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Abschied vom Eindeutigen

über 40 jahre beschäftigung mit der politischen linken haben mich zumindest zu einer erkenntnis geführt: die suche nach (politischer) eindeutigkeit muss als gescheitert betrachtet werden werden. eindeutigkeit mag es auf dem gebiet der naturwissenschaft geben (und selbst das darf gern bezweifelt werden); wenn also Newton ein apfel auf dem kopf fällt, hat er hinterher kopfschmerzen. diese art der kausalen eindeutigkeit wurde von Francis Bacon in die philosophie eingebracht, kodifiziert in dem geflügelten wort, dass Wissen Macht ist. und selbst die arbeiterbewegung hat dies übernommen mit Wilhelm Liebknechts spruch: „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen.“ (wikipedia, ebenda)

dass aber diese annäherung der Philosophie an die Naturwissenschaft erkenntnistheoretisch (in gewisser hinsicht) ein rückschritt war oder sich doch zumindest sehr ambivalent ausgewirkt hat, wird dabei gern übersehen (ein vorwurf, den man auch Marx nicht ersparen kann, von Engels mal ganz zu schweigen).

Büste des Sokrates (Bildquelle: wikipedia)

ein Denker, der sehr lange vor Bacon gelebt hat (ungefähr 500 jahre vor Christus), hat nämlich schon gewusst, dass, auch wenn er nichts weiss, er zumindest um sein nichtwissen weiss. sein name war Sokrates. nur leider ist dieser spruch „ich weiss, dass ich nichts weiss“ so verkürzt worden, als ob es nur nichtwissen gäbe. in wirklichkeit wollte Sokrates aber sagen, dass sich der wert des wissens nur an dem, was wir nicht wissen, messen lässt. und gerade die corona-krise zeigt doch, wie recht er damit hatte. jeden tag werden neue erkenntnisse über das virus gewonnen, die die aussagen von gestern widerlegen oder doch zumindest stark relativieren. und das ist ein völlig normaler vorgang! neue phänomene erfordern eine gewisse zeit des forschens und erfahrungen sammelns, bevor daraus sinnvolle handlungsanleitungen entstehen können. Edison benötigte 10 000 versuche, bevor er einen brauchbaren glühdraht für seine glühlampe fand und vlt. braucht die pharmaforschung 10 000 versuche, um ein brauchbares impf- oder heilmittel gegen corona (einschliesslich der mutationsvarianten) herstellen zu können. wer auf diesem gebiet eindeutigkeit und (schnelle) handlungsanweisungen erwartet (und einfordert) hat die prinzipien wissenschaftlichen arbeitens wirklich nicht verstanden.

geduld und beharrlichkeit sind heutzutage tugenden, die nicht mehr hoch im kurs stehen (falls tugenden überhaupt noch was bedeuten), und trotzdem sind genau das die eigenschaften, die wir am dringensten benötigen.

ich bin ja sonst selten mit Sahra Wagenknecht einer meinung, aber ihre Kritik an Merkel, sie sei die Kanzlerin, die im einklang mit den Naturwissenwissenschaften stünde, ist völlig berechtigt. dies ist eine form des technokratie, die politische entscheidungen in das ideologische gewand des expertentums kleidet, um sie als alternativlos darzustellen (ein vorgang, den wir schon vom neoliberalismus in der wirtschaftspolitik her kennen).

aber die naturwissenschaftlichen erkenntnisse über das virus geben uns mitnichten eine handlungsanweisung, wie man am besten mit der pandemie umzugehen hat. die wissenschaftliche expertise kann nicht den politischen prozess ersetzen (allerdings kann sie natürlich eine beratende funktion ausüben) .

eine Philosophenrepublik[*] mag ja die beste form des Bonapartismus sein, aber ich meine, der alte Goethe hatte schon recht, als er auf die frage, welche regierung die beste sei, antwortete: diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren!

[*] der antidemokratische charakter einer Philosophenrepublik (abhängigkeit des regierens vom wissen und ausbildungsstand) dürfte ziemlich offensichtlich sein. das ändert aber nichts daran, dass auch alle formen der Basisdemokratie auf die selbstqualifikation der einzelnen akteure angewiesen sind. und in diesem sinne stimmt dann auch der spruch, dass Wissen Macht ist (oder besser: eine voraussetzung für Machtausübung darstellt).

7 Kommentare zu “Abschied vom Eindeutigen

  1. der begriff ‚Komplexitätsinkompetenz‘ bei Scobel erinnert mich an Odo Marquards Begriff der ‚Inkompetenzkompensationskompetenz‘, die eben die Philosophie leisten muss, weil sie denken muss, auch wenn wir niemals alles wissen können.
    ebenfalls ist der titel abschied vom eindeutigen angelehnt an Marquards Aufsatz ‚Abschied vom Prinzipiellen‘, auch wenn ich mit einigen seiner zeitgeschichtlichen politanalysen, wie z. b. der einschätzung der 68er-bewegung, nicht vollständig übereinstimme. richtig ist aber, dass jede überdehnung und überspitzung einer politischen position den keim des fehlerhaften (und der zukünftigen spaltungen und verwerfungen) bereits in sich trägt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Odo_Marquard

  2. „diese art der kausalen eindeutigkeit wurde von Francis Bacon in die philosophie eingebracht, kodifiziert in dem geflügelten wort, dass Wissen Macht ist. und selbst die arbeiterbewegung hat dies übernommen mit Wilhelm Liebknechts spruch: ‚Wissen ist Macht – Macht ist Wissen.‘ (wikipedia, ebenda)“

    1. Ich bin nicht wirklich von der These überzeugt, daß der zitierte Slogan einen Eindeutigkeitsanspruch impliziert.

    2. a) Der zitiert Slogan scheint mir zumindest unter folgendem Gesichtspunkt zutreffend zu sein:

    Diejenigen, die wissen, wie bestimmte Prozesse funktionieren, / was Ursache und Wirkung ist, haben bessere Möglichkeiten in diese Prozesse einzugreifen, als diejenigen, die mit der Wünschelrute im Nebel herumstochern.

    b) Das heißt allerdings nicht, daß Wissen (besser: Erkenntnis) Allmacht bedeutet oder sich Erkenntnisse im Selbstlauf durchsetzen (nicht auf Erkenntnishindernisse stoßen).

    • „Ich bin nicht wirklich von der These überzeugt, daß der zitierte Slogan einen Eindeutigkeitsanspruch impliziert.“

      deiner definition des Wissens (ursache und wirkung kennen) stimme ich zu. aber genau diese art der klaren kausalitätszuweisung gilt eben — so weit ich das beurteilen kann — eher für den bereich der naturwissenschaften. für alle bereiche der geisteswissenschaften, der kunst und literatur etc. sind die zusammenhänge eher selten so klar abgrenzbar. da gilt eher das, was Scobel so schön als komplexitätsinkompetenz bezeichnet. und dieser versuch der (analogen) ’naturwissenschaftlichen‘ Methodenanwendung auf gesellschaftswissenschaften ist eben auch in teilen einer — freilich fehlerhaften — Marxrezeption zu finden.
      wenn also Lenin schreibt:

      „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt. Sie ist die rechtmäßige Erbin des Besten, was die Menschheit im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Philosophie, der englischen Ökonomie und des französischen Sozialismus hervorgebracht hat.“ https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1913/03/quellen.htm

      dann übersieht er eben, dass der ‚Marxismus‘ selbst ein kind der historischen umstände ist und darum schon deshalb nicht ‚allmächtig‘ (also ‚ewig‘) sein kann; sondern selbst einer historischen wandlung unterliegt – und unterliegen muss.

  3. „ich bin ja sonst selten mit Sahra Wagenknecht einer meinung, aber ihre Kritik an Merkel, sie sei die Kanzlerin, die im einklang mit den Naturwissenwissenschaften stünde, ist völlig berechtigt. dies ist eine form des technokratie, die politische entscheidungen in das ideologische gewand des expertentums kleidet, um sie als alternativlos darzustellen (ein vorgang, den wir schon vom neoliberalismus in der wirtschaftspolitik her kennen).

    1. Merkel steht in der Tat „im einklang mit den Naturwissenwissenschaften“ – aber nicht wegen bestimmter Entscheidungen,

    sondern weil – sie im Gegensatz zu Corona-LeugnerInnen und BerufsoptimistInnen eine ziemlich realistische Einschätzung der Dynamik der Pandemie und der daraus resultierenden Gefahren hat.

    a) Welche Maßnahmen angesichts der Lage bzw. Gefahr zu ergreifen sind, ist – unstrittig – nicht naturwissenschaftlich determiniert, sondern hängt davon ab, welche (politischen) Ziele in Bezug auf die Pandemie(-Bekämpfung) verfolgt werden.

    Vgl. allgemein zum Verhältnis von Politik und Wissenschaften:

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/about/

    b) Sehr wohl läßt sich aber (mit wissenschaftlichen Methoden) – mehr oder minder genau – voraussehen, welche Konsequenzen diese oder jene Entscheidungen oder Nicht-Entscheidungen haben.

    2. Hinzukommt: Merkel lag zwar im ca. Oktober analytisch richtig, aber konnte sich gerade nicht gegen die LandesregierungschefInnen durchsetzen.

    3. Eine offene Frage ist, ob Merkel von den Beschlüssen von Mittwoch

    ++ inhaltlich überzeugt ist;

    ++ gute Mine zum bösen Spiel macht

    und/oder

    ++ sich denkt: ‚Sollen die Landesregierungs-ChefInnen drei Wochen ihren Willen durchsetzen – dann werden sie sehen, was sie davon haben (nämlich das gleiche Schlamassel, das sie im Oktober und November angerichtet haben).‘

    Zu den Beschlüssen von Mittwoch:

    http://tap2folge.blogsport.eu/2021/03/05/merkels-erfolge-im-kampf-gegen-covid-19-ein-offener-brief-an-den-berliner-senat-und-ein-radio-interview-zu-beidem/

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