen der beschissenen kräfteverhältnisse 😉 . aber wenn man keine alternativen anbietet, können die ‚Massen‘ auch keine ergreifen. und du als Leninist solltest doch verstehen, dass die ‚Massen‘ nicht von allein zum ’sozialismus‘ streben)

    „Das politische Klassenbewußtsein kann dem Arbeiter nur von außen gebracht werden, das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern. Das Gebiet, aus dem allein dieses Wissen geschöpft werden kann, sind die Beziehungen aller Klassen und Schichten zum Staat und zur Regierung, sind die Wechselbeziehungen zwischen sämtlichen Klassen. Deshalb darf man auf die Frage: Was ist zu tun, um den Arbeitern politisches Wissen zu vermitteln? – nicht allein die Antwort geben, mit der sich in den meisten Fällen die Praktiker begnügen – von den Praktikern, die zum „Ökonomismus“ neigen, ganz zu schweigen –, nämlich die Antwort: „Zu den Arbeitern gehen“. Um den Arbeitern politisches Wissen zu vermitteln, müssen die Sozialdemokraten in alle Klassen der Bevölkerung gehen, müssen sie die Abteilungen ihrer Armee in alle Richtungen aussenden.“
    https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap3e.htm

    • „aber wenn man keine alternativen anbietet, können die ‚Massen‘ auch keine ergreifen“

      Ja, schon. Aber das – langfristige (kurzfristiges ist auf der politisch-praktischen Ebene eh nicht empfehlenswert) – ‚Ergreifen‘ ist doch nur wahrscheinlich, wenn die „Alternativen“

      ++ nicht voluntaristisch als aktuelle Handlungsvorschläge,

      ++ sondern als strategische Perspektiven, für deren Realisierbarkeit die Voraussetzungen erst – mühsam – geschaffen werden müßten,

      unterbreitet werden (‚die Massen‘ sind doch nicht blöde!).

  10. „Manche unserer revisionistischen Kritiker nehmen an, Marx hätte behauptet, die ökonomische Entwicklung und der Klassenkampf schüfen nicht bloß die Vorbedingungen sozialistischer Produktion, sondern auch direkt die Erkenntnis (hervorgehoben von K.K.) ihrer Notwendigkeit, und da sind die Kritiker gleich fertig mit dem Einwand, daß das Land der höchsten kapitalistischen Entwicklung, England, von allen modernen Ländern am freiesten von dieser Erkenntnis sei. Nach der neuen Fassung könnte man annehmen, daß auch die österreichische Programmkommission den auf diese Weise widerlegten angeblich „orthodox-marxistischen“ Standpunkt teile. Denn es heißt da: „Je mehr die Entwicklung des Kapitalismus das Proletariat anschwellen macht, desto mehr wird es gezwungen und befähigt, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Es kommt zum Bewußtsein“ der Möglichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus etc. In diesem Zusammenhang erscheint das sozialistische Bewußtsein als das notwendige direkte Ergebnis des proletarischen Klassenkampf es. Das ist aber falsch. Der Sozialismus als Lehre wurzelt allerdings ebenso in den heutigen ökonomischen Verhältnissen wie der Klassenkampf des Proletariats, entspringt ebenso wie dieser aus dem Kampfe gegen die Massenarmut und das Massenelend, das der Kapitalismus erzeugt; aber beide entstehen nebeneinander, nicht auseinander, und unter verschiedenen Voraussetzungen. Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebensowenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem heutigen gesellschaftlichen Prozeß. Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz (hervorgehoben von K.K.); in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen, wo die Verhältnisse es gestatten. Das sozialistische Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes. Dem entsprechend sagt auch das alte Hainfelder Programm ganz richtig, daß es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewußtsein (hervorgehoben von K.K.) seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen. Das wäre nicht notwendig, wenn dies Bewußtsein von selbst aus dem Klassenkampf entspränge.“

    — Karl Kautsky, zit nach Lenin https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap2b.htm

  11. @ https://systemcrash.wordpress.com/2020/02/18/antifaschismus-und-antikapitalismus-gestern-und-heute-thesen-und-gegenthesen/#comment-7465 (Februar 19, 2020 um 10:51 pm)

    Zu 1)

    Diejenigen, die im Nov. 1932 nicht einmal SPD wählten, wären sicherlich zum bewaffneten und unbefristeten Generalstreik bereit gewesen…

    Zu 3)

    Ja, daß die AfD (mittlerweile) rechts von (anderen) RechtspopulistInnen steht und, daß Deutschland ‚anfälliger‘ als nord-westlicher Länder für NICHT-parlamentarisch-pluralistischen Optionen ist, mag in der Tat sein.

  12. „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens bis 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät.

    Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird.

    Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muß den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. …

    Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.

    Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus …“

    — Erich Kästner

    • Dies wirft doch dann aber nur die Frage auf, ob es 1918 ff. richtig (aussichtsreich u.ä.) war, daß die KPD versucht hatte, die bürgerlich-parlamentarische zu einer sozialistisch-rätedemokratischen Revolution zu machen.

      • echt mal! wir führen doch hier keine historiker-debatte!! ich dachte, wir suchen hier nach gangbaren wegen für die gegenwart (natürlich war 1918 ein schwachsinn!). wenn du mit dich mit der geschichte abmühen willst, schreib ein buch über das thema. meine interessen liegen weiss gott bei den menschen im HEUTE. und soweit uns die geschichte dabei hilft, heutige probleme anzugehen, bin ich gern bereit, mich auch damit zu beschäftigen (ist aber nicht meine stärke 😉 )

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