Uncategorized

„Der Engel der Geschichte“

Bemerkungen zu Tom Nairn, Der moderne Janus, Rotbuch 1978

Pau Klee (1920), Angelus Novus

Pau Klee (1920), Angelus Novus

ich glaube, ich las diesen text ca. im übergang der 80er zu den 90er jahren. schon damals verspürte ich ein defizit, eine art „lücke“ in der marxistischen theorie, die ich aber nicht in worte fassen konnte. und natürlich verstand ich den text damals wahrscheinlich nicht mal ansatzweise. es war ein gefühl der unzulänglichkeit, „nicht-vollständigkeit“, ein unterschwelliges unbehagen in der politischen „praxis“, das aber keiner lösung zugeführt werden konnte. ich behaupte auch heute nicht, eine „lösung“ parat zu haben, aber heute, mehr als 30 jahre später, wird die bedeutung dieses textes viel klarer (man denke nur an die entwicklung in griechenland !) und die konturen einer marxistischen kritik an falscher „marxorthodoxie“ schälen sich allmählich deutlicher heraus. es geht dabei auch nicht (nur) um das problem des „nationalismus“ als isoliertes politisches phänomen; es geht um nichts weniger als den „marxismus“ als „praktikable“ soziale theorie vor seinem niedergang zu retten. denn dieser niedergang (der schon längst seit spätestens den 90er jahren eingetreten ist) ist unvermeidlich, wenn wunschdenken über historische faktizität gestellt wird.

„Er [der Engel der Geschichte] hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen . Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ — Walter Benjamin

Klasse und Nation

Nairn verwendet immer wieder den begriff „ungleiche entwicklung“ in seinen ausführungen, definiert ihn aber nicht näher, obwohl er ihm offensichtlich eine grosse bedeutung beimisst. ich kenne diesen begriff nur aus dem zusammenhang mit Trotzkis theorie der permanenten revolution als „ungleiche und kombinierte entwicklung“. damit ist gemeint, dass unterentwickelte länder durch die einfuhr modernster technologien sozial eine art „sprung“ machen, der dazu führt, dass politische schritte möglich werden, die eigentlich nicht dem [kulturellen] entwicklungsstand des landes entsprechen. auf diese theorie geht Nairn aber mit keinem wort ein. er kritisiert vielmehr — obwohl diese kritik nicht wirklich auf den punkt gebracht wird — dass im „marxismus“ die tendenz existiert, dass das „proletariat“ zwar klassenanalytisch bestimmt werden kann, dass aber faktisch die bindung des „proletariats“ an seine „nation“ (nationale herkunft) immer viel stärker war als sein „klassenbewusstsein“ (das in seiner internationalistischen form ein hohes mass an abstraktheit aufweist). ich kann nicht sagen, ob diese kritik mit den historischen tatsachen übereinstimmt (denn dies ist ein thema, was mir nicht liegt); mir scheint diese kritik aber augenscheinlich völlig berechtigt zu sein und würde zumindest mit ein grund dafür sein, warum die „linke“ bei der herstellung von „hegemonie“ vor solch enormen schwierigkeiten steht.

der kapitalismus ist zwar als wirtschaftsweise durch bestimmte ökonomische strukturbedingungen definiert, er benötigt aber auch ein (funktionierendes) soziales umfeld, dass sich nicht allein auf ökonomische faktoren reduzieren lässt. dieses besteht aus faktoren wie „familie“, geschlechterverhältnisse, sexualität, sprache, bildungsstand, kultur, geschichte, tradition, „nationalität“ [nationale identität]. häufig „dinge“, die bei „linken“ eher ein gruseliges schaudern auslösen, da sie sich nicht mit ihrem intellektualistischen voluntarismus vereinbaren lassen, aber nichtsdestotrotz die lebenswirklichkeit von grossen „Massen“ (auch und gerade der „unterklassen“) ausmachen und prägen.

die these von Nairn ist es (wenn ich ihn richtig interpretiere), dass der versuch, die marxistische „reinheit“ zu retten, indem man eine theoretische (programmatische) intransingenz entwickelt(e) (in anlehnung an die dritte internationale unter Lenin) scheitern musste, weil die entwicklung der „bürgerlichen“ gesellschaft (einschliesslich des bewusstseins der breiten Massen) für eine „sozialistische“ entwicklung noch gar nicht „reif“ war. dies lief darauf hinaus, den politischen „mangel“ an „revolutionären“ entwicklungen (z B verursacht durch den „reformismus“)  allein an subjektiven faktoren wie „wille“ und „organisation“ festzumachen. dabei wird übersehen, dass das proletariat objektiv ausserstande ist, sich „rein“ als „klasse“ (also abstrakt ökonomisch) zu definieren, da auch sein (oder besser: des einzelnen „proletariers“) [zumindest psychisches] überleben davon abhängt, inwieweit es sozial (ökonomisch, kulturell, psychologisch) partizipieren kann. dies kann nicht allein als „verrat“ aufgefasst werden, sondern stellt eine lebensnotwendigkeit dar, der man auch in der „politischen“ theorie (die aber weit über die eng-definierten politischen grenzen hinausgehen muss) gerecht werden muss.

der marxismus [insbesondere in seiner „leninistischen“ form – die aber weniger mit Lenin selbst zu tun hat(te)] zeigte sich also als schlechter erbe der bürgerlichen aufklärung, indem er einen reduktionistisch-rationalistischen voluntarismus vertrat, der die lebenswirklichkeit der „unterklassen“ nicht treffen konnte (und kann).

in grossen zügen würde ich der stossrichtung dieser kritik zustimmen, da es schnittstellen gibt sowohl zur Kritik von Wilhelm Reich am „Fetisch Politik“ als auch zu den kategorien „Wämestrom/Kältestrom“ von Ernst Bloch. aber gerade auf dem gebiet der „nationalen frage“ wird man Lenin mit dieser kritik sicher nicht gerecht. denn gerade Lenin war es, der mit „nationalen gefühlen“ in seiner politik besonders sensibel umging. diese kritik trifft wohl eher seine stalinistischen und pseudoorthodoxen epigonen!

für die heutige „linke“ stellt sich die frage aber noch anders. heute dominieren eher strömungen, die das „nationale“ gänzlich „negieren“ und als „rein reaktionär“ bewerten. freilich verändern sie nicht das geringste an der sozialen wirklichkeit (die „arbeiterklasse“ haben sie eh meist abgeschrieben), sondern ihre „kritik“ isoliert sich selbst im elfenbeinturm ihres sektiererischen voluntarismus. dieser vermag den theoretischen „puristen“ zwar vlt ein gefühl der intellektuellen selbstbefriedigung zu verleihen, aber die politische wirkmächtigkeit tendiert gegen null. und damit ist der zustand der „radikalen linken“ [in deutschland] auch schon im wesentlichen gekennzeichnet.

Zwei Nachbemerkungen

— weiter oben verwendete ich den begriff „Reife“ *) im zusammenhang mit sozialen entwicklungen. als marxist weiss ich natürlich darum, dass es einen zusammenhang gibt zwischen der produktivkraftentwicklung und den möglichkeiten sozialen zusammenlebens. aber dieser zusammenhang ist kein rein „objektiver“, es muss immer auch das entsprechende bewusstsein dazukommen. es gibt keinen automatismus von technischem fortschritt und bewusstseinsevolution, aber es gibt auch keine bewusstseinsevolution ohne fortschritte in techniken, die der arbeitserleichterung dienen. letztlich löst sich alle ökonomie in ökonomie der zeit auf. aber um diese rationell zu regeln, bedarf es definitiv einer anderen wirtschaftsorganisation als der kapitalistischen. dies ist aber nur eine notwendinge vorbedingung. letzlich erfordert eine „sozialistische“ wirtschaft auch den berühmten „neuen menschen“, den zwar noch keiner kennt, von dem wir aber sicher eine ahnung besitzen, wenn wir etwas tiefer in uns blicken und uns der kulturellen deformierungen bewusster werden.

—–

*) Nairn begründet die doktrinäre degeneration des Marxismus damit, dass selbst in der ersten hälfte des 20. jahrhunderts die struktur der weltökonomie nicht weit genug entwickelt war, um den partikularismus der ungleichen entwicklung (sprich: den nationalismus) zu überwinden (S.32) dieser wird von ihm als „janusköpfig“ bezeichnet und er zieht eine interessante analogie zur freudschen psychoanalyse (S. 40): so wie eine neurose beim individuum eine notwendige reaktion auf konflikte ist, die auch bedingt sind durch gesellschaftliche strukturen (und daher nicht — oder nur bedingt — auf einer individuellen ebene lösbar), so stellt der nationalismus eine art soziale psychopathologie dar als notwendig widersprüchliche reaktion auf eine ungleiche gesellschaftsentwicklung, die solange nicht überwunden werden kann, wie die „weltgesellschaft“ (vor allem weltökonomie) nicht weit genug vorgeschritten ist, um gleichmässig und harmonisch entwickelt zu werden. oder um es umgekehrt auszudrücken: solange der „sozialismus“ nur als „utopie“ existiert, können die „kulturexkremente“ (Trotzki) auch mal unangenehm den schlund „aufsteigen“, anstatt ordnungsgemäss abgeführt zu werden.

— um noch kurz auf die entwicklung in griechenland einzugehen (obwohl dieses thema eigentlich einen eigenen artikel verdienen würde): im prinzip sehe ich alles, was schon vor zwei jahren von den „linksoppositionellen“ dazu geschrieben wurde, bestätigt. der wahlsieg von Syriza ändert daran eigentlich nichts. er wird nur die unzulänglichkeit dieser formation noch schneller zu tage fördern und die koalition mit der rechtspopulistischen ANEL deutet schon an, dass die gefahr von rechts (einschliesslich der möglichkeit eines militärputsches) schon in den startlöchern wartet. es wäre aber völlig falsch, rechthaberisch beiseite zu stehen und zu sagen: „seht ihr, wir haben es euch immer schon gesagt“. man muss hingegen konkrete schritte gemeinsam gehen (der grösste lernimpuls ist und bleibt die „erfahrung“) und da, wo sich die wege trennen, muss man das auch deutlich sagen. das ist genau das, was die prinzipien der „einheitsfront“ ausmachen (ein begriff, der in griechenland jedenfalls mehr soziale realität besitzt als in deutschland). allerdings ist es schwierig, von hier aus „taktische“ ratschläge zu geben, daher versuche ich es erst gar nicht. ich bin allerdings skeptisch, wenn es linke in deutschland gibt, die sagen, Syriza müsste mit der KKE eine regierung bilden. es ist leicht, so etwas zu schreiben, aber etwas anderes sind die konkreten sozialen und politischen bedingungen vor ort. und alles, was ich über die KKE gelesen habe, sagt mir, dass es sich um eine klassisch-stalinistische partei handelt, die ein extremes organisationspolitisches sektierertum verfolgt. da dürfte ein „zusammengehen“ von vornherein ausgeschlossen sein. ausserdem wäre selbst eine Syriza/KKE-regierung immer noch eine „bürgerliche“ regierung (der kapitalistischen struktur der griechischen gesellschaft verpflichtet) und mitnichten eine „arbeiterregierung“, wie sich das einige trotzko-zentristen zusammenträumen!

um den bogen zum aufsatz von Tom Nairn zu schlagen und damit zum

Schluss

zu kommen. – die dominanz reformistischen bewusstseins auch in den griechischen Massen (und auch der „Nationalismus“ sowohl in rechter als auch „linker“ coleur dürfte nicht unerheblich sein) ist eine gesellschaftliche realität, die durch nichts hinweggeredet werden kann. es wäre die aufgabe der „radikalen linken“ durch kluge taktiken, die fortschrittlichen schritte zu unterstützen und gemeinsame erfahrungen mit den sozialen bewegungen zu machen. und alle schritte unbarmherzig zu kritisieren, die die selbstorganisation von „unten“ einschränkt. dabei reicht es nicht aus, sich selbst als (partei)politische alternative darzustellen (wie das scheinbar Antarsya) macht, sondern es müssen chancen und (frei)räume für lernprozesse breiterer bevölkerungsteile geöffnet werden, die es vollkommen sinnfällig machen, dass Syriza die krise nicht an der wurzel packt – nicht packen kann!

sondern nur wenn die betroffenen (die arbeiter, die jugend, die renter, aber auch teile des mittelstandes usw.) ihre interessen selbst in die eigenen hände legen und vertreten kann der „engel der geschichte“ wieder sein antlitz lächelnd der zukunft entgegen wenden. diese kann freilich nur eine „trans-kapitalistische“ sein.

Advertisements

3 Kommentare zu “„Der Engel der Geschichte“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s