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Fiktion und Realität

Zur Problematik einiger Grundkategorien der Bewusstseinsbildung

im zuge meiner beschäftigung mit filmen und filmkritiken bin ich auf das problem des verhältnisses von realität und fiktion gestossen. das thema hat mich sofort in den bann gezogen, aber ich war mir auch durchaus der schwierigkeiten der fragestellung bewusst. natürlich bin ein kein ‚gelernter philosoph‘ und kann daher nur meine ‚laienmeinung‘ zu dem thema zu formulieren versuchen.

die grundfrage lautet aus meiner sicht: können ‚literarische probleme‘ zu ‚wirklichen problemen‘ werden? wir müssen daher die grenze ziehen (wenn es denn eine grenze gibt) zwischen literatur und ‚wirklichkeit‘. hier haben wir bereits eine menge philosophischer probleme vor uns, die nicht so einfach (wenn überhaupt) zu ‚lösen‘ sind. fangen wir mit der einfacheren an: unter literatur soll hier nur die fiktionale literatur gemeint sein. also romane und erzählungen.

schwieriger wirds mit der ‚wirklichkeit‘. ich will jetzt hier keinen exkurs machen über erkenntnistheorie(n) und den (angeblichen) gegensatz von ‚materialismus‘ und ‚idealismus‘.[1] ich will hier nur meinen derzeitigen diskussionsstand zu diesem thema kundtun.

denken und sein sind zwar begrifflich unterschieden, aber faktisch können sie nur als wechselwirkung existieren. wobei das denken auch keineswegs nur auf (gesichertem) wissen basiert, sondern (und vermutlich sogar hauptsächlich) aus Narrationen. Die geschichtswissenschaft müsste also — vielleicht bescheidener und historisch exakter — die wissenschaft von den Geschichten sein.

und da das bewusstsein für den menschen eine handlungsvoraussetzung darstellt (im gegensatz zu tieren, die instinktgesteuert sind) und er gezwungen ist aus einer unzureichenden kenntnislage schlussfolgerungen zu ziehen, ist sein bewusstsein immer eine gemengelage von ‚wissen‘ und hypothese. und diese hypothesen können sowohl einfache experimentelle annahmen sein (schema von versuch und irrtum) als auch umfangreiche religiöse, spirituelle oder kosmologische Mythologien. und bei den Mythologien haben wir bereits mit einem Bein den bereich der literatur betreten. der weg zu den götter- und heldensagen ist dann nicht mehr weit.

nun ist es ohne frage ein fortschritt, dass wir mythen nicht mehr so ohne weiteres glauben. aber die ‚entzauberung der welt‘ durch die aufklärung hat auch zu einem sinnverlust geführt. gehört es nicht zur conditio humana, dass der mensch auch glauben und vertrauen muss? ich glaube, ja.

und ich glaube, dass wir die (fiktionale) literatur umso mehr brauchen, umso komplizierter und unübersichtlicher die welt wird. und viele tiefe, existentielle Probleme des Mensch-seins lassen sich besser auf einer literarischen ebene verhandeln als auf einer (rein) sachlichen.

um also die ‚grundfrage‘ zu beantworten: literarische und ‚wirkliche‘ probleme waren noch nie ‚wirklich‘ getrennt. wir haben sie nur im denken getrennt. während das leben immer nur als Einheitsphänomen funktionieren kann.

alle verlorenen stücke, die die bisherige geschichte hervorgebracht hat, [wieder] zu integrieren, wird wohl ein leben überfordern. aber wenn wir in unserem leben sowohl das wissen als auch das bedürfnis nach (guten) geschichten zulassen können, ergibt vieles einen sinn, wo wir vorher gezweifelt haben.

[1] “ Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Gegensätze verlieren; (man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Losung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe faßte.“ (Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte)

5 Kommentare zu “Fiktion und Realität

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