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Was kommt nach dem Kapitalismus?

Stadtspaziergang: Karl Marx in Brüssel | Europa Blog

der marxismus (und seine vielen unterstömungen) hat eine recht elaborierte kritik an der kapitalistischen produktionsweise entwickelt. aber bei der frage, was genau den kapitalismus ‚ablösen‘ soll, dünnt sich die theoretische luft schon merklich aus. sicher, es gibt die historischen erfahrungen mit revolutionen und revolutionsversuchen. und eher vereinzelt und kursorisch hat sich auch Marx auf die frage eingelassen, wie es nach dem kapitalismus weitergehen soll. es ist aber allgemein bekannt, dass sich Marx gegen das ausmalen und ‚utopien‘ ausgesprochen hat und sein hauptwerk gilt tatsächlich der funktionsweise der kapitalistischen produktionsweise.

nun stimmt es sicher, dass die darstellung der verhältnisse auch gleichzeitig ihre kritik ist. aber gerade bei der entfaltung der marxschen Kapitalanalyse ist es gar nicht so einfach, zu erkennen, was ‚objektive wirtschaftstheorie‘ ist, und was tatsächlich kapitalkritik ist. Marx ‚versteckt‘ seine kapitalkritik hinter einer feinen ironie, die man eigentlich erst dann erkennen kann, wenn man ‚das ganze‘ („das wahre ist das ganze.“– Hegel) der entfaltung des kapitalbegriffes schon verstanden hat. das ist auch der grund, warum jedes Kapitalstudium eine frustrierende erfahrung ist, die häufig auch mit einem abbruch endet. man denkt, jetzt hat man endlich den heiligen gral der kapitalismus-kritik in den händen und in wirklichkeit muss man sich mit waren, werten und ihren austauschverhältnissen, röcken, leinwänden und tüchern beschäftigen!

und das kapitel über den ‚fetisch-charakter‘ der waren! wer soll denn DAS kapieren? es ist natürlich kein zufall, dass dieses kapitel das wohl am wenigsten verstandene ist.

nach 150 jahren ist es vlt erlaubt, zu sagen, dass es ein fehler war von Marx, dieses kapitel gleich vorneweg in die warenanalyse mit aufzunehmen und diesen aspekt der warenanalyse (die ja die kern-kritik an dem kapitalismus im embryonal-stadium schon enthält) in einem späteren, resümierenden abschnitt ‚allgemeinverständlicher‘ auszuführen. aber wir können ja Marx schlecht aus seinem grab ausbuddeln und reanimieren, damit er dass alles neu und besser schreiben kann. wir heutigen müssen halt unseren eigenen kopf anstrengen, um zu tragfähigen (politischen oder anti-politischen?) lösungen zu kommen.

ich muss gestehen, bislang war auch mein denken darauf ausgerichtet, die funktionsweise des kapitalismus als gegeben hinzunehmen, und aus ihrer darstellung, forderungen nach was ‚besserem‚ abzuleiten. dass dieser ansatz ‚falsch‘ sein könnte, trage ich zwar schon länger als dunkle ahnung in mir, ich hätte es aber nicht in worte fassen könnte. ich hoffe aber, ich habe in diesem punkt jetzt zumindest einen ansatz gewinnen können, wie es man es anders sehen kann.

anstatt den kapitalismus als ’stabiles‘ und ‚funktionierendes‘ wirtschaftssystem zu betrachten (zumindest diesen schein versprüht er ja), wäre es vlt angemessener, die krise als nomalmodus des kapitalismus anzusehen und seine stabilen phasen als ausnahmen.

es geht mir hier nicht darum, irgendwelchen zusammenbruchstheorien zu fabrizieren. ich weiss sehr wohl, dass die ‚ablösung‘ des kapitalismus kein (theoretischer) sonntagsspaziergang ist. aber anstatt dem kapitalismus etwas zukünftig besseres entgegensetzen zu wollen, wäre es möglicherweise sinnvoller, die inhärente funktionsweise des kapitalismus als absurd und dysfunktional zu entlarven, und daraus bessere vorschläge zu unterbreiten. dass die Corona-krise diese sichtweise noch unterstützt, ist eher ein zufall (glück im unglück); denn ich verdanke die anregung für diese sichtweise einem youTube-video vom November 2017 (https://www.youtube.com/watch?v=cI2Oniil5zw&feature=emb_title).

diese ‚inhärente funktionsweise‘ ist meines erachtens im kern das sog. ‚Wertgesetz‚ (obwohl ich mich selbst nicht als ‚wertkritiker‘ bezeichne, ist dies wohl ein genuin ‚wertkritischer‘ gedanke, was ich aber hier nicht weiter problematisieren möchte). die krise würde dann darin bestehen, die wirtschaftsweise immer wieder mit dem ‚wertgesetz‘ abzugleichen. dass dies nicht immer möglich ist und manchen situationen sogar in den auswirkungen absurd, zeigt die Corona-krise überdeutlich. jahrelang wurde der gesundheitssektor kaputtgespart (wegen der kosten-nutzen-rechnungen) und jetzt fehlen sogar schutzmasken und hygienemittel für das krankenhaus-personal. – und das in einem der ‚reichsten‘ länder der welt. was könnte denn mehr zeigen, dass diese kosten-nutzen-rechnungen mit dem realen leben nichts (bis wenig) zu tun haben?

natürlich stehen alle menschen unter dem gesetz der ‚ökonomie der zeit‘ („alle ökonomie löst sich letztlich in die ökonomie der zeit auf.“– Marx), aber die motive für das menschliche handeln (egal, ob wirtschaftlich oder nicht) können so unterschiedlich sein, dass sie sich unmöglich unter ein einziges prinzip, nämlich das ‚Wertgesetz‘, subsumieren lassen. wenn jemand seine kranken eltern pflegt, dann macht er oder sie das ja nicht (jedenfalls nicht primär), weil dahinter ein bestimmtes ökonomisches kalkül steht (obwohl das natürlich auch der fall sein kann, weil man z. b. die kosten für ein pflegeheim nicht bezahlen kann), sondern weil man sich eben menschlich dazu verpflichtet fühlt.

ist der sprung so gross (zu gross), sich vorzustellen, dass diese ‚menschliche verpflichtung‘ sich nicht nur auf die eigene familie, sondern auf die ganze gesellschaft beziehen kann (dabei würde ich die frage offen lassen, wie gross sinnvolle menschliche gesellschaften sein können)?

ich denke, das ist muss der nächste (r)evolutionäre schritt sein – auch wenn er mehr einem ‚Tigersprung‘ gleicht.

aber bevor dieser ’sprung‘ vollzogen werden kann, gibt es noch ein kleines problem mit den unterschiedlichen interessen der sozialen Klassen.

aber das ist eine andere geschichte…

5 Kommentare zu “Was kommt nach dem Kapitalismus?

  1. „Der Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Schocks zeigt nach Ansicht des Ökonomen Marcel Fratzscher die Stärke der Politik und die Gefahren reiner Marktgläubigkeit. Wenn sich Gesellschaften nur auf den freien Wettbewerb verließen, würden die Risiken derzeit überdeutlich, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin: „Ich würde schon sagen, dass die Corona-Krise so etwas wie der letzte Sargnagel für den Neoliberalismus ist.“

    https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diw-chef-fratzscher-corona-zeigt-staerke-des-staats-16748469.html

  2. Pingback:     DEMOKRATISCH – LINKS » Blog Archiv » „Verschwörungstheorien “?

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