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Gedanken zum ‚Normalen‘

in letzter zeit las ich öfter das wort ’normal‘ im zusammenhang mit einer kritischen auseinandersetzung mit der ‚identitätspolitik‘. nun bin ich bin selber nicht gerade ein freund der identitätspolitischen ‚linken‘, aber dieser unkritische gebrauch des wortes ’normal‘ frappiert mich schon. nun bin ich altersmässig ein kind der nach-68er-bewegung, und von daher ist für mich der einfluss der frankfurter schule (und der psychoanalyse) immer aktuell gewesen und — vor allem! — geblieben.

Lowell Keppel, Author at Natural Family Health Care

(das normale muss sich abgrenzen vom fremden; aber erst die auseinandersetzung mit dem fremden erweitert unseren horizont; Bildquelle)

wenn ein Wolfgang Thierse den normal-begriff für sich reklamiert, dann schockt mich das nicht weiter. heutiger sozialdemokratismus und (schlechter) populismus sind für mich schon fast synonym. aber bei einer Sahra Wagenknecht sollte man schon aufhorchen. wenn sie in einem Interview sagt:

„Die identitätspolitische Lifestyle-Linke, die kein Verständnis für die Lebensprobleme und die Weltsicht normaler Leute hat, macht die Rechte stärker und sorgt dafür, dass viele gar nicht mehr wählen.“

dann scheint mir dieser unkritische wortgebrauch schon Methode zu haben.

ich will gar nicht in abrede stellen, dass manche debatten über gendergerechte sprache und politische korrektheit einem moralinsauer aufstossen können. mir geht das auch auf die fortpflanzungsorgane. aber sich positiv darauf zu beziehen, normal als

„so [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt“ (erstes ergebnis bei der google-suche)

zu verwenden, scheint mir doch lichtjahre hinter jeglichen (linken) kritischen anspruch zurückzufallen. wo bleiben die einsichten der Ideologiekritik, des einflusses der Massenmedien und der Kulturindustrie? sind die herrschenden gedanken nicht mehr beeinflusst von den gedanken der herrschenden?

Frederike Kaltheuner on Twitter: "SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen  schien die Welt noch in Ordnung. ADORNO: Mir nicht. https://t.co/VD8b5nFJQt"

ich will auch in keinster weise betreiten, dass linke häufig ein vermittlungsproblem ihrer inhalte haben und die dominanz einer akademischen sprache nicht gerade der massenwirksamkeit dienlich ist. aber zu glauben, nur weil leute lohnabhängig sind (und möglicherweise sogar schwielige hände haben) könnten sie nicht intellektuell sein, ist populistischer workerismus und arroganz der schlimmsten sorte. ist es nicht eine der größten leistungen der arbeiterbewegung, auch menschen, die sonst nicht die chance dazu gehabt hätten, teilhaben zu lassen an den grössten errungenschaften der menschlichen Kulturentwicklung? dass viele leute, die in der arbeiterbewegung ihre karriere gemacht haben, später zu (angepassten) bürokraten wurden, ist zwar ein (erhebliches) problem, spricht aber nicht gegen die these, dass bildung der schlüssel für das politische engagement ist.

„(…)Heute ist das alles vergangen.

Man kann nur durchs Vorzimmer zu dir gelangen.

Du rauchst nach Tisch die dicken Zigarren,

du lachst über Straßenhetzer und Narren.

Weißt nichts mehr von alten Kameraden,

wirst aber überall eingeladen.

Du zuckst die Achseln beim Hennessy

und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie.

Du hast mit der Welt deinen frieden gemacht.

Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht

eine leise Stimme, die mahnend spricht:

»Genosse, schämst du dich nicht –?«“

(Kurt Tucholsky [1923])

die ‚leise, mahnende stimme in der nacht‘ hören heutige sozialdemokraten schon lange nicht mehr. sie machen sich sogar teilweise mehr sorgen über den erhalt des kapitalismus als so manche liberale und direkte unternehmelobbyisten. aber den ‚kleinen leuten‘ ‚aufs maul zu schauen‘ (Luther) gehört immer noch zum arsenal echter sozialdemokratischer populisten.

 „Man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.“

aber obacht, Luthers Bibelübersetzung war eine revolutionäre großtat. hingegen sind Thierses und Wagenknechts einwände gegen die identitätspolitik eher rückwärtsgewandt. sicherlich sind manche positionen der identitätspolitik mit ihrer standpunkt-logik eindeutig überzogen. demnach wäre ein Friedrich Engels als unternehmerspross von vornherein ein veräter an der arbeiterklasse und ein Charles Fourier könnte kein ehrlicher vertreter der weiblichen emanzipation sein und ein weisser dürfte nichts über rassismus sagen, ausser dass er seinen eigenen rassismus zugeben dürfte (oder müßte?). es dürfte ziemlich offensichtlich sein, dass man mit so einer standpunkt/betroffenheits/opfer-logik nichts aufbauen kann. wenn die linke in dieser sackgasse verharrt, wird sie zum untergang verurteilt sein.

auf der anderen seite ist aber eine kritische distanz zur eigenen sprechposition durchaus von nöten. wieviel chauvinismus und paternalismus hat es denn in der eigenen linken geschichte gegeben gegenüber frauen und völkern unterentwickelt gehaltener länder und kulturen? die identitätspolitik ist ein (notwendiger) stachel im unversalismus, der immer dann eingreifen muss, wenn der (stumme) zwang der verhältnisse auf die innerlinken diskurse einfluss nimmt (was notwendig geschieht, da nichts im luftleeren raum stattfindet). dies ist ein wechselverhältnis, das sich nicht ausschliesst, sondern im gegenteil gegenseitig befruchtet. genauso wie reform und revolution sich nicht ausschliessen, sondern ’nur‘ verschiedene entwicklungsphasen darstellen. soviel Dialektik darf es schon bitte sein!

wenn die linke diesen spaghat zwischen verbindenden universalismus und kritischer selbstdistanz zur eigenen sprechposition nicht hinbekommt, wird sie scheitern. vielleicht würde das die welt nicht schlimmer machen, als sie eh schon ist.

aber der wunsch nach einer zukunftsorientierten Hoffnung, – der lässt sich nicht so leicht abtöten. und diese funktion hat — neben einigen religiösen Ideen — immer die linke ausgeübt.

„Sozialutopie arbeitete als ein Teil der Kraft, sich zu verwundern und das Gegebene so wenig selbstverständlich zu finden, dass nur seine Veränderung einzuleuchten vermag.“

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

(Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, wikipedia)

5 Kommentare zu “Gedanken zum ‚Normalen‘

  1. „Dabei irrt Wagenknecht, wenn sie glaubt, dass Arbeiter*innen nur über Lohn- und Brotfragen gewonnen werden können. Sie unterschätzt, dass auch Arbeiter*innen queer und migrantisch sind, sich für Klimaschutz einsetzen, und auch ein objektives Interesse daran haben, nicht gegeneinander ausgespielt zu werden.

    Natürlich trifft das nicht alle Arbeiter*innen und darf die Arbeiter*innenklasse nicht romantisiert werden. In ihr sind rassistische, sexistische oder homophobe Ideen verbreitet. Diese Vorurteile sind das Ergebnis der Sozialisation in einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf Spaltungsmechanismen wie Rassismus und Sexismus basieren und deren Medien, Politiker*innen und Institutionen jeden Tag reaktionäre Ideologien reproduzieren. Menschen, die auf Grund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden, müssen ständig gegen sehr greifbare Schlechterstellungen, z.B. bei Löhnen oder der Wohnungssuche ankämpfen aber auch dafür streiten, dass die Tatsache ihrer Benachteiligung überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Wer, wie Wagenknecht, in den Chor derer einstimmt, die all das als „Identitätspolitik“ abtun, stößt jene vor den Kopf, die sich im Kampf gegen die Verhältnisse nicht selten als erstes radikalisieren und die Verhältnisse als ganzes infrage stellen.

    Der Kampf um gleiche Rechte ist keine Spaltung der Klasse, im Gegenteil. Die Einheit der Klasse schließt ihre Minderheiten und besonders unterdrückte Gruppen mit ein. Nur, wenn ihr Kampf ernst genommen wird und man sich für die Befreiung aller Teile der Klasse einsetzt, kann diese Einheit auch hergestellt werden. Wagenknecht macht das Gegenteil: Sie gießt Öl ins Feuer, das von Rassist*innen wie der AfD gelegt wurde. Das Ergebnis ihrer Politik ist die Spaltung der Arbeiter*innenklasse und der Linken.“

    https://www.sozialismus.info/2021/05/rechtsreformistische-linkskonservative/

  2. nachdem ich mir jetzt die interviews mit Thierse angehört habe, scheint mir sein gebrauch des wortes ’normal‘ eher im sinne des durchschnittlichen, gewöhnlichen und gewohnsmässigen gemeint gewesen zu sein. so wie man auch selber gern mal sagt ‚das ist normal‘, um damit zum ausdruck zu bringen, dass eine sache kein beinbruch sei. dies mag zwar eine gewisse sprachliche bedeutungsvielfalt zum Ausdruck bringen, die Thierse als germanist hätte berücksichtigen müssen; aber eine tiefere politische absicht würde ich ihm damit NICHT unterstellen wollen (leider kann ich seinen FAZ-artikel zur identitätspolitik nicht lesen, weil sie noch paywall-geschützt ist).
    hingegen bedient Wagenknecht die volle populistische klaviatur, auch wenn ich ihr in einigen einwänden gegen die identitätspolitik zustimmen muss. aber ihr ausspielen von ’symbolpolitik‘ gegen (ökonomische) brot-und butterfragen sollte man mit vorsicht geniessen, auch wenn es sich ‚links‘ anhört.

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