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Corona und Gelassenheit

Gedanken über den Umgang mit Krisensituationen

meine früheste erfahrung mit einer psychischen krise war bei meiner ersten verliebtheit, die einen ‚ent-täuschenenden‘ ausgang genommen hatte. vorher hatte ich keinen grund, mir über irgendetwas sorgen zu machen. ich wuchs sehr behütet aus und das wort ‚problem‘ hatte für mich tatsächlich eher etwas ‚abstraktes‘; was aber nicht heisst, dass immer alles in meinem leben glatt gelaufen wäre. aber es war eben kein grund vorhanden, tiefschürfender über mich selbst nachzudenken.

erst diese erste enttäuschende verliebtheit führte dazu, dass ich mir selbst zur „grossen frage“[1] wurde. natürlich hat die menschliche psyche ‚abwehrmechanismen‘, die auch grössere krisen ohne hilfe von psychotherapie und philosophische weisheiten ‚verheilen‘ lassen (wenn auch nicht immer ’narbenfrei‘). und so gelang es auch mir, mich (mehrere male) aus depression und traurigkeit heraus zu arbeiten.

sicherlich haben diese erfahrungen auch dazu beigetragen, heute im grossen und ganzen eine grössere gelassenheit auch in situationen zu entwickeln, die sonst eher an meinen nerven zerren würden. da ich einen relativ stressigen job habe, der auch schon zu gesundheitlichen problemen geführt hat, ist diese [relative] gelassenheit nicht nur ein ‚esoterischer luxus‘ für mich, sondern eine direkte drängende notwendigkeit.

zwar war mein leben auch schon vor Corona eher auf den häuslichen bereich begrenzt, aber ich merke immer wieder, dass die (psychischen) probleme, die die pandemie bei anderen leuten, die sich mehr über ihre aussenaktivitäten und beziehungen definieren, bewirken, bei mir so nicht vorhanden sind. mir macht es einfach nichts aus, wenn ich ein paar tage oder auch länger nur auf mich selbst zurückgeworfen bin. klar kann ich mich zuhause auch mit filmen oder musik aus dem internet ‚ablenken‘, aber selbst das ‚ablenken‘ funktioniert nur insoweit, als das texte oder filme auch einen bezug zu meiner eigenen (lebens)situation[2] herstellen oder erkennen lassen sollten. also das berühmte ‚berieseln lassen‘ will bei mir nicht so recht funktionieren.

im zuge meiner eigenen bemühungen, mich aus psychischen krisen herauszuarbeiten, habe ich mich auch mit verschiedenen weisheitslehren beschäftigt, unter anderem auch mit ‚buddhistischen‘ lehren. insofern ist es für mich nicht so überraschend zu erfahren, dass diese eine gewisse inhaltliche verwandtschaft mit der stoischen philosophie aufweisen, auch wenn ich mich selbst nie mit der Stoa beschäftigt habe.

aus eigener erfahrung kann ich bestätigen, dass die änderung der [rationalen] denkweise auch zu einer änderung der emotionalen wahrnehmung führen kann. ich würde aber nicht so weit gehen, dass das (rationale) denken vollständig das emotionale erleben ersetzen kann (was aber auch weder vom stoizismus noch vom buddhismus behauptet wird; von vlt einigen extremen ausnahmedenkern abgesehen).

es kann also keinesfalls darum gehen, uns von allen leidenschaften ‚loszulösen‘ (die leidenschaften sind ja erst das lebendige in uns), sondern gefühl und verstand in einen gewissen einklang zu bringen. selbstverständlich ist dies nie ein abgeschlossener (ruhe)zustand, sondern wir müssen uns immer wieder um diese fokussierung bemühen. also ein nicht abzuschliessender lernprozess, in dem fortschritte und rückschläge die zwei seiten der selben (psychischen) bewegung sind.

dabei dürfen wir vor allem nicht den blick auf unsere ’schattenseiten‘ fürchten. denn gerade diese sind es, die uns am meisten über unsere eigene ‚innere wahrheit‘ zu sagen haben[3].

wenn wir uns z. b. in jemanden ‚verlieben‘, und schon verlustängste und eifersuchtsgefühle haben, bevor wir dem anderen auch nur ein stückchen näher kennengelernt haben, dann können wir mit sicherheit davon ausgehen, dass wir an unserem selbstbewusstsein und an unserer selbstsicherheit arbeiten müssen.

dies ist aber leichter gesagt als getan. und hier ist auch die grenze dessen, was ich oben weiter über den zusammenhang von denkweise und emotionalen erleben gesagt habe. zwar stimmt es, dass die denkweise das emotionale beeinflusst, aber dieser einfluss ist nicht absolut. im gefühlsmässigen drückt sich auch der einfluss des unbewussten (im Freudschen sinne) aus. also diejenigen seelischen inhalte, die unserem bewussten einfluss entzogen sind. geistige inhalte, die im laufe unserer lebensgeschichte in tiefere schichten sedimentiert wurden und dort (bis zu einem gewissen grad) ein eigenleben führen. und an diese tieferen schichten kommt man ohne fremde hilfe (therapie oder/und liebesbeziehung) (in der Regel) nicht heran.

darum bringt es in der regel auch nichts, leuten, die ein irrationales verhältnis zur Corona-Pandemie haben, diesen ihre irrationalität vorzuwerfen. sie werden sofort diese irrationalität mit irgendwelchen ‚argumenten‘ als abwehrmechanismus rationalisieren.

genau an dieser stelle stossen wir auch an die grenzen des politischen. die politische kritik kann a priori nur die erreichen, die auch selbst rational kritik- und einsichtsfähig sind. bei allen anderen wird jegliche kritik an der Gummiwand der psychischen abwehrmechanismen verpuffen.

und weil die (radikale) linke sich zu wenig mit sozialpsychologischen problemen beschäftigt, ist dies vlt. auch der Grund für ihre Erfolgsschwäche und andauende Dauerkrise.

[1] „Meine seele konte nicht leben ohne ihn…vom schmerz darüber ward es finster in meinem herzen , und was ich ansah, war alles nur Tod…alles, was ich gemeinsam mit ihm erlebt hatte, war ohne ihn verwandelt zu grenzenloser pein…und ich hasste alles, weil es ihn nicht barg…ich war mir selbst zur grossen frage geworden, und ich nahm meine seele ins verhör, warum sie traurig sei und mich so sehr verstöre, und sie wusste mir nichts zu sagen.“ (Augustinus, Bekenntnisse; zit nach: Igor A. Caruso, Die Trennung der Liebenden)

[2] „‚Geschichte‘, sagte Emerson, ist eine Zumutung und Beleidigung, wenn sie etwas anderes ist als ein heiterer Apolog, eine Parabel meines Seins und Werdens.“ (Ken Wilber, Eros Kosmos Logos, S. 14)

[3] „Der Schatten ist in der Analytischen Psychologie nach Carl Gustav Jung einer der wichtigsten Persönlichkeitsanteile und zugleich, in seinem überpersönlichen Aspekt, ein Archetyp des kollektiven Unbewussten. Der psychologische Begriff des Schattens hat sowohl eine individuelle als auch eine kollektive Bedeutung.“ (wikipedia)

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