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Ein paar (kritische) Gedanken zur NAO Essential-Debatte

„wenn lenin eine grosse frage löst — schrieb Radek — dann denkt er nicht in abstrakten, historischen kategorien (…). er denkt an den konkreten menschen, wie die betreffende massnahme auf den Bauer Ssidor oder auf den Arbeiter Onefry (…), diese träger der revolution, wirken wird (…).“ — Jakob Moneta in: Günter Gellrich, Die GIM: Zur Politik und Geschichte, S. 9 [PDF]

ich glaube, wir haben im NAO prozess, bzw in der essential-programm-debatte, ein doppeltes problem.

auf der einen seite den mühsamen weg, einen tragfähigen revolutionären minimalkonsens zu finden, der zur gründung einer „organisationsstruktur“ (vorerst) ausreichend ist (aber selbstverständlich nicht ALLE fragen klären kann). in diesem punkt sehe ich durchaus forschritte, auch wenn es inbesondere in der frage „des revolutionären subjekts“ (klassenorientierung vs gleichrangigkeit von race, gender und class) heftig klemmt; und ich ehrlich gesagt auch nicht erkennen kann, wie man da auf einen nenner kommen soll.

aber neben diesen inhaltlichen problemen gibt es auch noch eine weitere ebene; und das ist aus meiner sicht die mangelnde beteiligung an der programm-debatte durch die am NAO prozess beteiligten GRUPPEN.

der NAO prozess heisst nämlich deshalb prozess, weil es darum gehen soll, dass möglichst viele an der inhaltlichen ausgestaltung der NAO politik auch partizipieren können. wenn schon im vorfeld der essential debatte diese nur von ein paar individuen getragen wird [ich vermute mal, dass DG in der SIB ziemliche minderheitspositionen vertritt und ich selber bin nicht einmal politisch organisiert], dann bedeuetet das, dass es bei einer eventuellen orggründung schnell zu unüberbrückbaren differenzen kommen wird, da diese vorher nicht ausreichend geklärt wurden. das gefühl, für eine politische orientierung verantwortlich zu sein, entsteht nämlich nur dann, wenn man sie selbst mitentwickelt hat, also: selbst fragen beantworten kann.

wenn die beteiligten des NAO prozesses einfach die ergebnisse der essential-debatte wie popcorn bei einem kinobesuch schlucken, ist damit der politische sinn — nämlich die stimulierung der ’selbstaktivität von unten‘ — ad absurdum geführt. dann reproduzieren sich in einer möglichen NAO die gleichen strukturen von „basis und führung“ wie in jeder anderen (bürgerlichen) parteistruktur auch, nur dass sie auf seiten der ‚linken‘ in miniaturform vorliegen.

dies wäre ein grosses manko, und würde fast schon die an sich vernünftige grundidee des NAO prozesses in frage stelllen. denn es gehört nicht viel fantasie dazu, zu vermuten, dass die jetzt bestehenden spaltungslinien dann auch in einer zukünftigen NAO (zumindest latent) weiterexistieren würden.

und dann gibt es noch eine dritte ebene. und das ist das problem, dass wir uns im moment in der NAO programmdebatte auf einer theoretischen höhe bewegen, die vermutlich nicht mehr von allen beteiligten nachvollziehbar ist. dass immer wieder von anderen usern des blogs beklagte problem, die dominanz einzelner diskutanten würde eine breitere beteiligung verhindern (oder zumindest einige einschüchtern) scheint mir durchaus berechtigt zu sein, obgleich ich wahrscheinlich am häufigsten dafür kritisiert wurde. dabei bin ich im vergleich zu DG doch noch ein waisenknabe 😉 .

aber spass beseite! es ist in der tat — es gibt dafür auch durchaus historische vorbilder — ein grosses problem, wenn ein überragender kopf der anführer einer marginalen politischen bewegung ist. denn sobald dieser ‚kopf ‚ nicht mehr zur verfügung steht, ist die gefahr der politischen degeneration quasi schon vorprogrammiert. wer jetzt vermutet, ich hebe auf leo trotzki und die trotzkistische bewegung („vierte internationale“) ab, der vermutet vollkommen richtig! 😉

in der trotzki biographie von Isaac Deutscher findet sich irgendwo das schöne wortbild, dass trotzki der kapitän einer nussschale in stürmischer see sei, die von einem riesensegel angetrieben wird. das „riesensegel“ war natürlich der gen. trotzki selbst!

und auch wenn niemand von uns das genie eines marx oder lenin in sich trägt, so muss doch jeder genosse und jede genossin in der lage sein, das revolutionäre programm selbständig zu verstehen und anzuwenden. und davon sind wir, glaube ich, noch sehr weit entfernt. der von der SIB im na endlich-papier geprägte begriff „selbstqualifikation“ sollte unbedingt mehr beachtung finden.

und wenn wir das ganze auf die spitze treiben wollen, gäbe es sogar noch eine vierte ebene; nämlich die von der SIB geforderten strukturen, die es auch einer alleinerziehenden krankenschwester im schichtdienst ermöglichen sollen, politisch zu partizipieren.

diese forderung scheint mir allerdings im moment noch den status einer utopie zu haben!

 

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2 Kommentare zu “Ein paar (kritische) Gedanken zur NAO Essential-Debatte

  1. Pingback: Ein paar (kritische) Gedanken zur NAO Essential-Debatte « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken

  2. kommentar von DGS
    ===============

    Lieber Gen. systemcrash,

    “wenn die beteiligten des NAO prozesses einfach die ergebnisse der essential-debatte wie popcorn bei einem kinobesuch schlucken, ist damit der politische sinn — nämlich die stimulierung der ‘selbstaktivität von unten’ — ad absurdum geführt.”

    ja, das wäre ein großes Problem. Aber ich sehe im Moment noch nicht, daß mein Vorschlag einfach durchgewunken wird; geschweige denn, daß es er wirklich gemeinsam diskutiert, überarbeitet und dann – gemeinsam getragen – beschlossen wird.
    Ich habe eher den Verdacht,
    – daß einige GenossInnen versuchen, die ganze Essential-Debatte auszusitzen (‘Ja, ja, das mit dem revolutionären Bruch is schon richtig. Aber so genau muß man das doch jetzt nicht formulieren und festlegen.’),
    – und daß sie die Essentials lieber als etwas behandelt wissen wollen, das zwar alle irgendwie im Hinterkopf haben, aber nicht schriftlich fixiert wird,
    – und daß sie statt dessen lieber zehn ‘populäre Forderungen’ beschließen wollen würden, die ein bißchen linker als die Tagespropaganda der Linkspartei sind.

    Dann wären wir allerdings wieder ungefähr beim Bochumer Programm…

    “ich vermute mal, dass DG in der SIB ziemliche minderheitspositionen vertritt und ich selber bin nicht einmal politisch organisiert”

    Wenn Du das speziell auf die von Dir als “klassenorientierung vs gleichrangigkeit von race, gender und class” dargestellte Alternative beziehst, dann dürfte eine SIB-Mehrheit eher zu Deiner (und Bronsteyns Position) als zu meiner tendieren, ja!

    Ansonsten nein: Hinsichtlich des Ziel einer strömungsübergreifenden, pluralen, revolutionären Organisation und, daß dieses Ziel ausschließt, umstrittene Grundsatzpositionen einfach durchzustimmen (sowohl in die eine als auch die andere Richtung), sind wir uns in der SIB völlig einig.
    Und es hat im vergangenen Sommer einen effektiven inhaltlichen Annäherungsprozeß (Abschnitt 4.) zwischen meiner Position und der Position der Ursprungs-SIB (und weitere Mitglieder sind seitdem auch noch dazugekommen) gegeben. – Das Problem scheint mir eher zu sein, daß dieser Diskussionsprozeß vielleicht nicht von allen NaO-Prozeß-Beteiligten rezipiert und ernstgenommen worden ist. Deshalb hatte ich am Samstag versucht, die Uhr quasi noch mal auf Null zurückzudrehen.

    @ “klassenorientierung vs gleichrangigkeit von race, gender und class”. Ich würde sagen: Die tatsächliche Alternative lautet ‘prioritäre Klassenorientierung vs. Klassenorientierung als eine von drei antagonistischen Orientierungen’.
    Mein Essential-Vorschlag macht nicht mehr als, beide Positionen als Positionen, die im NaO-Prozeß vertreten werden, darzustellen.

    “gibt es auch noch eine weitere ebene; und das ist aus meiner sicht die mangelnde beteiligung an der programm-debatte durch die am NAO prozess beteiligten GRUPPEN.”

    Ja, das ist das Problem das Micha Prütz kürzlich in seinem 5 %-Artikel angesprochen hatte:

    “Weniger erfreulich ist, dass sich fast alle Gruppen und Organisationen trotz der von ihnen selbst erkannten Mängel nur zögerlich und mit geringen Kapazitäten am gemeinsamen Prozess beteiligen. Mir ist bewusst, dass die Kapazitäten der diversen Organisationen sehr begrenzt sind, fände es aber schon von großer Bedeutung, nicht nur 5% dieser Kapazitäten auf den gemeinsamen Prozess zu richten. Stattdessen sollte der Aufbau der NAO von allen als ein Prozess höchster Priorität begriffen werden.”

    Das Problem scheint mir zu sein: Bisher wissen die Gruppen nicht, wie nah oder fern sie sich tatsächlich stehen. Diese Unsicherheit begrenzt wiederum die Bereitschaft, viel Zeit in den NaO-Prozeß zu stecken und den eigenen Arbeitsrhythmus umzustellen.
    Die Unsicherheit ließe sich aber nur reduzieren, wenn mehr miteinander diskutiert würde, also mehr Zeit in den NaO-Prozeß gesteckt würde… – keine Ahnung, wie sich diese double-bind-Situation auflösen läßt.
    Bisher haben wir die Situation, daß eine gemeinsame Diskussion zwischen den Gruppen im wesentlichen auf DelegiertInnen-Ebene stattfindet (in Berlin/Potsdam gab es außerdem bisher eine gemeinsame Vollversammlung) und in erster Linie auf die Zeit vor, nach und während der bundesweiten Treffen beschränkt ist.

    Der hiesige blog wird dagegen von vielen GenossInnen sowohl als Medium der gemeinsamen Diskussion als auch als Instrument mit anderen Spektren ins Gespräch zu kommen, nicht richtig angenommen. Das mag inhaltliche Gründe haben (siehe den Anfang); es ist auch ein Generationenproblem:
    Der NaO-Prozeß ist nicht nur übermäßig männlich, sondern auch überaltert: Und für Männer Deiner Generation bist Du als blogger schon der Computer-Crack! – Das ist die ernüchternde Wahrheit!

    Und es dürfte drittens aber auch ein Mentalitätsproblem sein: Meinhard Creydt, der sich dann schnell aus dem NaO-Prozeß verabschiedete bzw. nie richtig dazu gehörte, schrieb ja vergangenes Jahr, ziemlich zu Anfang der NaO-Debatte einen Artikel Linksradikalauernde Heimatvertriebene auf der Suche nach ihrem Plätzchen im Paralleluniversum. Dort hieß es:

    “Die Zielgruppe, die sie mit ihrem neuen Sammelbecken erreichen könnten, sind naive Gemüter und politikante Gschaftlhuber & Wichtigtuer. […]. Das Nicht-Verstehen gilt ihnen als Urteil. […]. Die Ressentiments von Uniabsolventen […] gegen theoretische Arbeit und ihre pseudosouverän artikulierte Unfähigkeit, sich mit der vorliegenden Kritik an ihrem vollmundigen Agieren auseinanderzusetzen, zeigen, worum es ihnen geht: Praktizismus und Gesinnungsgeklüngele. Linksradikales Schlesiertreffen. […]. ‘Antikapitalistisch’ geht nicht ohne Analyse und begriffliche Arbeit.”

    Diese von Meinhard Creydt damals in erster Linie gegen die SIB gerichtete Kritik richtete sich nach meiner damaligen und meiner heutigen Überzeugung gegen das falsche Objekt. Aber in der Tat gibt es die von Meinhard kritisierte Haltung bei einigen am NaO-Prozeß beteiligten GenossInnen!

    Das zeigt sich bspw. an der fast durchgängigen Nicht-Bereitschaft, sich in diesem blog mit feministischen und (post-)autonomen Positionen konkret und ernsthaft auseinanderzusetzen. ‘Ja, ja. Wenn die mitmachen, is schon in Ordnung – aber nur, wenn sie unsere Heile traditionsmarxistische Welt nicht durcheinander bringen.’

    “und dann gibt es noch eine dritte ebene. und das ist das problem, dass wir uns im moment in der NAO programmdebatte auf einer theoretischen höhe bewegen, die vermutlich nicht mehr von allen beteiligten nachvollziehbar ist.”

    So hochtrabend sind ja meine Essential-Vorschläge nun nicht; – das mit der De-Konstruktion mag ein bißchen komplizierter sein. Aber, wenn man etwas nicht versteht, kann man ja als gestandener revolutionärer Kader fragen bzw. das eigene Nicht-Verstehen beschreiben – was freilich voraussetzt, daß man das Thema überhaupt ernstnimmt.

    Über derartige Bornierungen werden wird am Wochenende bei der Sommer-Debatte zu streiten haben.

    Immerhin gibt es den Beschluß des RSB: “Wir haben in diesem Prozess an erster Stelle aber auch etwas zu lernen! Wir werden mit neuen Fragen und Ideen konfrontiert, die wir bisher nicht beachten brauchten oder gar nicht wahrgenommen haben. Zum Thema Rassismus oder Frauenunterdrückung haben sich außerhalb des Marxismus viel beachtete (weil die Realität treffend beschreibende) Theorien entwickelt, die sich lohnen, von einer revolutionären Organisation verarbeitet und aufgenommen zu werden. Nicht alle Unterdrückungsphänomene können mit marxistischer Theorie umfassend erklärt werden.” Und die GAM scheint immerhin ernsthaft an Diskussionen mit der IL interessiert zu sein: “Für das Frühjahr 2013 schlagen wir vor, eine öffentliche Programm- und Strategiekonferenz zu organisieren. Für die Diskussionen und Foren sollten dabei auch andere Strömungen (AKL, IL usw.) gewonnen werden.”

    Derartigen Worten müssen nun aber nach rund 1 1/2 Jahren NaO-Prozeß mal endlich Taten folgen! Debatten mit anderen Spektren kommen nicht dadurch zustande, daß sie auf dem Papier proklamiert werden, sondern dadurch daß das, was dort vertreten und diskutiert wird, zur Kenntnis genommen und darauf in der Sache eingegangen wird (so wie es die SIB mit ihrer Antwort an die Basisgruppe Antifa getan hat – mal sehen, ob es darauf noch eine Rück-Antwort der BremerInnen gibt; so wie ich auf die Kontroverse zwischen AG/R und SoL eingegangen bin, was eine Stellungnahme aus Reihen der AG/R zum NaO-Prozeß nach sich zog); und indem Räume geschaffen werden – nicht als Eintagsfliege (in Form eines einmaligen riesigen Kongresses), sondern als Teil eines kontinuierlichen Prozesses -, in dem diese Debatte geführt werden kann: Hier im blog und in Form von offline-Veranstaltungen.
    Wir hatten bereits beim ersten bundesweiten Treffen beschlossen, spektren-übergreifende Veranstaltungen zum NaO-Prozeß zu organisieren. Außer in Berlin wurde das nirgends auch nur in Angriff genommen! Auch darüber werden wir am Wochenende zu reden haben – denn das fünfte NaO-Essential lautet ja immerhin “(gewisse) Verbindlichkeit”.

    http://www.nao-prozess.de/blog/ein-paar-kritische-gedanken-zur-nao-essential-debatte/#comment-3389

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