Uncategorized

BlogSache

Zur Zukunft der ‚linken‘ ?

ich habe ja schon lange hier nichts mehr upgedatet. das hatte zum einen den grund, dass ich zur zeit beruflich ziemlich eingespannt bin. aber auf der anderen seite hatte ich auch gemerkt, dass meine bisherige ‚selbstverständliche‚ identifikation mit gewissen ‚linken inhalten‘ immer bröckeliger wurde; so fiel es mir zunehmend schwerer, meine gedanken für artikel in worte zu fassen, ohne bei jedem satz zig fragezeichen im kopf zu haben. als ersatz konzentrierte ich mich eine zeitlang auf ‚filmkritiken‘, was ich auch wirklich interessant finde, aber auf die dauer ist das für einen blog, der doch eher auf politische analysen fokussiert ist, keine wirkliche ‚lösung‘.

so möchte ich meine wenige knappe zeit nutzen, um in diesem artikel ein vorläufiges ‚fazit‘ in sachen stand der ‚linken sache‘ zu wagen und welche konsequenzen das eventuell auch für die weitere entwicklung meines blogs hat.

ich möchte vorausschicken, dass ich nur hier nur meine subjektive wahrnehmung wiedergeben kann. ich kann unmöglich das interne leben jeder partei, vereinigung oder kleinstgruppe kennen und, ehrlich gesagt, scheint mir das eher auch ein teil des gesamtproblems zu sein als in irgendeiner weise hilfreich. womit wir auch schon mitten im thema sind …

…Das Fiasko der post-68er-Linken

ich bin jahrgang 1959. ich habe also die 68-bewegung zwar mitgekriegt, aber war natürlich nicht wirklich beteiligt. meine sympathien waren klar auf seiten der protestierenden studenten, die leidenschaftlich gegen den Vietnam-Krieg auf die strasse gingen und wir skandierten auf den bürgersteigen in einer dörflichen kleinststadt (5000 Einw.) HO, HO, HO Tschi Minh-sprechchöre, obwohl wir gar nicht wussten, wer das ist. ich glaube im nachhinein, es war der rebellische geist, der uns ansprach. der klassikerspruch der APO „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“ spiegelt diesen rebellischen geist nahezu perfekt wider. allerdings bezog er sich seinerzeit auch auf das erbe des NS-Faschismus, das ja in der Bundesrepublik aus strukturellen gründen nie wirklich aufgearbeitet werden konnte. dieser aspekt spielt heutzutage natürlich eine geringere rolle, aber als phänomen des Neofaschismus hat er die eigenschaft eines untoten Wiedergängers (was natürlich auch mit der nicht aufgearbeiteten geschichte zusammenhängt).

"Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" steht auf einem Spruchband, das Studenten am 09.11.1967 beim Eintritt des neuen und des alten Rektors der Universität Hamburg ins Auditorium Maximum halten. Links hinter dem Spruchband der ehemalige Rektor, Prof. Dr. med. Schöfer, rechts der neue Rektor, Prof. Dr. rer. pol. Ehrlicher.  (picture-alliance/ dpa)

(Bildquelle: deutschlandfunk)

das motiv der studentenbewegung war also eine auflehnung gegen autoritäre strukturen in staat, gesellschaft und bildungssystem. psychoanalytisch steckte dahinter gewiss auch eine auflehnung gegen die elterngeneration, die man als ‚tätergeneration‘ ansah (verurteilte). dass der apfel aber bekanntlich nie weit vom stamm fällt, hatte man aber dabei wohl weniger reflektiert.

das schweigen der ‚tätergeneration‘ war der ausdruck ihrer unfähigkeit zu trauern (Mitscherlichs), aber diese unfähigkeit hatte auch auswirkungen auf ihre kinder. diese unfähigkeit ist nämlich in letzter instanz die verdrängung aller ehrlichen gefühle. und menschen, die nie authentisch zu ihren gefühlen stehen können, werden auch keine zur souveränität fähigen menschen erziehen können. so wiederholen sich dieselben emotionalen konflikte immer wieder von neuem und die „alte scheisse“ (Marx) muss sich notwendig wieder herstellen. so geschah es auch im zuge der entwicklung der nach-68er-linken.

(ohne dieses Buch gibt es keinen echten Antifaschismus)

ich will hier keine geschichte der nach-68-linken schreiben (und schon gar nicht einen ‚kurzen lehrgang‘ 😉 ); es reicht zu wissen, dass sich die ‚bewegung‘ in gefühlt hunderte fraktionen und unterfraktion zersplitterte. wie immer, wenn man glaubt, man müsse einen ‚heiligen gral‘, die ‚reine lehre‘ oder das ‚unbefleckte programm‘ beschützen, entstehen sekten und sekten von sekten ad infinitum.

ich will hier nicht den falschen eindruck erwecken, dass alle diese spaltungen stürme im wasserglas waren. viele hatten und haben durchaus ihre ernsthaftigkeit und berechtigung. nur ist das problem, dass für die meisten ’normalsterblichen‘ diese spaltungsgeschichten eher an eine ‚esoterische geheimlehre‘ erinnern und von daher nicht (oder kaum) nachvollziehbar sind. und was nützt ein ‚gutes programm‘, wenn sich die anzahl seiner anhänger an zwei oder drei händen ausrechnen lässt?

nach 50 jahren ’neuer linke'[1] laute mein fazit: sie fristet ein trostloses nischendasein in den trümmern ihrer eigenen fragmente. und nur ein ‚wunder‘ könnte ihr leben einhauchen.

Soziale Bewegungen als Ausweg aus dem Organisationsdilemma?

nun könnte man argumentieren, dass, wenn das schon mit den parteien und organisationen nicht der wahre Jakob ist, dass dann doch die linken bedeutende soziale bewegungen auf die beine gebracht haben. sei es die frauenbewegung, die umweltbewegung, die klimabewegung und die bewegung für die Rechte der LGBTI[2].

nun will ich mitnichten die bedeutung dieser sozialen bewegungen mindern, aber in dieser hinsicht bin ich immer noch ein ‚orthodoxer leninist‘: wenn sich eine bewegung nicht organisatorisch verstetigen kann, wird sie irgendwann stagnieren und ‚versumpfen‘.

nun mag der ansatz, über die organisierung von ‚bewegungen‘ (auch) einen organisationsaufbau zu betreiben, was für sich haben. aber ohne eine einigung über die wesentlichen programmfragen[3] wird es wohl keinen stabilen laden geben können. bislang wurde für diese quadratur des kreises (noch?) keine praktikable lösung gefunden. ob es überhaupt eine gibt, steht in den sternen.

Meine Konsequenzen aus dem Gesamt-Schlamassel

solange es also keine politisch brauchbare alternative gibt, die man unterstützen könnte (und ich habe auch arge zweifel, das es überhaupt jemals eine geben könnte), werde ich mich weiterhin eher für etwas abseitigere themen (wie film- und kulturkritiken) interessieren und nur im bedarfsfall auf politische analysen zurückgreifen. auch das thema politische repression beschäftigt mich sehr (in letzter zeit der Fall der jungen welt, der ja fast nahtlos an den linksunten-indymedia-Fall anschliesst), aber da dafür sehr viel juristisches wissen erforderlich ist, verweise ich da lieber auf den blog von Theorie als Praxis; die sind in dieser hinsicht wesentlich kompetenter!

die verteidigung der meinungs- und pressefreiheit scheint mir jedenfalls die zentrale aufgabe zu sein, wenn die linken überhaupt noch um gesellschaftliche hegemonie kämpfen wollen.

[1] ich zähle auch die strömungen, die an vorkriegstraditionen anknüpfen, zur ’neuen linken‘, da ihre Kader sich (biografisch) hauptsächlich aus der studentenbewegung politisierten (zumindest in Deutschland).

[2] in Berlin ist in letzter zeit die initiative „deutsche wohnen und co enteignen“ recht erfolgreich (so weit ich das mitkriege). auch wenn ich den strategischen ansatz dieser initiative nicht richtig finde [siehe auch hier], so scheint zumindest die bewegung eine gewisse breite und resonanz zu finden. was angesichts der existentiellen bedeutung der miet- und wohnungsfrage nicht ganz überraschend sein kann. Michael Prütz, ein Sprecher dieser Kampagne, sagte zu recht: die wohnung ist die basis des lebens. [eine basis des lebens wäre wohl richtiger]

[3] im ehemaligen NaO-Prozess wurde das Essential-Debatte genannt. auch wenn der NaO-prozess letztlich gescheitert ist, halte ich diesen ansatz nach wie vor für richtig.

2 Kommentare zu “BlogSache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.