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Zufall, Wahrscheinlichkeit und die „Sinnfrage“

Filmbesprechung: Helden der Wahrscheinlichkeit, Dänemark 2020

ich habe lange gezögert, mir diesen film überhaupt anzuschauen. ich bin kein grosser freund ’skuriler typen‘, aber den plot fand ich dann doch irgendwie spannend. nach dem ersten schauen fand ich ihn zwar ganz ‚interessant‘, aber so richtig überzeugt hatte er mich nicht. erst nach dem zweiten schauen wurde mir die handlung etwas klarer. wobei der begriff ‚klarheit‘ eigentlich schon falsch gewählt ist. erstens ist die konstruktion der handlung schon arg gewollt und zweitens ist die konklusion des ganzen, dass man das leben zwar in kausalketten aufdröseln kann, aber sich daraus noch lange kein ’sinn‘ ergibt, mir schon vorher bewusst gewesen. den ‚tieferen sinn‘ dieses films findet man daher weniger in seinen handlungssträngen, sondern mehr in in der beziehungsdynamik der einzelnen protagonisten untereinander.

der kern des beziehungsdramas liegt in einer ziemlich verkorksten Vater/Tochter-beziehung. da die Mutter bei einem ‚Zugunglück‘ stirbt, wird die ehe zwischen ihr und Markus (Mats Mikkelsen) nicht weiter thematisiert (was kein Schaden ist, da der film sich ohnehin zuviel vornimmt). gleichzeitig ist dieses ‚Zugunglück‘ der ausgangspunkt eines ‚Thrillers‘, der sich zum ende hin auch noch als Verwechslung herausstellt.

(Mads Mikkelsen, Bildquelle: wikipedia)

dass im finale eine ganze rockerbande (die aber mit dem zugunglück selbst wohl nichts zu tun hatte) erschossen wird (wenn auch in einer notwehrsituation) und dann trotzdem noch ein ‚besinnliches‘ weihnachten gefeiert wird, stellt die frage nach dem ’sinn‘ auf eine absurde spitze. zwar gelingt es dem film, für aussenseiter der gesellschaft ein hohes mass an verständnis aufzubringen; das rechtfertigt aber noch lange keinen rachefeldzug, auch wenn diese rocker in anderer hinsicht sicherlich keine engel gewesen sind. die unschuldsvermutung, solange nicht der beweis des gegenteils vorliegt, ist schon ein hohes rechtsgut, was unter keinen umständen verletzt werden darf.

überhaupt ist die ‚gewalt‘ ein grosses thema. Markus ist als Soldat im auslandseinsatz ohnehin damit konfrontiert und scheint davon auch psychisch stark belastet zu sein. auch im privaten umfeld neigt er dazu, gewalt als ‚lösung‘ von konflikten anzuwenden.

dass er seiner tochter nicht mal helfen kann, den tod der mutter zu betrauern, weil er seinen eigenen gefühle abwehren muss, wird überdeutlich. anstatt dass er einfach mit ihr redet (auch wenn er auf ihre religiösen fragen nicht eingehen kann oder will) rät er ihr, von 500 runterzuzählen, damit sie besser einschlafen kann. diese art der emotionalen amnesie ist nicht nur bei traumatisierten anzutreffen, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches phänomen (und damit natürlich auch ein grosses problem, auch politisch).

auf die drei ‚Wahrscheinlichkeitstheoretiker‘ möchte ich nicht weiter eingehen. da sollte sich jeder selbst eine meinung bildung. mir scheinen sie eher eine ‚komödiantische‘ attidüde in einen film einzubringen, der eigentlich eher eine tragödie ist. eine gewisse ausnahme bildet Otto, weil er dadurch, dass er der Mutter einen platz im zug angeboten hat, sich an ihrem tod (mit)schuldig fühlen kann. vlt hat das sogar seine entscheidung beinflusst, sich auf eine 95%ige Übereinstimmung verlassen zu wollen

Fazit

der plot ist ziemlich gut, aber die schauspieler-typen wirklich ziemlich schräg (zumindest, wenn man wie ich vom amerikanischen mainstream-kino geprägt ist). Mads Mikkelsen spielt sehr gut, hat aber auch eine psychomacke und neigt zur gewalt als lösung. sein job als soldat spielt da sicher auch mit rein. die anderen typen sind zwar fachidiotisch-schlau, aber völlig durchgeknallte subjekte und sozial unbeholfen (milde ausgedrückt). später wird die ganze situation noch absurder (mit dem Dazukommen von Bodashka), aber auch familienähnlicher. auch der schluss ist sehr problematisch, weil das ganze in einer gewaltorgie endet, auch wenn es eine ’notwehrsituation‘ war. der film ist sehr durchkomponiert, will aber meines erachtens zu viel: die wahrscheinlichkeitstheorie als antwort auf die sinnfrage zu nutzen, führt zu nichts; nur in den beziehungen der menschen untereinander liegt der ’sinn‘ begründet, der sich selbst ’schafft‘. der schlussteil (Weihnachtsfeier) ist sehr besinnlich und scheint den einzelnen einen Platz (Lebenssinn) zuzuweisen, aber der film verliert einen gutteil seiner möglichen wirkung durch seine schräge besetzung. wenn man diesen plot mit einer hochkarätigen ’star‘-besetzung produzieren würde, könnte das ein ‚grosser film‘ werden. aber vlt würde er dann auch seine heiter-komödiantischen aspekte verlieren. und wie könnte man den ‚ernst des lebens‘ ertragen, ohne eine gehörige portion humor?!

Bewertung: 6,5 von 10



Ein Kommentar zu “Zufall, Wahrscheinlichkeit und die „Sinnfrage“

  1. „die wahrscheinlichkeitstheorie als antwort auf die sinnfrage zu nutzen, führt zu nichts“

    dieser satz ist ein bisschen irreführend, denn tatsächlich erläutert Otto in dem film, dass die kausalen ereignisse für sich alleine keinen sinn ergeben, denn jedes ereignis hat seine eigene ‚individuelle‘ geschichte, das nur im (beziehungs)kontext ‚bewertet‘ werden kann.
    insofern ’nutzt‘ der film nicht die wahrscheinlichkeitstheorie, um die ’sinnfrage‘ zu beantworten, sondern um sie überhaupt zu stellen und in letzter instanz zu widerlegen (insofern man bei ‚glaubensfragen‘ überhaupt von ‚widerlegen‘ sprechen kann. letztlich kann wohl nur die kombination aus erfahrung und ständig anzupassender theoretischer verallgemeinerung uns etwas über das ‚leben‘ lehren. für die ‚transzendenten‘ fragen gilt das aber nicht uneingeschränkt; dort bleibt immer auch platz für das [kaum] sagbare, aber nicht zwangsläufig nicht vermittelbare).

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