Grundzüge einer synthetischen Theorie des Stalinismus (Thesen)

für A. Danke! :-)


„Ein Problem kann nicht auf derselben Bewusstseinsebene gelöst werden, auf der es entstanden ist“ Albert Einstein

Grundzüge einer synthetischen Theorie des Stalinismus (Thesen)

Alles fängt an mit der vorstellung einer einlinigen geschichtsentwicklung.
Diese Vorstellung stammt aber nicht von Marx,
sondern aus dem ideologischen M/L.
Marx hatte keine einlinige Geschichtskonzeption.
Es gibt auch parallele Entwicklungen in der Geschichte.
Eine Parallelentwicklung ist die Asiatische Produktionsweise (APW).
Die APW beruht darauf, daß der Staat gesamtgesellschaftliche Aufgaben übernimmt;
zum Beispiel große Bewässerungsanlagen.
Für einen Einzelnen wären solche Projekte zu gewaltig;
so etwa kann nur ein kollektiver Organismus vollziehen.
Für diese gesamtgesellschaftliche Funktion heimst der Staat einen teil des Mehrprodukts der Arbeiter und Bauern und der Unterklassen ein.
Die herrschende Klasse dieses kollektivistischen Staates ist die Bürokratie und Technokratie (Manager);
Deren Herrschaft beruht einmal auf der geamtgesellschaftlichen Funktion der sozialen Planung und Verwaltung.
Zum anderen auf der Trennung von Hand- und Kopfarbeit.
Der große Fehler der orthodoxen Theorie besteht darin, daß sie einer Mystifikation auf dem Leim gegangen ist.
Sie hat nämlich die Eigentumsform (eine Rechtsform) mit der realen Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel verwechselt.
Durch diese Verwechselung wurde der Mythos des proletarischen Klassencharakters der SU aufrechterhalten.
Obwohl Trotzki selbst die vollständige Entrechtung des Proletariats erkannte.
Er konnte diesen Widerspruch nur mit einem doppelten Trick pseudo-rationalisieren:
einmal die Verwechselung von Eigentumsform und realer Verfügungsgewalt;
zum anderen seine Analogie zum bürgerlichen Bonapartismus,
die Trotzki dazu brachte, eine herrschende Klasse könne auch ent-macht sein…
und trotzdem blieben die entsprechenden Produktionsverhältnisse bestehen.
Für die bürgerliche Gesellschaft stimmt das auch,
weil sich die Wertvergesellschaftung auch hinter dem Rücken der Gesellschaftsglieder (unbewußt) durchsetzt.
Für einen „Arbeiterstaat“ stimmt das aber nicht, weil ein „Arbeiterstaat“ die bewußte Kontrolle über die
gesellschaftlichen Prozesse bedeutet…
und die wirkliche Aneignung des ganzen Lebensprozesses durch und für die Gesellschaftsglieder (freie Assoziation).
ein Arbeiterstaat ist also auch ein Staat, der von Anfang an, auf seine eigene Aufhebung hinwirkt.
Dies ist nur möglich, wenn die Massen selbst die Verwaltung ihrer eigenen Interessen in die eigenen Hände nehmen.

Der große Fehler der orthodoxen Trotzkisten war und ist es, zu glauben
es gäbe zum „deformierrten Arbeiterstaat“ nur die
Alternative der Rückkehr zum Kapitalismus.
Dies ist aber falsch und erwächst aus der einlinigen Geschichtsauffassung.
in Rußland gab es gar keinen organischen Kapitalismus;
er wurde von außen der russischen gesellschaft auf-oktroyiert.
die russische Bourgeoisie war nur ein Anhängsel des Zarismus.
Der Zarismus war aber geprägt vom erbe der orientalischen Despotie in Rußland.
so wurden Leibeigene in staatliche Wirtschaftsprozesse hineingezwungen,
was eine Form der Staatssklaverei bedeutet, wie sie auch in den archaischen formen der APW bekannt waren.
Dieser Staatsdespotismus wurde unter Stalin restauriert.
auf diese Gefahr hatte schon Plechanow auf dem Stockholmer Parteitag hingewiesen.
und Lenin war die Frage nach der Bedeutung des asiatischen Erbes für Rußland bekannt…
Da es kein bürgerlich-demokratisches Erbe in Rußland gab,
konnte es auch kein proletarisch-demokratisches Kulturniveau der Massen geben.
Die bolschewistische Partei substituierte sich für die Arbeiterklasse als Ausführerin des historischen Fortschritts.
Auf die Gefahr des Substitutionalismus haben sowohl Trotzki als auch Rosa Luxemburg 1904 hingewiesen,
gegen das Konzept Lenins in „Was Tun“….
Insofern ist man berechtigt, im leninistischen Parteikonzept eine ideologische Wurzel des Stalinismus wahrzunehmen.
Natürlich wurde der wahre Geist Lenins vom Stalinismus vergewaltigt,
aus einem lebendigen Revolutionär wurde eine tote Ikone,
die man wie einen Pharao mumifizierte und in einem Mausoleum ausstellte;
Aus der lebendigen revolutionären Theorie wurde eine dogmatisch-ideologische Legitimationsfratze…
Die Totenmaske Lenins als „Schutzschild“ vor Kritik von links, die kriminalisiert wurde.
die Linke Opposition wurde im Gulag ent-sorgt…die GPU wurde zur Prätorianer-Garde der bürokratischen Konterrevolution;
der Geheim-dienst mußte das schreckliche Geheimnis ihres Schreckensregime vor sich selbst und den Massen geheimhalten.

Die ökonomische Funktion des Staatskollektivismus ist die nachholende Industrialisierung unterentwickelter Länder.
Insofern kann man die Oktoberrevolution als antiimperialistische oder antikoloniale Revolution bezeichnen.
die Bürokratie stellt eine herrschende Klasse dar, auf der Grundlage einer neuen, eigenständigen Produktionsform,
die strukturelle Ähnlichkeit mit den Grundzügen der APW hat…

Der Stalinismus hat eine höhere Form der Verstaatlichung der Produktionsmittel realisiert.
Um den Preis der vollständigen Entmündigung der Arbeiterklasse.
Stalin war nur das Werkzeug einer historischen Tendenz.
Sein Charakter war dazu fähig, statt moralischer Prinzipien–der Verpflichtung, für die vollständige Befreiung aller Unterdrückten zu stehen–,
eine prinzipienlose Machterhaltungspolitik durchzuführen…
die welthistorischen Auswirkungen, die sein Handeln auf die zukünftige(n) Emanzipationsbewegung(en) der Linken
haben könnte, waren ihm egal…so weit konnte er nicht denken…, sein geistiger Horizont war der eines bauernschlauen Empiristen…,
der mal gerade dem geistigen Niveau der Leibeigenschaft entstiegen war.

„Die Stalinbürokratie aber hat nicht nur nichts mit dem Marxismus gemein, sondern ihr ist überhaupt jegliche Doktrin oder jegliches System fremd.
Ihre „Ideologie“ ist ganz und gar von einem Polizeisubjektivismus durchdrungen, ihre Praxis vom Empirismus der nackten Gewalt.
Dem eigentlichen Wesen ihrer Interessen gemäß ist die Usurpatorenkaste ein Feind der Theorie. Sie kann weder vor sich noch anderen ihre soziale Rolle verantworten. Stalin revidiert Marx und Lenin nicht mit der Feder der Theoretiker, sondern mit den Stiefeln der GPU.“
Leo Trotzki 

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14 Kommentare zu “Grundzüge einer synthetischen Theorie des Stalinismus (Thesen)

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  4. „Die nominalsozialistischen Staaten waren weder staatskapitalistisch, noch staatssozialistisch, noch Übergangsgesellschaften, sondern strukturell:
    etatistische Mischgesellschaften
    und historisch:

    Abzweiggesellschaften ohne Entwicklungstendenzen hin zum oder weg vom Sozialismus.
    In einen Land isoliert kann es auch gar kein Sozialismus geben und Kapitalismus kann es ohne eine kohärente herrschende Klasse nicht geben. Die Machtelite und ihre Apparate in den nominalsozialistischen Staaten waren Quasi-Klasse, Klassensurrogat, Klassensekretion und funktionale Klasse in einem, wie es Hillel Ticktin; Hansgeorg Cohnert und Theodor Eggert treffend charakterisierten. Aber eben keine kohärente Klasse, woran sie auch in der faktischen Konkurrenz mit den konkurrenzimmanenten Weltkapitalismus zugrunde gingen.

    Allerdings gab es aufgrund der nicht zu Ende geführten sozialistischen Revolution von 1917 sowohl embryonale Elemente von Sozialismus und aufgrund der gleichzeitigen Existenz des Weltkapitalismus: restaurativ-kapitalistische Elemente.

    Mitte/Ende der fünfziger Jahre verstärkte die sowjetische Führungsspitze diese restaurativen Elemente voluntaristisch durch die vorauseilende Unterordnung unter den Weltkapitalismus mit der Illusion friedlicher Koexistenz (Revisionismus).

    Auch Ernesto Che Guevara erkannte diese „Komplizenschaft mit den Imperialismus“ durch die Sowjetunion (seine letzte öffentliche Rede: Trikontinentale in Algier) und die auch von ihn erkannte Unmöglichkeit des Sozialismus in eine Land. Auch wenn seine verfehlte Konsequenz daraus untauglich und zum Scheitern verurteilt war, dies ohne soziale Basis vom Reißbrett aus in den Bergen Boliviens umsetzen zu wollen, methodisch falsch war, so besteht die Notwendigkeit Revolutionen nach ihren Erfolg auch auf andere Länder auszuweiten nach wie vor.

    SOZIALISMUS ODER BARBAREI“

    http://www.trend.infopartisan.net/trd0411/t330411.html

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  6. durch die rezension eines romans von Ismail Kadare „die Pyramide“ (http://www.fischerverlage.de/buch/die_pyramide/9783100384102) von einer FB freundin habe ich erfahren, dass die tochter von Enver Hoxha tatsächlich eine pyramide als mausoleum für ihren vater erbauen liess. heute dient diese pyramide als museum http://de.wikipedia.org/wiki/Enver-Hoxha-Museum
    allerdings liegen auch pläne vor, das ding abzureissen (stand: juli 2013) – ein wertvolles historisches denkmal für menschlichen grössenwahn würde dadurch vernichtet werden

  7. Ich bin tendenziell einverstanden, möchte aber zumindest Folgendes anmerken (ohne damit allen nicht angesprochenen Punkten des Artikels zuzustimmen):

    1. Der Name „asiatische PW“ reflektiert – leider – nicht auf die Struktur, die er bezeichnet, sondern auf die Region, wo die Struktur (unter anderem) auftrat.
    Damit verbleibt dieser Namen noch im (eurozentristisch-geschichtsphilosophischen) Schema, die anderen PW seien der Normalfall und die APW sei der asiatische Sonderfall.

    2. Vielleicht wäre es sinnvoller das gemeinte Objekt vielmehr „staatliche“ oder „etatistische Produktionsweise“ zu nennen – zumal es anscheinend nicht nur in Asien auftrat:

    „Eugen Varga vertrat in der Nachkriegszeit weiterhin die Auffassung, der Begriff der aP sei gleichermaßen historisch wie in seiner Anwendbarkeit und Relevanz aktuell. Der Ausdruck »asiatisch« sei nicht geographisch zu interpretieren, sondern habe globale Bedeutung, freilich beschränkt auf trockene Regionen, in denen Bewässerungswirtschaft betrieben wird. Karl August Wittfogel (1957) hat diese These so weit zugespitzt, dass die Kontrolle über das Wasser zum Zentralbegriff der aP wird. Über die Kontrolle der Wasserversorgung geriet demnach die Kontrolle der Bevölkerung in die Hand des Staates. Wittfogels Ausdruck für diese absolute Kontrolle, die er auf China, Indien und das Inkareich ebenso anwendet wie auf die Sowjetunion, ist die »orientalische Despotie«.“
    (http://www.inkrit.de/e_inkritpedia/e_maincode/doku.php?id=a:asiatische_produktionsweise)

    „Die asiatische Produktionsweise ist in der menschlichen Geschichte keine marginale, sondern flächendeckende Erscheinung.“
    (Bronsteyn zit. n. https://systemcrash.wordpress.com/2012/03/19/asiatische-produktionsweise-thesen/)

    3. ad:

    „Lenin war die Frage nach der Bedeutung des asiatischen Erbes für Rußland bekannt… Da es kein bürgerlich-demokratisches Erbe in Rußland gab, konnte es auch kein proletarisch-demokratisches Kulturniveau der Massen geben.“

    Mir scheint auch Lenin verblieb, noch in einem eurozentrisch-kulturalistischen Schema, aber schaffte es nicht die Probleme der frühen SU auf hinreichend zahlreiche und konkrete materialistische Begriffe zu bringen.

    4. ad:

    „Sie [Die orthodoxe Theorie] hat nämlich die Eigentumsform (eine Rechtsform) mit der realen Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel verwechselt.“

    Ja, das ist ja auch das ‚maoistische‘ Argument von Bettelheim.

    5. M.E. wäre es unzutreffend, die ‚real’sozialistischen Gesellschaftsformationen mit der asiatischen PW gleichzusetzen.

    a) Wenn Produktionsweisen Produktivkräfte + Produktionsverhältnisse sind, ist zu beachten, daß in den ‚real’sozialistischen Gesellschaftsformationen das Produktivkraftniveau deutlich höher war, als in den anderen Fällen, die üblicherweise mit „APW“ gelabelt werden.

    b) Überhaupt ist es (in aller Regel) verkürzt, Gesellschaftsformationen mit Produktionsweisen gleichzusetzen, da

    aa) erstere im Unterschied zu letzteren nicht nur die ökonomischen Praxisformen, sondern auch die ideologischen und politischen umfassen

    und

    bb) mehrere Produktionsweisen in ein und derselben Gesellschaftsformation auftreten können. – Mit unscharfer Terminologie weist Bronsteyn darauf speziell für die APW hin: „Innerhalb der asiatischen Produktionsweise können sich immer wieder auch mehr oder minder starke Aspekte anderer Produktionsweisen entwickeln, so vor allem Feudalismus (basierend auf dem Grundeigentum an Produktionsmitteln und dem Wachstum einer Sub-Klasse von Großgrundbesitzern), vereinzelt auch Sklaverei, später aber auch bürgerlicher Produktionsweise (Händler, Handwerker).“
    Richtigerweise müßte es m.E. heißen: „In Gesellschaftsformationen, in denen die asiatischen Produktionsweise dominiert, (und nicht nur in diesen Gesellschaftsformationen!) können sich immer wieder auch mehr oder minder starke Aspekte anderer Produktionsweisen entwickeln […].“

    c) Ich würde würde also eher sagen: Die APW war – vielleicht – eine von mehreren PW, die in den ‚real’sozialistischen Gesellschaftsformationen existierten: außer jener noch die kapitalistische und die kommunistische und in manchen dieser Gesellschaftsformationen vielleicht auch noch die feudale. Welche dieser PW in den verschiedenen einschlägigen Gesellschaftsformationen dominiert, müßte konkret untersucht werden.
    Bei einer solchen Untersuchung müßte wohl insbesondere berücksichtigt werden, welche Bedeutung der – geld-vermittelte – Warentausch in den historischen Gesellschaftsformationen, in denen die APW dominierte, einerseits und den ‚real’sozialistischen Gesellschaftsformationen andererseits hatte.

    d) Die gesellschaftlichen Kräfte, die in historischen Gesellschaftsformationen die Dominanz der APW durchsetzten, waren andere gesellschaftliche Kräfte, als die, die den ‚Real’sozialismus durchsetzten.

  8. „In seinen Werken beschreibt Marx beiläufig die sogenannte „Asiatische Produktionsweise“. Die Ähnlichkeit dieses Systems mit dem späteren „Realen Sozialismus“ ist so verblüffend, das die Ideologen des offiziellen Kommunismus diesen Begriff in der Regel überhaupt nicht erwähnen. Die Parallelen sind aber erstaunlich und dies wurde von dem früheren Kommunisten und späteren Renegaten Karl August Wittfogel, sowie von dem westdeutschen Studentenführer Rudi Dutschke und dem DDR-Dissidenten Rudolf Bahro herausgearbeitet.

    Marx schreibt in einem Vorwort 1859: „In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als fortschreitende Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden.“ K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, S.9.

    Um Klassenherrschaften zu bestimmen, stellt sich Marx die Frage: Wer beherrscht die entscheidenden Produktionsmittel und den durch sie geschaffenen Mehrwert? In der Antike, im Feudalismus und in der bürgerlichen Gesellschaft sind es die Privateigentümer, aber in der asiatischen Gesellschaft?

    Hier lässt uns Marx im Unklaren:
    ..In jenen frühen Produktionsweisen waren die Hauptbesitzer des Mehrprodukts, mit denen der Kaufmann handelt, der Sklavenhalter, der feudale Grundherr, der Staat (d.h. der orientalische Despot.“ (Marx, Kapital, Bd. III, S. 343, Berlin 1960)

    Während Marx in den beiden ersten Fällen Klassen benennt, spricht er am Beispiel des Orients vom Staat beziehungsweise von einer einzelnen Person. Nur eine Ungenauigkeit?

    Marx beschreibt die dörflichen Gemeinden, die in Indien auf dem Gemeinschaftseigentum beruhen „…in dem die wirklichen Gemeinden nur als erbliche Besitzer auftreten, aber die zusammenfassende Einheit, die über allen diesen kleinen Gemeinwesen steht, als der höhere Eigentümer oder als der einzige Eigentümer erscheint, die im Despoten realisiert ist als dem Vater der vielen Gemeinwesen.“ Marx, Grundrisse, s.376 Berlin 1960

    Auch hier wird wieder nur eine einzelne Person benannt, keine Klassen. Marx spricht von der allgemeinen Staatssklaverei im Orient, der Staat ist Obereigentümer des wichtigsten Produktionsmittel, dem Grund und Boden ist. Woher kommt diese starke Stellung des Staates? Marx erklärt dies mit Naturbedingungen:

    „Klimatische und territoriale Verhältnisse, besonders die weiten Wüstenstriche, die sich von der Sahara quer durch Arabien, Persien, Indien und die Tatarei bis an das höchste asiatische Hochland ziehen, bedingten künstliche Berieselung durch Kanäle und Wasserwerke, die Grundlage der orientalischen Landwirtschaft. Wie in Ägypten und Indien, werden Überschwemmungen auch in Mesopotamien, Persien und anderen Ländern nutzbar gemacht, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu steigern; hoher Wasserstand wird zur Speisung von Bewässerungskanälen ausgenutzt. Die unbedingte Notwendigkeit einer sparsamen und gemeinschaftlichen Verwendung des Wassers, die im Okzident, z.B. in Flandern und Italien, zu freiwilligem Zusammenschluß privater Unternehmungen führte, machte im Orient, wo die Zivilisation zu niedrig und die territoriale Ausdehnung zu groß war, um freiwillige Assoziationen ins Leben zu rufen, das Eingreifen einer zentralisierenden Staatsgewalt erforderlich. Hierdurch wurde allen asiatischen Regierungen eine ökonomische Funktion zugewiesen, die Funktion, für öffentliche Arbeiten zu sorgen. Diese künstliche Fruchtbarmachung des Bodens, die vom Eingreifen einer Zentralregierung abhängt und sofort in Verfall gerät, wenn diese Regierung Bewässerung und Dränierung vernachlässigt, erklärt die sonst verwunderliche Tatsache, daß wir heute ganz große Gebiete wüst und öde finden, die einstmals glänzend kultiviert waren, so Palmyra und Petra, die Ruinen im Jemen und weite Landstriche in Ägypten, Persien und Hindustan; sie erklärt auch, wie ein einziger Verwüstungskrieg imstande war, ein Land auf Jahrhunderte zu entvölkern und es seiner ganzen Zivilisation zu berauben.“
    Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 9, S. 127-133 Karl Marx, Die britische Herrschaft in Indien

    Diese Erklärung mag uns zunächst einmal genügen. Aber noch immer wissen wir nicht, wer denn die herrschende Klasse in diesem System ist. Nur einmal wird sie von ihm erwähnt
    „Die Notwendigkeit, die Perioden der Nilbewegung zu berechnen, schuf die ägyptische Astronomie und mit ihr die Herrschaft der Priesterkaste als Leiterin der Agrikultur“. K. Marx, Das Kapital I, Berlin 1960, S.78

    Hier wird endlich Klartext gesprochen. Während Marx sonst die herrschende Klasse mystifiziert, in dem er allgemein vom Staat spricht oder einer einzelnen Person, dem Despoten, so benennt er jetzt die Herrscher dieser Welt. Es ist eine Bürokratie, eine Funktionselite. Sie sind aber nicht Privateigentümer, sondern nur Verwalter. Es gibt also Klassengesellschaften auch ohne Privateigentum.

    Marx schildert in der „asiatischen Produktionsweise eine Klassengesellschaft, in der die Macht der Herrscher nicht auf Privateigentum beruht, sondern auf ihrer Funktion im Produktionsprozess. Genau das ist aber in der „asiatischen Produktionsweise“ der Fall, eine Bürokratie, eine Funktionselite, beherrscht alles. Dem Staat mit dem Despoten an der Spitze gehören die Produktionsmittel, die Bürokratie verwaltet sie. Die Parallelen zum „Realen Sozialismus“ sind verblüffend. Rudolf Bahro schreibt zu Recht von der „Industriellen Despotie“, dem modernen Ebenbild der alten „Asiatischen Produktionsweise“. Die Elite im Sozialismus kontrolliert den Produktionsapparat, der jetzt aus der Industrie besteht, nicht mehr aus dem Grundeigentum.

    Hat Marx möglicherweise selber gemerkt, dass seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen auf eine Neubelebung der orientalischen Despotie hinauslaufen können? Hat er sich deshalb nicht weiter über die Bürokratie geäußert und nirgendwo klar herausgearbeitet? Wir werden es nie erfahren.

    Stalin hat allerdings gemerkt, dass hier ein Problem vorliegt. 1931 wurde von ihm offiziell die „berüchtigte Theorie der asiatischen Produktionsweise“ verurteilt und verdammt und ersatzlos aus dem Kanon des Marxismus-Leninismus gestrichen.“

    Quelle: http://geschichte-forum.forums.ag/t342-karl-marx-und-die-asiatische-produktionsweise

  9. „Das mögen sich die russischen Menschen oder einfach die Bauern hinter die Ohren schreiben, die meinen: Wenn einer Handel treibt, dann versteht er auch Händler zu sein. Das ist ganz falsch. Wohl treibt er Handel, aber von da bis zu der Fähigkeit, ein Händler zu sein, der Kulturansprüchen genügt, ist es noch sehr weit. Er treibt heute Handel auf asiatische Manier; um aber zu verstehen, ein Händler zu sein, muß man auf europäische Manier Handel treiben. Davon trennt ihn eine ganze Epoche.“

    http://www.mlwerke.de/le/le33/le33_453.htm

  10. „(…)Jede kommunistische Bewegung/Partei mit dem Programm „genügend Wohlstand für alle Menschen zu schaffen” hätte in der mangelhaften Industrialisierung Chinas oder eines anderen ähnlichen Landes extrem schwierige Bedingungen vorgefunden. Ein Teil ihrer Maßnahmen hätte also in der Tat zwangsläufig zunächst darin bestehen müssen, den vorgefundenen Mangel zu verwalten – damit auch: den Menschen Funktionen in der Arbeitsorganisation und Zugangsberechtigung zum Konsum zuzuweisen. Allgemein gesagt: Eine solche nicht industrialisierte Gesellschaft zu entwickeln, ist ohne staatliche Gewalt, ohne Herrschaft nicht denkbar, und zwar auch dann nicht, wenn diese das Ziel verfolgt, allen Mitgliedern der Gesellschaft möglichst schnell zu einem annehmlichen Leben zu verhelfen, und dieses Ziel planmäßig angegangen wird.

    Eine Bewegung, die dieses Ziel in einem nicht-industrialisierten Land verfolgen will, wäre insofern eine Art „Entwicklungsdiktatur”. Was wären deren Aufgaben? Sie müsste den Menschen klar machen, dass ihre Kooperation selbst eine Produktivkraft ist, so dass – zumal auf dem Land – bereits das Zusammenlegen der Kräfte und vorhandenen bescheidenen Mittel die Ergebnisse für alle verbessert. Sie müsste Wert darauf legen, dass die Abgaben, die die Bauern weiterhin zu leisten haben, für sie selbst erkennbar nützlich sind, weil mit ihnen der Aufbau von Gesundheitswesen, Schulen, Hochschulen finanziert wird. Mittelfristig müssten sich die Früchte dieser Zeit, die von viel Arbeit und langsamem Fortschritt gekennzeichnet ist, zeigen in einem deutlichen Zuwachs an materiellen Mitteln, die den ländlichen Produzenten ihre Arbeit erleichtern und ihre Resultate vervielfachen (dadurch, dass es Staudämme, Straßen und Maschinen für die Landarbeit gibt, wissenschaftlich verbessertes Saatgut, die Anleitung der neu ausgebildeten Agraringenieure, Lehrer, Mediziner usw.) Für die kommunistische Herrschaft wäre das eine keinesfalls einfache Gratwanderung von praktischem Zwang (gegenüber denen, die diesem Programm feindselig gegenüberstehen, weil sie am bäuerlichen Klein- oder Großeigentum festhalten) und gedanklicher Überzeugungsarbeit.
    So wäre in etwa die Politik einer kommunistischen Partei in einem nicht-industrialisierten Land, das keine nennenswerte Hilfe von außen zu erwarten hat, angelegt. Dabei spielen selbstverständlich weitere Bedingungen des Landes – seine Größe, seine natürlichen Voraussetzungen, der körperliche und geistige Zustand der Bevölkerung usw. – eine Rolle, weshalb diese Überlegungen notwendigerweise grob und abstrakt sind.“
    http://neoprene.blogsport.de/2017/09/01/renate-dillmann-zu-aufbau-des-sozialismus/

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