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Ein paar kurze Gedanken zur aktuellen ‚Linksparteidebatte‘

Bild könnte enthalten: 1 Person, Text „„Wenn 500 Millionen Europäer keine fünf Millionen oder mehr verzweifelte Flüchtlinge aufnehmen können, dann schließen wir am besten den Laden ,Europa' wegen moralischer Norbert Blüm Blüm Ehemaliger Bundessozialminister Insolvenz."“

„the real catastrophe is the status quo.“ — Slavoj Zizek

ich bin kein experte für die PdL und ich verfolge deren aktivitäten eher sporadisch. an sich ist mir diese partei nicht wichtiger als jede andere partei des ‚bürgerlichen‘ spekrums. ich will hier aber keine ‚klassenanalyse‘ der PdL betreiben; dies wäre erstens eh verlorene liebensmüh (was die politische konjunktur betrifft) und zweitens geht es mir nur um die aktuellen ereignisse rund um die Linkspartei.

natürlich begann alles mit Thüringen. die wahl eines FDP-menschen mit den stimmen der AfD hat ein kleines politisches erdbeben ausgelöst. nun sei es dahingestellt, ob die einschätzung der AfD als ’nazis‘ so richtig ist (ich denke das nicht), aber zumindest für den landesverband in Thüringen dürfte diese einschätzung berechtigt sein. allein der name Höcke steht für diese ‚politische qualität‘.

nun hat sich die PdL immer damit gerühmt, dass sie für den ‚demokratischen grundkonsens‘ (der angeblich ‚antifaschistisch‘ sein soll) einsteht. nun hat ausgerechnet Ramelow dafür gesorgt, dass ein AfD-mensch zum Landtagsvizepräsidenten gewählt wurde.

sicherlich hat Ramelow für diese entscheidung seine guten ‚demokratischen‘ gründe. und im rahmen der ‚bürgerlichen demokratie‘ mögen diese gründe sogar stechen. aber mit ‚antifaschismus‘ hat das nun gewiss nichts zu tun! die PdL steht damit in einer zerreißprobe, ob ihr der erhalt der bürgerlichen demokratie wichtiger ist als ihr ‚antifaschistisches‘ image.

die zweite sache, die ich ein bissl interessierter verfolgt habe, ist die anzeige von acht linkspartei-abgeordneten, die eine anzeige gegen Merkel gestellt haben (drohnenmorde von Rammstein aus).

ob diese anzeige juristisch sinnvoll ist, vermag ich nicht zu beurteilen. politisch habe ich dafür eine gewisse sympathie, da ich selbst eher pazifistisch eingestellt bin.

und damit habe ich auch gleich eine überleitung zum dritten punkt: den ‚erschiessungswitz‘ auf der strategiekonferenz der Linkspartei.

ich muss dazu sagen, dass ich am rande einer ‚leninistisch-trotzkistischen‘ gruppe sozialisiert wurde, wo erschiessungswitze gang und gäbe waren. und nie habe ich einen zweifel daran gehabt, dass dieser sprachgebrauch ‚ironisch‘ gemeint war. ich bin zum beispiel immer zu treffen viel zu früh gekommen (anerzogene pünktlichkeit! 😉 ) und die genossen haben immer zu mir gesagt: nach der revolution wirst du dafür erschossen!

sicherlich kann man darüber streiten, ob man über erschiessungen ‚ironisch‘ sprechen darf (würde ich heute auch kritischer sehen), aber angesichts der realen gewalt in der welt finde ich die ’sprachgewalt‘ der ‚linken‘ relativ harmlos. (Denn die Linke schießt nur mit Worten scharf, nicht mit Waffen.“ —Ulla Jelpke)

in einem kommentar des LCM heisst es sehr richtig:

„Und wenn sie einen fragen, was man denn zu einem Satz wie dem oben zu sagen hat? Dann spuckt man nicht der Genossin ins Gesicht, die ihn gesagt hat, sondern fragt erstmal zurück, in welcher Proportion die Gewalt des Sätzchens denn eigentlich zu der steht, die von den obersten 1-Prozent ausgeht. (…)

„So darf bei uns nicht gesprochen werden!“ – Es könnte das Motto einer Linken – nicht nur der Partei – sein, die längst einem Linguistikseminar gleicht. Einer Linken, in der wichtiger ist, wie jemand redet als was jemand tut. Einer Linken, die akribisch jede Wortmeldung nach etwas durchforstet, das den*die Sprecher*in nun doch als ganz regressiven Bodensatz ausweist. Wie du hast gesagt, die Banken nehmen uns aus? Verlass´ unsere Reihen, du Antisemitin. Du hast dieses und jenes gerappt? Geh´ und kehre nie wieder, du Sexist. Du willst Reiche erschießen? Du stehst außerhalb unseres Wertekanons, du Stalinistin. Was aus euch wird, es kümmert uns nicht, denn Einlass bekommt nur, wer die Etikette beachtet.“

natürlich kann nicht geleugnet werden, dass die ‚erschiessungsdebatte‘ im historischen kontext der erfahrungen mit dem ’stalinismus‘ geführt wird. und ich als ‚gelernter trotzkist‘ wäre der letzte, der dies leugnen würde. aber erstens sind alle beteiligten in dieser debatte in einem alter, in dem sie kaum persönliche erfahrungen mit dem ’stalinismus‘ gemacht haben können und zweitens (und das ist der wichtigere punkt!) ist diese debatte ein klar erkennbares ablenkungsmanöver von der realen gewalt, wie sie jetzt zum beispiel in griechenland an den europäischen aussengrenzen stattfindet. um noch mal das LCM zu zitieren (denn besser könnte ich es auch nicht sagen):

„Der Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow tweeted am laufenden Band, die Genossin habe mit „seinem Wertekanon nichts zu tun“. Und ein anderer mondäner Herr in gutem Zwirn, Dietmar Bartsch, hebt den Zeigefinger: „So darf bei uns nicht gesprochen werden!“

Beide haben längst kein Problem damit, mit jenen zu koalieren und zu dinieren, die wirklich schießen lassen. Denen, die in Afghanistan und an den EU-Außengrenzen schießen lassen, denen, die mit deutschen Waffen andere schießen lassen und denen die Geld damit verdienen, dass fast überall auf der Welt geschossen wird – nur eben nicht auf Milliardäre, sondern auf Habenichtse. Die Etikette, auf deren Einhaltung sie penibel achten, besagt offenbar nicht, dass man mit Leuten, die auf andere schießen wollen, nichts zu tun haben soll. Aber geschossen werden muss genauso wie man Politik macht – nach den Spielregeln des bestehenden Systems.“

ja, die gewalt ist ein ubiquitäres phänomen der weltgeschichte. und wenn ich schon keine politische antwort auf die ‚gewaltfrage‘ habe, dann vlt. eine ‚poetische‘:

Die Gewalt fängt nicht an,
wenn einer einen erwürgt.
Sie fängt an, wenn einer sagt:
„Ich liebe dich:
du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht an,
wenn Kranke getötet werden.
Sie fängt an, wenn einer sagt:
„Du bist krank:
Du musst tun, was ich sage!“

Die Gewalt fängt an,
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen,
und wenn Päpste und Lehrer und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen.

Die Gewalt herrscht dort wo der Staat sagt:
„Um die Gewalt zu bekämpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt!“

Die Gewalt herrscht
wo irgendwer oder irgend etwas
zu hoch ist oder zu heilig,
um noch kritisiert zu werden.

Oder wo die Kritik nichts tun darf,
sondern nur reden,
und die Heiligen und die Hohen
mehr tun dürfen als reden.

Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
„Du darfst Gewalt anwenden!“
Aber auch dort wo es heißt:
„Du darfst keine Gewalt anwenden!“

Die Gewalt herrscht dort,
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt.

Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: „Recht ist, was wir tun.
Und was die anderen tun,
das ist Gewalt!“.

Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden,
aber auch nicht immer
ohne Gewalt.

Erich Fried

ansonsten bleibt nur als fazit aus der ‚erschiessungsdebatte‘ zu ziehen: ein lehrstück in sachen heuchelei und doppelmoral!

dass allerdings die PdL politisch vor dem druck einknicken wird, dürfte schon jetzt eine ausgemachte sache sein.

22 Kommentare zu “Ein paar kurze Gedanken zur aktuellen ‚Linksparteidebatte‘

  1. „Nichtsdestotrotz ist die Wahl eines AfD-Kandidaten ein Tabubruch. Denn eine pragmatische Begründung für die Wahl der AfD finden CDU und FDP schließlich auch. Die (bei aller Kritik an Bodo Ramelow jetzt) ebenfalls für Kaufmann gestimmt haben, was nicht vergessen werden sollte. Es hat wahrscheinlich nachhaltig jede kompromisslose Haltung von Antifaschist*innen untergraben. Eben weil ein Kompromiss gemacht wurde. Einer, der pragmatisch war, aber auch symbolisch verheerend.

    Zumal unter Umständen auch ein anderer Ausweg existiert hätte: Eine Verfassungsänderung, die das “muss” in ein “soll” abändert, um derartige Blockaden durch eine Fraktion zu verhindern. Und der AfD Werkzeuge aus der Hand zu nimmt, die Demokratie und die parlamentarischen Prozesse zu untergraben. Es wäre allerdings fraglich, ob die CDU auch diese Notwendigkeit gesehen hätte. Und es hätte die Erpressungssituation der AfD auf unvorhersehbare Zeit hinausgezögert.

    Die Wut und Enttäuschung vieler Antifaschist*innen, die erst wenige Tage zuvor die tolle Haltung Ramelows bei der Verweigerung des Handschlags bejubelten (Höcke war 2014 nicht einmal aufgestanden, um Ramelow zu gratulieren) ist groß. Die FDP wirft Bodo Ramelow Doppelmoral vor. Mit dem gesamten Hintergrund ist die Entscheidung Ramelows vielleicht nachvollziehbarer, es ist auch lobenswert, wie transparent er damit umgegangen ist und dass er staatsmännische Größe zeigen wollte. Und ich finde, das sollte man ihm anrechnen.

    Dennoch überwiegt meiner Meinung nach der Schaden, den Ramelow allen antifaschistischen Politiker*innen damit angerichtet hat, und das Zeichen an die AfD, dass sie mit parlamentsschädigendem Verhalten durchkommt. Es ist nicht vergleichbar mit der Kemmerich-Wahl. Aber hat leider Ramelows Image geschadet.“

    https://www.volksverpetzer.de/kommentar/bodo-ramelow-fuer-afd/

  2. „Bodo Ramelows Entscheidung, als „Ministerpräsident in der Pflicht“ zu stehen, mit der Wahl eines AfD-Kandidaten „Verantwortung für die Handlungsfähigkeit des Parlaments zu übernehmen, zu der auch die Wiedererlangung der Handlungsfähigkeit des Richterwahlausschusses gehört“, hält der geschäftsführende Parteivorstand für falsch.“

    https://www.die-linke.de/start/nachrichten/detail/erklaerung-des-geschaeftsfuehrenden-parteivorstandes/

  3. einen anderen aspekt in dieser debatte bringt dieser taz-artikel:

    „Das wirkliche Problem der Linkspartei ist hingegen die große Distanz zu jeglicher Gestaltungsmacht und das Fehlen einer verbindenden politischen Vision. Die unmittelbare Abrufbarkeit jener Fantasie einer in ferner Zukunft liegenden gewaltsamen Auflösung gesellschaftlicher Konflikte ist deutliches Symptom heutiger ­Ohnmacht.“ https://taz.de/Riexinger-und-die-Folgen/!5666332/

    diese analyse scheint mir völlig richtig sein. nur lässt sich an der heutigen ohnmacht der linken nicht viel ändern. nichtsdestotrotz ist eine zukunftsweisende gestaltungsmacht ohne verbindliche vision nicht möglich. in der Linkspartei ist diese vision allerdings nie vorhanden gewesen (nur in marginalen teilströmungen) und ist auch vom mainstream der partei gar nicht erwünscht.

  4. „die PdL steht damit in einer zerreißprobe, ob ihr der erhalt der bürgerlichen demokratie wichtiger ist als ihr ‚antifaschistisches‘ image.“

    Wo liegt denn bitte sehr der Widerspruch zwischen „bürgerliche[r] demokratie“ und ‚antifaschis[mus]“? –

    Klar umfaßt Antifaschismus AUCH politische Kräfte, die nicht bürgerlich-demokratisch sind. – Aber der Begriff „Antifaschismus“ hat doch überhaupt nur Sinn, wenn er bürgerliche Demokratie einschließt (außer vllt. es würde die geschichtsdeterministische These vertreten, in der Stalinismus und Frankfurter Schule zeitweilig konvergierten, JEDE bürgerliche Gesellschaft münde ab einem bestimmten historischen Moment [‚Etappe‘, ‚Stadium‘] in Faschismus).

    • von einem widerspruch habe ich doch gar nichts geschrieben. ich habe geschrieben, was wichtiger ist für die Linkspartei.
      allerdings gehe ich tatsächlich davon aus, dass der antifaschismus in letzter instanz antikapitalistisch (transkapitalistisch) sein muss. eine auffassung, die man natürlich nicht teilen MUSS.

      (dass der unterschied von bürgerlicher demokratie und faschismus fliessend sein kann, scheint mir ebenfalls möglich zu sein; insbesondere in zeiten einer schwachen arbeiterbewegung und linken)

      • Aber heißt nicht Antifaschismus per se den Antikapitalismus auf die lange Bank zu schieben (was ich in bestimmten politischen Konjunkturen nicht falsch finde)? –

        Anderenfalls bestünde ja kein Grund über „Antifaschismus“ statt offen-herzig über Antikapitalismus zu sprechen, oder?

  5. „…, da ich selbst eher pazifistisch eingestellt bin.

    …, dass ich am rande einer ‚leninistisch-trotzkistischen‘ gruppe sozialisiert wurde“

    Wo wir uns nun schon recht lange kennen – eine offen-herzige Frage: Wie paßt beides eigentlich zusammen? – Oder ist das Erstere die selbst-kritische Lehre aus Letzterem?

    „wo erschiessungswitze gang und gäbe waren. und nie habe ich einen zweifel daran gehabt, dass dieser sprachgebrauch ‚ironisch‘ gemeint war.“

    Und die ‚Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates‘? / Die demokratie-idealistisch fundierte „NAO“-Gründung (vor einigen Jahren)?

    http://naoprozessdoku.blogsport.eu/2013/09/23/eine-neue-tolle-nao-idee-den-kapitalismus-demokratisch-abschaffen/

    Überhaupt eine realistische / materialistische Politikanalyse?

    http://systemcrashundtatbeilinksunten.blogsport.eu/2017/08/27/wir-bekennen/

    • Wie paßt beides eigentlich zusammen? – Oder ist das Erstere die selbst-kritische Lehre aus Letzterem?

      ich war immer am hadern mit der gewaltfrage. es ist eben etwas anderes, gewalt als realität der weltgeschichte (theoretisch) zu erkennen, oder selber gewalt auszuüben. dies liegt meines erachtens auf zwei völlig verschiedenen ebenen. wie ich aber in einer konkreten situation HANDELN (handeln ist mehr als ein intellektuelles wissen) werde, kann ich nicht im vorhinein wissen.

      Und die ‚Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates‘? / Die demokratie-idealistisch fundierte „NAO“-Gründung (vor einigen Jahren)?

      diese kritiken bleiben voll gültig.

      Überhaupt eine realistische / materialistische Politikanalyse?

      realististisch ist das, was man für möglich hält. ist also immer auch ein stück [subjektiver] ‚glauben‘ involviert.
      mit dem materialismus bin ich eher am hadern. für mich sind sein und bewusstsein wechselwirkungen, nicht unbedingt lineare kausalverhältnisse.

  6. Aber heißt nicht Antifaschismus per se den Antikapitalismus auf die lange Bank zu schieben (was ich in bestimmten politischen Konjunkturen nicht falsch finde)? –
    Anderenfalls bestünde ja kein Grund über „Antifaschismus“ statt offen-herzig über Antikapitalismus zu sprechen, oder?

    hmm, rein geschichtsphilosophisch hättest du recht. taktisch ist es aber notwendig, den kräfteverhältnissen rechnung zu tragen. und manchmal ist die linke gezwungen, die bürgerliche demokratie vor dem faschismus zu retten, um für sich selber bessere kampfbedingungen zu erlangen. (dies darf man aber nicht mit einem ‚etappenkonzept‘ a la Stalintern verwechseln)

    • Aber untergräbst Du nicht gerade die Rechnung-Tragung der taktischen Notwendigkeit dadurch, daß Du den Antifaschismus (so stark / stärker als ich) antikapitalistisch grundierst?

      • das KANN man in bündnispolitischer hinsicht so sehen. strategisch scheint es mir aber richtig zu sein, die notwendigkeit des antikapitalismus so stark wie möglich zu betonen. wen das abschreckt, ist ohnehin ein schlechter verbündeter 😉

        (und im moment sind das ja nur theoretische überlegungen. in einer realen bündnissituation müßte man ohnehin tausende kompromisse eingehen)

  7. Nun zu diesem ganz anderen Punkt noch – das LCM-Zitat

    „einer Linken – nicht nur der Partei – sein, die längst einem Linguistikseminar gleicht. Einer Linken, in der wichtiger ist, wie jemand redet als was jemand tut. Einer Linken, die akribisch jede Wortmeldung nach etwas durchforstet, das den*die Sprecher*in nun doch als ganz regressiven Bodensatz ausweist. Wie du hast gesagt, die Banken nehmen uns aus? Verlass´ unsere Reihen, du Antisemitin. Du hast dieses und jenes gerappt? Geh´ und kehre nie wieder, du Sexist. Du willst Reiche erschießen?“

    Vergleicht das nicht Äpfel mit Birnen?

    Ist nicht – auch militanter – Antikapitalismus etwas ANDERES als sexistischer Rap und antisemitischer ‚Antikapitalismus‘ / ‚Antiimperialismus‘ / ‚ Antizionismus‘?

    • ohne frage gibt es verschiedenen stufen der elaboriertheit von kritiken. ich halte es nur für fatal, sofort chinesische mauern zu errichten und politische hygiene für wichtiger zu halten als handlungsfähigkeit (um mal ein wort vom meister Prütz zu verwenden). für leute, die linke politik als identitäts-stiftend oder als identitäts-ersatz verwenden, mag das schwer sein. aber wer mehr will als bloss labern, muss auch grössere inhaltliche differenzen aushalten (oder lernen, diese auszuhalten).

      „Die sozialistische Revolution in Europa kann nichts anderes sein als ein Ausbruch des Massenkampfes aller und jeglicher Unterdrückten und Unzufriedenen. Teile des Kleinbürgertums und der rückständigen Arbeiter werden unweigerlich an ihr teilnehmen – ohne eine solche Teilnahme ist ein Massenkampf nicht möglich, ist überhaupt keine Revolution möglich -, und ebenso unweigerlich werden sie in die Bewegung ihre Vorurteile, ihre reaktionären Phantastereien, ihre Fehler und Schwächen hineintragen.“
      http://www.mlwerke.de/le/le22/le22_326.htm

      • „ich halte es nur für fatal, sofort chinesische mauern zu errichten und politische hygiene für wichtiger zu halten als handlungsfähigkeit“

        Das mag schon sein, aber das LCM scheint nicht zu verstehen – oder mag jedenfalls nicht SAGEN, daß es

        bei revolutionär-emanzipatorischer Gewalt eben NICHT um „politische hygiene“ / „Linguistikseminar“ geht,

        sondern um eine strategische – aller Wahrscheinlichkeit nach – Notwendigkeit. –

        Statt die vermutlich ja ganz harmlosen (vermutlich sogar noch ZU harmlosen) Äußerungen bei der Strategiekonferenz der Linkspartei (ich muß gestehen: ich habe sie mir nicht angehört) INHALTLICH zu rechtfertigen – wird ein ‚linguistisches‘ Querfront-Bündnis mit Sexisten und AntisemintInnen – naja: vielleicht nicht anvisiert, aber mit geflirtet.

  8. „Bodo Ramelow begründet sein Wahlverhalten mit parlamentarischen Mechanismen, die nach unserer Ansicht jedoch nicht über einer prinzipiellen Ablehnung des Faschismus stehen dürfen. Wörtlich sagt er: „Die AfD hat stets ein Junktim zwischen der Benennung eines Kandidaten für den Richterwahlausschuss und der Wahl eines Vizepräsidenten aus ihren Reihen gesetzt. Ich wollte diese Erpressungssituation durch meine Stimmabgabe und den offenen Umgang damit beenden“ Bodo Ramelow hat die Erpressungssituation nicht beendet, er hat sich erpressen lassen bzw ist einen Handel eingegangen. Weiter sagt er: „Als Antifaschist und Demokrat habe ich eine Abwägung getroffen.“ – Er hat die scheinbare Reibungslosigkeit parlamentarischer Demokratie dem konsequenten Antifaschismus vorgezogen. Damit hat er eine rote Linie überschritten.

    Weiterhin schlägt er eine Debatte über den Umgang mit destruktiven Kräften innerhalb des Parlamentarismus vor. Diese Debatte ist in den linken Strömungen unserer Partei schon lange zu einer Lösung gekommen: Der Faschismus kann innerhalb der Parlamente nicht grundlegend bekämpft werden, sondern nur durch antifaschistische Mobilisierung, durch Massenaktionen von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Gerade Thüringen hat gezeigt, dass es die bundesweiten spontanen Demos waren, welche den Testballon von FDP und CDU zum Platzen brachten.

    Die herrschenden Eliten selbst sind es, die parlamentarische Spielregeln in politischen Krisenzeiten zunehmend zu den Akten legen und zu autoritären Methoden greifen. Das ist auch eine Lehre aus Weimar. Umso absurder ist es, ausgerechnet von linker Seite parlamentarische Prozeduren über den Kampf gegen den Faschismus zu stellen.“

    http://www.scharf-links.de/90.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=72830&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=4a3c2fd2f4

  9. ich verschmähe die gewaltfrage, wenn ich den eindruck habe, dass ein instrumentelles oder gar fetischistisches verhältnis zur gewalt propagiert wird. stattdessen problematisiere ich die gewaltfrage in ethischer hinsicht (mittel-zweck-dialektik) und in geschichtsphilosophischer hinsicht: jeder Machtwechsel evoziert wieder die notwendigkeit neuer gewaltanwendungen.
    https://www.raulzelik.net/kritik-literatur-alltag-theorie/440-wie-revolutionaer-ist-die-revolution-zu-walter-benjamins-kritik-der-gewalt-woz-und-nd-juni-2014

    ob diese neuen gewaltanwendungen ad infinitum sind, ist in der sache noch lange nicht ausgemacht.

  10. „Die Linke hat einen fragilen Bauklötzchen-Turm der politischen Achtung aufgebaut, mit der linke Aussagen über die Grasnarbe der Unbedeutendheit von Kleinparteien herausragen. Dieser Turm wackelt bei der Frage nach der Distanzierung vom Unrecht der DDR. Er schwankt angesichts der Pluralität sehr linker Gruppierungen in der Partei. Er rüttelt, wann immer Sahra Wagenknecht sich zu Flüchtlingen äußert. Aber ohne klare Abgrenzung gegen die Faschisten und deren geistigen Unterstützer gibt es kein Fundament mehr.
    Die Bauklötzchen des Turms liegen nun wieder verstreut am Boden.“

    https://www.fr.de/meinung/bodo-ramelow-afd-thueringen-linke-zerstoert-sich-selbst-13584723.html

  11. Leo Mayer (parteilos, marxistische linke) zu der Debatte:

    „Bei dieser geschürten Auseinandersetzung geht es natürlich nicht um Bernd Riexinger, sondern um die Ausrichtung der Partei: Da ist die Linie, die eine v.a. parlamentarisch orientierte Partei will. Dementgegen steht der Versuch, die LINKE als moderne sozialistische Partei aufzubauen und neu zu verankern, die in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen aktiv ist, die Interessen der arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt stellt, versucht, die verschiedenen Kämpfe zu verbinden und dabei auch die Systemfrage stellt.“

    https://kommunisten.de/ueber-joomla/meinungen/7817-wieder-einmal-linke-in-einer-zerreissprobe

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