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Der Doppelcharakter des Begehrens

Eyes Wide Shut – fernsehserien.de

(Nicole Kidman in der Rolle der Alice)

Bemerkungen zu Eyes Wide Shut von Stanley Kubrick, (GB, USA 1999)

„Der Beischlaf hält nicht, was die Onanie verspricht!“
(Karl Kraus)

„Sie: Wir müssen dringend noch was erledigen Er: Was denn, Schatz? Sie: ficken.“

Ich sah diesen Film vor längerer Zeit. Ich kann nicht mal sagen, wie lange es genau her ist. Ich war von seiner düsteren Atmossphäre schon beeindruckt — nein, beeindruckt ist nicht das richtige wort — fasziniert muss es genauer heissen. Und mir war natürlich auch klar, dass es um Sexualität im weistesten Sinne geht (genau genommen um Hetero-Sexualität). Aber seine Tiefendimension hatte ich damals nicht einmal ansatzweise verstanden und darum hinterliess er bei mir auch keinen größeren, bleibenden Eindruck.

Angeregt durch eine hervorragende Filmanalyse von Wolfgang M. Schmitt habe ich mich jetzt noch einmal intensiver mit diesem Film beschäftigt. Mir geht hier einzig und allein um dieses Thema der Sexualität, und das ist schon umfangreich genug; auf die Schauspieler und ihre Qualitäten will ich nicht weiter eingehen. Dabei will ich aber nicht verhehlen, dass ich beide Hauptdarsteller eigentlich als Fehlbesetzungen ansehe. Aber vlt. ist das wirklich nur aus den damaligen Zeitumständen verständlich, dass sie ausgewählt wurden für diese Rollen (dazu im Schlussteil mehr).

Aber bevor wir auf die Handlung kommen, muss noch eine kurze Vorbemerkung eingeschoben werden. Ich sprach oben lapidar vom Thema Sexualtät. Aber wir wollen und müssen uns um Genauigkeit bemühen. Sprechen wir von einer (allgemein) menschlichen Sexualität oder gibt es eine (spezifische) männliche und weibliche Sexualität? Denn genau dieser (Streit)Punkt bringt die Geschichte ins Rollen …

Bill und Alice rauchen im Bett einen Joint. Bei Alice scheint der Joint ziemlich heftig zu wirken. Bill provoziert Alice mit evolutionstheoretischen Klischees über die Unterschiede der Geschlechter; dass Frauen nicht so auf Sex fixiert sind wie Männer etc.pp… Daraufhin erzählt Alice Bill eine Geschichte, dass sie in einem anderen Hotel einen Mann getroffen hatte, der sie mit seinem Blick so gefangen genommen hatte, dass sie für eine Nacht mit ihm alles aufgegeben hätte. Es bleibt allerdings in der Schwebe, ob diese Geschichte erfunden oder ‚echt‘ ist.

Für Bill beginnt damit eine nächtliche Odysee durch die Stadt, in der er einerseits von seiner Eifersucht verfolgt wird, aber andererseits sucht er sein eigenes Begehren; vlt weil er (unbewusst) hofft, es damit Alice für ihre ekstatische Fantasie heimzahlen zu können. Um es kurz zu machen: dieser Ausflug wird ein einziges Desaster für Bill. Und sicherlich wird er auch an seinem ‚männlichen‘ Selbstbewusstsein gekratzt haben.

Das sprachlose Imaginäre

Dass Bill und Alice sich ‚lieben‘ steht ausser Frage. Und selbst wenn es auf der Party in der Anfangsszene des Films zu mehr als Flirts gekommen wäre, hätte dies mit Sicherheit nicht ihre Ehe gefährdet. Das geht auch ganz klar aus der Schlussszene hervor, wo Bill Alice alles gesteht, was in der vorherigen Nacht passiert ist; und sie ihm nicht nur ‚verzeiht‘, sondern dies sogar als Chance für einen Neubeginn ihrer Beziehung begreift.

Aber diese Liebe und das sexuelle Begehren (genauer gesagt: die sexuellen Fantasien) sind zwei getrennte Paar Schuhe. Das Sexuelle geht nicht in der Liebe restfrei auf; ja, das Sexuelle lässt nicht nicht einmal (sprachlich) benennen, geschweige denn diskursiv erötern. Es entzieht sich dem rationalen Verstand. Und dies ist auch nicht einmal so schwer zu verstehen: die Sexualität liegt genau auf der Schnittstelle vom Natur– und Kulturwesen der Menschen. Und darum steht sie mit einem Bein in den gesellschaftlichen Konventionen und mit dem anderen im dunklen Kontinent der Triebe. Und diese Triebe kümmern sich nicht um Konventionen. Ganz im Gegenteil, sie haben das Potential zur vollständigen, radikalen Negation. Sie haben die Macht zur Zerstörung.

Während die Liebe durchaus mit der ‚unerfüllten Erfüllung‘ leben kann, indem durch die Aufrechterhaltung der erotischen Spannung eine (Selbst)Sublimierung der Seele stattfindet, die kein anderes ‚Ziel‘ kennt, als das lieben selbst…

…kennt der Trieb auch eine ‚dunkle Seite‘ des Begehrens, der im Extremfall dazu führen kann, dass er alles zerstört, einschliesslich seines Protagonisten.

Diese ‚Macht der dunklen Seite‘ existiert (und nicht nur in Star Wars😉 ) in unserer Seele selbst; und sie kann nur gehandelt werden, indem man sie akzeptiert und gleichzeitig eine moralische Abwägung trifft: ist die kurze Ekstase der Lust es wert, dafür alles andere aufzugeben? Ich glaube, es dürfte offensichtlich sein, dass die Antwort nur ’nein‘ lauten muss/kann. Aber vlt. ist das auch eine Altersfrage oder abhängig von der inneren Reife.

Aber auch diese ‚moralische Abwägung‘ ändert nichts daran, dass die Sexualität in letzter Instanz ein unkontollierbares Element beibehält.

Die ernsthafte Anstrengung steht dem ‚Spass‘ entgegen

Der Höhepunkt des ganzen Films in zweifellos die zeremonielle Orgie eines Geheimbundes in einem Schloss. Hier erhofft sich Bill, seine Sehnsüchte befriedigen zu können. Aber allein schon die vorherigen Anstrengungen, um überhaupt in die Veranstaltung reinzukommen, konterkarieren sein Vorhaben. Er muss sich kostümieren und sein Gesicht mit einer Maske verdecken. Aber eine Maske ist etwas totes (und die Stimmungsablesung im Gesicht ist verhindert), während die Sexualität ja in einem gewissen Sinne ein (Natur)Gottesdienst des Lebendigen ist. Das Geheimnis ist also ihre Spontaneität und strömende Impulsivität, während alles Geplante sie bereits ihres Mysteriums entkleidet.

Hinzukommt, dass die ganze Orgie stark reglementiert und ritualisiert ist. Es geht also offensichtlich nicht um das Ausleben irgendwelcher Wünsche, sondern es ist eine Inszenierung von Machtbeziehungen, die insgesamt eher aseptisch wirkt als ’schmutzig‘ (im englischen secret steckt das Wort Sekret, also die Flüssigkeiten, die auch das Sexuelle erst fliessend, strömend machen. Eine Prostituierte, mit der Bill nur geredet hatte, bekommt später ein Testergebnis mit HIV-positiv mitgeteit, was seine Lust sofort abtötet. Als Arzt muss er sowieso zwischen dem medizinischen und dem sexuellen Körper ständig unterscheiden. In der Pornographie sind sexuelle Handlungen von Frauenärzten ein beliebter [Fantasie]Topos).

Ein weiterer Aspekt dieser Orgie sind die Frauen, die für diese Szenen ausgesucht wurden. Es sind auschliesslich Frauen mit (untergewichtigen) Model-Figuren, wie sie den Kriterien der Modeindustrie entsprechen. Diese mögen zwar eine gewisse Schaulust befriedigen, aber statt der Fleischeslust bleibt nur eine traurige ‚Knochenlust‘, die auch wieder Assoziationen an das Nekrophile weckt.

Unklar bleibt in dem Film, ob die eine Frau, die sich für Bill ‚geopfert‘ hat (weil Bill natürlich als Aussenseiter auf der ‚Party‘ entlarvt wird) wirklich einen Drogentod gestorben ist oder ob sie ermordet wurde.

Im ganzen Film wird durchgängig eine Gratwanderung von Traum und Wirklichkeit und Fantasie und Banalität des Alltags durchgehalten. Ist dies auch die Gratwanderung, die die Sexualität immer vollziehen muss? 

Zum Schluss sagte Alice einen bedeutenden Satz, so ganz en passent: ein Traum ist mehr als nur ein Traum.

Das banale Mysterium 

„Weiblichkeit ist eine Maske, Männlichkeit ein Glaube.“ (Alenka Zupančič)

Wolfgang M. Schmitt erklärt am Ende seiner Filmanalyse (die ich wirklich allen Lesern nur empfehlen kann), warum er die Besetzung als ‚genial‘ ansieht: wenn selbst so ein Glamour-Paar wie Nicole Kidman und Tom Cruise Probleme mit der Wunscherfüllung hat (es bleibt immer ein nicht auflösbarer Rest ‚Unerfülltheit‘ im Sexuellen), wie soll es dann erst Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller gehen?

Aber nicht um den Glamour geht es. In der Konstitution des Sexuellen selbst ist ein ‚Wirkmechanismus‘ vorhanden, der die vollständige Befriedigung verunmöglicht. Vlt., damit etwas Psycho-Energie für die Kulturentwicklung übrig bleibt?!

Alle Versuche, die Sexualität zu ‚liberalisieren‘, zu ‚dekonstruieren‘, zu ‚enttabuisieren‘ werden bis zu einem gewissen Grad scheitern. Die Sexualität lässt sich nicht vollständig domestizieren. Sie bleibt ein stück Wildheit im verhausschweinten [zivilisierten] Menschen. Und darum kann es auch keinen ‚politisch korrekten Sex‘ geben, sondern nur den bewussten Umgang mit ihr von Menschen, die sich von unnötigen [herrschaftlichen und Macht-]Konventionen emanzipieren.

Aber das grosse Mysterium des Sexuellen wird bleiben – trotz seiner scheinbar banalen und verharmlosenden Form als ’schönste Nebensache der Welt‘, die doch [scheinbar] völlig ’natürlich‘ sei (dabei enthält sie auch immer und gleichzeitig ein kulturelles Element). Und dies übrigens auch ungeachtet unzweifelhafter historischer Fortschritte im Geschlechterverhältnis.

Dies zu zeigen und darzustellen, ist die grosse und bleibende Leistung dieses Films.

Es bleibt aber zu hoffen und zu wünschen, dass die wahre Natur des weiblichen Begehrens auch für Männer nachvollziehbarer wird, damit sie sich nicht ständig in Klischees verfangen (müssen) — gilt sicher mutatis mutandis auch für Frauen — und dass es in der Gesamtkultur genauso akzeptiert ist wie das männliche.

 

 

 

 

 

 

3 Kommentare zu “Der Doppelcharakter des Begehrens

  1. aus einer email an einen fb-freund:

    hast du nicht auch das gefühl beim betrachten des films, dass eine
    seltsame kühle, ja sogar distanz zwischen Alice und Bill besteht, die
    an keiner stelle des film überbrückt wird.
    obgleich ihre ‚liebe‘ nicht in zweifel gezogen werden kann, sind sie in
    emotionaler hinsicht ‚zombies‘.
    vlt wollte Kubrick auf den generell narzisstischen charakter der
    gesellschaft hinweisen. und selbst wenn elemente von verständnis,
    ‚liebe‘ und verzeihen können (Schluss-szene) bestehen, bleibt der egoistische
    charakter der menschlichen monade unangetastet. (es gibt kein zusammenkommen, nicht mal [oder gerade!] im sex)
    und wo wäre der mensch egoistischer als in der sexualität und im triebleben (die
    durchaus nicht in der ‚liebe‘ aufgehen)?

    Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
    Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
    von Ebenen, die fern sind und entlegen,
    geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
    Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

    Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
    wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
    und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
    enttäuscht und traurig von einander lassen;
    und wenn die Menschen, die einander hassen,
    in einem Bett zusammen schlafen müssen:

    dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…

    (Rainer Maria Rilke)

  2. Pingback:     DEMOKRATISCH – LINKS » Blog Archiv » Krise und „Verschwörungstheorien“

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