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Helden in postheroischen Zeiten

da sowohl in filmen als auch in der literatur immer wieder der topos des ‚helden‘ bemüht wird und mich auch das thema ‚persönlich‘ anspricht (ich kann nicht mal richtig sagen, warum) hier ein paar überlegungen dazu.

vermutlich hat es zu allen zeiten und in allen gesellschaften menschen gegeben, die über ‚besondere‘ fähigkeiten verfügten. einige waren vlt. körperlich sehr stark oder geschickt beim jagen oder sehr trickreich beim umgang mit allerlei gefahren. aus diesem stoff schöpfen die sagen über namen, die wir alle kennen: Odysseus, Herkules, Arthus und die Ritter der Tafelrunde, Siegfried oder von mir aus Robin Hood. (der einfachheit halber unterscheide ich nicht zwischen göttermythen und (gewöhnliche) heldensagen, weil es mir nur um die ‚funktion‘ des Heldenbegriffs geht)

dabei ist es kein zufall, dass die Helden eher in vormodernen zeiten agieren, denn tatsächlich ist mit der entwicklung der industriellen produktion der heldenbegriff fragwürdig geworden. man spricht in diesem zusammenhang auch von der ‚postheroischen‘ gesellschaft.

dies erklärt sich (teilweise) zum einen aus der entwicklung des ’sozialstaats‘, der den kampf ums dasein ‚abgefedert‘ hat. aber auch der konformitätsdruck der gesellschaft hat zu einer stärkeren ‚vermassung‘ geführt, der es dem einzelnen schwerer macht, herauszustechen.

so heisst es bei Dostojewski:

„Held sein, eine Minute, eine Stunde lang, das ist leichter als in stillem Heroismus den Alltag tragen. Nehmt es nur auf euch, das Leben in diesem grauen, eintönigen Alltag, dieses Wirken, für das euch niemand lobt, dessen Heldentum niemand bemerkt, das in niemandem Interesse für euch erweckt; wer diesen grauen Alltag erträgt und dennoch dabei Mensch bleibt, der ist wahrhaft ein Held.“

diese ‚definition‘ passt vollkommen zur ‚vermassten‘ gesellschaft. und ich will auch nicht bestreiten, dass es dieses ‚Heldentum des Alltagslebens‘ tatsächlich gibt. aber meines erachtens scheint mir das wesen des helden(begriffs) genau darin zu bestehen, dass er/sie sich gerade aus der ‚grauen Masse‘ abhebt. (daher sind auch die kostüme der superhelden nicht nur Markenzeichen, sondern Symbole. so ist z. b, die fledermaus bei Batman ein zeichen für die überwindung der Angst.)

noch einen schritt weiter geht Brecht:

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

auch diese ‚definition‘ kann ich verstehen, wenn man heldengeschichten als eine realitätsflucht ge(miss)braucht. aber wer sagt denn, dass heldengeschichten immer eskapistisch sein müssen?

so schreibt Tolkien über den vorwurf des eskapismus:

„Wieso sollte jemand verachtet werden, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und heimzugehen? Oder, sofern das nicht geht: wenn er über andere Themen nachdenkt und spricht als über Wärter und Kerkermauern?“

in diesem zitat befindet sich mehr sozialkritik beim ‚konservativen‘ Tolkien als beim ‚progressiven‘ Brecht. zwar möchte Brecht, dass der leser die literatur (und das theater) als bildungsauftrag versteht, aber man kann den leuten ja nicht verdenken, dass sie auch gern mal das alltagsleben ‚vergessen‘ möchten. insofern kann man den eskapismus der literatur (und des kinos) ähnlich ambivalent sehen, wie Marx die Religion gesehen hat:

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

also, sowohl ausdruck der wirklichen zustände, als auch protest gegen die wirklichen zustände! das sollte man im hinterkopf behalten.

die aufklärungs– und ‚bildungseuphorie‘ der hegemonialen linken des 20. jahrhunderts ist meines erachtens daran gescheitert, dass sie die bedürfnisse und sehnsüchte der menschen nach zerstreuung und unterhaltung unterschätzt oder sogar vollkommen ignoriert hat (wie offensichtlich Brecht). nur wenige ‚andere‘ linke haben auf diese gefahr aufmerksam gemacht. so unter anderem Wilhelm Reich, aber auch Ernst Bloch. so heisst es bei Bloch:

„Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ [1935]

ob diese unterscheidung von ‚Menschen‘ und ‚Sachen‘ in dieser schärfe wirklich gerechtfertigt ist, kann ich nicht sagen; aber wer schon mal eine diskussion in einem linken konventikel erlebt hat, kann vermutlich nachvollziehen, was Bloch mit dieser unterscheidung gemeint haben könnte. (in eine ähnliche kerbe schlägt Wilhelm Reich mit seiner kritik am ‚fetisch der hohen politik‚)

der erfolg (auch kommerziell) von fantasy- und science fiction-geschichten auch unter (post)modernen gesellschaftsbedingungen zeigt zumindest, dass diese sehnsucht nach anderen welten und helden ungebrochen weiterbesteht (auch wenn diese heldengeschichten teilweise ironisch gebrochen und dekonstruiert werden, ändert das aber an dem fakt nichts). und ich denke, wir brauchen diese helden auch als ‚Vorbilder‘, damit wir sehen, dass es auch alternativen zur vermassung geben kann; die uns Mut zum ’nein‘-sagen machen und uns anderes handeln lassen. sehr schön hat das Konstantin Wecker gesungen:

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
Was keiner sagt, das sagt heraus
Was keiner denkt, das wagt zu denken
Was keiner anfängt, das führt aus. Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
Wenn alle mittun, steht allein. Wo alle loben, habt Bedenken
Wo alle spotten, spottet nicht
Wo alle geizen, wagt zu schenken
Wo alles dunkel ist, macht Licht

2 Kommentare zu “Helden in postheroischen Zeiten

  1. wenn ich mir die bedingungen prähistorischer jagdgesellschaften vorstelle, dann war vermutlich die kooperation wichtiger als das ‚heldentum‘. die popularität von heldengeschichten setzt daher eine relativ fortgeschrittene individualisierung voraus. aber erst die entzauberung der welt in der moderne hat die heldengeschichten als gegenkultur etabliert (vorher war es die romantik).

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