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Der Zerfall des ‚Politischen‘ und warum Kulturkritik?

in einem artikel der NZZ (16.09.22) über den „strukturwandel der öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas) werden ein paar medienkritische aspekte angesprochen, die auch mich beschäftigen. ich werde den artikel als aufhänger verwenden, um meinen eigenen (vorläufigen) diskussionsstand zu skizzieren (denn mehr als ’skizzieren‘ wird wohl nicht realistisch sein).

laut artikel sieht Habermas in sozialen netzwerken eine gefährdung der ‚demokratie‘. lassen wir vorerst den demokratiebegriff beiseite, so kann man zumindest feststellen, dass der einfluss des internets zu einer zersplitterung des gesellschaftlichen gefüges beiträgt, aber auf der anderen seite schafft er auch vorher ungeahnte möglichkeiten für den aufbau kritischer gegenöffentlichkeiten.

„In einer idealen Welt gäbe es weder Twitter noch Facebook. Instagram, Youtube und Tiktok sowieso nicht. Jedenfalls dann, wenn Jürgen Habermas sie entwerfen würde. Denn die ideale Welt ist für ihn eine, in der aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger im gleichberechtigten Gespräch über die Verwirklichung moralisch gerechtfertigter Ansprüche debattieren.“

in zwei sätzen werden hier vier schwerwiegende philosophische implikationen vorausgesetzt, die das Habermassche konstrukt als reinen idealismus erweisen (wenn der artikel dies richtig wiedergibt):

  • eine ideale welt (gibt es sowas überhaupt und wer legt die kriterien dafür fest?)
  • aufgeklärte bürger (als Normzustand)
  • gleichberechtigter Diskurs (in einer von interessengegensätzen durchzogenen welt)
  • moralisch gerechtfertigte ansprüche (aber welche ansprüche sind moralisch gerechtfertigt und wer entscheidet dies und wie wird es entschieden?)

anstatt also die ambivalenz der sozialen netzwerke zu konstatieren, wird nur moniert, dass der ‚politische bildungsauftrag‘ der medien vernachlässigt wird. — nur, der ‚politische bildungsauftrag‘ muss ja auch von irgendwo her kommen und von irgendwem stammen. – oder um Marx zu paraphrasieren: „Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß.“

früher haben diesen job die öffentlich-rechtlichen medien(anstalten) und die (etablierten) printmedien übernommen. ob diese zeiten ‚besser‘ waren, mag dahingestellt sein, aber sie waren sicherlich ’stabiler‘ (im sinne einer diskursiven hegemonie). aber ob stabilität ein zeichen für ‚demokratische qualität‘ ist, kann man man auch getrost in zweifel ziehen. die reaktionen des ‚liberalen bürgertums‘ auf die studentenbewegung im zuge der 68-bewegung sprachen jedenfalls die deutliche sprache der ‚autoritären reaktion‘ (und des unbewältigten faschismus). ein problem, dass gegenwärtig wieder sehr aktuell geworden ist.

heutzutage sind die medien vielfältiger, und vielfältig bedeutet in vielen fällen auch niveauloser. aber es gibt auch das gegenteil: sehr hochwertige (gegen)stimmen, die aber im mainstream untergehen. dass die hochwertigen stimmen untergehen, liegt aber nicht an den medien, sondern an der bewusstseinsstruktur der bevölkerung. das problem sind ja nicht katzenvideos und smartphone-testberichte per se, sondern wenn sich leute nur dafür interessieren. das liegt zum einem sicher an einem versagen der ‚politik‘, aber das liegt zu einem grossteil auch daran, dass man die grosse (gesellschaftliche) orientierung verloren hat. und in einer solchen situation ist eskapismus eine psychische überlebensstrategie. („Wer visionen hat, sollte zum arzt gehen.“ – Helmut Schmidt)

„Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“ (Marx)

„Statt eine Öffentlichkeit, die in einem grossen Gespräch Fragen debattiert, die alle betreffen, beobachtet Habermas eine Gesellschaft, die zerfällt: in eine Fülle von fragmentierten Öffentlichkeiten, die keinen repräsentativen Anspruch haben und die Bezugspunkte verlieren, die sie zu einer demokratischen Öffentlichkeit machen könnten. Ein Gewirr von Stimmen.“

in einem muss ich dem autor des NZZ-artikels allerdings recht geben; öffentlickeit kann nicht nur ‚politisch‘ gedacht werden:

„Es könnte damit zu tun haben, dass Öffentlichkeit nicht nur politisch gedacht werden darf. Weil wir alle nicht nur Bürgerinnen und Bürger sind, sondern auch Menschen mit einem ganz normalen Alltag. Da ist das neueste iPhone manchmal wichtiger als politische Fragen.“

wir brauchen sicherlich einen ‚bildungsauftrag‘ für die medien, aber dieser ist selbst ein produkt des gesellschaftlichen diskurses. aber wir brauchen auch bubbles für katzenvideos und smartphone-testberichte und anspruchsvolle theoriediskussionen. und so gesehen könnte das vielfältige internet auch eine vorahnung dessen sein, was Marx mal so formuliert hatte:

„Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

ich glaube zwar nicht, dass ich lust auf jagen, fischen oder viehzeug hirten hätte (nebenbei: sicherlich bewusst ausgewählte nicht sehr technisch qualifiziert entwickelte tätigkeiten, die den eindruck einer romantisierten ur-idylle vermittel sollen) , aber eine ‚freie gesellschaft‘ (soweit dies realistisch ist. ganz auf arbeitsteilung zu verzichten scheint mir nicht [ökonomisch] sinnvoll zu sein; und sicherlich ist auch entfremdung nicht ganz vermeidlich) scheint mir schon erstrebenswert zu sein. und ich habe immer noch die (immer kleiner werdende) hoffnung, dass die ‚kulturkritik‘ einen beitrag zur steigerung des einflusses für kritisches bewusstsein leisten kann. ob wir den umschlagpunkt der transformation von quantität in qualität noch erleben werden, ist für die hoffnung nicht relevant.

selbst Moses musste sich sich mit einem blick auf das ‚gelobte land‘ begnügen!

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