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Tenet – eine (überwiegende) Enttäuschung

„einen Franc für deine gedanken.“ in amerika bekommt man dafür nur einen Penny. ich glaube, mehr sind sie auch nicht wert.“ (Casablanca)

ich bin jetzt doch dazu gekommen, mir Tenet anzuschauen. und ich habe mir wirklich ganz fest vorgenommen, keine allzu hoch geschraubte erwartungshaltung aufzubauen. aber natürlich war diese erwartungshaltung dann doch da, – dazu hatte ich einfach schon zu  viele informationen über den film und hatte natürlich auch kritiken gelesen bzw. gehört (eins und zwei).

und natürlich musste es so kommen, wie es dann kam: die enttäuschung war gross. nun gut, damit kann ich umgehen, aber enttäuschung ersetzt natürlich keine ernsthafte inhaltliche auseinandersetzung. sonst könnte ich es mir einfach machen und bloss schreiben, der film sei gequirlte kacke. aber das hätte keinen sinn, denn ich will ja niemanden davon abhalten, sich den film anzuschauen und sich eine meinung darüber zu bilden (das gegenteil ist der fall!).

ich verstehe nur nicht, wie man einen film, der so offensichtliche schwächen und mängel hat, vorher so hypen konnte. das kann doch unmöglich nur an kommerziellen interessen liegen. im übrigen sind die bisheringen einnahmen auch gar nicht so gut, wie man das bei Tenet hätte erwarten können. aber das hängt natürlich auch mit den besonderen umständen von Corona zusammen.

aber kommen wir zum eigentlichen: den ‚offensichtlichen schwächen und mängeln‘. oder beginnen wir andersrum, was ist das gute beim film?

zum einen muss ich sagen, dass einen der film von der ersten bis zur letzten minute an die leinwand (oder monitor) nagelt. er lässt einen buchstäblich keine zeit, mal durchzuatmen und nachzudenken.

die stuntszenen sind rasant gefilmt, wenn sie meines erachtens auch nicht besser sind als man bei einem James Bond– oder Mission Impossible-film erwarten würde.

bei der idee mit der zeit-inversion bin ich gespalten. in einem roman wäre das gewiss ein spannender plot, aber in einem film sind das bloss rückwärts gespielte sequenzen, die schnell ihren witzigen reiz verlieren.

und damit wären wir dann schon bei der kritik angelangt. der handlungsstrang ist dermassen verworren erzählt, dass man selbst bei vollster konzentration nicht wirklich folgen kann (was vlt auch ein bisschen den ‚überwältigungseffekt‘ des films erklärt). man muss allerdings dazu sagen, dass bei zeit-science-fiction (und auch Tenet gehört dazu) logikfehler unvermeidlich sind.

die schauspieler bleiben alle seltsam charakter- und seelenlos. ob damit eine bestimmte künstlerische, philosophische oder politische haltung ausgedrückt werden soll, vermag ich nicht zu beurteilen. aber für mich geht damit das wichtigste beim filme schauen verloren: die identifikation mit den akteueren.

wenn ich schreibe ‚alle schauspieler‘ muss ich mich zugleich korrigieren: es gibt eine ausnahme, und zwar Elizabeth Debicki. sie spielt zwar auch eine ‚(unter)kühl(t)e blonde‘, aber ihre motive sind jederzeit für alle nachvollziehbar und transparent. sie ist auch der einzige wirkliche sympathieträger in dem film, wenn sich auch diese sympathie im wesentlichen auf ihre rolle als Mutter und Sexobjekt beschränkt (der bösewicht Andrei fragt den Protagonisten, ob er schon mit ihr geschlafen habe. darauf er: noch nicht; damit auch der letzte idiot dieses zotige Geschlechterarrangement verstehen kann).

(Elizabeth Debicki; Bildquelle: wikipedia)

was ist nun die Moral von der geschichte? natürlich wäre es leicht, Tenet als Allegorie auf den Klimawandel zu verstehen. (wie Wolfgang M. Schmitt das macht). in dem zusammenhang macht dann auch die idee der zeit-inversion einen tieferen sinn. aber das nicht-lineare zeitverständnis wird meines erachtens im film Arrival viel klarer thematisiert. nichtsdestotrotz scheint mir der angriff der zukunft auf die gegenwart ein absurdes konstrukt zu sein. die menschliche geschichte beruht ja gerade darauf, dass eine bestimmte erfahrungsstufe auf der vorhergehenden aufbaut. von daher ist der zeitpfeil gerade nicht umkehrbar. das grossvater-paradox besteht nicht darin, ob der enkel leben kann, wenn er den grossvater zeitreisend umbringt. der eigentliche sinn ist vielmehr, dass der enkel gezwungen ist, vom grossvater zu lernen, wenn er die zukunft bewältigen will. und lernen ist hier im hegelschen dialektischen sinne gemeint: annehmen, überwinden und auf einer höheren stufe aufheben (was auch ein bewahren beinhaltet). in der Klimapolitik muss die gegenwart die zukunft mit einrechnen; darin besteht ihre immanente transzendente schwierigkeit. aber dies ist gleichzeitig auch die chance auf (r)evolutionäres wachstum.

wenn Tenet das vermitteln kann, dann will ich die künstlerischen schwächen gern verzeihen. 🙂

4 Kommentare zu “Tenet – eine (überwiegende) Enttäuschung

  1. aus einer email von einem arbeitskollegen, der sich sehr gut mit kinofilmen auskennt; das möchte ich den blog-lesern nicht vorenthalten:

    „Enttaeuscht war Ich auch von den duennen Figuren, die nur dazu dienten, den Plot voranzutreiben, der fuer den Zuschauer leider schwer verstaendlich war & die fehlende emotionale Bindung zu den Beziehungen. Ich bin aber auch dafuer, dass jeder ins Kino geht & sich seine eigene Meinung dazu bildet. Der pulsierende Score drueckt einen in den Sitz & die umgedrehten Kampf-, Actionszenen & Chase- Scenes sind eigentlich der Grund, wieso man ins Cinema geht. Christopher Nolan setzt immer auf Realismus, weshalb es mit dem Wow Faktor wohl nicht ueber die Konkurrenz um James Bond & Ethan Hunt hinaus geht. Eine einfachere Erzaehlweise haette vielleicht verhindert, dass Du Dich am Konzept der Inversion ermuedest. Nolan verliert unterwegs sein Publikum. Dass man am Ende nicht folgen kann, liegt an der komplizierten Erzaehlart. Die Schauspieler bleiben blass, weil sie nur Schachfiguren des Skripts sind. Washington heisst Protagonist. Das sagt schon alles. Elizabeth Debicki macht noch am Meisten aus ihrer Rolle. Aber auch hier muss Ich Chris Vorwuerfe machen. Er scheint nichts von Frauen zu verstehen. Die Beziehung zwischen Mutter & Kind haette zu Beginn besser eingefuehrt werden muessen, damit sie beim Rezipient eine viel emotionalere Wirkung erzeugt, wenn sie der gefuehlvolle Kern der Story sein soll. Ich sah Debicki erstmals in Baz Luhrman’s „Great Gatsby“. In Guy Ritchie’s „Codename U.N.C.L.E.“ war sie [ein] eiskalter Boesewicht. In Steve McQueen’s „Widows“ spielt sie die Rolle der unterdrueckten Frau, die zu innerer Staerke findet, staerker als in „Tenet“. Ich fand den Aufhaenger mit dem Klimawandel auch schwach & dass die Leute aus der Zukunft die Menschen aus der Vergangenheit angreifen. Man muss aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, fuer unsere Zukunft.“

  2. ich möchte meiner besprechung noch hinzufügen, dass niemand ins kino geht wegen einer (möglichen) politischen botschaft oder aussage. man geht ins kino, weil man ein emotionales erlebnis haben möchte. und in dieser hinsicht scheint mir Tenet ein ziemlicher versager zu sein. was nichts daran ändert, dass man sich ihn trotzdem (oder vlt. sogar deshalb) ansehen sollte.

  3. ich habe mir inzwischen auch memento, inception imnd interstallar angesehen und die haben mir allesamt besser gefallen als tenet. insbesondere interstellar ist ein absolut ‚emotionaler‘ film. ich verstehe nicht, wieso tenet dagegen so ‚kühl‘ gehalten ist. ist das ende der menschheit und der kampf dagegen kein ‚emotionales‘ thema?

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