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Wann findet Transformation statt?

Bemerkungen zur (Dauer)Krise des/der ‚linken Projekt(s/e)

ich bin seit meinem 15 lebensjahr mehr oder weniger von linken politischen ideen infiziert, aber noch nie war es sooo schlecht bestellt um die ‚linke‘. dabei meine ich noch nicht mal die zustände in der Linkspartei, die nur noch ein bild des jammers abgibt. die Linkspartei hat mich eh immer nur als Wahloption interessiert, programmatisch-organisatorisch konnte ich noch nie viel abgewinnen. ich muss allerdings zugeben, dass ich immer etwas schwankend war, ob man seinen ‚eigenen laden‘ aufmachen soll, oder ob an der Entrismus-theorie doch ein körnchen wahrheit sein könnte. diese debatte dürfte nun mehr nur noch akademisch sein. 😉

Wann platzt die Blase? (Bildquelle: taz)

als kind der nach-68er-bewegung habe ich die erfahrung, vermutlich die ‚hochphase‘ der linken szenen im nachkriegsdeutschland erlebt zu haben. diese phase ist definitiv abgeschlossen mit dem jahr 1989. ich war noch nie ein freund geschichtlicher betrachtungen (und schon gar noch von historischen analogien), darum kann ich nur kursorische ausführungen zu den gründen der linken misere abgeben.

–der zusammenbruch des ‚ostblocks‘ hat den glauben an die möglichkeit des ‚realsozialismus‘ endgültig beendet. dieser glaube war aber auch schon vorher deutlich erodiert.

–China tritt nicht mehr als ‚revolutionärer‘ faktor im antikolonialen kampf auf, sondern sucht seinen platz im imperalistisch dominierten weltsystem. (die frage, ob russland ‚imperialistisch‘ ist, kann ich nicht beantworten, neige aber dazu, Russland als ‚Schwellenland‘ anzusehen, auch wenn es militärisch ’stark‘ ist; zumindest, wenn es als Regionalmacht auftritt. insofern bekommt der spruch vom ‚ende der geschichte‘ nachträglich zumindest eine gewisse plausibilität.

— die gewissheiten der grossen erzählungen (zu denen auch der ‚Marxismus‘ gehört) sind durch den vormarsch der postmodernen philosophien stark erschüttert. wenn auch der fortschrittsoptimismus und der glaube an den rationalismus (erbe der aufklärung) auch schon vorher problematisch war, so kann man heutzutage den vollständigen verlust allgemeinverbindlicher (ethischer) werte konstatieren. ausser den wert, der durch den Geldwert ausgedrückt werden kann (Warenfetisch).

— das ‚revolutionäre subjekt‘ ist endgültig verloren gegangen. währen Marx und Engels im Proletariat noch den hegelschen weltgeist entdecken (wohl besser: hineininterpretieren) konnten, ist heutzutage völlig unklar, wo das zentrum der ‚weltrevolution‘ liegen könnte: bei den halbkolonien, bei den marginalisierten, bei den frauen, bei den LGBT … man weiss es nicht.

als ich mit dem ‚Marxismus‘ in jungen jahren kontakt bekam, war ich von seiner theoretischen stringenz fasziniert (was ich natürlich heute kritischer sehe). heutzutage gibt es fast nichts mehr, wovon man überzeugt sein kann, so dass es natürlich auch kaum möglich ist, für was übergeordnetes einzustehen (ausser für den eigenen [egoistischen] vorteil).

ich weiss, dass ich mit der geschlechterfrage ein minenfeld betrete, aber dieses thema muss angesprochen werden. die debatte in der Linkspartei habe ich nicht verfolgt, aber es erstaunt mich nicht, dass auch ‚linke strukturen‘ von der sexismusproblematik nicht verschont sind. was allgemein-gesellschaftlich vorherrscht, existiert natürlich auch in linken gruppen. warum sollten ‚linke‘ männer (und ‚linke‘ frauen) anders ticken als normalos? die veränderung der persönlichkeitsstruktur ist ein tiefenprozess, kein (rein-rationaler) bewusstseinsprozess.

und wenn selbst die geschlechtliche identität nicht sicher ist, … ja, an was soll man sich denn sonst halten?

nur, um nicht falsch verstanden zu werden. ich sagen nicht, dass das geschlechterverhältnis ein (reines) naturverhältnis sei. ich sage vielmehr, dass das geschlechterverhältnis ein verschränktes Natur – und Sozialverhältnis ist (von mir aus auch sozial konstruiert). aber alles mit dem bad auszuschütten, was sich in 10 000 jahren menschlicher evolution entwickelt hat, kann nur verunsicherte menschen hinterlassen.

und verunsicherte menschen machen (seltenst) revolutionen ….

was die möglichkeiten ein neuen ‚linken projektes‘ anbetrifft, bin ich äusserst skeptisch. ich glaube, ‚wir‘ haben jetzt eine lange durststrecke vor uns, die wir am besten überbrücken, indem wir uns neu theoretisch bewaffnen.

„Ehe das Proletariat [sprich: revolutionäre Subjekte] seine Siege auf Barrikaden und in Schlachtlinien erficht, kündet es die Ankunft seiner Herrschaft durch eine Reihe intellektueller Siege an.“ (Karl Marx)

6 Kommentare zu “Wann findet Transformation statt?

  1. dass auch die (neuen) medien einen einfluss auf die de-politisierung der gesellschaft haben, habe ich im obigen artikel nicht aufgeführt. am beispiel des influencer-phänomens kann dies sehr gut illustriert werden:

  2. ich habe vor kurzem eine karikatur auf facebook gesehen, wo marx und engels am grab der Linken weinen und sagen, dass es selbstmord war.
    ich finde das zu kurz gegriffen. sicher macht die Linke viele hausgemachte fehler. nicht zuletzt versucht sie, [zu viel] unvereinbares unter einem dach zu vereinen. aber linke politik steckt insgesamt in der krise, die nicht so einfach zu ‚lösen‘ ist. nur ein austausch von personal würde vermutlich zu gar nichts führen. und die linken (klein)gruppen ausserhalb der Linken wirken auch nicht gerade so, als ob sie eine alternative darstellen könnten.
    eine plattform auf einem minimalkonsens wäre vermutlich das einzige, was derzeit möglich wäre. aber der NaO-prozess, der genau das versucht hat, ist schon nach kurzer zeit gescheitert.
    vor dem erfolg steht die mühe und vor dem wachstum der spaltpilz. 😉

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