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Thesen zum Zustand der ‚linken‘ in Deutschland

die anstehenden wahlen haben mich in einen gewissenskonflikt gebracht. eigentlich habe ich null bock, irgendwo ein kreuz zu setzen. auf der anderen seite verstehe ich aber auch das argument, den rechten nicht unnötige (wahlpolitische) terraingewinne zu überlassen. in diesem kontext sind diese thesen ein versuch, den ‚zustand der linken‘ zu beschreiben, weil anders auch keine aufgabenbestimmung möglich ist.

das thema ist eigentlich mehr was für einen historiker. ich selbst sehe mich aber bestenfalls als ‚publizististischer aktivist‘, der nur sein (angelesenes) wissen und seine (marginalen) erfahrungen mit ein paar kleineren linken gruppen vorweisen kann. unnötig zu erwähnen, dass diese thesen nur meiner eigenen gedankensortierung dienen und kein satz in stein gemeisselt ist.

1.-

der begriff der ‚politischen linken‘ bedarf mehrerer präzisierungen. historisch unterscheide ich der einfachheit halber zwischen der ‚alten‘ (arbeiterbewegung) und der neuen (studentischen) linken. der unterschied liegt auf der hand. die alte arbeiterbewegung hatte mächtige (partei)apparate und war soziologisch in den arbeiterschichten verankert. die neue linke hatte das nicht. (die frage nach den gewerkschaften klammere ich in diesen thesen aus).

wo man da genau die zäsur ansetzt ist nicht ganz eindeutig. man könnte 1945 nehmen, aber auch Godesberg oder auch 1989. das ist ein bisschen willkürlich und lässt sich schwer objektivieren. fakt ist, dass der faschismus (und der stalinismus) der deutschen arbeiterbewegung den todesstoss versetz hatte.

die 50er und 60er waren dann geprägt vom rausch des nachkriegsboom („wirtschaftswunder“). erst die jugendrevolte und die 68er bewegung stellten dann (wieder) den ‚kapitalistischen normalvollzug‘ in frage. vor allem wurde die frage nach der ‚tätergeneration‘ gestellt. wie konnte ‚Auschwitz‘ passieren?

der faschismus wurde aber nicht aus den bedingungen der bürgerlichen gesellschaft erklärt (die in Deutschland tatsächlich ein paar besonderheiten aufwiesen und aufweisen), sondern aus einer ‚psychologischen dämonisierung‘, die damit auch gleichzeitig ins ‚vor-politische‘ verwiesen werden. (die bestrebungen der sog. ‚anti-deutschen‘ haben hier ihren unheilvollen ursprung, während die Frankfurter Schule mehr oder weniger als intellektuelle rationalisierung herhalten muss. die kapitalistische (demokratische) zivilisation sei in ihrem wesen nach ‚anti-faschistisch‘ und müsse gegen die ‚barbarei‘ verteidigt werden. dass die barbarei aber der kapitalistischen zivilisation inhärent ist, wird geflissentlich ‚übersehen‘. nebenbei kann auch noch das primat der ‚klassenfrage‘ als historischer ‚müll‘ entsorgt werden und man kann sich fein als ‚linker‘ wie die made im speck in den metropolen einrichten. kein (anti-imperialistisches) schlechtes gewissen muss einem mehr quälen (und ein urlaub auf den Bahamas sitzt auch noch sicher drin 😉 ).

2.-

aber nicht nur die ‚politische linke‘, sondern auch der kapitalismus hat sich verändert. während der alte industriekapitalismus und der fordismus noch eine gewisse organisierung von arbeiterschichten ermöglichte (und teilweise auch beförderte), ist der neoliberale kapitalismus dabei, die individuuen (eigentlich ein zu hoch gegriffenes wort) in monaden zu zergliedern, die den begriff ‚solidarität‘ jeglichen sinns berauben. da die alte ‚klassenfrage‘ dadurch an zugkraft verloren hat, hat man neue ‚kampffelder‘ entdeckt wie den ‚geschlechterkampf‘ und den ‚anti-rassismus‘. ohne auf das verhältnis von class, gender und race weiter einzugehen, ist aber die trennung von ‚klassisten‘ und ‚post-modernen‘ ein weiterer streitpunkt innerhalb der linken bewegung.

3.-

neben den (ungeklärten) baustellen faschismus/antifaschismus und klassenstandpunkt und intersektionalität kommt natürlich in wahlzeiten noch ein anderes thema auf die tagesordnung: die staatsfrage, die auf die regierungsfrage eingedampft wird.

die meisten linken vertreten den (pragmatischen) standpunkt vom ‚kleineren übel‘. und angesichts der gesellschaftlichen kräfteverhältnisse kann ich diesem standpunkt sogar ein gewisses mass an sinnhaftigkeit abgewinnen. allerdings habe ich keinerlei illusionen in rot-rot-grün. ich sehe aber auch keinen sinn darin, z. b. der SGP meine stimme zu geben, auch wenn die programmatische übereinstimmung vermutlich am grössten ist. was nützt reiner propagandismus, wenn nicht die ‚einführung des sozialismus‘ zur debatte steht, sondern die verteidigung elementarer sozialstandards (die aber auch mit rot-rot-grün gefährdet wären)?

Plakate unseres Spitzenkandidaten - Die PARTEI Berlin

vlt. stirbt die Hoffnung wirklich; aber wenn schon ein Abgang, dann doch mit fliegenden Fahnen, oder?! Bildquelle: die Partei.

ich sehe mich daher ausserstande, eine wahlempfehlung abzugeben. aber einfach am sonntag im bett zu bleiben, scheint mir auch nicht richtig zu sein. dann lieber mit der faust in der tasche sein kreuz da machen, wo man am wenigsten brechreiz bekommt und am Montag wieder in den täglichen sozialen kämpfen und den kleinlichen Katz- und Mausspielen eine wichtige Charakter-eigenschaft bewahren: gegen den Strom zu schwimmen!

2 Kommentare zu “Thesen zum Zustand der ‚linken‘ in Deutschland

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