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Diktatur der Vernunft?

Bild könnte enthalten: 8 Personen, Hut und im Freien

(Maske-tragen als Terror? Wie wäre dann erst echter Terror zu ertragen?)

eigentlich wollte ich zur Corona-demo am 1.08.2020 in Berlin nichts schreiben, da ich es für ein event halte, über das in zwei wochen niemand mehr reden wird. da an diesem beispiel aber sehr viele probleme zeitgenössischen politischen engagements aufzeigbar sind, habe ich meine meinung geändert. 😉

ich war nicht bei der demo dabei, und daher kann ich mich nur an die medienberichterstattung halten. grundsätzlich würde ich diese demo als ‚rechtsoffen‘ charakterisieren; also offen für das rechte spekrum aber nicht unbedingt selber rechts verortet. viele werden sicherlich sorgen darüber haben, wie die wirtschaftliche situation sich durch Corana weiter entwickeln wird. und diese sorgen kann man auch niemanden absprechen. ohne jetzt in den schnack zu verfallen ‚man muss die sorgen ernst nehmen‘ scheint mir dies aber zumindest angemessener zu sein als pauschal von ‚covidioten‘ und ‚corona-leugnern‘ zu sprechen. sicherlich wird auch ein gewisser teil zur ‚party-fraktion‘ dazugehört haben, aber diese leute besuchen in der regel eher selten politische demonstrationen (sondern lieber ihre clubs und events).

bei den motiven für diese demo ist es daher essentiell, zwischen berechtigter kritik an der Corona-politik (auch aus linker sicht) und der infantilen leugnung der gefahr und / oder frustreaktionen über die zumutungen der (notwendigen) schutzmassnahmen zu differenzieren. von dem letzteren muss man sich natürlich scharf abgrenzen. aber das ändert nichts daran, dass man ein gewisses meinungsspektrum (auch in fragen der wissenschaft) schon aushalten muss. niemand hat den stein der weisen in der Coronafrage für sich gepachtet und erkenntnisfortschritt ist immer auch mit diskursfähigkeit gekoppelt (das gilt auch für die politische linke).

es ist natürlich ein erhebliches problem, dass von linker seite wenig ‚alternatives‘ zur Corona-politik vorgetragen wurde. im grunde hat es sich darauf reduziert (so zumindest meine wahrnehmung), die Corona-politik der Bundesregierung eher als zu lasch zu kritisieren. dadurch hat sich ein politisches vakuum aufgetan, dass dann natürlich von ‚rechts‘ besetzt wurde.

wenn jetzt von der politik eine einschränkung der versammlungsfreiheit nach der berliner demo diskutiert wird, hat das die linke bis zu einem gewissen grad mitzuverantworten (selbst der polizeieinsatz gegen die demo soll von linken teilen befürwortet und sogar gefordert worden sein; was ein völliges unverständnis in der staatsfrage offenbart). und man darf vor allem auch dabei nicht vergessen, dass diese diskussion sich einreiht in eine ganze kette von repressiven massnahmen in letzer zeit; von dem verbot von linksunten bis zu den aktuellen verbotsdrohungen gegen de.indymedia bis zur repressiven zerschlagung einer kiezdemo gegen die räumung einer linken kneipe in Berlin. der staat laviert sich sehr geschickt durch die durch Corona ausgelöste Krise, und nutzt die entstehenden widersprüche, um die radikale linke endgültig zu marginalisieren und die rechte wird an der langen leine gehalten.

auch wenn es richtig ist, die rücksichtslosigkeit und asozialität dieser demo in bezug auf die schutzmassnahmen zu kritisieren, so sollte man nicht alle in die rechte ecke stellen. viel wichtiger wäre es, wenn man man von linker seite mal raus aus der defensive käme (so das richtige motto der kiezdemo vom 01.08.2020)

als fazit würde ich sagen: der irrationale charakter dieser demo muss berechtigterweise blossgestellt werden, aber die antwort auf die Corona-krise kann nicht in (neo)liberaler, hedonistischer oder postmoderner beliebigkeit (‚jeder muss sein ding selbst verantworten‘) liegen (die eher einer verdrängung gleichkäme und genau solche demos ermöglicht), sondern muss eine antwort sein, die Gemeinsinn mit grösstmöglicher individueller Freiheit ‚integriert‘. dies setzt allerdings ein Bewusstsein voraus, dass über den Tellerrand des eigenen Egos und der eigenen Befindlichkeit hinausführt.

die ‚vernunft des bürgerlichen Staates‘, die Staatsräson‘, ist jedenfalls nicht das letzte wort der Weltgeschichte und des ‚Weltgeistes‘. so viel steht fest!

Anhang

auf facebook kursiert eine erklärung für die ‚rationalität‘ des Masketragens, die ich ganz gut finde: 

„Wenn ich eine Maske in der Öffentlichkeit trage, möchte ich, dass Du folgendes weißt:

🔵 Ich bin gebildet genug, um zu wissen, dass ich asymptomatisch sein könnte und dir trotzdem das Virus geben kann.

🔵 Nein, ich ′′lebe nicht in Angst′′ vor dem Virus. Ich möchte nur Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems.

🔵 Ich habe nicht das Gefühl, dass die Regierung mich kontrolliert. Ich habe das Gefühl, dass ich als Erwachsener etwas zur Gesellschaft beitragen kann.

🔵 Die Welt dreht sich nicht um mich. Es geht nicht nur um mich.

🔵 Wenn wir alle mit Rücksicht auf andere Menschen leben könnten, wäre diese Welt ein viel besserer Ort.

🔵 Das Tragen einer Maske macht mich nicht schwach, ängstlich, dumm oder gar „kontrolliert“. Das macht mich rücksichtsvoll.

Wenn du darüber nachdenkst, wie du aussiehst, wie unangenehm es ist oder was andere über dich denken, stell dir einfach jemanden vor, der dir nahe steht – ein Kind, ein Vater, eine Mutter, Großeltern, eine Tante oder ein Onkel – der an einem Beatmungsapparat hängt und trotzdem erstickt, allein ohne dich oder ein Familienmitglied, das am Bett erlaubt ist.

Frag dich, ob du etwas hättest machen oder sagen können.

War es das Risiko wert?

Masken tragen ist nicht politisch. Es ist Ausdruck von gesundem Menschenverstand in dieser schwierigen Zeit!“

8 Kommentare zu “Diktatur der Vernunft?

  1. „Paranoid sind derzeit der Staat und manche Politiker. Sie reagieren zu heftig auf alles, was die Corona-Politik grundsätzlich infrage stellt. Ich stelle sie nicht infrage, aber ich würde die Demonstranten auch nicht pauschal „Covidioten“ nennen, wie die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. Es ist noch weniger als sonst die Zeit, in der man etwas genau wissen kann. Und deshalb ist derjenige, der eine andere Meinung hat, nicht ein Idiot, sondern einer, der einer anderen Erzählung folgt.“

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-mecklenburg-vorpommern-schule-demo-saskia-esken-donald-trump-sandro-wagner-a-fef01e7f-7ada-4bc2-b781-d83a6c266692

  2. „Es kann uns jedoch nicht daran gelegen sein, die rechte Mobilisierung zu relativieren. Fakt ist: Die Gegenveranstaltungen waren sehr viel kleiner. Das liegt vor allem daran, dass große Organisationen wie Gewerkschaften und Parteien wie die Linkspartei keine Gegenproteste organisierten. Das wiederum muss darauf zurückgeführt werden, dass die großen reformistischen Organisationen selbst keine kohärente Kritik an der Corona-Politik der Bundesregierung formulieren, geschweige denn einen politischen Gegenentwurf, der ein tatsächliches soziales Programm gegen die Auswirkungen der Corona-Pandemie aufwirft.
    So resignieren viele angesichts der nicht zu unterschätzenden Anziehungskraft der Rechten, die sich als die einzige Opposition zur Regierung und als Verteidiger*innen von Grundrechten stilisieren – womit sie natürlich vor allem das Tragen von Masken und Reisebeschränkungen meinen, während sie zu den unsäglichen Bedingungen von Geflüchteten in Lagern an den EU-Außengrenzen wie auch in Deutschland selbst oder zu den Profitinteressen von Milliardär*innen wie Tönnies, der migrantische Arbeiter*innen unter sklavenähnlichen Bedingungen bei der Arbeit Lebensgefahr aussetzt, nur ohrenbetäubend schweigen.“

    https://www.klassegegenklasse.org/20-000-bei-verschwoerungstheoretischer-demonstration-in-berlin/

  3. Der Linke-Bundestagsabgeordnete Niema Movassat sieht eine andere Gefahr. »Schon immer war der CDU/CSU die Versammlungsfreiheit ein Dorn im Auge«, erklärte er gegenüber »nd«. Die Demonstration von Coronaleugnern nun zum Anlass für eine entsprechende Debatte zu nehmen, sei »ein billiger taktischer Schachzug«, um »für Millionen Menschen die Versammlungsfreiheit einzuschränken«. Solche Überlegungen träfen »nicht nur die Coronaleugner, sondern die Demonstranten von Fridays for Future, Ende Gelände, Streikende und viele mehr«. Unverständlich sei, warum die Berliner Polizei am Samstag nicht geltendes Recht umgesetzt und die Versammlungen »unverzüglich« aufgelöst habe. Das wäre der richtige Weg gewesen, statt jetzt eine generelle Debatte über das Versammlungsrecht zu führen, so Movassat.
    Das Bündnis aus Verschwörungstheoretikern, Neonazis, Esoterikern und anderen Gegnern der staatlichen Maßnahmen hatte schon im Vorfeld ihrer Berliner Demonstration gegen grundlegende Regeln zur Eindämmung der Pandemie aufgerufen. Es war dann also nicht wirklich verwunderlich, was sich am Samstag abspielte. So wurden Umarmungen ausgetauscht. Wer sich mit Maske am Rand der Demonstration aufhielt, war Pöbeleien ausgesetzt. Die Berliner Polizei löste die Versammlungen der Coronaleugner nach Regelverstößen zwar formell auf, wurde allerdings nicht weiter tätig, sodass sich die Teilnehmer bis in die Abendstunden auf der Straße des 17. Juni versammeln konnten.“

    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1140032.coronaleugner-sorge-um-die-versammlungsfreiheit.html

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